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Interview

Antonio Banderas auf dem "Doha Tribeca Film Festival"

Imagenet

Picasso statt Zorro
Antonio Banderas' spanische Wurzeln
Einmal Latin Lover, immer Latin Lover? Dass Antonio Banderas weit mehr zu bieten hat als das Klischee des spanischen Frauenhelden, hat er im Laufe seiner langjährigen Schauspielkarriere mehrfach unter Beweis gestellt. So auch in Steven Soderberghs ungewöhnlichem Thriller "Haywire", den er im Rahmen der Berlinale 2012 vorgestellt hat. Während des Festivals hat sich Banderas mit Filmreporter.de über die Finanzkrise in Spanien, Unterschiede zwischen Europa und Hollywood sowie sein Image als Latin Lover unterhalten.
Haywire

Concorde Filmverleih

Ricore: Sind Sie vor "Haywire" jemals einer so furchteinflößend schlagkräftigen Frau wie Hauptdarstellerin und Mixed Martial Arts-Kämpferin Gina Carano begegnet?

Antonio Banderas: Ich habe Frauen getroffen, die wesentlich furchteinflößender als Gina waren - aus den unterschiedlichsten Gründen [lacht]. Nicht so sehr, weil sie dir ins Gesicht schlagen können. Das ist okay, das kann man hinnehmen. Doch es gibt intellektuellere Wege, dir einen Schlag zu versetzen [lacht].

Ricore: Was ist der schlimmste Schlag, ob physisch oder psychologisch, den Sie je von einer Frau einstecken mussten?

Banderas: Da gab es viele, doch die hatten wohl damit zu tun, dass ich nicht bekommen habe, was ich mir erhofft hatte [lacht]. Ich wurde einfach stehen gelassen und das tut weh.

Ricore: Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen in "Haywire" kriegen sie von Gina Carano nicht den Hintern versohlt. Waren Sie froh darüber oder hätten Sie sich auch mehr Action gewünscht?

Banderas: Nein, ich hab die anderen gesehen und dachte mir: "Uh, das ist hart." [lacht] Gina ist großartig und unglaublich gutmütig, eine sehr interessante Frau, die ich sehr mag.

Ricore: Denken Sie, dass es eine Fortsetzung geben wird?

Banderas: Ich weiß es nicht, das hängt wohl vom Publikum ab. Was diesen Film angeht, finde ich es sehr erfrischend, einen weiblichen Charakter zu sehen, der nicht nur deshalb stark ist, weil sie die Männer fertig macht. Ich denke, dass sie aufgrund ihrer Denkweise stark ist. Ich mag die Szenen, in denen sie die Puzzleteile zusammenfügt. Was ich an Ginas Spiel liebe, ist die fortwährende Alarmbereitschaft, in der sie sich befindet. Sie ist zudem sehr sexy. Sie büßt ihre Weiblichkeit nicht ein und das ist sehr interessant bei einem Film, der in gewisser Weise eine seltsame Hommage an die Filme der 1970er ist. Ich bin mit Filmen wie "Bullitt" mit Steve McQueen aufgewachsen und liebe diese Art intelligenter Action-Filme. Manche Regisseure machen Aufnahmen von allem, um beim Schneiden genug Material zu haben. Bei Steven Soderbergh hat man das Gefühl, dass er den Schnitt schon während des Filmens vollzieht. Er hat schon vorab eine klare Vorstellung des Films im Kopf.


Antonio Banderas und Elena Anaya in "Die Haut, in der ich wohne"

Tobis Film

Ricore: Wie war es für Sie, bei "Die Haut, in der ich wohne" wieder mit Pedro Almodóvar zu arbeiten?

Banderas: Das war Gott sei Dank verdammt schwer. Und ich sage Gott sei Dank, weil er dir sehr viel abverlangt. Er ist kein einfacher Regisseur. Lassen Sie mich das erklären, damit Sie mich nicht missverstehen, denn ich liebe ihn wirklich unglaublich! Als Künstler ist er jemand ganz Besonderes für mich. Im Leben hat man mit bestimmten Dingen zu kämpfen, die man mit sich herumschleppt und beim Spielen einer Figur benutzen kann - nicht bei Pedro. Pedro erlaubt es dir nicht, diese Dinge zu benutzen, er nimmt sie und schmeißt sie aus dem Fenster. Er verlangt von dir, dass du dich neu erfindest und von null anfängst. Er kennt diesen Trick und will nicht, dass man ihn benutzt, denn er will keine Tricks, sondern etwas Wahrhaftiges.

Ricore: Wie fühlt man sich dabei?

Banderas: Als Schauspieler fühlt man sich währenddessen vollkommen nackt, wie im Niemandsland. Es ist schwer, furchteinflößend und manchmal auch schmerzhaft. Doch am Ende erhält er Resultate von seinen Darstellern, die man mögen kann oder nicht, die aber anders sind als die Dinge, die man außerhalb seines Universums macht. Diese Anerkennung hat mich an das Gefühl erinnert, das ich in den 1980ern hatte. Pedro bricht immer wieder die Regeln seines eigenen Spiels. Er ist sehr präzise und hat eine starke Persönlichkeit. Seine Filme aus den 1980ern sind mit der Zeit zu Klassikern geworden. Das Publikum braucht Zeit, um seine Arbeiten zu verdauen.

Ricore: Wie schwer war es, die Leute zu Beginn Ihrer Hollywood-Karriere davon zu überzeugen, dass sie schauspielerisch mehr zu bieten haben als den klischeehaften Latin Lover?

Banderas: Es ist witzig, weil sie mich nach all den Jahren noch immer einen Latin Lover nennen. Wahrscheinlich bin ich weltweit der Schauspieler, der im Laufe der Filmgeschichte die meisten homosexuellen Charaktere gespielt hat. Doch sobald man einen Stempel aufgedrückt bekommt, wird man ihn nicht mehr los [lacht]. Manchmal muss man bei einem Charakter wie Zorro mit der Rose im Mund tanzen, doch ich würde das nicht ablehnen, nur um damit das Latin Lover-Image zu vermeiden. Daneben spiele ich aber auch in Filmen wie "Philadelphia", die damit nichts zu tun haben.

Ricore: Werden Sie jemals wieder die Rolle des Zorro spielen?

Banderas: Nein, das habe ich hinter mir. Falls man die Filmreihe fortsetzen will, sollte man jemand jüngeres nehmen. Ich habe bei zwei Teilen mitgemacht und das ist gut so. Nun wende ich mich neuen Dingen zu, da es momentan nicht das ist, wonach ich in meinem Leben suche.


Steven Soderbergh, Gina Carano und Antonio Banderas auf der Deutschlandpremiere von "Haywire"

Concorde Filmverleih

Ricore: Wonach suchen Sie im Moment?

Banderas: Ich will mit Leuten wie Woody, Steven und Pedro arbeiten. Ich habe kürzlich mit meinem nächsten Regisseur telefoniert, mit dem Spanier Carlos Saura. Wir werden einen Film über Picasso machen. Der Film heißt "33 días" und handelt davon, wie Picasso in 33 Tagen sein Gemälde "Guernica" malt. Die Möglichkeit, mit Carlos zu arbeiten, ist momentan sehr reizvoll für mich. Pablo Picasso und ich sind in derselben Stadt geboren. Ich verspürte schon immer ein besonderes Verhältnis zu ihm, da auch er Málaga verlassen hat, als er jung war. Ich bin ein großer Fan seiner Arbeit. Für mich ist es fast, als ob ich zu meinen Ursprüngen nach Málaga zurückkehren würde.

Ricore: Wie unterschiedlich ist die Arbeitsweise in Spanien beziehungsweise Europa im Gegensatz zu Hollywood?

Banderas: In ideologischer Hinsicht fühlt man sich freier, wenn man in Europa arbeitet. In Hollywood nehmen die Studios eine ökonomisch sehr starke Position ein. Einfach gesprochen, ist Hollywood ein Markt, eine Fabrik. In Europa ist die Herangehensweise an Filme künstlerischer. Beide Seiten haben ihre Vor- und Nachteile. Eines der größten Probleme in Spanien ist derzeit die Finanzierung von Filmen. Wir sind abhängig von öffentlichen Geldern, nicht nur in Spanien, sondern auch in Frankreich und vielen anderen Ländern. Es ist also kompliziert, eine Industrie zu kreieren, die wettbewerbsfähig ist. Doch vielleicht ist es nicht das, was wir machen sollten. Wir sollten vielleicht nicht auf dieser Ebene konkurrieren. Davon abgesehen, kommen ein paar Franzosen, machen einen Film über sich selbst namens "The Artist" und gewinnen damit den Oscar [lacht].

Ricore: Wie nehmen Sie die derzeitige Finanzkrise in Spanien persönlich wahr?

Banderas: Ich war arm und genieße glücklicherweise das Privileg, dass es mir inzwischen finanziell gut geht. Daher wirkt sich die Krise nicht direkt auf mich und meine Familie aus. Aber es wirkt sich auf mein Land aus. Ich denke, wir leben in einer seltsamen Zeit. Viele Menschen stellen fest, dass nicht diejenigen das Sagen haben, die wir gewählt haben. Unser Leben wird durch andere Leute bestimmt.

Ricore: Können Sie das präzisieren?

Banderas: Es geht um die Märkte, das Geld. Lobbys bestimmen in Amerika beispielsweise die Politik. Ich gehe nicht auf die Straße mit den Indignados [Protestbewegung in Spanien, Anm. d. Red.], aber ich verstehe was in ihnen vorgeht. In Spanien und anderen Ländern, auch in Amerika wollen die Menschen dem Volk die Macht zurückgeben. Sie spüren, dass sie etwa einen Mann wie Obama haben, der viele Ideen hat, aber nicht in der Lage ist, sie umzusetzen, seit er an der Macht ist. Das liegt daran, dass es eine Sache namens Realität gibt [lacht]. Es ist sehr schwer, Dinge umzusetzen, die sich auf alle positiv auswirken. Es ist schwer, vorherzusagen, wann das ein Ende nehmen wird. Aber wir befinden uns gerade in einer ziemlich furchterregenden Situation. Wenn diejenigen, die momentan die Strippen ziehen, weiterhin von ihrer Macht Gebrauch machen, weiß ich nicht, ob ein Punkt erreicht wird, an dem die Leute auf die Barrikaden gehen und alles unvorhersehbar werden könnte.


Antonio Banderas auf der Pressekonferenz zu "Haywire"

Concorde Filmverleih

Ricore: Eine Revolution.

Banderas: Revolutionen kommen vor. Das sieht man beispielsweise bei einem Land wie Venezuela. Wenn die Machthaber sich nicht um das eigene Volk kümmern, kommt der Moment, in dem Radikale die Kontrolle übernehmen.

Ricore: Befürchten oder hoffen Sie das?

Banderas: Nein, ich hoffe das nicht. Denn ich denke, dass das Gegenmittel manchmal schlimmer sein kann, als die Realität, die wir haben. Aber wir müssen definitiv ein Gleichgewicht finden, denn wir können nicht alles mit der Ökonomie begründen. Es muss eine soziale Komponente geben, welche die derzeitigen Veränderungen in Europa begleitet. Wir müssen das Defizit in Spanien ausgleichen, aber das reicht nicht, wenn die Leute auf der Straße ohne Job dastehen. Vielleicht müssen wir uns finanziell etwas langsamer erholen...

Ricore: Werden Sie bei den nächsten Oster-Prozessionen in Spanien wieder dabei sein?

Banderas: Ja.

Ricore: Wie wichtig ist Ihnen Religion?

Banderas: Es geht dabei nicht so sehr um Religion. Es geht vielmehr um Identität, populäre Kunst und das Ereignis. Wir gehen jedes Jahr auf die Straße, aber [flüsternd] mit der Kirche verstehen wir uns nicht [lacht].

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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