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Interview

Jean-Pierre und Luc Dardenne
Jean-François Martin/Ricore Text

Keine Sentimentalitäten!

Sozialphilosophisch: Die Dardenne-Brüder
1978 realisierte das Brüderpaar Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne seinen ersten Dokumentarfilm. Seitdem haben sie sich mit zahlreichen Folgeprojekten den Ruf erarbeitet, sozialphilosophische Stoffe vielschichtig und tiefsinnig auf die Leinwand zu bringen. "Der Junge mit dem Fahrrad" bildet da wahrlich keine Ausnahme. Filmreporter.de hat die Dardenne-Brüder getroffen und mit ihnen über Besessenheit und den Verzicht auf Sentimentalität gesprochen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  9. Februar 2012
Der Junge mit dem Fahrrad
Alamode
Der Junge mit dem Fahrrad
Ricore: Ihre Filme sind immer sehr präzise Charakter- und Gesellschaftsstudien. Das ist auch in "Der Junge mit dem Fahrrad" nicht anders. Wie würden sie Cyrils beschreiben?

Luc Dardenne: Cyril ist ein Besessener. Er hat die fixe Idee, unbedingt seinen Vater finden zu müssen. Hinter dieser Idee verbirgt sich die Sehnsucht eines Jungen nach Liebe. Cyril will die Liebe erfahren, die er nicht bekommt. Er ist auf der Suche nach dem Platz eines Kindes. Das war für uns die zentrale Idee in "Der Junge mit dem Fahrrad". Cyril rennt dieser Liebe hinterher. Oder besser: er fährt ihr hinterher, und zwar mit dem Fahrrad.

Ricore: Diese Besessenheit hat etwas Animalisches an sich. Cyril wird von Ihnen wie ein Hund dargestellt, der sich in eine Idee verbissen hat. Nicht umsonst wird er im Film als Pitbull bezeichnet.

Jean-Pierre Dardenne: Ja, Cyril ist in seiner Suche nach Liebe tatsächlich wie ein Tier. Er hat aber auch Nostalgie an sich. Das Kind träumt davon, etwas zu erleben, das er nie erlebt hat. Er wünscht sich jemanden, der ihm sagt, wo sein Platz im Leben ist. Das sollte der Vater eigentlich tun, aber er tut das nicht. Im Französischen gibt es den Ausdruck "Kämpfen wie ein Hund". Genau das tut Cyril. Er kämpft wie ein Hund dafür, geliebt zu werden.

Ricore: Die Darstellung von Thomas Doret ist sehr gelungen. Hinter jedem guten Kinderdarsteller steckt ein Regisseur, der ihn führt. Inwieweit würden Sie die Leistung von Doret auch als Ihr Verdienst betrachten?

Luc Dardenne: Im Grunde genommen gibt man einem Kind keine Regieanweisungen. Wir haben Thomas' Anhaltspunkte und innerhalb dieser Anhaltspunkte haben wir ihm seine Freiheit gelassen. Würde zum Beispiel eine Szene in diesem Zimmer gedreht werden [wir befinden uns im Foyer des Bayerischen Hofs in München] und Thomas müsste jene Tür dort öffnen, dann würde unsere Anweisung ganz einfach lauten: Geh und mach die Tür auf. Wie er das umsetzt, bleibt ihm überlassen. Wenn ein Kind nicht spielen kann, dann würde er imitieren, was man ihm gesagt hat. Das würde nicht funktionieren. Die wichtigste Aufgabe des Regisseurs besteht vor allem darin, im Vorfeld der Arbeit den richtigen Schauspieler auszusuchen.


Cécile De France und Thomas Doret in "Der Junge mit dem Fahrrad"
Alamode Film
Cécile De France und Thomas Doret in "Der Junge mit dem Fahrrad"
Ricore: Ihre Figuren bewegen sich immer auf dem schmalen Grat zwischen Abgrund und Normalität. Am Ende finden sie dennoch ihren Weg. Ist das Folge einer freien Entscheidung oder wird das Leben in ihren Filmen doch von sozialen Faktoren bestimmt?

Jean-Pierre Dardenne: Ich hoffe, dass die Entscheidungen der Figuren als ihre eigenen Entscheidungen wahrgenommen werden und nicht als die der Autoren. Abgesehen davon haben unsere Figuren durchaus die Möglichkeit, sich gegen ihr Schicksal zu wehren, sei es in der Gesellschaft oder der Familie. Sie sind nicht gezwungen so zu handeln, wie es ihnen die Gesellschaft vorschreibt. Sie müssen sich auch nicht mit dem Platz begnügen, der ihnen von außen zugewiesen wurde.

Ricore: Die Gesellschaft hat keinen entscheidenden Einfluss auf unser Handeln?

Jean-Pierre Dardenne: Natürlich kann man wie Bertolt Brecht sagen, dass die Gesellschaft eigene Entscheidungen nicht zulässt. Vor diesem Hintergrund hätten wir Cyril auch mit dem Drogendealer gehen lassen können. Das ist aber nicht unsere Weltsicht. Wir stehen für die Menschlichkeit ein und setzen auf Figuren, denen eine Entscheidungsmöglichkeit vorbehalten bleibt. Wenn ein Mensch etwas verbrochen hat, dann kann er die Schuld nicht auf die Gesellschaft schieben. Das wäre zu einfach und man könnte ihn nicht für seine Tat verurteilen. Es hat immer die Wahl im Leben.

Ricore: Sie vermeiden auch in "Der Junge mit dem Fahrrad" Sentimentalitäten. Egal was dem Jungen passiert, er bricht nicht in Tränen aus. Liegt das an der Charaktereigenschaft des Jungen oder spricht daraus ihre dramaturgische Überzeugung?

Luc Dardenne: Beides ist richtig. Der Junge ist dennoch nicht gefühllos. Wenn er von seinem Vater abgewiesen wird, bricht er im Auto zusammen und zerkratzt sich dabei das Gesicht. Wir versuchen grundsätzlich, Sentimentalität zu vermeiden. Die Gefühle sollen beim Zuschauer ankommen. Wenn jedoch zu viele Gefühle auf den Zuschauer niederprasseln, dann kann er selber keine entwickeln. Wir haben das Gefühl, dass man den Gefühlen des Zuschauers Raum geben muss. Aus diesem Grund halten wir uns zurück.


Jean-Pierre (links) und Luc Dardenne mit Arta Dobroshi
Jean-François Martin/Ricore Text
Jean-Pierre (links) und Luc Dardenne mit Arta Dobroshi
Ricore: "Der Junge mit dem Fahrrad" ist trotz seines Charakter- und Gesellschaftsbildes auch ein dezidierter Erzählfilm. So sparen Sie bewusst Informationen aus, um den Zuschauer im Ungewissen zu lassen. Welchen Stellenwert hat das erzählerische Element in ihrem Werk?

Jean-Pierre Dardenne: Wir sehen uns schon als Geschichtenerzähler. Dabei sind unsere Geschichten voller Löcher und leeren Momenten. Es ist wie in einem Krimi, in dem es viele Momente des Spannungsaufbaus gibt. Vielleicht unterscheidet sich unsere Art, die Handlung mit Leerstellen zu versehen, vom klassischen Erzählkino. Wir lassen uns bei bestimmten Stellen mehr Zeit oder geben bestimmten Dingen einen Stellenwert, die sie beim klassischen Erzählfilm vielleicht nicht haben. In "Lornas Schweigen" zeigen wir zum Beispiel nicht den Mord an dem Freund. Diese Ellipse wurde uns vorgeworfen. Man sagte, dass man eine Geschichte so nicht erzählen dürfe. Uns kam es gerade auf diese Lücke an. Durch das Aussparen des Entscheidenden sollte etwas ganz Bestimmtes entstehen. In unseren Filmen gibt es immer eine Ungewissheit. Das ist auch in "Der Junge mit dem Fahrrad" der Fall. Cyril pendelt unaufhörlich zwischen Samantha und seinem Vater, zwischen Normalität und Abgrund. Das findet auch in der Art unseres Erzählens eine Entsprechung. Wir wollen vermeiden, dass der Zuschauer sich denkt, die Geschichte gehe in eine bestimmte Richtung.

Ricore: Das Fahrrad ist in ihrem Film ähnlich wie in "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica mehr als ein reiner Gegenstand. Es ist symbolisch aufgeladen. Sehen Sie das auch so?

Luc Dardenne: Das Fahrrad ist ein Freund für Cyril. Es ist das Einzige, dem er vertrauen kann. Außerdem verbindet es ihn mit seinem Vater. Sein Fahrrad wiederzufinden bedeutet für ihn natürlich auch, seinen Vater wiederzufinden. Es stellt eine große Gefahr für ihn dar und ermöglicht ihm zugleich großes Glück. Es ist der Motor des Films.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  9. Februar 2012

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