Zephir Film GmbH
Gisela Schneeberger in "100 Pro"
"Familie wird immer wichtiger"
Interview: Heimatverbundene Gisela Schneeberger
Die bayerische Mundart ist das Markenzeichen von Gisela Schneeberger. An der Seite von Gerhard Polt wird die Schauspielerin und Kabarettistin dem Fernseh- und Kinopublikum bekannt. Vergleiche mit dem ebenfalls aus Bayern stammenden Komiker-Duo Karl Valentin und Liesl Karlstadt machen die Runde. In der Fernsehproduktion "Adel Dich" begibt sich die 62-Jährige nun in die Welt des bayerischen Landadels. Mit Filmreporter.de spricht sie über den Stellenwert von Familie und ihre Vorliebe für schlagfertige Gespräche.
erschienen am 19. April 2011
BR Erika Hauri
Gisela Schneeberger in "Adel Dich"
Ricore: "Adel Dich" spielt im Milieu des Adels. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Gisela Schneeberger: Ich habe mich nicht speziell vorbereitet, weil ich niemanden aus dem Adel kenne. Man kann auch nicht einfach zu einer Adelsfamilie gehen und fragen, ob man sie mal eine Woche beobachten kann. Höchstens in Talkshows sieht man manchmal Leute aus diesem Milieu, z.B. diese Gräfin, die immer in Talkshows zu sehen ist und ständig sagt, wie arm sie sei, weil sie ihr Schloss nicht halten könne. Solche Frauen faszinieren mich irgendwie. Auch in der Öffentlichkeit kann man manchmal Eindrücke sammeln, die sich zu einem Bild zusammensetzen.

Ricore: Was hat Ihnen am Drehbuch besonders gefallen?

Schneeberger: Mir hat das gesamte Drehbuch gefallen. Ich kenne Gerlinde Wolf ja schon länger. Sie hatte bereits "Leo" für Elmar und mich geschrieben. Sie schreibt sehr skurril und unvorhersehbar. In "Adel Dich" sind zum Beispiel diese hochneurotischen Töchter, die alle eine Meise haben. Auch die Figur von Elmar, die sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit macht, finde ich sehr witzig. Das Drehbuch ist sehr bizarr. Mir gefällt es immer, wenn eine Geschichte nicht so seicht und konventionell ist.

Ricore: Wie viel von Ihnen steckt in der Rolle der Gräfin Walli?

Schneeberger: Ich bin zwar auch ein energischer Mensch, aber nicht so dominant wie Walli. Aber ich würde mich als Person bezeichnen, welche die Dinge in die Hand nimmt. Wenn ich eine Familie wie sie hätte, würde ich auch Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um die Situation zu ändern, z.B. die eine Tochter in Therapie schicken. Ich würde nicht die Opferrolle spielen und alles hinnehmen.

Ricore: Es ist ja auch so, dass der Graf ständig Seitensprünge begeht...

Schneeberger: Ja, auf eine sehr skurrile Art. Walli weiß das, aber die beiden sprechen nicht darüber. Allein wenn Friedrich von Thun in der Ritterrüstung durch die Tür geschneit kommt, spürt man, was für ein dominanter, herrischer Mensch er ist. Bei einem solchen Mann gibt es als Ehefrau wahrscheinlich nur zwei Möglichkeiten: entweder du kämpfst dagegen, oder du ergibst dich deinem Schicksal. Friedrich ist ganz grandios in der Rolle.
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Gisela Schneeberger in "Germanikus"
Ricore: Wie würden Sie mit einem solchen Mann umgehen?

Schneeberger: Ich würde mir das nicht gefallen lassen. So einen würde ich wahrscheinlich gar nicht erst heiraten. Ich stamme aus dieser Generation, die gegen ihre Eltern aufbegehrt hat. Dazu gehören Sie ja nicht mehr. Ihr habt ja uns als tolle und verständnisvolle Eltern. (lacht) Mein Sohn ist 30, ich weiß, wie das ist. Aber wir haben uns damals wirklich gegen unsere Eltern gewehrt. Das hat mich, glaube ich, sehr geprägt.

Ricore: Sind Sie ein harmoniebedürftiger Mensch, in einer Ehe und generell?

Schneeberger: Na ja, ich bin heute schon sehr harmoniebedürftig, aber über die Ehe möchte ich jetzt nicht reden. Generell bin ich einerseits harmoniebedürftig, z.B. ist es beim Drehen ganz wichtig, dass die Stimmung gut ist. Im Grunde bin ich aber ein streitlustiger Mensch - wohlgemerkt streitlustig, nicht streitsüchtig. Ich debattiere gerne und versuche den Anderen verbal zu überzeugen, wenn er eine andere Meinung hat. Wenn dieser mich überzeugt, finde ich es genauso interessant. Ich finde nichts langweiliger, als wenn der Andere keine Meinung hat. Ich mag es sehr gerne, ein Thema in einer runden mit verschiedenen Meinungen auszudebattieren. Aber es gibt auch viele Leute, die mögen das gar nicht. Die erschrecke ich dann vielleicht.

Ricore: Wendel setzt sich erst im Ruhestand mit seiner Vergangenheit auseinander. Hätte er die Identitätssuche nicht auch zu einem früheren Zeitpunkt beginnen können?

Schneeberger: Früher war er dazu durch seine Arbeit und seine Ehe zu beschäftigt. Es ist ja oft so, dass man erst mit 50, 60 Jahren anfängt, Klassentreffen zu organisieren, weil man plötzlich auf das Leben zurückblickt. Man möchte wissen, wie es früher war und wie es den ehemaligen Schulkameraden geht. Diese Sehnsucht ist, glaube ich, bei sehr vielen da. Das ist ganz normal und nachvollziehbar. Man hat mehr Zeit und möchte sich austauschen.

Ricore: Haben Sie sich ähnliche Gedanken über Ihre Vergangenheit gemacht?

Schneeberger: Ich weiß ja über meine Herkunft Bescheid, aber meine Mutter war z.B. ein Findelkind. Sie war 12 oder 13 Jahre alt und hat ein entsprechendes Dokument im Schreibtisch ihres Vaters gefunden, als sie allein daheim war. Deshalb hat mich dieses Thema eigentlich schon immer interessiert. Meine Mutter war ein sehr lieber und harmoniebedürftiger Mensch und eher passiv als aktiv. Ich werfe mir heute noch vor, dass meine beiden Geschwister und ich nie eruiert haben, was aus ihrer Mutter geworden ist. Wahrscheinlich waren wir damals noch zu jung. Irgendwann ist ihre Mutter aufgetaucht und wollte sie wieder haben. Sie hatte das Kind wirklich vor einem Haus abgelegt, damit es gefunden wird. Sie ist dann adoptiert worden. Erst als ich selbst älter war und die Mutter meiner Mutter nicht mehr gelebt hat, habe ich es bereut, sie nie kontaktiert zu haben. Gut, damals gab es auch noch kein Internet. Heute wäre das sicher viel leichter. Für sie wäre es sicherlich auch eine Beruhigung gewesen, wenn sie erfahren hätte, dass es ihrem Kind gut geht.
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Gisela Schneeberger in "Germanikus"
Ricore: Welchen Stellenwert hat die Familie in Ihrem Leben?

Schneeberger: Je älter ich werde, umso größer ist ihr Stellenwert. Das ist auch sehr interessant. In jungen Jahren sind Freunde immer wichtiger als die Familie. Aber heute bin ich zum Beispiel froh, dass es meinen Sohn gibt, dass er eine tolle Freundin hat, die ich mag, dass ich nette Nichten und Schwestern habe und einen Schwager, von dem ich weiß, dass er immer wieder mal aushilft. Ich finde, Familie wird immer wichtiger im Alter. Das geht aber nicht nur mir so - das ist einfach so. Der Rahmen, in dem man sich bewegt, wird kleiner. Da bleibt oft nur die Familie übrig. Meine Familienmitglieder sind fast alle in München, was ich auch sehr angenehm finde.

Ricore: Ist Ihnen die örtliche Nähe zu ihrer Heimat München bei Dreharbeiten wichtig?

Schneeberger: Ich finde es immer schön, wenn ich abends in meine Wohnung gehen kann. Andererseits muss ich auch sagen, dass es mir manchmal ganz gut tut, wenn ich durch die Dreharbeiten rauskomme, weil ich selbst eigentlich niemand bin, der die ganze Welt kennenlernen will. Ich bin eher eine Hausschnecke. Ich habe im Herbst einen Kinofilm im Bayerischen Wald gedreht und habe dort gezwungenermaßen fünf bis sechs Wochen verbracht. Das hat mir sehr gut getan, weil ich die Gegend kennenlernen konnte und dabei so viel Tolles entdeckt habe. Ich habe nette Kollegen kennengelernt, mit denen ich heute noch Kontakt habe. Es tut meiner Faulheit manchmal ganz gut, wenn ich einen kleinen Anstoß erhalte. Ich habe auch mal in Barcelona, Sevilla oder Rom gedreht, wo ich sonst nie hingekommen wäre. Es ist wirklich ein Privileg, sechs Wochen in Rom sein zu dürfen.

Ricore: Aber aus eigenem Ansporn reisen Sie nicht so gerne?

Schneeberger: Nein, ich bin einfach gerne zuhause - in meinem Garten, in meiner Wohnung in München. Das war auch schon bei Helmut Fischer und Karl Valentin so. Ich weiß nicht, ob das etwas typisch Bayerisches ist. Aber Valentin ist ja schon krank geworden, wenn er nur zu Dreharbeiten nach Berlin musste. So extrem bin ich nicht, aber ich kann das sehr gut nachvollziehen. Meine beiden Schwestern sind zum Beispiel sehr reiselustig, also kann man nicht sagen, dass es aus der Familie kommt.

Ricore: Also sind Sie auch sehr heimatverbunden?

Schneeberger: Ja, schon. Darum leide ich auch darunter, wie die CSU unser Land zubetoniert.
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Gisela Schneeberger in "Germanikus"
Ricore: Wie war es für Sie, in früheren Jahren längere Zeit in Berlin zu leben?

Schneeberger: Ich war dort drei Jahre als Anfängerin am Theater. Ich musste sozusagen dorthin, weil ich nach der Schauspielschule engagiert wurde. Im Nachhinein war es eine ganz tolle Erfahrung. Mir hat es in Berlin gut gefallen. Das war ja noch lange, bevor die Mauer gefallen ist. Ich drehe auch heute sehr gerne in Berlin. Es ist eine aufregende Stadt, aber auch nur für ein paar Wochen. Leben möchte ich dort nicht mehr.

Ricore: Sie drehen in letzter Zeit hauptsächlich für das Fernsehen. Hat das einen besonderen Grund, dass Sie sich darauf spezialisiert haben?

Schneeberger: Da spezialisiert man sich ja nicht bewusst darauf, sondern man bekommt Angebote. Aber wie schon gesagt, habe ich jetzt einen sehr lustigen Kinofilm im Bayerischen Wald gedreht, der im Herbst herauskommt. Es gibt Kollegen, die können es sich leisten, nur Kinofilme zu machen. Aber ich finde, dass Fernsehen genauso seine Berechtigung hat, wenn es ein guter Stoff ist. Ich bemühe mich, nicht allzu seichte Geschichten zu machen. Gott sei Dank kann ich mir das aussuchen. Natürlich ist ein Kinofilm insofern immer etwas Besonderes, als du nicht an Vorgaben gebunden bist. Ich glaube, deshalb machen viele Regisseure lieber Kinofilme. Sie haben zwar auch einen Produzenten im Nacken, aber im Allgemeinen sind sie viel freier. Beim Fernsehen ist es wiederum der Redakteur, der mitreden will. Es sind letztlich immer die Geldgeber, die sich einmischen wollen. Aber trotzdem hat man beim Kino noch etwas mehr Freiraum, denke ich. Ich habe überhaupt nichts gegen Kinofilme, aber es ergibt sich einfach immer durch das Angebot.

Ricore: Zieht es Sie wieder auf die Theaterbühne?

Schneeberger: Ich würde schon gerne wieder Theater spielen, aber nur mit Menschen, die ich sehr gut kenne. Sich als Gast einem eingespielten Ensemble anzuschließen, kommt für mich nicht in Frage. Da würde ich mir ganz fremd vorkommen und mich nicht wohlfühlen.

Ricore: Ist es denn beim Film nicht ähnlich?

Schneeberger: Das Schöne beim Film ist: Wenn man eine größere Rolle hat und von Anfang an dabei ist, sind sich zunächst alle fremd und man lernt sich mit der Zeit besser kennen. Wenn man allerdings eine kleine Rolle hat und erst nach drei Wochen dazukommt, kennen sich alle schon. Dann musst du unheimlich viel Kraft aufwenden, um dich in die Gruppe einzufinden. Du hast Glück, wenn du einen Regisseur hast, der dich dann sofort einbezieht. Elmar und ich haben uns sozusagen als 'Hausherren' bemüht, Darsteller mit kleineren Rollen aufzunehmen und ihnen den Einstieg zu erleichtern. Das ist nicht nur für sie schön und wichtig, sondern für unser gesamtes Zusammenspiel.
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Gisela Schneeberger in "Germanikus"
Ricore: Welchen Stellenwert messen Sie Preisen und Kritiken zu?

Schneeberger: Über Preise freue ich mich immer. Kritiken finde ich schon sehr wichtig. Ich lese sie und kann mich auch darüber ärgern, wenn sie schlecht sind. Das gebe ich offen zu. In einer Woche ist das wieder vergessen. Es ist eine öffentliche Resonanz, für die wir letzten Endes arbeiten. Es gibt Kollegen, die sagen, dass sie sich nie Zeitungen kaufen, in denen Kritiken drin stehen. Vielleicht stimmt das ja, aber ich gehöre nicht dazu.

Ricore: Ist es Ihnen wichtig, wie Sie auf das Publikum bzw. Ihre Mitmenschen wirken?

Schneeberger: Ich glaube, wir alle haben letztendlich diesen Beruf ergriffen, weil uns wichtig ist, wie wir bei den Menschen ankommen. Da ist immer eine Grundeitelkeit - oder wie auch immer man das nennen will, eine Sucht nach Anerkennung - dabei.

Ricore: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass die Leute aufgrund Ihrer Kabaretterfahrung von Ihnen erwarten, witzig zu sein?

Schneeberger: Ja, das glaube ich schon. Das bilde ich mir zumindest ein. Ich werde immer schlagfertiger und witziger. Dabei meine ich 'witzig' nicht in dem Sinne, dass ich Witze gut erzählen kann oder immer Bonmots parat habe. Man kann Schlagfertigkeit auch üben. Wenn du jemanden hast, der so ist wie du, dann kann man das wie ein Messer wetzen. Das macht mir sehr viel Spaß.

Ricore: Durch Übung zum Meister der Schlagfertigkeit?

Schneeberger: Ja, genau. Auch mit Kollegen lässt sich das sehr gut machen. Wenn man weiß, dass man bald wieder jemanden trifft, mit dem man sich immer witzig unterhalten konnte, dann freut man sich richtig darauf. Es gibt Kollegen und Kolleginnen, die das wirklich toll machen. An unserem Beruf gefällt mir auch, dass wir nicht nur in einem Seniorenkreis spielen, sondern auch mit Jüngeren zusammenkommen und uns unterhalten. Das interessiert mich immer sehr. Zum Beispiel habe ich mit dem kleinen Niko, der meinen Enkel Fedo spielt, heute noch Kontakt. Ich war neulich erst mit ihm im Kasperletheater.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 19. April 2011
Zum Thema
Gisela Schneeberger wird am 3. Oktober 1948 im oberbayerischen Dollnstein geboren. Vor der Einschulung zieht sie mit ihren Eltern nach München, wo die Schauspielerin und Kabarettistin bis heute lebt. Bekannt wird sie an der Seite von Gerhard Polt, mit dem sie in der Fernsehsendung "Fast wia im richtigen Leben" (1978) sowie in mehreren Kinofilmen ("Man spricht deutsh") zu sehen ist. Ihren Rollen sind oft durch die bayerische Mundart geprägt, was schnell zu ihrem Markenzeichen wird. 1993 trennt..
Adel Dich (Kinofilm)
Wurde Wendel (Elmar Wepper) bei seiner Geburt vertauscht? Regisseur Tim Trageser erzählt in "Adel Dich" von der späten Suche eines pensionierten Reporters nach seiner wahren Identität. Dabei verschlägt es den Protagonisten in die Welt des bayerischen Landadels und die Arme der unglücklichen Gräfin Walli von Felsen-Hepp (Gisela Schneeberger). Die Idee zu der Geschichte zog Drehbuchautorin Gerlinde Wolf aus einer Erinnerung ihrer Jugend.
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