Interview: Margarethe von Trotta zu zu Hannah Arendt | FILMREPORTER.de
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Interview

Margarethe von Trotta am Set von "Hannah Arendt"
Hannah Arendt war ein großzügiger Mensch

Margarethe von Trotta fürs freie Denken

In "Hannah Arendt" nimmt sich Margarethe von Trotta dem Leben der Publizistin und Philosophin Hannah Arendt an. Dabei beleuchtet die Regisseurin auf den Lebensabschnitt Arendts, in dem diese als Journalistin am Prozess gegen Adolf Eichmann begleitet und ihre Beobachtungen später in ihrem Buch über die 'Banalität des Bösen' veröffentlicht. "Hannah Arendt" ist ein Plädoyer für das freie Denken und ein bewegender Film. Im Interview mit Filmreporter.de spricht die Regisseurin über den Menschen Arendt, die laut Zeitgenossen ein 'Genie der Freundschaft' war. Außerdem hat uns die 70-Jährige erklärt, warum Adolf Eichmann nicht von einem Schauspieler dargestellt werden konnte.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 11. Januar 2013

Margarethe von Trotta

Margarethe von Trotta

Ricore: Frau von Trotta, warum kommt "Hannah Arendt" 2012 in die Kinos? Wäre der 100. Jahrestag Hannah Arendts im Jahr 2006 nicht geeigneter gewesen?

Margarethe von Trotta: Wir hatten ja gehofft, dass wir den Film früher in die Kinos bekommen. Bereits 2002 stand die Idee. 2004 hatten wir das erste Drehbuch fertig. Aber das Geld ist erst so spät zusammengekommen. Ein Film wie "Hannah Arendt" ist nun mal kein "Cloud Atlas". Der hat bei 100.000 Euro Produktionskosten an die 17 Millionen aus Deutschland bekommen. Ich finde es schön, wenn das jemand schafft. Aber wenn man sieht, wie viele Schwierigkeiten ich und meine Produzenten haben, um ein paar Milliönchen für einen Film zusammen zu kriegen, dann ist das doch erstaunlich. Das war der Grund, warum wir Koproduzenten aus Luxemburg, Frankreich und Israel zusammengetrommelt haben. In Deutschland allein hätten wir den Film niemals realisieren können.

Ricore: Sie konzentrieren sich auf ihre Erlebnisse beim Eichmann-Prozess. Warum diese zeitliche Einschränkung?

Von Trotta: Am Anfang planten wir ein konventionelles Biopic. Der Film sollte sich von Arendts erster Begegnung mit Martin Heidegger bis zu ihrem Tod erstrecken. Wir haben aber schnell erkannt, dass wir es unter der Prämisse selbst bei einer Filmlänge von drei Stunden nicht geschafft hätten, dem Stoff Tiefe zu verleihen. Der Film hätte sich von einer Station zur nächsten gehangelt. Schließlich hatte Hannah Arendt ein sehr bewegtes Leben. 1933 emigrierte sie von Deutschland nach Frankreich, wo sie ihren Mann Heinrich Blücher traf. Als die Deutschen Frankreich besetzten, kam sie ins Internierungslager in Gurs, von wo ihr die Flucht gelang. Alle anderen Lagerinsassen wurden nach Auschwitz deportiert. 1941 ging sie mit Blücher nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod blieb. Das war viel zu viel Stoff, um ihn in einem Film unterzubringen. Also überlegten wir uns, was das Wichtigste für uns und für Deutschland war. Und das ist nun mal der Eichmann-Prozess. Arendts Buch über diesen Prozess, in dem sie sich mit der 'Banalität des Bösen' auseinandersetzt, ist außerdem ihr bekanntestes Werk.

Ricore: Hinzu kommt, dass die im Buch vorhandene Konfrontation mit Eichmann verfilmbar ist.

Von Trotta: Ja, ich fand diese Gegenüberstellung sehr spannend. Das Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" ist keine abstrakte philosophische Abhandlung, wie ihre anderen Werke. Das Duell ist ein wesentliches Element im Film. Es geht um sie und um Eichmann. Ohne dass er es merkt, beobachtet sie ihn während des Prozesses, und kommt durch ihn zu ihren bahnbrechenden Erkenntnissen. Eichmann ist durch Arendt und ihr Buch erst berühmt geworden. Er wird für immer mit dem Begriff der Banalität des Bösen verbunden bleiben.

Ricore: Wie schwierig war es, hinter der Philosophin den Menschen Hannah Arendt zu entdecken?

Von Trotta: Es gibt eine wunderbare Biographie von Elisabeth Young-Bruehl, die erste überhaupt, die über Hannah Arendt verfasst wurde. Young-Bruehl war eine Studentin Arendts. Drehbuchautorin Pam Katz und ich haben sie im Rahmen der Vorbereitung zum Film getroffen. Leider ist sie vor zwei Jahren viel zu früh gestorben. Wir haben auch Arendts Assistenten Jerome Kohn gesprochen sowie Lotte Köhler, Arendts letzte noch lebende Freundin. Leider ist auch sie vor anderthalb Jahren gestorben. Diese drei Personen wurden irgendwann zu unserer Familie. Wir haben sie bis zum Schluss regelmäßig getroffen und konnten sie zu jedem Detail über Hannah Arendt befragen. Jerome haben wir sogar E-Mails geschickt, um zu erfahren, welche Farbe ihr Lippenstift hatte oder was sie für Kleider trug. Alle drei waren verlässliche Informationsquellen. Einmal schrieb uns Jerome, dass Mary McCarthy ein 'Mode-Pferd' gewesen sei, während Arendt eher zurückhaltend gekleidet war. Heute würde man das als bieder bezeichnen. Aber das waren nun mal die 1960er. Außerdem hatten die Emigranten kein Geld für extravagante Mode. Sie errichteten in den USA ein kleines Europa, kleideten sich europäisch und richteten ihre Wohnungen im europäischen Stil ein.

Ricore: Und vergaßen auch ihre Sprache nicht, wie man in "Hannah Arendt" merkt.

Von Trotta: Ja, wenn die Emigranten zusammenkamen, konnten sie plötzlich auch in ihrer Muttersprache reden. Als der Kreis um Hannah Arendt bei einer Diskussion richtig in Fahrt geriet, kümmerten sie sich nicht darum, ob sich ihre amerikanischen Freunde in der Runde befanden oder nicht. Sie fingen ganz einfach an, auf Deutsch zu debattieren. Auch diese Information haben wir von Lotte Köhler.

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