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Interview

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Hannah Arendt

Hannah Arendt

Ricore: Sie lassen in "Hannah Arendt" Adolf Eichmann nicht von einem Schauspieler darstellen, sondern zeigen ihn ausschließlich in Archivaufnahmen. Warum?

Von Trotta: Das war mir ganz wichtig. Wenn ein Schauspieler Eichmann dargestellt hätte, hätte der Zuschauer nur darauf geachtet, wie gut bzw. schlecht er ihn darstellt. Er hätte nicht die tatsächliche Mittelmäßigkeit des Mannes mitbekommen, sondern nur die Leistung des Künstlers gewürdigt bzw. kritisiert. Ich wollte, dass der Zuschauer zum selben Ergebnis kommt wie Hannah Arendt, wenn sie Eichmann sieht und reden hört. Das schafft man nur mit der echten Gestalt.

Ricore: Auch wenn Sie Hannah Arendt die Verhandlung vom Presseraum aus verfolgen lassen, gibt es eine Szene, in der sie im Gerichtssaal ist und Eichmann persönlich begegnet. Wo haben Sie diese Szene gedreht.

Von Trotta: Wir haben sie genau dort gedreht, wo die Verhandlung stattfand. Heute ist der Raum ein Theater. Wir mussten nur die Bühne etwas erhöhen und den Glaskasten wieder hineinstellen. Der Raum selber ist noch genau so, wie er war.

Ricore: Einer der größten Kritikpunkte an Arendt richtete sich gegen ihre Ausführungen über die Schuld der Judenräte während des Holocaust. Auch das verschweigen Sie nicht im Film.

Von Trotta: Ja, das war ein zentraler Punkt in ihrer Darstellung des Prozesses. Sie sagte, dass das Verhalten mancher Judenräte, ihre Kooperation mit den Nationalsozialisten eines der dunkelsten Kapitel in der ganzen finsteren Geschichte darstellt. Als sie von vielen Menschen gefragt wurde, warum sie das geschrieben habe, sagte sie, dass es so gewesen ist und es nicht verschweigen konnte.

Ricore: Worin bestand genau die Kooperation der Judenräte mit den Nationalsozialisten?

Von Trotta: Sie stellten unter anderem Listen zusammen, in denen Anzahl und Vermögen ihrer Gemeindemitglieder verzeichnet waren. Außerdem baten sie die Juden, sich ordentlich zu den Zügen zu bewegen. Natürlich wussten sie nicht, dass diese Züge in den Tod fuhren. Trotzdem: ein bisschen mehr Widerstand hätte vielleicht einigen Menschen das Leben gerettet. Das meinte Arendt in ihrem Bericht. Da war einiges, was nicht ganz koscher war. Die eigentliche Leistung Hannah Arendts war, dass sie die schuldhafte Verstrickung nicht nur mancher Judenrat erklärte. Sie behauptete, dass der Totalitarismus einen umfassenden moralischen Kollaps zur Folge hatte. Nicht nur die Täter und die Mörder waren davon betroffen, sondern auch die Opfer. Das ist ihre große Erkenntnis und dagegen haben sich viele Juden natürlich gewehrt. Arendt hat aber auch gesagt: Warum soll man erwarten, dass die Juden bessere Menschen sind. Sie sind Menschen wie alle anderen, mit all ihren guten und schlechten Eigenschaften.

Ricore: Menschsein war für Arendt auch mit Freundschaft verbunden.

Von Trotta: Lotte Köhler sagte von Arendt, dass sie ein Genie der Freundschaft gewesen ist. Diese Eigenschaft gerät bei der Kontroverse über ihre Person und dem Vorwurf, sie sei kalt und gefühllos, leicht in Vergessenheit. Arendt war warmherzig und hilfsbereit. Als sie nach dem Krieg erfuhr, dass Karl Jaspers noch am Leben ist, schickte sie ihm sofort Care-Pakete. Sie hat sich sehr um ihre Freunde und ihre Mitmenschen gekümmert. Sie war ein großzügiger Mensch.

Ricore: Danke für das Gespräch
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 11. Januar 2013

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