George Nolfi am Set von "Der Plan"
Universal Pictures
George Nolfi am Set von "Der Plan"
Schicksal oder freier Wille?
Interview: Philosophisch: George Nolfi
Können wir über unser Schicksal selbst bestimmen? Dieser Frage geht George Nolfi in seinem Regiedebüt "Der Plan" nach. In der mysteriösen Philip K. Dick-Verfilmung konfrontiert er Matt Damon mit einer zwielichtigen Organisation, die unbemerkt die Geschicke der Menschheit lenkt. Mit Filmreporter.de spricht Nolfi über grundlegende Dinge wie den freien Willen und das Schicksal. Neben philosophischen Fragen erörtert er zudem die politische Situation der USA und verrät, warum aus Damons Charakter ein Demokrat wurde.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  10. März 2011
Der Plan
Universal Pictures (UPI)
Der Plan
Ricore: Sie haben Philosophie in Oxford studiert, nun sind Sie Filmemacher. Wie kam es dazu?

George Nolfi: In meiner Kindheit habe ich nicht sehr viele Filme gesehen. Das habe ich gegen Ende meines Studiums nachgeholt. In dieser Zeit habe ich mir viele Gedanken gemacht und Ideen entwickelt. Besonders hat mich interessiert, wie diese Ideen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und wie sie sich auf die politische und soziale Einstellung auswirken. Ich wollte etwas machen, mit dem ich die weltweite Bevölkerung erreichen konnte. Die Erklärung ist nicht sehr tiefgreifend, aber so war das eben bei mir. Dann habe ich angefangen, Drehbücher zu schreiben und Gefallen daran zu finden. Ich bin nach Los Angeles gezogen, konnte eines verkaufen, und jetzt bin ich hier.

Ricore: Was hat Sie dazu veranlasst, die Kurzgeschichte von Philip K. Dick zu verfilmen?

Nolfi: Ich habe von einem Koproduzenten den Drehbuchentwurf erhalten. Er sagte mir, es sei die Geschichte eines Mannes, der gegen das Schicksal ankämpft. Diese Das Thema gab es schon in der griechischen Antike und bei Shakespeare. Die Menschheit befasst sich damit, seit es die geschriebene Sprache gibt. Das Schicksal ist in diesem Fall eine Gruppe von Menschen, die überall um ihn herum sind, von deren Existenz er aber nicht weiß. Ich hielt das für eine sehr originelle Ausgangssituation für einen Film. Es geht um Bereiche, die mich in philosophischer Hinsicht interessieren. Dann haben wir darüber nachgedacht, daraus eine Liebesgeschichte zu machen. Der Film lässt sich nicht auf ein Genre festlegen, es ist nicht nur Science-Fiction. Mein Interesse wurde immer größer und ich bin einfach den Ideen gefolgt, die sich in meinem Kopf entwickelt haben.

Ricore: Hatten Sie Matt Damon und Emily Blunt beim Schreiben des Drehbuchs bereits im Hinterkopf?

Nolfi: Bei Matt war es definitiv so. Ich habe ihn bei den Dreharbeiten zu "Ocean's Twelve" kennengelernt. Zu der Zeit hatte ich das Drehbuch zwar noch nicht geschrieben, aber ich habe gespürt, dass er der Richtige für die Rolle war. Die fantastische Geschichte sollte ein realistisches Fundament haben, das er wunderbar verkörpert. Für Emily haben wir uns erst nach einer langen Suche entschieden. Zuerst hielten wir nach professionellen Tänzerinnen Ausschau, dann nach Schauspielerinnen, die tanzen können. Bei den Probeaufnahmen hat sie uns vom Hocker gerissen.
George Nolfi und Matt Damon am Set von "Der Plan"
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George Nolfi und Matt Damon am Set von "Der Plan"
Ricore: Der Film wirft interessante Fragen über den freien Willen und die Entscheidungsfreiheit des Menschen auf. Was glauben Sie, inwieweit wir unser Leben selbst bestimmen können?

Nolfi: Ich finde, dass Selbstbestimmung möglich ist, wenn wir uns aktiv mit diesem Thema auseinandersetzen und unsere Wahl treffen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Aber der demographische Hintergrund spielt immer eine Rolle. Geburtsort, Familie, Geld, Schule und die Leute um einen herum beeinflussen in hohem Maße die eigenen Interessen und Entscheidungen im Leben eines Menschen. Deshalb ist es sehr einfach, sich wie bei einer Bootsfahrt einfach den Fluss entlang treiben zu lassen. Einer der interessanten Aspekte des Films ist, dass man ihn als Metapher dafür verstehen kann, in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden. Wir sollten aufwachen und begreifen, dass uns verschiedene Wahlmöglichkeiten offen stehen. Das ist aber nur eine Variante, wie man den Film verstehen kann. Es gibt sicherlich noch andere.

Ricore: Glauben Sie an das Schicksal?

Nolfi: Ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt, die für uns einen bestimmten Weg vorgesehen hat. Ob diese Macht nun übernatürlicher, sozialer oder psychologischer Natur ist, zählt letztlich nicht. Es gibt viele Dinge, die den Menschen in eine bestimmte Richtung lenken. Er muss aktiv entscheiden, ob er diese Richtung beibehalten möchte.

Ricore: Wie stehen Sie zu Religion? Der Film macht Andeutungen, thematisiert den Aspekt aber nicht explizit.

Nolfi: Das stimmt. Ich wollte keinen Film machen, der ausschließlich religiös ist. In einer Geschichte über das Schicksal hielt ich das für unangebracht. Als Autor habe ich mich gefragt, wie ich die Figuren zusammenbringen kann. Für wen arbeiten sie? Ist es Schicksal? Entweder ist es eine Metapher, eine Einbildung oder eine höhere Macht. Es liegt aber bei jedem einzelnen Zuschauer, den Film nach seinen eigenen Vorstellungen auf individuelle Weise zu interpretieren. In erster Linie hoffe ich, dass sie gut unterhalten werden und am Ende sagen können, dass dieser Film Fragen aufgeworfen hat, die in einem Hollywoodstreifen normalerweise nicht angesprochen werden.
George Nolfi am Set von "Der Plan"
Universal Pictures
George Nolfi am Set von "Der Plan"
Ricore: Denken Sie, dass man eine Antwort auf all die Fragen finden kann, die man sich im Laufe des Lebens stellt?

Nolfi: Ich glaube nicht, dass sich darauf eine allumfassende Antwort finden lässt. Man kann höchstens das Wechselspiel begreifen, welches das Zusammenleben regelt. Es ist nicht so, dass das Schicksal alles regeln würde, zumindest nicht für mich. Ich bin aber auch nicht so vermessen zu glauben, dass ich selbst alles kontrolliere. Wenn sich heutzutage beispielsweise jemand aus Libyen den Film anschaut, könnte er in den Kräften, die alles kontrollieren, die Regierung hineininterpretieren. Es ist toll, dass man das auf verschiedene Weise interpretieren kann. Man kann es auch religiös sehen oder sich auf die Science-Fiction-Aspekte konzentrieren.

Ricore: Inwiefern ist es Ihnen als Künstler wichtig, was die Zuschauer von Ihrem Film denken?

Nolfi: Es ist wichtig für mich, dass darüber in irgendeiner Weise diskutiert wird. Es geht dabei auch um den Aspekt der Unterhaltung. Je mehr Leute sich vom Film unterhalten fühlen, desto besser. Das erlaubt mir, auch andere, ungewöhnlichere Filme zu machen. Ich denke, dass sich "Der Plan" nicht wie ein herkömmlicher Studio-Film anfühlt und hoffe, dass genug Leute ihn zu schätzen wissen, damit ich weiterhin Filme drehen kann, die anders sind. Was den Inhalt angeht, will ich, dass die Leute über die Themen nachdenken.

Ricore: Im Gegensatz zu den meisten anderen Philip K. Dick-Verfilmungen ist Ihr Film weniger düster und humoriger. War das so beabsichtigt?

Nolfi: Ja, absolut. Hätte sich der Film mit Themen wie Schicksal und dem freien Willen auf vollkommen humorlose Weise beschäftigt, hätten das die Leute nicht so gut aufgenommen. Die Zuschauer sollen darüber reden, was ihr Platz im Universum ist. Es geht nicht darum, ihnen vorzuschreiben, was sie denken sollen. Ich fand es origineller, einen humorvollen Science-Fiction zu drehen. Der Film hat eine Science-Fiction-Prämisse, doch er fühlt sich nicht unbedingt wie ein Film aus dem Genre oder eine Philip K. Dick-Geschichte an. Als Künstler bin ich daran interessiert, die Regeln auf bestimmte Art zu biegen und zu brechen.
George Nolfi am Set von "Der Plan"
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George Nolfi am Set von "Der Plan"
Ricore: Es gibt bereits zahlreiche Verfilmungen von Philip K. Dick-Büchern. Was macht seine Geschichten so interessant für Filmemacher?

Nolfi: Seine Geschichten haben großartige Prämissen. Im Kern beinhalten sie radikale Ideen, durch die sich die eigene Sichtweise auf die Gesellschaft und andere Dinge, die man als selbstverständlich erachtet, verändert.

Ricore: Matt Damon spielt einen idealistischen Politiker der Demokraten. Wollten Sie mit der Figur eine Art Zeichen gegen die politische Rechte in den USA setzen?

Nolfi: Nicht wirklich. Ich hätte sehr viel expliziter auf Republikaner und Demokraten eingehen können oder gar nicht darauf eingehen können. Ich war der Ansicht, dass ich die Geschichte nicht auf realistische Weise erzählen konnte, ohne mich auf Menschen aus dem wahren Leben zu beziehen. Daher sind am Anfang des Films auch echte Politiker zu sehen. Um das Ganze realistischer wirken zu lassen, musste die Figur von Matt Damon einer Partei angehören.

Ricore: Warum haben Sie sich für die demokratische Partei entschieden?

Nolfi: Ich wollte, dass er aus Brooklyn kommt und Senator von New York werden will und in diesem politischen Kontext sollte er Demokrat sein. Die Geschichte hätte aber auch an einem anderen Ort mit einem Republikaner spielen können und ich wäre damit genauso zufrieden gewesen. Ich persönlich finde die politische Polarisierung, die in den USA in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat, nicht gut für das Land. Obwohl der Protagonist Demokrat ist, spricht er mit allem was er sagt und tut beide Seiten gleichermaßen an. Ich kenne viele Republikaner, die den Film geschaut haben und nicht mal darüber nachdachten, dass er Demokrat ist.

Ricore: Für wie gefährlich halten Sie radikale Strömungen, wie die Tea-Party-Bewegung?

Nolfi: Als Amerikaner kann ich nicht beurteilen, wie gefährlich es aus der Perspektive des Auslandes ist. Ich denke, dass es nicht gut für Amerika ist. Es macht uns schwächer. Wir sind dadurch weniger in der Lage, unseren eigenen Idealen gerecht zu werden, weil wir große Probleme nicht lösen können. Es gibt die Schuldenproblematik in vielen Ländern wie Griechenland, Irland, Großbritannien und auch in den USA. Um diese Probleme zu lösen, muss man über Sozialausgaben und Steuern reden und die Parteien müssen zusammenarbeiten. Man kann auch Probleme wie die globale Erwärmung nicht ewig aufschieben.
Matt Damon und Emily Blunt in "Der Plan"
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Matt Damon und Emily Blunt in "Der Plan"
Ricore: In der Buchvorlage ist der Protagonist kein Politiker, sondern ein Versicherungsvertreter. Haben Sie das geändert, um den Ereignissen in seinem Leben mehr Gewicht zu verleihen?

Nolfi: Das war ein Teil davon. Vor allem habe ich das gemacht, um erklären zu können, warum sich die Organisation so sehr für ihn interessiert. Es gibt keine bereits etablierte Mythologie, wie bei einem Vampirfilm, so dass ich das Ganze erst mal erklären musste. Noch wichtiger ist, dass er in der Kurzgeschichte ein zweidimensionaler Jedermann war. Um einen Film über ihn zu machen, musste er sich als Charakter entwickeln. An einem frühen Punkt in seinem Leben hat er Menschen verloren, die er liebt. Indem ich ihn zum Politiker machte, wurde das zum Teil seiner Charakterentwicklung, da er den Beruf aus den falschen Gründen ergriffen hat.

Ricore: Inwiefern?

Nolfi: Er wählte die Politik als eine Art Ersatz für die Liebe, die ihm genommen wurde und die er ihn den zehntausenden Menschen, die ihm zujubeln wiederfindet. Im Verlauf des Films wird er von Emilys Charakter dazu ermutigt, die Wahrheit in sich selbst zu finden und sich als Mensch weiterzuentwickeln.

Ricore: Was können Sie uns über Ihr nächstes Filmprojekt erzählen?

Nolfi: Ich weiß noch nicht, was als nächstes kommt. Momentan schreibe ich ein paar Sachen. Mal sehen, was sich sonst noch ergibt.

Ricore: Fühlten Sie sich wohl dabei, zum ersten Mal als Regisseur die Verantwortung für einen Film zu tragen?

Nolfi: Ja, vor allem, weil ich auch das Drehbuch geschrieben habe. Daher war es mir lieber, selbst die Verantwortung zu tragen. Ich mag den Prozess. Es nimmt viele Stunden in Anspruch und man schläft nicht viel, aber es machte mir mehr Spaß, als alles andere, was ich zuvor gemacht habe.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  10. März 2011
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