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Interview

"Total Recall"-Premiere in Berlin mit Colin Farrell
Sony Pictures

Düstere Zukunft?

Colin Farrell optimistisch
Colin Farrell ist kurz davor, seinen Verstand zu verlieren. Sein gesamtes bisheriges Leben wird in "Total Recall" in Frage gestellt. Während er im Science-Fiction-Abenteuer mit seiner Existenz hadert, wirkt er im Interview mit Filmreporter.de ganz entspannt. Der irische Schauspieler erzählt, wie er aufgewachsen ist und die Kunst für sich entdeckt hat. Zudem spricht er über soziale Missstände sowie die Zukunft unserer Gesellschaft.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  24. August 2012
Total Recall
Sony Pictures
Total Recall
Ricore: Was haben Sie gedacht, als man Ihnen angeboten hat, in der Neuauflage von "Die totale Erinnerung" in die Fußstapfen von Arnold Schwarzenegger zu treten?

Colin Farrell: Ich habe gelacht. Zunächst war ich skeptisch, da ich das Original sehr mag. Doch beim Lesen des Drehbuchs habe ich festgestellt, dass es ganz anders ist, als das Original. Zudem versuche ich nicht Arnold Schwarzenegger nachzuahmen, das wäre unmöglich. Ich fühlte mich nicht unter Druck und habe im Laufe der Zeit nicht mehr an das Original gedacht. Es war wie bei jedem anderen Film.

Ricore: Haben Sie mit Arnold Schwarzenegger gesprochen?

Farrell: Nein, ich glaube, es ist ihm scheißegal [lacht].

Ricore: Gehen Hollywood angesichts der vielen Remakes und Fortsetzungen die Ideen aus?

Farrell: Nicht wirklich, denn so ist es schon immer gewesen. David Cronenbergs "Die Fliege" ist beispielsweise ein Remake. Auch viele Schwarz-Weiß-Filme sind Remakes. Schon von ihrem Wesen her deuten Remakes auf ein Fehlen von Originalität hin. Doch das Gelingen oder Misslingen eines Films daran zu messen, ob es ein Remake ist oder nicht, ist Blödsinn. Wir sehen jede Woche Originalfilme, die überhaupt nicht einzigartig sind. Und manchmal gibt es wiederum Filme wie David Cronenbergs "Die Fliege" oder John Carpenters "Das Ding aus einer anderen Welt", die wirklich originell sind. Es geht also in erster Linie darum, wie man die Geschichte umsetzt. Nichtsdestotrotz ist das oberste Anliegen der Filmindustrie in Hollywood, Geld zu machen. Daher schöpfen die Studios eine Idee - momentan sind es beispielsweise die Marvel-Filme - so lange wie möglich aus. Doch ich weiß, dass es in Hollywood viele Autoren gibt, die ihr Bestes geben.

Ricore: Wie gehen Sie bei einem in erster Linie Action-orientierten Film wie "Total Recall" an die charakterlichen Aspekte Ihrer Figur heran?

Farrell: Man geht auf möglichst menschliche Weise an die Figur heran. Man versucht, so gut wie möglich die psychologische und emotionale Seite der Figur zu berücksichtigen, ohne zu vergessen, dass es ein Action-Film ist. Darum geht es letztlich, um einen großen Action-Film. Dennoch versucht man, die dramatischen Aspekte zu respektieren. Am Ende des Tages spiele ich einen Mann, der mit seinem Leben unzufrieden ist und eines Tages erfährt, dass alles, was in seinem Leben gut und von Bedeutung war, nicht real ist. Das gab mir genug Spielraum, um emotional und intellektuell herausgefordert zu werden.

Ricore: Hatten Sie auch schon Momente in Ihrem Leben, in denen Sie wie Ihre Figur in "Total Recall" das Gefühl hatten, den Verstand zu verlieren?

Farrell: Nein, ich denke… [überlegt eine Weile] Ich denke, wir zerbrechen uns alle dauernd den Kopf über unseren Platz in der Gesellschaft und unsere Beziehung zu anderen Menschen - ob uns das bewusst ist oder nicht. Wir glauben, dass wir uns nicht ändern oder hoffen, dass sich etwas ändert. Das Leben jedes einzelnen befindet sich im ständigen Fluss. Aufgrund einer bestimmten persönlichen Erfahrung identifiziere ich mich nicht mit meinem Filmcharakter, doch als menschliches Wesen kann ich einige seiner Gedanken durchaus nachvollziehen.


Total Recall
Sony Pictures
Total Recall
Ricore: Stimmt es, dass Sie am Set in der Wohnung Ihrer Filmfigur geschlafen haben?

Farrell: Ja, man tut alles was man kann, um sich vorzubereiten, ob man nun einen Dialekt oder das Spielen eines Instruments lernt, Bücher liest oder eben eine Nacht in der Wohnung des Charakters schläft.

Ricore: Haben Sie auch Klavierspielen gelernt?

Farrell: Ja schon, aber ich spiele leider nicht besonders gut [lacht].

Ricore: In Ihrer Jugend wollten Sie Fußballer werden.

Farrell: Bis ich 14 oder 15 war, dachte ich, dass ich Fußballspieler werden würde. Doch dann habe ich angefangen, Bier zu trinken [lacht]. Ich stamme aus einer Familie der Arbeiterklasse. Mein Vater hat durch den Fußball ein wenig Geld verdient. Als ich aufgewachsen bin, gab es kein Theater, keine Kunst und Musik oder Dinner-Partys mit intellektuellen Konversationen. Doch es gab jeden Tag Fußball.

Ricore: Wie ist es möglich, dass Sie trotz Ihres Erfolges in Hollywood in Schwierigkeiten geraten sind?

Farrell: Wie ist es nicht möglich? [lacht]

Ricore: Liegt es also an Hollywood?

Farrell: Nein. Jesus, nein, überhaupt nicht. Natürlich haben Gesellschaft und Umwelt Einfluss auf die Dinge, doch die Gesellschaft und die Umwelt treffen nicht die Entscheidungen. In Schwierigkeiten bin ich schon lange vor meiner Ankunft in Amerika geraten, die hatte ich schon als Kind in Dublin [lacht].


Verliert Colin Farrell in "Total Recall" seinen Verstand?
Sony Pictures
Verliert Colin Farrell in "Total Recall" seinen Verstand?
Ricore: In "Total Recall" ist die Gesellschaft klar in arm und reich unterteilt. Entwickelt sich unsere Welt momentan ebenfalls in Richtung einer Gesellschaft, in der die Klassen klar voneinander abgegrenzt sind?

Farrell: Ich kenne die Statistiken nicht gut genug. Doch Menschen haben schon immer Systeme geschaffen, die in Klassen unterteilt sind. Ich weiß nicht, ob die Kluft zwischen arm und reich heute extremer ist als zuvor. Ich weiß nur, dass es genug Ressourcen und Wohlstand in der Welt gibt, um zu verhindern, dass Menschen so leiden, wie sie leiden müssen.

Ricore: Befürchten Sie manchmal, dass die Welt den Bach runter geht?

Farrell: Es gibt viele Konflikte, doch auch ein Bemühen um Güte und Gleichheit, etwa die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner. Manche Länder versuchen zu erreichen, dass die Gesellschaft weniger patriarchisch wird. Doch ich denke, wir müssen noch einen langen Weg gehen. Auf der anderen Seite gibt es im Internet ein Level an Aggression, das ich nicht verstehen kann. In Chatrooms etwa sagen die Menschen so üble Dinge zueinander. Doch ich habe Hoffnung für unsere menschliche Spezies. Wir kommen immer wieder an den Abgrund, doch wir erkennen unsere Fehler und tun das Richtige. Das hoffe ich wenigstens.

Ricore: Was halten Sie von der Idee, einem Menschen so wie in "Total Recall" neue Erinnerungen ins Gedächtnis zu pflanzen?

Farrell: Ich glaube, das wäre ziemlich gefährlich. Als gläubiger Mensch denke ich, dass man mit der Fähigkeit, eine solche Technik zu entwickeln, sorgsam umgehen muss. Ich sehe allerdings nicht, wie das Verändern unserer Erinnerungen positiv sein soll und was das für Konsequenzen nach sich ziehen würde. Würden die Leute nur noch zu Hause sitzen und sich die nächste Erinnerung einpflanzen lassen, ohne jeden Willen, selbst aktiv zu werden?

Ricore: Sie sagten vorhin, dass Kunst keine Rolle in ihrem Leben gespielt hat, als Sie aufgewachsen sind. Wie haben Sie schließlich Ihre Leidenschaft für die Kunst entdeckt?

Farrell: Zunächst durch Filme und dann durch Musik. Hier habe ich später Leute kennengelernt, die mehr mit Theater, als mit Film zu tun hatten. Als ich mit 17 ein Jahr nach Australien gegangen bin, habe ich Autoren und Regisseure kennengelernt. Einige von ihnen waren unglaublich intellektuelle Russen, mit denen ich mich traf und bei schwarzem Kaffee den ganzen Tag über Dostojewski und Tarkowskij sprach. Ich war 17 und sie 25. Das war ziemlich lehrreich für mich.

Ricore: Wie wichtig ist es Ihnen, als Künstler und nicht nur als Star betrachtet zu werden?

Farrell: Das wird immer weniger wichtig für mich, denn das ist bloß eine Sache des Egos. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gefällt mir, als Künstler betrachtet zu werden. Doch das ist nichts, was mir Sorgen bereitet. Das hat es früher. Die Meinung der Leute wird durch so viele Dinge beeinflusst, die sie selbst durchgemacht haben und die sie dazu bringen, dich zu mögen oder nicht zu mögen. Der Respekt meiner Kollegen ist mir jedoch sehr wichtig.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  24. August 2012

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