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Interview

Olli Dittrich ist der "König von Deutschland"
Zweifel als qualitätsfördernder Prozess

Olli Dittrich greift nach den Sternen

Olli Dittrich gehört zu den begnadetsten Komikern des deutschen Fernsehens. Auch sein Idol und Vorbild Loriot schätzte seine Arbeit. Als Dittsche in der Serie "Dittsche - Das wirklich wahre Leben" schreibt er Fernsehgeschichte. In anderen Ausdrucksformen ist der 1955 geborene Künstler gar nicht komisch. Wenn er Musik macht, so als Schlagzeuger der Band Texas Lightning oder Solokünstler, gibt er sich ernst. Auch als Schauspieler sucht er nicht unbedingt nach komischen Rollen. So auch in der Satire "König von Deutschland", wo er einen Durchschnittsdeutschen verkörpert, dessen Leben allmählich aus dem Lot gerät.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  9. September 2013

König von Deutschland

König von Deutschland

Ich hatte das Volkszählungsformular Zuhause
Ricore: Herr Dittrich, "König von Deutschland" handelt von einem Durchschnittsmenschen. Wie viel Durchschnitt steckt in Ihnen?

Olli Dittrich: Durchschnitt ist ja ein Begriff, der meist negativ besetzt ist, der eher in Richtung "spießig", "gewöhnlich" oder "langweilig" ausgelegt wird. Der Durchschnittsmensch Deutschlands, falls es ihn so, wie in unserem Film, wirklich gibt, vereint zunächst nur in den meisten Bereichen des Alltags das, was eben auf die allermeisten Deutschen zutrifft. Wenn es um bürgerliche Alltagsroutine geht, bin ich mit Sicherheit genauso durchschnittlich wie jeder andere auch. Ich mache meine Arbeit seit vielen Jahren. Ich bin fleißig, diszipliniert. Ich wasche meine Wäsche selbst. Ich bringe mein Auto selbst zum TÜV und wohne ganz normal zur erschwinglichen Miete.

Ricore: Gibt es Parallelen zu Thomas Müller? Zum Beispiel die Lieblingsspeise?

Dittrich: Eigentlich nicht. Gelegentliche Übereinstimmung vielleicht; ich gehe zum Beispiel auch gern zum Fußball ins Stadion. Aber das Leben von Thomas Müller, so wie wir es in "König von Deutschland" beschreiben, ist reine Fiktion und Grundlage des absurden Plots. Andererseits ist die Geschichte des Films natürlich faktisch untermauert. Von seiner Lieblingsfarbe oder der bevorzugten Speise bis hin zu kleinsten Details der Wohnzimmereinrichtung waren gesicherte Erkenntnisse, allesamt von David Dietl mühevoll recherchiert, die Grundlage des Drehbuchs. Und die Frage: was passiert, wenn solche Informationen über einen Menschen heimlich gesammelt und gezielt für kriminelle Zwecke verwendet werden. Gerade das Thema Datenspionage- und Missbrauch ist ja über die Fiktion hinaus bitterer Ernst. Insofern liegt der Film, auch wenn er in erster Linie unterhalten soll, ziemlich dicht am aktuellen Zeitgeschehen. Und in der Realität ist ja alles meist noch viel schlimmer.

Ricore: Wie schützen Sie sich vor der überhand nehmenden Überwachung?

Dittrich: Ich habe sicher kein abhörsicheres Netz zu Hause, bin mir aber schon darüber im Klaren, dass ich automatisch mehr Daten preisgebe, als mir vielleicht lieb ist. Allein, wenn ich nur telefoniere, eine E-Mail oder SMS schreibe. Dennoch kann man das ganz sicher auch zu seinen Gunsten beeinflussen. Ich wundere ich mich sowieso oft, wie gedankenlos manche sich darin gefallen, ihr halbes Privatleben inklusive Fotos zu jeder denkbaren Situation zu verbreiten. Was soll das nur? Meine Devise: No social networks! Kein Twitter, kein Facebook. Ich muss auch nicht zu allem und jedem einen Daumen nach oben oder nach unten posten und nicht jeden Mist sofort "bewerten". Ich will kein "Follower" werden und meine Werteeinschätzung wird nicht von Rankings im Netz bestimmt. Ich will meine Ruhe haben. Meine Freunde habe ich über Jahre gewonnen, nicht bei Facebook gesammelt.

Ricore: War die Sensibilisierung zu diesem Thema früher anders?

Dittrich: Anfang der achtziger Jahre, als die Volkszählung in Deutschland geplant war und am Ende an den Protesten der Bevölkerung scheiterte, wurde der Begriff 'Gläserne Taschen' zum geflügelten Wort. Alle hatten Angst, zuviel von sich preisgeben zu müssen. Was da abgefragt wurde ist ein Witz gegen das, was hippe Zeitgeistler heute freiwillig via Facebook von sich in die Welt hinausposaunen.

Ricore: Waren sie bei diesen Protesten auch dabei?

Dittrich: George Orwells Roman "1984" und düsterste Prophezeihungen des Überwachungsstaates machten damals die Runde. Ich hatte das Volkszählungsformular natürlich auch Zuhause, mein Protest bestand darin, es nicht auszufüllen und auch nicht zurückzugeben. Bei den großen Friedensdemonstrationen in den 1980ern war ich dann natürlich auf der Straße, mehrfach. Gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen Pershing II und SS20. Allen war ja klar: wenn die Konflikte der Großmächte eskalieren, finden die Erstschläge in Mitteleuropa, bei uns um die Ecke statt. Große Angst vor dem dritten Weltkrieg war schon allgegenwärtig.

König von Deutschland

König von Deutschland

Olli Dittrich: "Jeder ist heute ständig online"
Ricore: Eine Proteststimmung wie damals spürt man heute nicht?

Dittrich: Naja, es ist halt zur Selbstverständlichkeit geworden, viel umfasslicher und schneller zu kommunizieren, somit auch automatisch viel mehr von sich zu verbreiten. Jeder ist heute ständig online und via smartphone umfasslich erreichbar. Dagegen protestiert ja niemand, im Gegenteil. Vor noch nicht mal zwanzig Jahren hatte praktisch keiner ein handy und war dann halt mal einen Tag oder länger nicht erreichbar. Unvorstellbar! Heute kommen strenge "Reminder", wenn man innerhalb von zwanzig Minuten nicht auf ein mail oder eine sms reagiert. Auch der arglose, durchschnittliche Thomas Müller wird Opfer der virtuellen Kommunikation, allerdings mit schlimmen Konsequenzen: eine einzige mail wird ihm zum Verhängnis und wirft sein Leben komplett aus der Bahn. Das ist die spannende Ausgangsbasis von "König von Deutschland".

Ricore: Ihre Paraderolle ist Dittsche aus der gleichnamigen Serie. Ist Dittsche nicht der klassische Durchschnittsmensch?

Dittrich: Nein, Dittsche ist nicht durchschnittlich. Dittsche ist sogar ganz undurchschnittlich, eine Randfigur der Gesellschaft. Er ist materiell minderbemittelt und repräsentiert einen Menschentypus, der zum großen Teil Schuld an seiner eigenen Situation trägt, dies aber nicht wahrhaben will. Keineswegs dumm. Aber undiszipliniert, besserwisserisch und bequem. Ohne echten Ehrgeiz. Einer, der umso größer die Klappe aufreißt, je mehr Mist er baut.

Ricore: Kamen Sie zur Hauptrolle in "König von Deutschland", weil Sie vielleicht schon einmal mit David Diedls Vater Helmut Dietl zusammengearbeitet haben?

Dittrich: Vielleicht hat das eine untergeordnete Rolle gespielt, da müssten Sie ihn selbst fragen. Irgendwann hat er mich jedenfalls angerufen und erzählt, dass er beim Schreiben der Geschichte von Anfang daran dachte, mich für die Hauptfigur zu besetzen.

Ricore: Damit sind wir wieder beim Thema Durchschnitt. Von was haben sie sich für die Rolle inspirieren lassen? Sie sind ja nicht der Durchschnittstyp.

Dittrich: Naja, man schöpft ja bei jeder Figur aus dem, was man im Laufe der Jahre im wahren Leben so beobachtet und verinnerlicht, denke ich. Eine Figur wie Tomas Müller ist ja im besten Sinne nicht konstruiert, dann wäre sie auch unglaubwürdig. Solche Leute begegnen einem durchaus gelegentlich. Das muss man ja nur wahrheitsgemäß ohne große Übertreibung wiedergeben, mehr nicht. Ich sitze da nicht mit gespitztem Bleistift und Prüfungsbogen herum und mache mir Notizen oder übe irgendwas mühsam vor dem Spiegel. Müller ist verheiratet, hat einen Sohn, fährt Golf, isst gerne Schnitzel, liebt den FC Bayern München und spart auf ein Häuschen. Nach zwei Seiten Drehbuch war klar, wer das ist und wie man sich fühlen muss, wenn man zu so jemandem wird. Und darum geht es doch nur.

Ricore: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Schauspielerei für einen Film und dem, was Sie fürs Fernsehen machen, zum Beispiel Parodien? Ist das ein Unterschied zwischen Schöpfung und Imitation?

Dittrich: In der Parodie oder Imitation liegt sehr viel Selbsterdachtes. Nämlich immer dann, wenn man dem populären Vorbild erfundene Dinge in den Mund legt, die wahr sein könnten. Dadurch wird es im besten Fall lustig, weil die Entgleisung oder das von sich aus Komische des Vorbild deutlich wird. Impro-Formate sind eine spezielle Disziplin. Was wir bei "Dittsche" machen, lebt vom besonderen Augenblick des Entstehens ohne Drehbuch und der Tatsache, dass der Zuschauer dabei zusehen kann. Und wir senden Live. Eine gelungene Mischung aus Anarchie und Disziplin bestimmen hier Geschehen und Resultat. Das ist Risiko und Chance zugleich.

Normalverbraucher Olli Dittrich in "König von Deutschland"

Normalverbraucher Olli Dittrich in "König von Deutschland"

Trennung zwischen Fernsehen, Film und Musik
Ricore: Warum ist Ihnen die Trennung zwischen Fernsehen, Film und Musik so wichtig? Warum machen Sie beispielsweise keine komische Musik?

Dittrich: Das sind meist unterschiedliche Disziplinen, die aber durchaus mal neben- und miteinander Platz haben können. Bei "Die Doofen" war das zum Beispiel so.

Ricore: Mit Musik hat Ihre Karriere ja auch angefangen, oder?

Dittrich: Eigentlich war es die Malerei, ich bin gelernter Theatermaler. Meine Mutter ist Malerin, und ich bin mit der Malerei groß geworden. Das war auch das einzige Fach in der Schule, in dem ich durchgängig eine Eins hatte. Über den Rest der Schulzeit decken wir den Mantel des Schweigens.

Ricore: Malen Sie heute noch?

Dittrich: Nein, leider. Nach meiner Lehre an der Staatsoper in Hamburg habe ich das nicht weiter verfolgt. Es gab auch keine freie Gesellenstelle dort, dadurch hatte sich das Thema sowieso erledigt.

Ricore: Sie hatten in diesem Bereich also nie die Möglichkeit, herauszufinden, ob Sie darin durchschnittlich sind oder nicht.

Dittrich: Ehrlich gesagt war ich nicht gut genug, es hat mich deshalb wohl auch nicht getrieben, weiterzumachen. Ich wollte immer nur musizieren. Da sagt das Umfeld schnell: 'lass doch den Scheiß und lern' was Richtiges.' Einem echt begabten Freund ging das damals so. Der ist heute Arzt und trauert immer noch seiner ersten Band hinterher. Wer weiß, wie viele hochbegabte Schriftsteller, Maler oder Musiker Bäcker geworden sind, den Verkehr regeln oder in der Kanzlei am Schreibtisch sitzen. Ich denke, dass die frühe Sozialisation viel damit zu tun hat, ob derlei Talent gefördert und unterstützt wird, oder nicht.

Ricore: Ihre neue Sendung "Frühstücksfernsehen" hatte im Mai 2013 beim WDR Premiere. Ist sie endgültig etabliert?

Dittrich: "Frühstücksfernsehen" wird ein Unikat bleiben und soll gleichzeitig Auftakt zu einer Reihe von TV-Parodien sein, die sich in 30 Minuten jeweils einem einzigen Genre widmen. Wir stecken mitten in den Verhandlungen mit der ARD. Sieht aber gut aus.

Ricore: Ist "Frühstücksfernsehen" reine Satire auf das Fernsehen oder nehmen Sie Politik und Gesellschaft aufs Korn?

Dittrich: Nein, diesen Ansatz habe ich nicht, ich bin kein Satiriker, auch kein Polit-Kabarettist. Mich interessiert eher die Frage, wie das Fernsehen das normale Leben wiedergibt, was ausgewählt und wie es kolportiert wird. In den Nachrichten, Magazinen, Dokus. In Promi-Berichten, Reportagen und Talkshows. Da gibt es jede Menge unfreiwillige Komik, bis hin zur Absurdität. Und Inspiration zu Figuren, in die ich mich verwandeln kann und zu Stories, die erzählt werden können.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 9. September 2013

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