Interview: Moritz Bleibtreu zu Die vierte Macht | FILMREPORTER.de
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Interview

Moritz Bleibtreu in "Gegengerade - 20359 St. Pauli"
"Method Acting ist nicht mein Ding!"

Moritz Bleibtreu mit Gefühl

Moritz Bleibtreu lebt gefährlich. In Filmen wie "Knockin' on Heaven's Door", "Lola rennt" und "Chiko" begeht er Überfälle und tötet. Als Journalist in "Die vierte Macht" gerät sein eigenes Leben in Gefahr. Im Interview mit Filmreporter.de sinniert Bleibtreu über die Angst vor Terrorismus und wie sie von Politikern für eigene Interessen instrumentalisiert wird. Außerdem verrät der Hamburger, weshalb Method Acting als Vorbereitung auf eine Rolle für ihn nicht in Frage kommt.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  8. März 2012

Die vierte Macht

Die vierte Macht

Filmreporter.de: Was reizte Sie an "Die vierte Macht" mehr: Das Thema oder die Möglichkeit, mit Dennis Gansel zusammenarbeiten zu können?

Moritz Bleibtreu: Das ist im besten Fall immer beides. Ich kenne Dennis schon sehr lange. Ich finde seinen Fernsehfilm "Das Phantom" unglaublich gut. Seitdem wollte ich gerne mal mit ihm zusammenarbeiten. Als wir uns schließlich kennenlernten, hat uns nur noch das richtige Projekt gefehlt. Als "Die vierte Macht" auf meinen Tisch kam, war klar, dass ich mitmache. Zum ersten Mal hatte ich von dem Projekt vor sechs oder sieben Jahren gehört. Ich fand den Stoff schon damals sehr spannend.

Filmreporter.de: Wie bereiten Sie sich auf Rollen wie die in "Die vierte Macht" vor?

Bleibtreu: Das ist immer sehr unterschiedlich. Es gibt Figuren, die sehr viel Vorbereitung benötigen. Zum Beispiel wenn man eine historische Persönlichkeit verkörpern muss. Für die Rolle des Journalisten muss man nicht wahnsinnig tief buddeln. Ich bin immer einer, der von außen nach innen geht. Ich bin kein Method Actor, der versucht eine bestimmte Befindlichkeit zu erzeugen. Ich versuche vielmehr herauszufinden, wie sich jemand anzieht, geht und spricht. Der emotionale Teil kommt dann von selbst.

Filmreporter.de: Was ist Paul Jensen für ein Charakter?

Bleibtreu: Wir wollten eine Figur etablieren, die von Anfang an eine kleine Lebenslüge erzählt. Deshalb kommt Paul im ersten Drittel etwas Berlin-mittig rüber. Er trägt einen Anzug, aber abgefuckte Schuhe. Auf den ersten Blick würde man ihn eher ins seriösere Journalistenfach einordnen. Tatsächlich ist er aber jemand, der schon lange seine Seele an den Teufel verkauft hat. Er belügt also nicht nur sich selbst, sondern bis zu einem gewissen Grad auch die anderen.

Moritz Bleibtreu in "Die vierte Macht"

Moritz Bleibtreu in "Die vierte Macht"

Filmreporter.de: Konnten Sie was zur Konzeption der Figur beisteuern?

Bleibtreu: Ein Film ist in der Zeit, in der man ihn dreht, ein lebendiges Wesen. Paul ist eine Mischung aus meiner eigenen Vorstellung von der Figur, der Idee des Regisseurs und dem, was vom Buch vorgegeben ist. So sollte es immer sein. Alles andere macht keinen Sinn.

Filmreporter.de: "Die vierte Macht" thematisiert auch die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit in Russland. Inwieweit ist Ihnen das im Rahmen Ihrer Rollenrecherche selbst aufgefallen?

Bleibtreu: Dass das der Wahrheit entspricht, weiß doch jeder. Die Geschichte von der Novaya Gazeta kennt man ja. Das ist nichts Neues für Russland und gilt für jedes totalitäre System. Für mich geht es in "Die vierte Macht" nicht vorrangig darum, wie Presse in einem autoritären Staat funktioniert. Es geht vor allem um die Frage, was Terrorismus bedeutet. Wo fängt Terrorismus an und wo hört revolutionäres Denken auf. Wie wird Terrorismus instrumentalisiert? Abgesehen davon mache ich niemals Filme mit dem Anspruch, jemanden belehren oder aufklären zu wollen. Ich möchte vor allem unterhalten und die Menschen berühren. Wenn es ein Film schafft, auf einer zweiten Ebene einen Mehrwert zu schaffen, ist das umso besser. Das ist aber nie das primäre Ziel.

Filmreporter.de: Der Film zeigt, dass Terrorismus vor allem für totalitäre Systeme nützlich ist, etwa um härtere Gesetze durchzukriegen - ein aktuelles Thema.

Bleibtreu: Ja, der Terrorismus wird vom Staat instrumentalisiert, um ein Feindbild zu schaffen. Das ist nichts, was wir uns ausgedacht haben. Die wenigsten wissen, dass Terrorismus schon seit Jahrhunderten den Vorwand für Kriege bietet. Der Vietnamkrieg brach aus, nachdem im Golf von Tonkin angeblich zwei amerikanische Schiffe im Gefecht mit Vietnamesen untergingen. Dabei wusste jeder, dass die sich selbst beschossen hatten. Auch beim Reichstagsbrand in Berlin wurde gelogen. Übrigens ist der Begriff Terrorismus erst in Zusammenhang mit den eben beschriebenen Machenschaften entstanden.

Moritz Bleibtreu in "Die vierte Macht"

Moritz Bleibtreu in "Die vierte Macht"

Filmreporter.de: Wo steht Ihre Figur am Ende des Films?

Bleibtreu: In gewisser Weise da, wo sie angefangen hat. Paul hat noch genauso viel Schuld auf den Schultern, wenn nicht sogar noch mehr. Im Gegensatz zum Anfang hat er aber etwas, worauf er aufbauen kann. So eine innere Mitte zu haben ist etwas, das vielen heutzutage fehlt. Für diese muss man sich Fragen stellen wie: Wofür stehe ich? Wofür will ich stehen? Warum mache ich die Dinge, die ich tue? Man darf sich nicht ständig von gesellschaftlichen Zwängen ablenken lassen. Man muss herausfinden, wo der eigene Platz auf der Welt ist. Paul weiß das am Ende des Films.

Filmreporter.de: Wonach suchen Sie als Schauspieler in einem Drehbuch?

Bleibtreu: Nach Gefühlen. Mein Opa hat immer gesagt: "Gefühl ist alles!". Das stimmt. Ein Drehbuch muss mich immer berühren. Wenn das klappt, ist das immer der allererste Schritt. Passt der Rest auch noch, ist das Grund genug für mich, einen Film zu machen. Eine gute Geschichte muss alle Sinne des Zuschauers berühren. Sie muss in der Lage sein, ihn zum Weinen zu bringen, ihn zu erschrecken und so weiter.

Filmreporter.de: "Die vierte Macht" wurde auf Englisch gedreht. War das für Sie eine große Umstellung?

Bleibtreu: Ich habe das große Glück, dass ich einen Teil meiner Schauspielausbildung in New York absolviert habe. Da habe ich eineinhalb Jahre Englisch gesprochen. Aus diesem Grund habe ich ein recht gutes Selbstverständnis im Umgang mit dieser Sprache. Natürlich ist auf Englisch zu drehen immer noch etwas anderes, als in seiner Muttersprache zu spielen. Schauspielerei hat viel mit Gefühlen zu tun und da ist es von Vorteil, in der Muttersprache zu drehen. In der Fremdsprache muss man viel Arbeit in den Text investieren.

Moritz Bleibtreu als Klatschreporter in "Die vierte Macht"

Moritz Bleibtreu als Klatschreporter in "Die vierte Macht"

Filmreporter.de: Sie sagten, dass Sie kein Method Actor sind. Wie bereiten Sie sich dann auf Rollen vor?

Bleibtreu: Um ehrlich zu sein, eigentlich gar nicht. Wenn es technische Dinge gibt, die mir eine Figur abverlangt, dann arbeite ich natürlich daran. Grundsätzlich konzipiere ich meine Figuren jedoch aus dem Bauch heraus. Schauspielerei ist meiner Meinung nach etwas völlig Abstraktes, das man nicht wirklich lernen kann. Natürlich kann man viel darüber lesen und das eine oder andere ausprobieren. Aber wirklich lernen kann man die Schauspielerei nicht. Wenn für Leute Method Acting hilfreich ist, ist das super. Für mich hatte das einen gegenteiligen Effekt. Ich hatte diese Technik in New York gelernt und gemerkt, dass ich als Schauspieler so nicht arbeiten möchte. Ich fand, dass die ganze theoretische Auseinandersetzung mit der Figur zur Planbarkeit führt. Wenn man eine hochemotionale Szene spielt, holt man seine Biografie und die Emotionen wieder hervor und spielt damit. Das ist für mich das Gegenteil von Kreativität. Ich habe nur ein einziges Ziel in der Schauspielerei und das ist, mich selbst zu überraschen. Wenn mir das gelingt, dann überrasche ich auch die Zuschauer. Wenn ich plane, klappt nichts von dem.

Filmreporter.de: Haben Sie nicht dennoch einen Leitfaden, an den Sie sich halten?

Bleibtreu: Es gibt ein tolles Buch von Denis Diderot: "Das Paradox über den Schauspieler". Das ist ein Arbeitsansatz der davon ausgeht, dass man Fragen wie "Wie viel Moritz steckt in der Rolle?" immer zweifach beantworten kann: 100 Prozent und null Prozent. Denn einerseits kann ich nur das wiedergeben, was in mir steckt. Andererseits gebe ich lediglich vor, etwas zu sein. Das ist der Widerspruch in der Schauspielerei. Authentizität und Wahrhaftigkeit setzt voraus, dass ich 100 Prozent bei mir bin. Trotzdem verwandle ich mich nicht, es findet keine Metamorphose statt. Schauspielerei ist kein hypnosicher Zustand, in dem man eine Rolle spielt und zehn Minuten später aufwacht und sagt: "Was habe ich eben getan? Ich kann mich nicht mehr erinnern."

Moritz Bleibtreu lebt gefährlich in "Die vierte Macht"

Moritz Bleibtreu lebt gefährlich in "Die vierte Macht"

Filmreporter.de: Schauspielerei ist also nicht echtes Erleben und Fühlen?

Bleibtreu: Sie ist allenfalls eine konstruierte Lebenserfahrung. Man kann in einer Rolle niemals das Gleiche erleben wie in der echten Lebenserfahrung. Wenn jemand zu mir sagt, dass er zehn Tage ins Gefängnis geht, um zu wissen, wie sich so etwas anfühlt, antworte ich immer: "Du kriegst für deine Rolle eine große Summe Geld. Und wenn du mit dem Gefängnis fertig bist, gehst du wieder nach Hause und legst dich in dein fünf Sterne-Haus". Letztlich glaube ich, dass es so viele Ansätze zu spielen gibt, wie auf der Welt Darsteller existieren. Mein Ansatz ist, einfach darauf zu achten, mir selbst treu zu bleiben. Wie ich das mache, kann ich allerdings nicht wirklich sagen. Aus diesem Grund könnte ich auch niemandem die Schauspielerei beibringen. Ich könnte höchstens zugucken und sagen, was ich sehe.

Filmreporter.de: Sie arbeiten demnach hauptsächlich intuitiv.

Bleibtreu: Absolut. Ich vergleiche die Schauspielerei oft mit einem spielenden Kind. Wenn ein Kind einen Cowboy mit Leib und Seele imitiert und die Mutter dann sagt: "Es gibt jetzt Pudding!", dann läuft es zum Pudding und ist kein Cowboy mehr. Man hört immer wieder von Schauspielern, wie schwer ihnen eine bestimmte Rolle gefallen ist. Die Figur hätte sie fast an den Rand der Verzweiflung gebracht und würde sie nicht mehr loslassen, weil sie ein Teil von ihnen geworden ist [lacht]. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht bestreiten, dass es solche Fälle gibt. Aber ich finde das höchst neurotisch. Ich jedenfalls möchte diese Verknüpfung zwischen Rolle und mir nicht haben. Ich ziehe eine klare Grenze zwischen dem, wie ich privat bin und was ich am Set verkörpere.

Filmreporter.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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