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Interview

Christian Petzold auf der Berlinale 2012

Carlos Corbelle/Ricore Text

Politisch im Zwischenmenschlichen
Christian Petzolds atmende Bilder
Eigentlich bräuchte er nicht nervös sein. Schließlich werden Christian Petzolds stille Dramen immer wieder von der Kritik gefeiert. So auch auf den Filmfestspielen von Berlin, wo er ein gern gesehener Gast ist. Dennoch lässt er nach der Premiere seines diesjährigen Wettbewerbs-Beitrags "Barbara" lieber seinen Produzenten auf der Bühne sprechen. Der Regisseur hat vor Publikum Lampenfieber. Beim Gespräch mit Filmreporter.de während der Berlinale 2012 ist er dagegen ganz entspannt und spricht mit uns über sein Verhältnis zur DDR und seine Herangehensweise bei der Realisierung seiner Filme. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Petzold wird für "Barbara" ein paar Tage später mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet.
Barbara

Piffl Medien

Ricore: Wie nervös sind Sie, wenn einer Ihrer Filme Premiere feiert?

Christian Petzold: Wahnsinnig, es ist in den letzten Jahren noch schlimmer geworden. Ich war vor drei Jahren bei einer Podiumsdiskussion in München und hab das erste Mal seit zehn Jahren richtiges Lampenfieber gehabt. Das ist seitdem nicht mehr weggegangen, sondern eher stärker geworden. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass es so unnatürlich ist, vor Leuten zu sprechen und einen das Lampenfieber zur Demut zurückbringt.

Ricore: Hängt das vielleicht auch mit dem Druck zusammen, mit jedem neuen Film den hohen Erwartungen der bislang immer sehr positiv gestimmten Kritiker weiterhin gerecht zu werden?

Petzold: Kann sein, doch ich hab mir gesagt, dass die Arbeit so viel Freude macht, dass ich jetzt nicht darüber nachdenke, wie es ankommt. Eigentlich ist mir auch klar, dass ich abgeschlachtet werde, wenn ich mal einen Scheißfilm mache oder einen Film, der keine Freunde findet. Ich hab das ja auch bei meinen Freunden erlebt, wie die abgeschlachtet worden sind. Vielleicht ist Lampenfieber ja auch die Angst vor der Abschlachtung.

Ricore: In "Barbara" beschäftigen Sie sich mit der DDR. Was wollten Sie diesem bereits oft behandelten Thema hinzufügen?

Petzold: Ich habe ein bisschen das Gefühl - ohne anderen auf den Schlips treten zu wollen - dass man zur DDR, so wie im Grunde auch zum Nationalsozialismus, den 1950er Jahren oder zur Weimarer Republik, in letzter Zeit immer so eine Roman-Position hat. Man sitzt als Autor ganz oben, schaut sich da unten eine Miniaturwelt an und bestimmt, was passiert. Alle Filme, die ich liebe und im Grunde das Politische verhandeln, sind keine Filme, die von oben Politik machen, sondern Filme, in denen das Politische im Zwischenmenschlichen ist. Die Ängste, das Misstrauen - da muss man hin. Deswegen soll man keine Romane machen, sondern Novellen schreiben. Ich finde, man sollte Filme machen, die eben nicht wie Monumentalschinken daher kommen.

Ricore: Die Figuren in Ihren Filmen werden nicht bewertet, sondern vielmehr beobachtet. Wie wichtig ist es Ihnen dennoch, dass durch die Charaktere Ihre eigene Moral durchscheint?

Petzold: Die Figuren sind ja erst mal nicht irgendwelche Marionetten, die ich an den Fäden halte. Das wäre auch bei diesen großartigen, mündigen Schauspielern nicht möglich. Die merken das sofort. Bei einem falschen Autorengedanken, einem falschen Satz, haben Nina, Ronald und alle anderen immer sofort gespürt, dass was nicht stimmt. Ich habe mal grundsätzlich gesagt: Wenn die sogenannten Nebenfiguren das Bild verlassen haben, muss man das Gefühl haben, dass sie außerhalb des Bildes weiterleben. So eine Wahrhaftigkeit müssen die haben.

Ricore: Kommt das auch schon bei der Konzeption der Figuren zum Tragen, indem Sie sich für Ihre Charaktere ein Vorleben sowie ein Leben nach der Handlung überlegen?

Petzold: Ja, aber nur ansatzweise. Früher stand bei Taschenbüchern auf der ersten Seite: 'Doktor Werner Winter, ein Gynäkologe mit Hang zu jungen Mädchen' [lacht]. Dann hast du sofort eine Karikatur. Ein Schauspieler, der so einen Scheiß liest, weiß sofort, dass er sich aus dieser Klammer nicht mehr befreien kann. Deswegen schreibe ich immer kleine Geschichten, eine Episode, die ihm passiert ist. Die muss er dann für sich weiterspinnen. Vielleicht kommt daher ein gewisser Reichtum, den die Figuren haben. Mit Reichtum meine ich aber auch, dass sie sich nicht mehr der Kamera offenbaren müssen, denn sie wissen: 'Ich bin für mich, das gehört mir. Ich habe ein Geheimnis und das wird respektiert.'


Christian Petzold

Piffl Medien

Ricore: Inwiefern hat es die Geschichte Ihres Films beeinflusst, dass Ihre Eltern aus der DDR stammen?

Petzold: Meine Eltern sind im Grunde genommen vor dem Sozialismus geflohen und haben sich gleichzeitig nach ihm gesehnt. Ich habe versucht, diese Zerrissenheit in dem Film wiederzufinden. Meine Eltern haben mit Häme über die schlechte Versorgungslage im Osten gesprochen, andererseits war das ein Land, dessen Träume ihren Träumen ganz ähnlich waren - ein Land ohne Kapitalismus. 'Wir wollen frei sein, aber wir wollen nicht die DDR haben. Wir möchten im Wohlstand leben, aber nicht auf Kosten der Welt.' Diese Zerrissenheit war ein bisschen in meinen Eltern drin und das hat mich immer wieder in den Osten getrieben. Ich hatte bis vor sieben, acht Jahren keinen Bezug dazu, die Geschichte zu schreiben, weil ich nicht von dort stamme. Nun habe ich mich soweit damit beschäftigt, um es doch zu machen.

Ricore: Sind Sie mit Ihren Eltern ab und zu in den Osten gefahren?

Petzold: Dauernd.

Ricore: Wie haben Sie den Osten erlebt?

Petzold: Dort war meine Verwandtschaft. Als ich 14, 15 war, fand ich es furchtbar, dass ich mich dort verliebt habe und sie dann vier Wochen nicht wiedersah. Dort, wo ich mit meinen Eltern aufgewachsen bin, zwischen Wuppertal und Düsseldorf, war eigentlich nie die Heimat. Ich hab dahin auch heute kein Heimweh. Meine Eltern waren zugereiste Flüchtlinge und eigentlich gehörten wir in die ehemalige DDR. Vielleicht hat mich das auch deshalb beschäftigt.

Ricore: In "Barbara" wird die Liebe zwischen den Protagonisten in gewisser Weise durch das gegenseitige Misstrauen bedingt. Wie passt das zusammen?

Petzold: Misstrauen schärft manchmal die Sinne, während Vertrauen blöd macht [lacht]. Misstrauen bedeutet, den anderen zu betrachten. Natürlich ist es für den Betrachteten nicht ganz einfach, ein gutes Bild abzuliefern. Aber beide sind ja misstrauisch gegenüber dem jeweils anderen. Er vermutet in ihr eine furchtbare Gans aus der DDR-Oberschicht und sie in ihm einen widerlichen Aufsteiger, der seinen Arztkittel nur bekommen hat, weil er Parteimitglied war. Dieses Misstrauen kann jedoch auch verführerisch sein.


Christian Petzold und Nina Hoss am Set von "Barbara"

Piffl Medien

Ricore: Haben Sie selbst mal eine Beziehung dieser Art erlebt?

Petzold: Ich glaube, meine Frau konnte mich nicht leiden [lacht].

Ricore: Woran lag das?

Petzold: Das weiß ich nicht. Das war während des Studiums.

Ricore: Doch am Ende haben Sie sie überzeugen können, dass Sie ein liebenswürdiger Kerl sind.

Petzold: Ja, aber das hat ein paar Jahre gedauert [lacht].

Ricore: Wie haben Sie Ihre Liebe zum Film entdeckt?

Petzold: Die habe ich durch das Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" entdeckt. Da war ich 15 oder 16, ein Junge von außerhalb kam in unsere Klasse und hat mir das Buch geliehen. Beim Lesen habe ich gemerkt, dass ich drei oder vier der beschriebenen Filme gesehen hatte. Davor hatte ich bei Hitchcock immer nur an "Die drei ???" gedacht [lacht]. Nun konnte ich zum ersten Mal sehen, wie ein Film gemacht wird und dass durch das Offenlegen des Handwerks nicht ein Geheimnis verloren geht, sondern die Sinne geschärft werden. Es ist das beste Filmbuch aller Zeiten. Dann habe ich angefangen, Filme zu drehen, durch dieses Buch.

Ricore: Wann haben Sie sich entschieden, das Filmemachen zu Ihrem Beruf zu machen?

Petzold: Das war schon sehr früh. Doch man musste auf der Filmakademie schon mindestens 26 sein und einen abgeschlossenen Beruf haben oder zumindest etwas Furchtbares wie vier Jahre Knast erlebt haben, um Film zu studieren. Mir war klar, dass ich durch mein kleines Nerdwissen, das ich mir zwischen 18 und 20 angeeignet hatte, zwar alles kannte, doch dass das nicht reichte, da die Lebenserfahrung fehlte. Daher habe ich erst mal Literaturwissenschaften studiert und nebenher gearbeitet. Erst mit 28 habe ich dann angefangen, auf der Filmhochschule zu studieren.


Christian Petzold

Piffl Medien

Ricore: Wie war das für Sie, als Sie zum ersten Mal einen eigenen Film auf der Leinwand gesehen haben?

Petzold: Das habe ich gar nicht wahrgenommen. Aufgrund einer rosa-schwarzen Panikwolke habe ich nichts gesehen. Ich dachte, das Bild wäre unscharf, aber das waren meine Augen [lacht].

Ricore: Um nochmal auf Hitchcock zurückzukommen: Wenn er einen Film gemacht hat, soll er bereits vor Drehbeginn den kompletten Film im Kopf gehabt haben. Das Drehen selbst habe er nur als lästige Notwendigkeit betrachtet. Wie ist das bei Ihnen?

Petzold: Das hat er erzählt, doch das kann man nicht glauben. Wenn man sich Hitchcock genau anschaut, bemerkt man so viele handwerkliche Fehler. Die macht keiner, der den Film schon im Kopf hat. Das hat er nur erzählt, um innerhalb des Studiosystems in Hollywood, wo man austauschbarer Zeitarbeiter war, sagen zu können, dass der Film in seinem Kopf ist. Und solange er sich dort befindet, muss man ihn als Autor, Regisseur und Produzenten akzeptieren, sonst kommt nur Soße raus. Ich glaube, es ist ein politischer Satz. Hitchcock war jemand, der wahnsinnig viel probiert hat und viele Takes gedreht hat. Nicht, weil er ein bestimmtes Bild wollte, sondern weil er immer das Bild suchte, das aus sich selber heraus atmet und lebt. Diese bekannten Sätze, die es gibt, etwa 'Was sind die drei wichtigen Dinge für einen guten Film? Drehbuch, Drehbuch, Drehbuch.' Das ist totaler Quatsch.

Ricore: Inwieweit sind Sie Perfektionist und wie viel Raum lassen Sie für Improvisation?

Petzold: Es ist so, dass ich wahnsinnig viel vorarbeite, aber nicht, um ein Gefängnis zu errichten, sondern einen Freiraum. Man muss im Vorfeld wahnsinnig viel arbeiten, um Zeit zum Improvisieren zu haben. Sonst wird man von den Sachzwängen überschwemmt. Ich achte darauf, dass die Welt, in der der Film stattfindet, uns Monate vor Drehbeginn zur Verfügung steht. Dass ich für die Schauspieler schon Monate vorher Kostüme habe und dass die Schauspieler schon vor dem Lesen des Drehbuchs an den Orten und in den Kostümen gewesen sind, um physischer und besser mit den Sachen umzugehen und nicht so am Text zu hängen. Dadurch hat man auch die Möglichkeit, das Drehbuch zu verändern.


Christian Petzold in Venedig (2008)

Rufus F. Folkks/Ricore Text

Ricore: Im Presseheft zu "Barbara" sagen Sie: 'Wir wollten keine Symbole. Man decodiert sie, und nichts bleibt übrig, nur das, was man schon zuvor gewusst hat.' Wie meinen Sie das genau?

Petzold: Wenn man ein Bild sieht und anhand einer Türklinke und einem Bild von Honecker weiß, dass man im Osten ist, ist das Bild tot. Wenn man aber Honecker und diese Türklinke nicht hat, sondern einfach nur eine Situation, einen Atem, eine Luft, dann dekodiert man es nicht, sondern erfährt es, erspürt es und lebt darin.

Ricore: Ihre Filme zeichnen sich durch die unsentimentale, nüchterne Erzählweise aus. Woher kommt diese Affinität für das Nüchterne?

Petzold: Bei "Barbara" kommt das daher, dass ich keine Filmmusik benutzt habe. Dadurch hat man immer eine Nüchternheit. Man ist das gar nicht mehr gewöhnt, bei uns wird ja sogar eine Dokumentation mit Musik unterlegt, bei uns wird jedes Gefühl von der Musik getragen. Wenn man die Musik wegnimmt, was bleibt dann übrig? Das muss man erst wieder lernen. Weil der Film im Vorspann Musik hat, denkt man, dass sie weitergehen muss. Aber wir befinden uns im Jahre 1980 im Osten und müssen hören, wie sich der Osten angehört hat, wir müssen ihn sehen und erfahren, ohne alles mit Musik zuzukleistern.

Ricore: Welchen Film werden Sie als nächstes drehen?

Petzold: Nächstes Jahr werde ich einen Film drehen, der im November 1945 in Berlin spielt.

Ricore: Können Sie schon Näheres verraten?

Petzold: Nein, doch es ist ein sehr harter Stoff, glaube ich. Es ist leider immer noch keine Komödie. Die kommt als übernächstes.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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