Jean-François Martin/Ricore Text
Fatih Akin
Cannes 2005: Jurymitglied Fatih Akin
Interview: Wie ein Affe im Zoo
Mit dem Berlinale-Sieg von "Gegen die Wand" gewann der Hamburger Regisseur Fatih Akin öffentliche Bekanntheit und kreative Freiheit. Nun wurde er überraschend in die Jury des wichtigsten Filmfestivals der Welt berufen. Wir besuchten den 31-Jährigen in Cannes bei der Arbeit.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  18. Mai 2005
Jean-François Martin/Ricore Text
Fatih Akin
Ricore: Was genau ging Ihnen durch den Kopf, als Sie bei der Eröffnungszeremonie aus Ihrer Limousine ausgestiegen sind und den ersten Schritt auf den roten Teppich gesetzt haben?

Akin: Ich stand komplett neben mir. Du weißt, dass die Welt auf dich blickt, und plötzlich fällt dir ein, welche Legenden denselben Gang machen durften. Schon Coppola und Fassbinder sind über die roten Stufen zum Festivalpalast aufgestiegen.

Ricore: Nun sind Sie nicht unbedingt der Typ Mann, der gerne mit dem Establishment konform geht. Wie schwer fällt Ihnen der Gang mit Smoking und Fliege über den roten Teppich?


Akin: Eigentlich stehe ich überhaupt nicht auf rote Teppiche. Ich fühle mich in solchen Momenten immer ein bisschen wie ein Affe im Zoo. Allerdings ist das Rollenverhältnis hier etwas ausgeglichener, da auch alle Fotografen einen Smoking tragen müssen. In Deutschland tragen sie meist zerrissene Jeans und Lederjacken, hier wäre das undenkbar.

Ricore: Während sich die Branche an der Côte d'Azure selbst feiert, wurden in Deutschland katastrophale Zuschauerzahlen bekannt gegeben. Im Vergleich zum ohnehin schlechten Vorjahr ist ein erneutes Minus von elf Prozent zu verzeichnen. Gibt es Grund zur Sorge?


Akin: Ein bisschen beunruhigt bin ich schon. Aber es ist ein weltweites Problem, das nicht nur auf deutsche Territorien beschränkt ist. Schuld ist in meinen Augen der inflationäre Trend zu hunderten von Produktionen, die beim Zuschauer zwangsläufig eine Reizüberflutung auslösen müssen. An allen Ecken wird produziert, immer mehr Filme kommen in die Kinos. Für mich ist es kein wirkliches Wunder, dass es immer weiter bergab geht.

Ricore: Wie haben Sie sich auf Ihren Job vorbereitet? Informieren Sie sich vor einer Filmsichtung über Hintergründe und Fakten der jeweiligen Produktion?


Akin: Ich will so unvoreingenommen wie möglich sein. Je weniger ich vorab über die Filme weiß, desto besser ist es. Ich weiß meistens noch nicht einmal vorher, wie lange ein Film dauert. So wird man am besten in den Strudel einer Story hineingezogen - oder eben nicht.
Festival de Cannes
Logo Filmfest Cannes, 2005
Ricore: Wie strukturiert sich Ihr Tagesablauf?

Akin: Ich bin zwei Tage vor Festivalbeginn angereist und muss pro Tag zwei bis drei Filme sehen. Aber das schlucke ich wie Aspirin. Eigentlich ist der Job recht locker. Jeder Cineast schleckt sich die Finger, wenn er in Cannes auch nur einen einzigen Film sehen kann. Ich kann permanent im Kino sitzen. Was gibt es also besseres?

Ricore: Vor vier Jahren waren Sie schon in der Jury der Berliner Filmfestspiele. Wo liegen die Unterschiede?


Akin: Hauptsächlich im Ambiente. Es macht schon einen Unterschied, ob ein Festival bei verschneiten Minusgraden stattfindet oder in angenehmem Klima unter Palmen. Außerdem ist der Spektakel- und Entertainment-Faktor wesentlich größer als auf der Berlinale. Aber echte Qualitätsunterschiede hinsichtlich des Programms gibt es eigentlich nicht.

Ricore: Ihr neuer Film "Crossing The Bridge - The Sound Of Istanbul" läuft außerhalb des Wettbewerbs in einer Sondervorführung. Was bedeutet das für Sie?


Akin: Mein Ziel in der Vergangenheit war eigentlich nie, Juror des Festivals zu werden, sondern einmal einen Film hier zu platzieren. Ich habe aber bereits sehr früh angekündigt, dass dieser Film zu klein und persönlich für den Wettbewerb ist. Vielleicht hat der Festivalleitung imponiert, wie ich meine eigenen Filme so unvoreingenommen beurteile. Umso mehr freue ich mich, dass der Film nun die größte Aufmerksamkeit bekommt, die nur irgend möglich ist.

Ricore: Wurden Ihnen eigentlich Gründe genannt, warum gerade Sie in die Jury berufen wurden?


Akin: Nein, aber den Ausschlag gab vermutlich mein letzter Film "Gegen die Wand". Neben dem Festivalgewinn auf der Berlinale lief der Film auch sehr erfolgreich in Frankreich. Und das hat vermutlich das Interesse geweckt.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  18. Mai 2005
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