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Matthew McConaughey: Spaß statt Sex

"Magic Mike" dürfte vor allem für die weiblichen Fans von Matthew McConaughey und Channing Tatum eine Augenweide werden. Darin sind beide als Stripper zu sehen und geizen mit ihren körperlichen Reizen nicht. Im Gespräch mit den attraktiven Darstellern hat Filmreporter.de allerdings eine kleine Überraschung erlebt. Denn um Sex und Erotik, wie viele meinen, geht es im Stripper-Milieu in erster Linie nicht, sondern um Spaß und Unterhaltung. Tatum weiß, wovon er redet. Schließlich war er selbst mal Stripper und einiges von seiner Erfahrung ist in "Magic Mike" eingeflossen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  16.08.2012

Matthew McConaughey und Channing Tatum in "Magic Mike"

Concorde Filmverleih

Ricore: Mr. Channing, bevor Sie Schauspieler wurden, haben sie bekanntlich als Stripper gearbeitet. Tanzten sie vornehmlich vor weiblichem oder männlichem Publikum? Immerhin ist Florida für sein schwules Nachtleben bekannt.

Channing Tatum: Ja, in Florida gibt es tatsächlich viele Schwulenclubs. Der Club in dem ich gearbeitet habe, war aber nur für Frauen. Einige Stripper haben nebenher in Schwulen-Clubs als Go-Go-Tänzer gearbeitet. Ich gehörte aber nicht dazu. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, ich wurde einfach nicht gefragt. Aber es stimmt schon, Florida ist das Mekka der Schwulengemeinde.

Ricore: Was ist das primäre Zielpublikum von "Magic Mike"?

Tatum: Ich denke schon, dass der Film vor allem weibliche und schwule Zuschauer interessieren dürfte. Dennoch könnte er durchaus auch das restliche Publikum ansprechen. Ich habe viele Freunde, die nicht schwul sind und die beim Schauen von "Magic Mike" bald vergessen hatten, dass es ein Männer-Stripper-Film ist. "Magic Mike" ist ein Film über Männer, es ist kein Chick Flick [umgangssprachliche Bezeichnung für Filme mit weiblicher Hauptrolle und emanzipatorischer Haltung; Anmerkung der Redaktion].

Matthew McConaughey: Vor allem ist "Magic Mike" witzig. Es ist ein Film über Männerfreundschaften. Er handelt von Problemen, die viele Männer so oder so ähnlich auch erlebt haben. Er zeigt die Möglichkeiten, die sich jungen Männern bietet, nachdem sie die Schule verlassen haben. Es zeigt, wie sie sich mit billigen Jobs über Wasser halten und mit allen Mitteln Geld verdienen.

Ricore: Gibt es Parallelen zwischen dem Schauspielerberuf und dem Stippen?

Tatum: Ich denke nicht, dass es da viele Parallelen gibt, außer der, dass man hier wie da auf der Bühne steht.

Ricore: Beide, sowohl der Stripper als auch der Schauspieler, werden in gewisser Weise als Objekte wahrgenommen. Sie müssen sich lüsternen Blicken aussetzen. Wie fühlt sich das an?

Tatum: Ich glaube nicht, dass ich als Schauspieler verdinglicht werde.


Matthew McConaughey in "Magic Mike"

Concorde Filmverleih

Ricore: Hatten Sie nie das Gefühl, dass Sie sich für eine Szene ausziehen müssen, nur weil ein bestimmtes Zielpublikum das sehen will?

Tatum: Wenn es im Drehbuch steht und Sinn macht, mein Hemd auszuziehen, dann tue ich es. Wenn die Geschichte am Strand spielt, dann macht es keinen Sinn im Anzug zu spielen.

McConaughey: Ich mochte es, mich auszuziehen, als ich meine Anwaltsrollen spielte (lacht).

Ricore: Wie weit würden Sie bei Nacktszenen gehen, würden sie auch echten Sex vor der Kamera haben?

Tatum: (lacht) Nein, das ich glaube nicht. Es müsste schon ein guter Grund vorliegen. Vielleicht, wenn es die Geschichte erfordern würde. Im Grunde genommen mag ich keine Sex-Szenen in einem Film. Sie lenken nur vom Wesentlichen ab. Wenn ich die Brüste von Angelina Jolie sehe, dann gerät der von ihr gespielte Charakter aus dem Blickfeld. Damit will ich nicht sagen, dass ich grundsätzlich gegen Sexszenen bin, aber sie müssten schon inhaltlich motiviert sein, damit ich in welchen spiele.

Ricore: Und Sie, Mr. McConaughey, wie weit würden sie gehen?

McConaughey: Ich würde nicht weiter gehen, als ich bereits in "Magic Mike" gegangen bin (lacht).

Ricore: Wie viel Eitelkeit braucht es, um Schauspieler bzw. Stripper zu sein?

McConaughey: Stripper sind sicher eitler als Schauspieler. Beim Strippen ist die Eitelkeit vor allem kommerziell. Je besser man als Stripper geformt ist, umso mehr Geld verdient er. Wenn du dich entblößt, bekommst du den Job. Wenn diese Leute nicht strippen, dann sind sie entweder im Fitnesszentrum oder im Solarium. Bei Schauspielern oder Prominenten ist die Eitelkeit nicht ganz so kommerziell ausgerichtet. Auch wenn sich Männer schon mal Gedanken darüber machen, ob sie eine Rolle verlieren könnten, weil sie eine Glatze haben.


Matthew McConaughey und Channing Tatum in "Magic Mike"

Concorde Filmverleih

Ricore: Gab es zwischen Ihnen während der Dreharbeiten eine Art Wettbewerb im Sinne von: Wer sieht besser aus, wer tanzt besser?

McConaughey: Alle wussten, dass Channing besser tanzt (lacht).

Tatum: (lacht) Nein, einen Konkurrenzkampf gab es nicht. Nach dem Abdrehen einer Szene ist jeder in seinen Wohnwagen oder nach Hause gegangen. Mehr war da nicht. Es war alles nur ein großer Spaß und das wollten wir auch zum Ausdruck bringen.

Ricore: Ging es auch in echten Stripclubs nur um Spaß oder um Sex?

Tatum: Das Strippen war nie eine sexuelle Angelegenheit. Die Frauen gehen in Stripclubs, um ihre Freundinnen in Verlegenheit zu bringen, wenn ein großer verschwitzter Mann auf ihren Schoß klettert. Es soll einfach Spaß machen. Ich kann mich erinnern, als wir Steven im Rahmen der Vorbereitungen zum Film in einige Striplokale mitnahmen. Er hat dabei so viel gelacht, dass er ganz rot angelaufen ist. Er konnte nicht glauben, was wir im Film zeigen wollten. In den Clubs fand er dies bestätigt. Das war letztlich sein Einstieg in den Stoff. Sein Hauptinteresse gilt den Subkulturen, den seltsamen Charakteren in einer seltsamen Welt.

Ricore: Hatte das Strippen Auswirkungen auf die Wahrnehmung Ihrer eigenen Körpersprache?

Tatum: Nein, das Strippen hat mein sexuelles Bewusstsein nicht geprägt. Wie gesagt, der Job hatte nicht viel mit Sex zu tun. Wir waren damals wirklich nur tanzende Clowns auf der Bühne, Narren, die sich verkleidet haben und Frauen zum Lachen brachten. Vielleicht hat das Tanzen meine Körperwahrnehmung geprägt, aber nicht das Strippen.

Ricore: Inwiefern hat diese Erfahrung Sie als Mensch geprägt?

Tatum: Ich lernte, dass diese Welt ein glitschiger Abhang ist. Dieses Milieu ist eine finstere Welt, finsterer als wir sie in "Magic Mike" gargestellt haben. Ich war damals 18, 19 Jahre alt, ein verrückter Jugendlicher, der auf der Suche nach dem Kaninchenloch war. Ich bewegte mich auf der dunklen Seite des Mondes. Zum Glück bin ich schnell und unbeschadet aus dieser Welt wieder herausgekommen. Ich hatte weder mit Suchtproblemen zu kämpfen, noch habe ich etliche uneheliche Kinder auf die Welt gesetzt, die sich irgendwo herumtreiben.


Channing Tatum bei Photocall zu "Für immer Liebe" in München

Michael Domke/Ricore Text

Ricore: 2011 und 2012 waren für sie beide sehr produktive Jahre. Befinden Sie sich gerade am Beginn einer neuen Phase in Ihrer Karriere?

McConaughey: Ich würde sagen, dass ich ein neues Kapitel desselben Buches aufgeschlagen habe. Ich hatte den Eindruck, dass ich genug Actionfilme und romantische Komödien gemacht habe und sagte mir: 'Weißt du was, McConaughey, mach' langsam. Verbring' mehr Zeit mit deiner Familie, mach' dir keine Sorgen und halte deine Augen offen für das, was dich wirklich interessierst'. Damit habe ich aber auch die Rollen angezogen, die ich gesucht habe. So hat sich alles sehr gut gefügt. Das war bis jetzt mein liebstes Arbeitsjahr. Bei den letzten fünf Filmen gab es nicht einen einzigen Morgen, an dem ich mich nicht auf den kommenden Arbeitstag freute. Es ist aufregend und herausfordernd und ich genieße das sehr.

Tatum: Ich denke, dass auch mich in eine neue Richtung entwickle. Mein Schauspiel-Lehrer sagte mir vor achteinhalb Jahren, dass ich in ca. zehn Jahren ein guter Schauspieler sein werde. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass sich langsam die einzelnen Stücke zu einem Ganzen zusammenfügen. Als ich mit der Schauspielerei anfing, hatte ich nicht sehr viel Erfahrung vorzuweisen und musste mir während der Arbeit vieles aneignen. Heute genieße ich jeden Aspekt des Filmemachens - von der Produktion über das Geschichten-Erzählen bis hin zum Verständnis dessen, wie sich mein Charakter in die Handlung einfügt. Für mich zählt heute vor allem, einen guten Film zu machen. Wenn ihn keiner sehen will, dann ist das auch egal. Hauptsache der Film ist gut.

Ricore: Ist das der Grund, wieso Sie sich zunehmend als Produzent engagieren? Möchten Sie mehr Kontrolle über Ihre Charaktere und die Qualität des Projekts haben?

Tatum: Ja, das hängt sicher damit zusammen. Außerdem liebe ich es, am Entwicklungsprozess eines Films beteiligt zu sein. Bei "Das Leuchten der Stille" konnte ich zum ersten Mal hinter die Kulissen blicken. Damals stand ich in regem Kontakt mit dem Drehbuchautor und kriegte mit, wie sich eine Geschichte entwickelt. Damals wusste ich noch nichts über das Geschichten-Erzählen. Mein Geschäftspartner Reid Carolin, der auch als Drehbuchautor tätig ist, hat mir in dieser Hinsicht einiges beigebracht. Es macht mir großen Spaß, die Struktur der gesamten Filmproduktion im Blick zu haben. Das hat mich auch zu einem besseren Schauspieler gemacht.

Ricore: Steven Soderbergh sagt in Interviews in der letzten Zeit öfters, dass er das Filmemachen aufgeben wolle. Haben Sie sich mit ihm während der Dreharbeiten darüber unterhalten und erfahren, ob er das ernst meint?

Tatum: Ich persönlich denke, dass er eine Pause braucht und ich glaube, dass er das auch wirklich will. Er hat in letzter Zeit sehr viel gearbeitet und ist etwas müde. Ich glaube, dass er sich nach "The Bitter Pill" und dem Liberace-Film [gemeint ist die TV-Produktion "Behind the Candelabra" mit Michael Douglas als Liberace; Anm. der Redaktion] sicher für eine Zeit lang zurückziehen wird. Ich bezweifle aber, dass das ein endgültiger Rückzug sein wird. Dazu liebt er das Filmemachen und Geschichten-Erzählen viel zu sehr.

Ricore: Stimmt es, dass eine Musical-Version und eine Sitcom von "Magic Mike" geplant sind?

Tatum: Ich weiß nicht, ob es ein Musical sein wird, aber wir wollen "Magic Mike" tatsächlich auf die Bühne bringen. Es soll eine interaktive Show werden, bei der die Zuschauer das Gefühl haben, Teil des Geschehens zu sein. Der Film ist in den USA gut angelaufen und wir hoffen, dass er sich auch international gut schlagen wird. Es wäre schön, wenn wir das Team für eine Fortsetzung zusammenkriegen würden. Dafür brauchen wir aber ein passendes Konzept, ähnlich wie in "Magic Mike", den wir sehr stark an "Saturday Night Fever" angelehnt haben. Es müssen aber noch viele Fragen geklärt werden.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  16.08.2012

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