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Interview

Madonna (Cannes 2008)

Jean-François Martin/Ricore Text

Sehnsucht nach Freiheit
Madonna bleibt unbeirrbar
Als Musikerin braucht Madonna nichts mehr zu beweisen. Seit Jahrzehnten gilt sie als die Königin des Pop, auch wenn der Gipfel ihrer langen Karriere überschritten ist. Ganz anders sieht es im Filmbereich aus. Dort wird sie von der Kritik verrissen. Auf wenig Gegenliebe stößt auch ihre zweite Regiearbeit, das Liebes-Drama "W.E.". Doch Madonna wäre nicht Madonna, wenn sie sich von kritischen Stimmen unterkriegen lassen würde. Im Interview mit Filmreporter.de spricht die selbstbewusste Künstlerin über weibliche Unabhängigkeit, Vorurteile und Lady Gaga.
W.E.

Senator Film Verleih

Filmreporter.de: In Ihrem Film "W.E." verzichtet der angehende britische König Edward VIII. für die Liebe zu Wallis Simpson auf den britischen Thron. Würden Sie jemals etwas wertvolles für die Liebe opfern?

Madonna: Ich denke, dass man in der Liebe und in Beziehungen immer Opfer bringen muss. Wenn man eine Beziehung haben will, muss man stets auch etwas aufgeben.

Filmreporter.de Wir kennen die Sängerin Madonna und wir kennen die Schauspielerin Madonna. Wie ist die Regisseurin Madonna einzuschätzen?

Madonna: Regie beinhaltet alle Dinge, die ich gerne mache. Ich liebe Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Geschichtenerzählen und Mode. All das kann ich in der Regiearbeit zusammenbringen. Außerdem kann man als Regisseurin Geschichten auf eine Weise erzählen, wie man es als Schauspielerin nicht kann.

Filmreporter.de: Können Sie sich mit der Idee anfreunden, eines Tages Regie und Musik unter einen Hut zu bringen?

Madonna: Ich glaube nicht, dass ich mich selbst in Szene setzen kann. Mir würde dafür die Objektivität fehlen. Ich möchte entweder auf der einen Seite der Kamera stehen oder auf der anderen.

Filmreporter.de: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihnen die Arbeit über den Kopf wächst?

Madonna: Sicher. Doch wenn ich als Schauspielerin tätig bin, verlasse ich mich auf den Regisseur. Ich möchte, dass er mir sagt, was ich zu tun habe, wohin ich mich bewegen muss. Das brauche ich. Ich habe mit mehreren Spielfilm-Regisseuren zusammengearbeitet, zum Beispiel mit Warren Beatty bei "Dick Tracy". Er war bei der Arbeit immer sehr ehrlich. Er sagte mir einmal: 'Du kannst nicht zu viele Hüte tragen. Das wird dich eines Tages wahnsinnig machen'.

Filmreporter.de: Welche Regisseure schätzen Sie besonders?

Madonna: Es gibt sehr viele Filmemacher, zu denen ich aufschaue. Ich wurde von Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard, Francis Ford Coppola und vielen, vielen anderen beeinflusst.


In Berlin with Madonna

Jean-François Martin/Ricore Text

Filmreporter.de: "W.E." ist ganz anders als Ihr erster Film.

Madonna: Ja, die Kameraarbeit ist viel komplexer. Ich habe viele Einstellungen mit einer Steadicam drehen lassen. Der Film sollte mit seinen Kamerabewegungen die elegante Welt der Upper East Side darstellen, mit all ihrem Luxus und ihrer Dekadenz.

Filmreporter.de: Wie ist Ihre Beziehung zu dieser Welt?

Madonna: Einerseits interessiere ich mich dafür, andererseits bin ich ihrer überdrüssig. Diese Welt hat ihre positiven, aber auch ihre negativen Seiten. Ich glaube, jeder Mensch ist von ihr fasziniert und möchte Teil von ihr sein. Andererseits kann diese Welt auch eine Falle sein.

Filmreporter.de: Die Heldinnen in "W.E:" könnten auch aus einem Ihrer Songs stammen. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Frauen, die sich nach Freiheit sehnen?

Madonna: Die Suche nach meiner Stimme als Künstlerin war auch eine Art Reise. Die Sehnsucht nach Freiheit sowie die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks sind etwas, mit denen ich mich schon seit langer Zeit auseinandersetze.

Filmreporter.de: Wie ist Ihre Beziehung zur royalen Welt?

Madonna: Früher hatten die Adligen viel mehr Macht als heute. Wenn ich daran denke, welchen politischen Einfluss Queen Elizabeth hatte, dann kann man nur staunen. Heute beschränkt sich die Funktion der Royals allenfalls auf die Rolle als Botschafter und Repräsentanten. Das ist schade.

Filmreporter.de: Warum finden Sie das schade?

Madonna: Weil man als Mensch grundsätzlich nützlich sein will. Man möchte mehr sein als nur ein Aushängeschild, man möchte etwas bewirken. Als Königin oder König möchte man die Welt verändern.


Lady Gaga

David La Chappelle

Filmreporter.de: Kennen Sie jemanden aus der royalen Welt? Würden Sie Adligen gerne Ihren Film zeigen, um zu sehen, was sie davon halten?

Madonna: Nein, nicht wirklich. Ich werde für gewöhnlich nicht zu ihren Partys eingeladen.

Filmreporter.de: Wieso fällt es vielen immer noch schwer, einflussreiche und mächtige Frauen zu akzeptieren?

Madonna: Historisch gesehen, waren Männer schon immer visuelle Wesen. Natürlich haben Frauen mehr zu bieten als das Optische, aber das ist etwas, woran man ansetzen kann.

Filmreporter.de: Was bewundern Sie an zeitgenössischen Frauen am meisten?

Madonna: Nehmen Sie zum Beispiel "W.E.". Die Hauptfigur geht am Ende weg, weil sie ein neues Leben anfangen will. Meiner Meinung nach ist das ein Happy End. Sie wählt einen Weg, der weder von ihrer Mutter noch von der Gesellschaft - in der sie aufgewachsen ist - vorgesehen war. Zum ersten Mal trifft sie selbstständig eine Entscheidung. Sie hat ihre eigene Stimme und ihren eigenen Weg gefunden. Ich liebe diese Haltung an Frauen. Das entspricht zum Teil dem, wie ich mein Leben geführt habe.

Filmreporter.de: In der Öffentlichkeit gibt es viele Vorurteile über Ihre Person. Stört Sie das?

Madonna: Natürlich tut es das. Nichts auf der Welt darf wörtlich genommen werden, keine Person und kein einziger Augenblick in der Geschichte. Man sollte begreifen, dass die Oberfläche nicht alles ist. Wenn man bereit ist, hinter die Fassade zu blicken, kann man mehr entdecken. Man muss es nur wollen.

Filmreporter.de: Kann man in "W.E." Parallelen zwischen Wally und Lady Gaga ziehen?

Madonna: Ich kann mir kein Urteil über Lady Gagas Leidenschaften anmaßen. Ich weiß nicht, worauf sie beruhen, wie tief sie reichen oder ob sie nur oberflächlich sind. Wally ist eine unglückliche Frau. Sie ist auf der Suche nach Liebe, Glück und Tiefsinn. Ich weiß nicht, ob man das Lady Gaga zuschreiben kann [lacht].

Filmreporter.de: Fühlen Sie sich geschmeichelt, dass Lady Gaga offenbar Ihren Stil imitiert?

Madonna: Sicher, warum sollte ich das nicht sein?


Madonna

Jean-François Martin/Ricore Text

Filmreporter.de: Wie viel von Ihnen steckt in Wallis' Charakter?

Madonna: Ich fragte mich, wie es wohl ist, so geliebt zu werden wie Wallis. Wie es ist, wenn ein Mann so viel für eine Frau aufgibt. Männer streben immer nach Macht. Sie würden dafür über Leichen gehen. Wie viele Kriege wurden schon geführt, um eine Frau zu erobern? In "W.E." haben wir einen Mann, der all das für die Liebe opfert. Das finde ich romantisch. Es ist schön, so geliebt zu werden. So ähnlich empfindet auch Wally. So geliebt zu werden wie Wallis, ist alles was sie will.

Filmreporter.de: Träumen Sie auch vom Traumprinzen?

Madonna: Das tun wir doch alle, oder? [lacht]

Filmreporter.de: Im Film schöpft Wally durch das Leben von Wallis Simpson neuen Mut. Inwiefern wurden Sie durch Wallis inspiriert?

Madonna: Sicherlich hat der Charakter mir auch etwas mitgegeben. Das Leben imitiert die Kunst und die Kunst imitiert das Leben. In Wallis entdeckte ich ihre Gebrechlichkeit, ihre Verletzlichkeit. Andererseits ist sie stark, ein Mensch, der einen großen Überlebenswillen hat. Für Wally ist sie außerdem ein spirituelles Vorbild. Sie dient ihr als Warnung, damit Wally nicht dieselben Fehler macht wie sie. Sie gibt ihr zu verstehen, dass sie die Wirklichkeit wählen soll, dass sie überhaupt eine Wahl hat.

Filmreporter.de: Es wird oft gesagt, dass Sie die berühmteste Frau der Welt seien. Ist das so?

Madonna: Ich weiß es nicht. Es gibt keine Kriterien, nach denen man das beurteilen kann.

Filmreporter.de: Wie fühlt es sich an, Vorbild für so viele Frauen zu sein?

Madonna: Was ich sage und tue kann unterschiedlich ausgelegt werden. Aber ich benutze meine Vorbildfunktion auch für gute Zwecke. Ich weiß, dass ich Menschen beeinflussen kann.

Filmreporter.de: Macht es Ihnen noch Spaß, auf dem Roten Teppich zu flanieren?

Madonna: Das Ende eines Projektes zu erreichen, etwas fertigzustellen und das Ergebnis mit den Schauspielern an einem schönen Ort zu feiern - ja, das ist ein großes Vergnügen.

Filmreporter.de: Danke für das Gespräch.

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