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Interview

Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ralf Hake/Ricore Text

Kein Schwein spricht Latein!

Rick Kavanians Schuhlöffel
Als sich Pennäler Rick Kavanian entscheiden soll, Latein oder Französisch als Fremdsprache zu wählen, rät ihm sein Vater zu ersterem. Er will vermeiden, dass der kleine Rick seine Geheimsprache versteht. Viel hat es nicht genützt, heute ist der Schauspieler auch des Französischen mächtig. Nebenher spricht er noch rumänisch, armenisch und zahlreiche deutsche Dialekte und Akzente. Für die französische Gangsterkömödie "Le MAC - Doppelt knallt's besser" leiht der Komiker einem Ganoven seine Stimme. Was Kavanians dunkle Seite ist, beichtet er Filmreporter.de im Interview.
Von  Lena Pauli/Filmreporter.de,  20. April 2011
Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ralf Hake/Ricore Text
Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ricore: Sie machen Kabarett, Comedy und Schauspiel. Wie lautet die Berufsbezeichnung von Rick Kavanian?

Rick Kavanian: Schauspieler. Aber ich bin bestimmt auch Komiker und dann ja auch noch Kavanian. Es gibt ja auch Schauspieler, die lustig sind.

Ricore: Muss man für Ihren Beruf ein lustiger Typ sein?

Kavanian: Das hilft auf jeden Fall. Ich mag Humor, ich lache als Privatperson wahnsinnig gerne - über Kollegen, über die Familie, über Tiere, über Kinder. Lachen tut mir gut. Und ich freue mich, wenn ich mit meiner Arbeit andere Menschen zum Lachen bringen kann, weil ich das Gefühl habe, dass es denen gut tut. Ich wollte immer Kinderarzt werden, vielleicht steckt deshalb dieser altruistische Gedanke in mir. Der setzt sich in meinem Beruf fort. Ich will anderen Menschen Freude machen.

Ricore: Ist das Lustig sein manchmal trotzdem eine anstrengende Arbeit?

Kavanian: Anstrengend? Mei, ich denke, es ist wie jeder Job. Wenn man das Gefühl hat, man dreht sich im Kreis, dann ist alles anstrengend. Wenn es rund läuft und man weiterkommt, geht es einem leicht von der Hand. Bei den Bühnenprogrammen merke ich schon, dass ich nicht jeden Abend dieselbe Energie habe. Aber da ist man trotzdem angehalten, das Beste zu geben - die Leute haben schließlich Eintritt bezahlt. Man möchte ihnen schon die bestmögliche Vorstellung abliefern. Mit den Jahren bekommt man Routine. Routine im positiven Sinne, im Sinne von Erfahrung. Aber es ist sicher von Vorteil, wenn man auch privat ein lustiger und umgänglicher Mensch ist.

Ricore: Haben Sie nach dem vielen komödiantischen Aspekten in ihrem Beruf auch mal Sehnsucht nach ernsteren, tragischeren Rollen?

Kavanian: Nein. Ich habe große Freude daran, Leute zum Lachen zu bringen und sitze nicht zu Hause und warte darauf, dass man mein dramatisches Talent erkennt. Wenn es sich ergibt, gerne. Aber es ist nichts, das mir fehlt.


Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ralf Hake/Ricore Text
Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ricore: Was hat sie gereizt, ein Bühnenprogramm zu machen?

Kavanian: Zum einen fand ich es toll, etwas ganz anderes zu machen, als Film und Fernsehen. Und zum anderen hat es mich gereizt, das alleine zu machen. Ganz alleine verantwortlich zu sein, für das, was man da macht. Es ist eine besondere Erfahrung, keine Masken und Kostüme zu haben, hinter denen man sich verstecken kann. Insofern war das ein Stück weit auch die Entblätterung meiner eigenen Persönlichkeit. Anfangs habe ich mir sehr hinter den Figuren versteckt, die ich dargestellt habe.

Ricore: Wie ist das heute?

Kavanian: Nach knapp 300 Vorstellungen ist da schon ziemlich viel Rick auf der Bühne. Das ist für mich eine interessante Entwicklung, die ich mir immer gewünscht habe. Das soll jetzt nicht zu psychotisch klingen. Aber im Fernsehen war ich maskiert, verstellt. Auf der Bühne bin ich so, wie mit ihnen hier im Gespräch: einfach unmittelbarer.

Ricore: Sie touren mit Ihrem aktuellen Programm "Ipanema" durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Stellen Sie nationale Unterscheide beim Humor Ihres Publikums fest?

Kavanian: Schon. Ich kann jetzt kein konkretes Beispiel nennen. Aber allein schon wenn ich in Deutschland unterwegs bin, fühlt sich das Publikum beim Thema Klinsmann in Baden-Württemberg direkter angesprochen, als in Berlin. Dafür ist man dort beim Thema Wowereit schneller dabei, als in Bayern. Ich versuche schon so ein bisschen, die Region zu berücksichtigen.


Rick Kavanian auf Werbetour für Madagascar
Paramount Pictures
Rick Kavanian auf Werbetour für Madagascar
Ricore: Gibt es unabhängig vom Inhalt eine Form von Humor, die universell ist?

Kavanian: Was Menschen wahnsinnige Freude bereitet - mir nicht so sehr - ist Schadenfreude. Das ist so ein ureigenes Ding. Ich bin aber kein Freund dieser Heimvideos, wo sich die Menschen nach der 'lustigen' Begebenheit und dem Schnitt dann wahrscheinlich ziemlich schmerzhaft verletzt haben. Das ist nicht so mein Ding. Auf der anderen Seite bin ich ein Riesenfan davon, wenn jemand -natürlich inszeniert - geschickt gegen eine Laterne läuft oder auf einer Bananenschale ausrutscht. Das liebe ich, finde ich großartig, große Kunst! Ich glaube, dass uns alle immer wieder dieselben universellen Themen beschäftigen: Liebesbeziehungen, Arbeit, Familie, Kinder und Politik.

Ricore: Welche Darstellungsformen mögen Sie gerne?

Kavanian: Ich mag Slapstick und auch mal einen guten Sprachwitz. Und ich liebe feinsinnigen Humor, den man zwischen den Zeilen erst entdecken muss. Aber ich kann mich eben auch totlachen, wenn einer gegen eine Laterne läuft. Die Beschäftigung mit Humor gehört zu meinem Beruf.

Ricore: Was davon machen Sie selbst am liebsten?

Kavanian: Ich bin kein guter Laternenläufer. Was ich kann und gerne mache, ist, Humor über Sprache und Dialekt zu transportieren.

Ricore: Wie haben Sie sich diese zahlreichen Dialekte und Akzente angelernt?

Kavanian: Ich bin viersprachig groß geworden. Noch bevor ich Deutsch gelernt habe, hat mir meine Großmutter Armenisch beigebracht. Meine Eltern haben miteinander Rumänisch gesprochen. Mit meiner Großmutter haben sie - als Geheimsprache - Französisch gesprochen. Das hat mir aber keiner beigebracht. Im Gegenteil. Als ich in der siebten Klasse die Wahl zwischen Französisch und Latein als Fremdsprache hatte, meinte mein Vater: "Junge, nimm Latein, das braucht man heutzutage". So ein Quatsch, kein Schwein redet Latein. Die wollten nur nicht, dass ich in ihre Geheimsprache eingeweiht werde. Mittlerweile verstehe ich das Französische aber einigermaßen. Ich liebe Sprachen, finde nichts schöner, als wenn Menschen Dialekt sprechen. Das ist etwas Authentisches. Ich finde es wunderbar, wenn man durch die Sprache ein Gefühl dafür bekommt, wo jemand herkommt. Ich selber spreche wahnsinnig langweiliges Hochdeutsch. Aber ich kann eben auch anders.


Le MAC - Doppelt knallt's besser
Kinostar
Le MAC - Doppelt knallt's besser
Ricore: Unterscheidet sich die Synchronarbeit für einen Realfilm von der für einen Animationsfilm?

Kavanian: Nicht mehr so sehr. Früher haben die Figuren beim klassischen Zeichentrick den Mund einfach nur auf und zu geklappt. Mittlerweile ist man aber bei den Animationsfilmen so genau geworden, dass man jeden offenen Mund und Lippenschluss genau treffen muss. Sonst wäre es nicht lippensynchron. Als die Münder einfach nur Klappbewegungen hatten, musste man da nicht ganz so präzise arbeiten. Heute muss man für einen Animationsfilm bei der Synchronisation wie bei einem Realfilm sehr genau arbeiten. Auch die animierten Wölfe und Hasen haben ein ähnliches Sprechverhalten wie Menschen.

Ricore: Geht man anderes an eine Tierrolle als an eine menschliche Figur heran?

Kavanian: Nein, eigentlich nicht. Animierte Tiere, Autos, U-Boote werden mittlerweile vermenschlicht. So versucht man es auch rüberzubringen, weil das die Absicht der Erfinder war.

Ricore: Haben Sie sich an der Originalstimme orientiert?

Kavanian: Ja, ich versuche so nah wie möglich an das Original heranzukommen - unbedingt. Nehmen wir den Fall von "Le MAC - Doppelt knallt's besser". Da haben die Franzosen in mühevoller Kleinarbeit ein Werk geschrieben, produziert, gedreht, fertiggestellt. Am Ende steht ein Film, der für die Hersteller perfekt ist, der im Kino auch noch ein Riesenerfolg ist. Dann überlegen sie, den Film in Deutschland ins Kino zu bringen. Da wäre es doch anmaßend, wenn wir versuchen würden, das ganze neu zu erfinden. Das macht man nicht. Der französische Geist soll drinbleiben und so authentisch wie möglich wiedergegeben werden.

Ricore: Sie leihen für "Le MAC - Doppelt knallt's besser" einem Gangsterboss ihre Stimme. Haben Sie eine düstere Seite?

Kavanian: Ich bin ungeduldig. Ist man deswegen gleich böse? Nein, aber es ist schon meine kleine dunkle Seite. Und manchmal bin ich ein bisschen zu wenig gelassen. Manchmal rege ich mich zu schnell über so genannte Kleinigkeiten auf.


Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ralf Hake/Ricore Text
Rick Kavanian auf der Premierenfeier von "Le MAC - Doppelt knallt's besser" in München
Ricore: Wer kriegt das dann ab?

Kavanian: Tja, dummerweise die Menschen, die einem am vertrautesten sind: Frau, Freunde, Familie.

Ricore: Auch die Kollegen?

Kavanian: Da muss dann schon etwas Schlimmes passiert sein. Ich bin eigentlich kein Kollegenschwein. Und auch sonst bin ich sehr zurückhaltend. Ich kloppe nicht dauernd auf meinen Freunden herum. Ich bin relativ friedlich.

Ricore: Sie haben vor Ihrer Schauspielkarriere auch Psychologie studiert.

Kavanian: Ich hatte Psychologie als Nebenfach, habe es dann aber abgebrochen. Es gab da so ein Proseminar, das werde ich nie vergessen. Das hieß: Helden unserer Kindheit. An einem Donnerstagvormittag, in dem Schweinchenbau in Schwabing [Spitzname des rosa gestrichenen Gebäudes der Psychologiefakultät in München, Anm. d. Red.] saßen lauter 'ältere' Herrschaften im Saal. Ich war Anfang zwanzig und die waren alle über dreißig. Es ging um "Batman". Ich: ein heißblütiger Batman-Fan. Dann fingen die an, Batman zu dekonstruieren! Da war ich stinksauer und hab gesagt: "So Freunde, ich muss jetzt los! Mit eurer Psychologie könnt ihr mich..."

Ricore: Das war das Ende ihres Interesses für Psychologie?

Kavanian: Psychologie interessiert mich immer noch. Aber nicht mehr im Sinne eines Studiums. Mehr zum Verständnis, was Menschen antreibt, was sie werden lässt, was sie sind.


Rick Kavanian ist öfter im Synchronstudio als am Set
Paramount Pictures
Rick Kavanian ist öfter im Synchronstudio als am Set
Ricore: Was hat Sie werden lassen, was Sie sind?

Kavanian: Meine Familie. Ich bin mit meinen Eltern und meiner Großmutter mütterlicherseits aufgewachsen. Da haben sich gleich zwei Frauen um mich gekümmert. Ich war ein verwöhntes Kind. Aus dieser Zeit habe ich auch die Fähigkeit, nachzuvollziehen, warum Frauen handeln, wie sie handeln. Zumindest glaube ich, das zu können. Andererseits überrascht mich meine Frau immer wieder. Ich glaube, viele Dinge verstehen zu können. Ich finde Frauen toll. Wir Männer wären manchmal in Bezug auf die geistige Verfassung gern mehr wie Frauen. Was die alles gleichzeitig können... Dinge - mit denen wir sofort überfordert sind.

Ricore: Was hat Ihren Humor geprägt?

Kavanian: Monty Python, Peter Sellers, Saturday Night Live. Und bestimmt auch meine Freundschaft mit Bully. Dass wir solange zusammen gearbeitet haben, hat uns beide sehr beeinflusst, glaube ich. Es gibt sogar Leute, die sagen, wir klingen am Telefon genau gleich. Das war echt schräg, nach der vielen Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Da hat dann einer von uns gesagt: "Ab heute rede ich tiefer als du".

Ricore: Sie haben Schauspiel an Lee Strasbergs Theatre and Film Institute in Amerika gelernt.

Kavanian: Ja, da war ich ein Jahr. Dort habe ich das Method Acting gelernt.

Ricore: Ist das eine Hilfe beim Spielen der zahlreichen Rollen, in die sie schlüpfen?

Kavanian: Ja. Das Method Acting ist - banal gesagt - wie ein Schuhlöffel. Wenn ich in den Schuh reinkomme, brauche ich keinen Schuhlöffel. Wenn ich in die Figur nicht reinkomme, brauche ich eine Methode eben doch reinzukommen. Ich hatte oft das Glück, relativ oft ohne Schuhlöffel in die Rollen reinzukommen, aber manchmal habe ich ihn doch gebraucht. Das klingt jetzt alles ziemlich abstrakt. Aber Schauspiel ist ja eben auch Handwerk. Es gibt neben dieser Methode auch noch andere. Es ist durch Leute mit großen Namen wie Robert De Niro und Al Pacino ziemlich bekannt geworden. Meine Schauspiellehrerin hat zu Leuten, die mit dem Method Acting nicht zurechtkamen, immer gesagt: "Warum versuchst du es nicht mal mit Schauspielerei. Na, spiel' halt. Mach's halt einfach".

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Lena Pauli/Filmreporter.de,  20. April 2011

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