ZDF/noirfilm/Fred Jordão
Nash Laila in "Glückliche Wüste" (Deserto Feliz )
Brasilianische Kinderstube
Interview: Peter Ketnaths wunderbare Exkursionen
Glatt rasiert und mit einem ordentlichem Haarschnitt ist Schauspieler Peter Ketnath im Interview kaum wiederzuerkennen. Als deutscher Tourist Mark ist der 33-jährige in Paulo Caldas' Drama "Glückliche Wüste" mit Bart und langem Haar mit seinen Freunden im brasilianischen Recife unterwegs. Dort trifft er auf die 16-jährige Prostituierte Jéssica. Für den in München geborenen Ketnath ist es bereits das zweite Filmprojekt in Brasilien. Vor allem seine brasilianische Ehefrau konnte ihn von den Vorzügen des südamerikanischen Landes überzeugen.
erschienen am 5. Mai 2013
ZDF/noirfilm/Fred Jordão
Peter Ketnath in "Glückliche Wüste" (Deserto Feliz )
Ricore: Wie sehen Sie die Rolle von Mark? Ist er mit seinen Freunden nur auf Spaß aus?

Peter Ketnath: Natürlich fahren sie nach Recife, um Spaß zu haben. Dazu kommen Sonne und Drogen. Das ist das Grundkonstrukt. Die Rolle ist aber wesentlich komplexer. Er hat Geld. Es ist so wie wenn Banker zum Surfen fahren. Sie entpuppen sich im Urlaub und kommen aus sich heraus. Mark ist kein Klischee-Sex-Tourist oder Neckermann-Typ, der sich nur zuballern will. Er ist schon über den Punkt hinweg, dass er große erotische Abenteuer sucht. Er ist auf einer Art Egotrip. Als er Jéssica kennenlernt, ist er zunächst selbst irritiert. Aber er ist in einer Position, in der er machen kann was er will. Er kennt sich mit dem Land aus, wie alles dort abläuft. Er ist ein Zyniker und Kosmopolit.

Ricore: Sie sind durch Ihre Frau nach Brasilien gekommen?

Ketnath: Ich habe meine Frau in Berlin kennen gelernt. Sie sagt mir immer wieder "Ich bin Deutscher als Du". Sie ist seit zwölf Jahren hier. Sie hat mir über ihre Heimatstadt Salvador erzählt. Es ist die alte erste Großstadt Brasiliens und nach wie vor die Wiege der Kultur. Ob Schauspieler oder Musiker - jeder hat den Weg über Salvador gemacht. Ich bin mit ihr dort hingekommen. Ich war also nicht als Tourist dort sondern sozusagen als Einheimischer. Das hat mir einen Kosmos erschlossen, wo ich gesagt habe, hier will ich erst mal nicht weg. Ich war drei Monate da und kam dann zurück und sprach schon passabel Portugiesisch. Es gab auch keine andere Möglichkeit, um sich mit den Leuten auf der Straße verständigen zu können. Es spricht dort niemand Englisch. Ich war nicht im Armen- oder Reichenviertel untergebracht sondern im Zentrum der Stadt. Es war wie eine Art Schmelztiegel. Das war so ein bisschen meine Kinderstube in Sachen Brasilien. Dann kam der Film mit Marcelo, über ihn habe ich Paulo kennen gelernt. Das hat mir wahnsinnig viel gegeben. Es ist genau das, was ich lange machen wollte. Ein Autorenfilm, wo die Leute zwar die Kontrolle haben, aber innerhalb des Teams jeder seine eigene Stimme hat.

Ricore: Marcelo Gomes hatte Sie in Deutschland für "Cinema, Aspirinas e Urubus" entdeckt.

Ketnath: Eine brasilianische Schauspielerin, die seit 15 Jahren in Berlin lebt, wurde von Marcelo beauftragt, einen deutschen Schauspieler zu suchen. Er sollte wenn möglich Portugiesisch sprechen. Drei Jahre zuvor hatte ich bereits die Produzentin auf der Berlinale getroffen. Sie meinte, ich würde genau auf die Rolle passen. Sie hat mir darüber fünf Minuten erzählt und ich hab sofort gesagt, dass ich das Projekt wirklich gerne machen will. Wir sind dann im Kontakt geblieben. Ich habe einige Tests gemacht und Marcelo hat mir das Drehbuch geschickt. Ich habe ihm dazu Feedback zurückgeschickt, was er auch wollte. Das war der Beweis für ihn, dass ich verstehe was er will. Dann hat er mich eingeladen. Ich hatte in Deutschland einige Verpflichtungen, die habe ich dann einfach geschnitten und gesagt, ich gehe nach Brasilien. Es war ein viel aufwendigerer Film als der von Paulo. Ein größerer logistischer Aufwand. Es war viel drehbuchgetreuer, da es ein historischer Stoff war. Bei Paulo wurde sozusagen irgendwann das Drehbuch einfach weggeworfen. Aber es waren zwei wunderbare Exkursionen.
ZDF/noirfilm/Germano Coelho
Nash Laila in "Glückliche Wüste" (Deserto Feliz )
Ricore: Was sind die Unterschiede in der Filmindustrie zwischen Brasilien und Deutschland?

Ketnath: In Deutschland gibt es sehr wenige, die den Mut haben, so weit zu gehen, dass man sagt, wir machen das jetzt und wir gucken mal wohin das führt. Normalerweise drückt das große Budget in Deutschland generell auf die Spontaneität. Wir gehen mehr mit dem Kopf an die Sache heran und glauben mehr an die Hierarchien. Wo kommt das Geld her, wen muss man zufrieden stellen. Da hat Paulo die radikale Tour gewählt, nicht so lange zu warten bis er es machen kann. Das ist für mich ein authentischer Autorenfilmer.

Ricore: Wie sehen Sie als Ausländer das Leben in Brasilien?

Ketnath: Als ich die Sprache noch nicht so gut verstanden habe, habe ich gedacht die sind ja wahnsinnig fröhlich. Die leben ja nur in den Tag hinein. Das war in Bahia, also nicht in den großen Städten wie Sao Paulo oder Rio de Janeiro. Bahia ist historisch von der Sklaverei geprägt. Die Leute haben sich dort über die Jahrhunderte etwas bewahrt. Sie sind eine Art von Rebellen im Geiste. Die Bevölkerung weiß, dass die Politiker sie ausnehmen, sie lassen sich aber dennoch nicht in die Suppe spucken. Es wachsen sehr viele Früchte, es ist immer warm, das Meer - Bahia ist sozusagen der Sunshine-State. Das war mein erster Kontakt mit Brasilien. Die dortige Lebensqualität ist im Endeffekt nicht zu übertreffen. Auch die sozialen Kontakte, wie mit Kindern oder den Alten umgegangen wird und diese auch wahrgenommen werden. Wenn man aber tiefer in die Gesellschaft einsteigt, bemerkt man, dass der Tod ständig mit dabei ist. Es sind jetzt schon einige gute Freunde von mir gestorben, die ich erst vor ein paar Jahren kennen gelernt habe. Sie sind dann auf einmal weg und das ist dann auch normal. Auch wenn man jemanden nicht mehr mag, dann dreht man ihm den Rücken zu und geht. Da sind wir Deutschen wieder anders. Das ist ein spannender Kontrast.

Ricore: Werden Sie weiter in Brasilien drehen?

Ketnath: Zunächst habe ich gerade mit zwei jungen Berliner Regisseuren ein Kinoprojekt abgedreht. Es ist ja auch so, dass es in Brasilien nicht 30 tolle Regisseure gibt. Es werden mir von dort auch Bücher angeboten, bei denen mir die Geschichten nicht unbedingt zusagen. Ich würde sehr gerne mit dem Autorenteam von "Deserto Feliz" erneut zusammen arbeiten. Persönlich liegt mir besonders ein Projekt über die Stadt Salvador am Herzen. Aber generell bin ich für alles offen.

Ricore: Herr Ketnath, vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 5. Mai 2013
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