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Interview

Regisseur von "Das Bourne Vermächtnis": Tony Gilroy
Universal Pictures International

'Spionagefilme reflektieren soziale Ängste'

Tony Gilroy packt heiße Themen an
Tony Gilroy kennt sich in der Welt der Spionage aus. Schon für die ersten drei Abenteuer des Geheimagenten Jason Bourne schreibt er die Drehbücher. Beim Nachfolger "Das Bourne Vermächtnis" hat er auch die Regie übernommen. Im Interview mit Filmreporter.de spricht der 56-Jährige über die genetische Manipulation von Soldaten, Spionagefilme und seinen neuen Top-Agenten Jeremy Renner.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  12. September 2012
Das Bourne Vermächtnis
Universal Pictures International
Das Bourne Vermächtnis
Ricore: In "Das Bourne Vermächtnis" geht es darum, wie Agenten und Soldaten genetisch manipuliert werden? Wie nah ist das Szenario an der Realität?

Tony Gilroy: Im Film ist nichts wirklich 'Science-Fiction'. Damit will ich nicht sagen, dass die Wirklichkeit so ist, wie wir sie im Film zeigen, aber sie wird auf uns sehr bald zukommen. Die größte Angst der Anti-Doping-Agenturen ist, dass im Sport nach Steroiden- und Blutdoping das genetische Doping der nächste Schritt sein könnte. Die Wissenschaft ist diesbezüglich auf eine geradezu aggressive Art und Weise neugierig. Und das nicht nur in der Form, wie wir es im Film ansprechen. Auch in Form von Implantationen und Drogentests wird versucht, Menschen zu Maschinen zu machen.

Ricore: Die Spezialisten sind nur die Spitze des Eisbergs. Wird der nächste Schritt der sein, dass jeder sich selbst verbessern kann?

Gilroy: Wir sind doch schon mittendrin, finden Sie nicht? Wie viele Studenten nehmen Adderall, Ritalin oder Provisual? Letztere kommen übrigens von der Air Force. Es ist eine wach machende und bewusstseinserweiternde Droge, die es in den USA bereits auf dem Markt gibt. Es ist schon längst keine Fiktion mehr.

Ricore: Sie haben in "Das Bourne Vermächtnis" das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Was war die größte Herausforderung?

Gilroy: Die größte Herausforderung war, einen neuen Charakter zu finden. Alles andere ist durch Anstrengung machbar. Ich war aus der Bourne-Geschichte eigentlich schon raus. Trotzdem ist man auf mich zugekommen nach dem Motto: 'Wir haben keinen Jason Bourne, wir haben eigentlich gar nichts mehr, was können wir tun?' Ich sagte, dass ich den dritten Film noch nicht gesehen habe und dass ich mich melden werde, wenn ich etwas in petto habe. Nachdem ich mir "Das Bourne Ultimatum" angeschaut hatte, rief ich meinen Bruder an und fragte ihn, wie wir das Ganze noch größer machen können.

Ricore: Wie ging es dann weiter?

Gilroy: Dann wandte ich mich an die Produzenten und teilte Ihnen mit, dass man bei der Fortsetzung das Ende des vorausgegangenen Films berücksichtigen sollte. Und so kamen wir auf diese sexy Idee, den einen Film gegen anderen spielen zu lassen. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich aber noch nicht daran, dass ich einen griffigen Charakter haben werde. Ich machte mich zwei Wochen an die Arbeit und spielte etwas herum und heraus kam Aaron Cross. Von da an war alles andere zum Greifen nahe.

Ricore: Der Charakter ist also das fehlende Glied?

Gilroy: Der Charakter ist bei mir immer das fehlende Glied. Alles entsteht aus dem Charakter heraus. Er ist das einzige von Interesse.


Das Bourne Ultimatum
Universal
Das Bourne Ultimatum
Ricore: Gab es nicht die Erwägung, wie in den Jack-Ryan-Filmen Jason Bourne von verschiedenen Schauspielern spielen zu lassen?

Gilroy: Ich glaube nicht, dass man das mit Bourne machen kann. Natürlich haben wir darüber nachgedacht und es gab auch entsprechende Entwürfe. Ich war aber nicht daran interessiert. Was das Bourne-Franchise so kraftvoll macht, ist die Tatsache, dass es frei von Zynismus ist. Integrität spielt bei dieser Reihe eine große Rolle. Man konnte Matt Damon einfach nicht ersetzen. Bei anderen Franchises mag das funktioniert haben, hier wäre es nicht gegangen.

Ricore: Sie sagen, dass die Reihe nicht zynisch ist, aber sie handelt von Zynismus.

Gilroy: Ich weiß nicht, ob man das als Zynismus bezeichnen kann. Schauen Sie sich zum Beispiel die Machtzentrale an. Die Figur von Edward Norton hat nichts Zynisches an sich, sie hat vielmehr eine klare und eindeutige Weltanschauung. Die Reinheit seines Glaubens grenzt fast ans Religiöse. Ob das, was er macht, falsch oder richtig ist, mag dahin gestellt sein. Ich zum Beispiel teile nicht seine Anschauung. Er hält sich für einen Patrioten. Als ich von Zynismus sprach, habe ich die Motivation der Filmemacher gemeint im Sinne von: Egal was wir mit dem Franchise anfangen, Hauptsache wir machen damit Kohle.

Ricore: Wie sind Sie auf Jeremy Renner als Hauptdarsteller gekommen?

Gilroy: Ich dachte, dass das einfach werden würde. Dann haben wir viele Leute getroffen. Einige haben uns im positiven, andere im negativen Sinne überrascht. Mit ein paar wenigen haben wir dann ein paar Tests gemacht. Jeremy war aber nie auf unserer Liste. Zu dem Zeitpunkt war er nicht verfügbar. Dann trafen Frank Marshall und ich Jeremy in Berlin, wo wir uns zum Abendessen trafen. Am nächsten Tag war es alles klar.

Ricore: Was macht ihn für das Action-Genre so attraktiv?

Gilroy: Wir hatten mit Matt Damon einen großartigen Schauspieler und brauchten nun jemanden, der ihn würdig ersetzt. Wir brauchten einen Spitzenschauspieler und wussten, dass Jeremy großartig ist. Außerdem sollte er sehr athletisch sein und allen körperlichen Anforderungen gerecht werden. Zu guter Letzt wollten wir jemanden mit Wiedererkennungswert haben, auf den sich das Publikum noch nicht allzu sehr festgelegt hat.

Ricore: Matt Damon hat gesagt, dass er sich vorstellen könnte, in einer Fortsetzung mitzumachen, um als Jason Bourne auf Aaron Cross zu treffen. Haben Sie diese Möglichkeit auch schon in Betracht gezogen?

Gilroy: Ich glaube nicht, dass Matt das gesagt hat. Ich glaube auch nicht, dass das jemand anderes gesagt hat. Es ist unmöglich, dass das jemand gesagt haben könnte, weil es Bezüglich einer Fortsetzung noch keinerlei Pläne gibt. Ich habe weder ein Angebot oder einen Auftrag erhalten. Wir lassen zunächst einmal das Publikum entscheiden und machen alles Weitere davon abhängig.


Jeremy Renner in "Das Bourne Vermächtnis"
Universal Pictures International
Jeremy Renner in "Das Bourne Vermächtnis"
Ricore: Ist es für einen Regisseur einfacher, einen Film zu drehen, wenn er selbst das Drehbuch geschrieben hat?

Gilroy: Ich denke schon. Meine Lieblingsfilme sind die, die eine einzigartige Vision haben. Es kann außerdem sehr hilfreich sein, wenn man als Regisseur sein eigenes Drehbuch inszeniert.

Ricore: Weil man keine Kompromisse eingehen muss?

Gilroy: Dass Drehbuchautoren Regie führen, um ihr eigenes Werk zu schützen, ist der falsche Grund. Ich war sehr frei, in dem was ich tun wollte. Während der Dreharbeiten wussten wir nicht, wo wir am Ende landen werden. Es gab zum Beispiel drei verschiedene Möglichkeiten, was das Verhältnis zwischen den beiden Protagonisten angeht. Sie hätten Bruder und Schwester sein können, Arzt und Patient oder sich am Ende ineinander verlieben können. Als Autor hat man immer die Möglichkeit, sich die Sache anzuschauen und entscheiden, was funktioniert und was nicht.

Ricore: Waren Sie schon einmal enttäuscht, nachdem sie gesehen haben, was Regisseure aus Ihrer Geschichte gemacht haben?

Gilroy: Selbstverständlich - des Öfteren. Aber das gehört zum Leben eines Drehbuchautors dazu.

Ricore: Inwiefern haben die "Bourne"-Filme das Spionage-Genre verändert?

Gilroy: Es ist 13 Jahre her, dass wir mit den Filmen gestartet sind. Ich hatte immer versucht, Regisseure für kleinere Actionfilme zu interessieren. Wir haben dann "Lebenszeichen - Proof of Life" gemacht, der am Ende großartige Actionszenen hatte. Es hatte sich einfach gut angefühlt, einen Film zu machen, der sich auf die Charaktere einlässt und zugleich mit präzisen und wohldosierten Action-Elementen aufwartet. Als Doug Liman zu "Die Bourne Identität" stieß, plante er einen überdimensionalen Actionfilm mit spektakulären Actionszenen in einer U-Bahn. Ich sagte: 'Mach es kleiner'. Die Idee war, keinen orchestralen, sondern einen kammerspielartigen Actionfilm zu realisieren. Wenn man die Charaktere ernst nimmt und die Geschichte authentisch anlegt, kann das genauso aufregend sein wie Actionszenen mit 50 Helikoptern. Wenn die Reihe etwas zum Spionage-Genre beigetragen hat, dann war es das.


Regisseur Tony Gilroy auf der Premiere von "Das Bourne Vermächtnis"
Universal Pictures International
Regisseur Tony Gilroy auf der Premiere von "Das Bourne Vermächtnis"
Ricore: Es scheint, als hätten Sie damit die James Bond-Macher unter Druck gesetzt.

Gilroy: Ja, davon habe ich auch gehört [lacht].

Ricore: Worin sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen Jason Bourne und Aaron Cross?

Gilroy: Da gibt es riesige Unterschiede, dennoch scheinen sie wie Cousins zu sein. Jason Bourne weiß nicht, wer er ist und will das herausfinden. Hinzu kommt, dass er in einem moralischen Dilemma steckt. Er hält sich für einen guten Menschen, in seinen Gedanken schwirren aber grausame Taten herum. Das reichte für drei Filme. Aaron Cross nimmt an einem anderen Programm teil. Die Leute im Dreadstone-Programm waren Killer. Im Programm von Aaron Cross geht es um Spionage. Aaron ist viel isolierter und operiert an viel gefährlicheren Orten. Er ist sehr anpassungsfähig und kann besser auf Menschen eingehen. Er ist viel mehr auf die Gesellschaft ausgerichtet. Er weiß auch ganz genau, woher er kommt und wie schrecklich seine Ursprünge sind. Was mich an dieser Figur faszinierte, war die Tatsache, dass sie eine dunkle Vergangenheit hat.

Ricore: "Das Bourne Vermächtnis" spielt in verschiedenen Ländern. Ist das inzwischen Pflicht für einen guten Actionfilm?

Gilroy: Nein, das glaube ich nicht. Man kann bei Actionfilmen alles tun und sie auch überall auf der Welt ansiedeln. Bei der "Bourne"-Reihe gehört dieser Aspekt zum Standard. Sie spielen an verschiedenen Orten, die wir aber nicht von ihrer Glanzseite zeigen. Als wir in Paris gedreht haben, zeigten wir nicht den Eiffelturm oder ähnliche Landmarks. Nein, es gibt keine Einschränkungen, man kann einen guten Actionfilm auch in einem einzigen Gebäude spielen lassen.

Ricore: Warum sind Spionagefilme Ihrer Meinung nach so beliebt beim Publikum?

Gilroy: Dafür gibt es viele Gründe. Konflikte und Themen wie Leben und Tod sind immer gut für Dramen. Auch politische Inhalte eigenen sich dafür gut. Wie das Science-Fiction-Genre können auch Spionagefilme soziale Ängste reflektieren. Sehen Sie sich zum Beispiel die Bücher von John Le Carré an. Es gibt kaum einen zweiten Autoren, der sich tiefer mit menschlichen Problemen befasst als er. Der Spionage-Stoff war lediglich der Hintergrund dafür.

Ricore: Können Sie uns schon was über ihr nächstes Projekt verraten?

Gilroy: Nach zwei Jahren und drei Monaten Arbeit an diesem Film, bin ich glücklich, morgen nach Hause zu kommen. Ich habe keine Ahnung, was ich als nächstes machen werde. Ich habe zurzeit keine Verpflichtungen und auch keine Projekte in Aussicht. Ich werde nach Hause gehen und die Ruhe genießen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  12. September 2012

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