Interview: Margarethe von Trotta zu zu Hannah Arendt | FILMREPORTER.de
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Hannah Arendt (Barbara Sukowa) und Hans Jonas (Ulrich Noethen)

Hannah Arendt (Barbara Sukowa) und Hans Jonas (Ulrich Noethen)

Ricore: Sie sagten in einem Interview, dass 'Hannah Arendt' ihr schwierigster Film sei. Wie meinten sie das?

Von Trotta: Ein Film über eine Denkerin ist nicht gerade das, wozu sich Filmemacher sonst hingezogen fühlen. Ich für meinen Teil liebe Herausforderungen und bin der Meinung, dass ich umso mehr Mut haben muss, je älter ich werde. Ich möchte mir am Ende meiner Tage nicht vorwerfen, warum ich das oder jenes nicht gemacht habe, nur weil ich Angst vor dem Scheitern hatte. Man muss den Schwierigkeitsgrad immer erhöhen.

Ricore: Sie beschäftigen sich immer wieder mit historischen Frauenfiguren. Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen Filmen wie "Die Geduld der Rosa Luxemburg", "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" und "Hannah Arendt"?

Von Trotta: Von Rosa Luxemburg führt ein direkter Weg zu Hannah Arendt, auch wenn ich viele Sachen dazwischen gemacht habe. Rosa schaute mit großer Hoffnung auf das 20. Jahrhundert. Es sollte das Jahrhundert der Erfüllung werden. Man war optimistisch, dass im 20. Jahrhundert alles gerechter werden würde. Hannah blickt auf das Jahrhundert zurück und analysiert es auf eine brillante Weise. Die beiden Filme bilden also eine Klammer. Zwischen ihnen könnte man die "Rosenstraße" ausmachen, ein Film über Frauen in einer sehr finsteren Zeit des 20. Jahrhunderts.

Ricore: Trotz Ihrer Beschäftigung mit starken Frauenpersönlichkeiten gelten Sie nicht - bzw. nicht mehr - als feministische Regisseurin. Woran liegt das?

Von Trotta: Es freut mich, dass Sie das sagen. Ich galt lange Zeit als feministische Regisseurin und wurde deswegen von männlichen Kritikern heftig angegriffen. Ich las Kritiken über mich, in denen es hieß, warum man mir überhaupt Geld für einen Film gebe. Und das nur, weil ich keinen Schwanz habe. So weit ging der Sexismus. Das war in den 1980er Jahren. Vielleicht haben sich die Zeiten geändert. Eine Frau wird heute nicht gleich als Emanze bezeichnet, nur weil sie Filme über Frauen macht. Früher hatten die Journalisten Angst vor mir. Sie dachten, ich würde zum Interview mit einem Messer erscheinen. Als sie merkten, dass ich eine ganz normale Person bin, waren sie ganz erstaunt. Natürlich hatte ich für Frauenrechte gekämpft. Das mussten wir damals, sonst hätten wir keinen Film machen können. Caroline Link sagte mir neulich: 'Ohne euch wären wir heute nicht da'. Wir hatten damals die ganze Schelte abbekommen. Die jüngeren leben davon. Ich will keine Dankbarkeit, um Gottes willen. Ich will nur sagen, dass sich die Zeiten geändert haben.

Ricore: Hannah Arend war in ihrer Zeit Universitätsprofessorin, wo Frauen höchstens als Sekretärinnen angestellt waren.

Von Trotta: Ganz genau. Als sie in Princeton Gastprofessorin wurde, wollte man mit ihr Werbung machen. Man wollte sich mit ihr als erste Frau schmücken, die als Professorin tätig ist. Sie hat das aber abgelehnt.

Ricore: Nachdem sie ihre Thesen über Eichmann und die Judenräte veröffentlichte und verteidigte, wurde ihr Gefühllosigkeit vorgeworfen. Würden Sie dem zustimmen?

Von Trotta: An dieser Kritik ist überhaupt nichts dran. Natürlich hatte Hannah Arendt Gefühle. An einer Stelle im Film sagt Heinrich Blücher, dass es schamlos gewesen wäre, wenn sie ihre Gefühle in die ganze Kontroverse hineingebracht hätte. Das war eine bewusste Zurückhaltung. Laut Lotte Köhler war Arendt durch die anhaltende Kritik an ihrer Person mit den Nerven fertig. Auch der Holocaust hat sie persönlich sehr mitgenommen.

Ricore: Gibt es heute noch immer kritische Äußerungen gegen Arendt und ihre Thesen?

Von Trotta: Einige können ihr bis heute nicht verzeihen. Ich war vor kurzem in Israel, wo der Film gezeigt wurde. Eine Frau kam auf mich zu und sagte, dass sie Hannah Arendt hasse. Sie wäre kalt und gefühllos. Ich sagte ihr: 'Wenn sie den Film gesehen haben, dann haben sie doch hoffentlich gemerkt, dass sie so herzlos nicht gewesen ist. 'Ich hasse sie mehr denn je', sagte sie. Es gibt halt Menschen, die mit vorgefasster Meinung ins Kino gehen und auch nichts anderes sehen wollen als das, was ihre Meinung bestätigt.

Hannah Arendt

Hannah Arendt

Ricore: Sie lassen in "Hannah Arendt" Adolf Eichmann nicht von einem Schauspieler darstellen, sondern zeigen ihn ausschließlich in Archivaufnahmen. Warum?

Von Trotta: Das war mir ganz wichtig. Wenn ein Schauspieler Eichmann dargestellt hätte, hätte der Zuschauer nur darauf geachtet, wie gut bzw. schlecht er ihn darstellt. Er hätte nicht die tatsächliche Mittelmäßigkeit des Mannes mitbekommen, sondern nur die Leistung des Künstlers gewürdigt bzw. kritisiert. Ich wollte, dass der Zuschauer zum selben Ergebnis kommt wie Hannah Arendt, wenn sie Eichmann sieht und reden hört. Das schafft man nur mit der echten Gestalt.

Ricore: Auch wenn Sie Hannah Arendt die Verhandlung vom Presseraum aus verfolgen lassen, gibt es eine Szene, in der sie im Gerichtssaal ist und Eichmann persönlich begegnet. Wo haben Sie diese Szene gedreht.

Von Trotta: Wir haben sie genau dort gedreht, wo die Verhandlung stattfand. Heute ist der Raum ein Theater. Wir mussten nur die Bühne etwas erhöhen und den Glaskasten wieder hineinstellen. Der Raum selber ist noch genau so, wie er war.

Ricore: Einer der größten Kritikpunkte an Arendt richtete sich gegen ihre Ausführungen über die Schuld der Judenräte während des Holocaust. Auch das verschweigen Sie nicht im Film.

Von Trotta: Ja, das war ein zentraler Punkt in ihrer Darstellung des Prozesses. Sie sagte, dass das Verhalten mancher Judenräte, ihre Kooperation mit den Nationalsozialisten eines der dunkelsten Kapitel in der ganzen finsteren Geschichte darstellt. Als sie von vielen Menschen gefragt wurde, warum sie das geschrieben habe, sagte sie, dass es so gewesen ist und es nicht verschweigen konnte.

Ricore: Worin bestand genau die Kooperation der Judenräte mit den Nationalsozialisten?

Von Trotta: Sie stellten unter anderem Listen zusammen, in denen Anzahl und Vermögen ihrer Gemeindemitglieder verzeichnet waren. Außerdem baten sie die Juden, sich ordentlich zu den Zügen zu bewegen. Natürlich wussten sie nicht, dass diese Züge in den Tod fuhren. Trotzdem: ein bisschen mehr Widerstand hätte vielleicht einigen Menschen das Leben gerettet. Das meinte Arendt in ihrem Bericht. Da war einiges, was nicht ganz koscher war. Die eigentliche Leistung Hannah Arendts war, dass sie die schuldhafte Verstrickung nicht nur mancher Judenrat erklärte. Sie behauptete, dass der Totalitarismus einen umfassenden moralischen Kollaps zur Folge hatte. Nicht nur die Täter und die Mörder waren davon betroffen, sondern auch die Opfer. Das ist ihre große Erkenntnis und dagegen haben sich viele Juden natürlich gewehrt. Arendt hat aber auch gesagt: Warum soll man erwarten, dass die Juden bessere Menschen sind. Sie sind Menschen wie alle anderen, mit all ihren guten und schlechten Eigenschaften.

Ricore: Menschsein war für Arendt auch mit Freundschaft verbunden.

Von Trotta: Lotte Köhler sagte von Arendt, dass sie ein Genie der Freundschaft gewesen ist. Diese Eigenschaft gerät bei der Kontroverse über ihre Person und dem Vorwurf, sie sei kalt und gefühllos, leicht in Vergessenheit. Arendt war warmherzig und hilfsbereit. Als sie nach dem Krieg erfuhr, dass Karl Jaspers noch am Leben ist, schickte sie ihm sofort Care-Pakete. Sie hat sich sehr um ihre Freunde und ihre Mitmenschen gekümmert. Sie war ein großzügiger Mensch.

Ricore: Danke für das Gespräch
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 11. Januar 2013

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