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Interview

Audrey Tautou und Regisseur Michel Gondry auf der Premiere von "Der Schaum der Tage"
Freundschaft mit Hindernissen

Michel Gondry und Audrey Tautou

Michel Gondry ist Kinomagier und Romantiker. Audrey Tautou spielt mit "Die fabelhafte Welt der Amélie" in einem der magischsten Filme des letzten Jahrhunderts und ist seither auf romantische Rollen abonniert. Mit "Der Schaum der Tage", der Verfilmung von Boris Vians gleichnamigem Kultbuch aus dem Jahr 1947, drehen sie ihren ersten gemeinsamen Film. Das Ergebnis ist keine Überraschung: magisches Bilderrauschen und Romantik pur. Im Gespräch mit Filmreporter.de sprachen die beiden über Vians Roman, Spezial-Effekte und die persönliche Verbundenheit.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  6. Oktober 2013

Audrey Tautou mit Fans auf der Premiere von "Der Schaum der Tage"

Audrey Tautou mit Fans auf der Premiere von "Der Schaum der Tage"

Neid, angesichts der Kreativität?
Ricore Text: Mademoiselle Tautou, bei so viel Kreativität eines Regisseurs kann man als Schauspieler schon mal neidisch werden, oder?

Audrey Tautou: Nein, gar nicht. Ich würde auf keinen Fall Michels Hirn haben wollen. Es muss auch schmerzhaft sein, ein Genie zu sein.

Ricore: Welche Vorstellungen machten Sie sich von der Rolle, als Sie das Angebot erhielten, in "Der Schaum der Tage" mitzuspielen?

Tautou: Ich hatte keinerlei Vorstellungen. In der Vorlage wird der Charakter nicht sehr ausführlich beschrieben. Und so entschloss ich mich dazu, sie mit einer gewissen Unbekümmertheit auszustatten und sie als fröhlichen Menschen darzustellen. Chloé sollte eine Frau sein, die noch keine Schwierigkeiten im Leben hatte. Sie sollte rein sein.

Ricore: Hatten Sie sich den Film genauso so vorgestellt wie Michel Gondry?

Tautou: Es war sehr schwierig, sich vorzustellen, was Michel aus dem Stoff machen würde. Wenn man das Buch liest, glaubt man, dass es unmöglich ist, es filmisch umzusetzen. Vor allem wenn man wie Michel keine Spezialeffekte benutzen will. Es war aufregend, Teil dieser poetischen Welt zu sein.

Ricore: Das Buch schien wie für Sie geschrieben, Mr. Gondry.

Michel Gondry: (lacht). Ich las das Buch vor sehr langer Zeit und wurde von Boris Vian beeinflusst. Insofern war es logisch, dass ich den Film mache.

Ricore: Das Buch ist ein Bestseller, den in Frankreich jedes Schuldkind kennt. Hatten Sie keine Sorgen, dass Sie viele Menschen mit ihrer persönlichen Handschrift vor den Kopf stoßen?

Gondry: Sicher und das ist letztlich auch eingetreten. Einige Menschen konfrontierten mich sogar mit der Frage, ob ich das Buch überhaupt gelesen habe.

Ricore: Hat Sie der Erwartungsdruck in Ihrer Kreativität eingeschränkt?

Gondry: Nein, ich hatte entschieden, dass ich meine eigene Version umsetze, und ich wusste, dass diese Sichtweise sehr subjektiv sein würde. Das ist ganz normal, wenn man ein Buch verfilmt. Man kreiert sein eigenes Verständnis der Vorlage.

Regisseur Michel Gondry ("Der Schaum der Tage")

Regisseur Michel Gondry ("Der Schaum der Tage")

Michel Gondry: poetische Darstellung der Liebe?
Ricore: Der Film ist eine poetische Darstellung der Liebe in einer Fantasiewelt.

Gondry: Poesie ist die Darstellung tiefer Emotionen mit abstrakten Begriffen. Das ist der Kern des Buches und so ähnlich bin ich bei der Adaption vorgegangen. Ich wollte keinen normalen Film machen, weil ich dadurch Vian verraten hätte.

Ricore: Brauchten Sie die Vorlage von Boris Vian, um Ihre Vorstellung von Welt und Film zu realisieren?

Gondry: Nein, ich suche nicht ausschließlich nach Geschichten mit verrückten Ideen. Ich könnte auch einen ganz normalen Film drehen. "The We and the I" ist zum Beispiel so ein Film. Er handelt ganz einfach von Schülern, die sich in einem Bus auf der Heimfahrt befinden.

Ricore: Sehen Sie eine Unterschied zwischen den Spezial-Effekten in "The Green Hornet (3D)" und "Der Schaum der Tage"?

Gondry: "The Green Hornet" kostete das Siebenfache von "Der Schaum der Tage". Die Herangehensweise war eine ganz andere. Dennoch musste ich dort Sachen ausprobieren, die populärer und kommerzieller waren, dabei aber nicht meinen Stil verrieten. In "Der Schaum der Tage" wollte ich nicht zu viele Digitaleffekte benutzen, weil ich mich am Buch orientiert habe. Vian benutzt eine Art Collagetechnik und so ähnlich wollte auch ich vorgehen. Ich wollte, dass der Film handgemacht wirkt.

Ricore: Ist es schwierig, auf diese Weise zu arbeiten?

Gondry: Es ist schwieriger, weil man am Set mit mehreren Dingen gleichzeitig beschäftigt ist. Auch für die Schauspieler ist es nicht einfach, auf diese Art zu arbeiten. Auch der anderen Seite macht es großen Spaß, weil es herausfordernd ist. Es ist viel stimulierender, als vor einer Blue Screen zu spielen. In "Green Hornet" habe ich die Szene mit diesem Verfahren gedreht. Es war so deprimierend, ich wollte mich am liebsten umbringen. Man kommt an den Drehort und es gibt dort kein Set, nur eine blaue Leinwand.

Ricore: Wie empfanden Sie als Schauspielerin die Arbeitsweise von Michel Gondry?

Tautou: Ich fand es großartig. Es war schön zu sehen, wie sich das Set im Verlauf der Dreharbeiten verwandelte. Auch die vielen kleinen Stunts, die ich absolvieren musste, waren wundervoll. Michels Spezial-Effekte haben etwas Unperfektes an sich und das macht sie sehr lebendig.

Ricore: Sie fanden die Arbeit also nicht schwierig?

Tautou: Nein, alles war sehr konkret. Jeder Gegenstand, den man im Film sieht, wurde aus greifbarem Material hergestellt. Es war alles sehr verspielt und das hilft einem Schauspieler. Es führt dazu, dass er einfacher in die Realität des Charakters eintaucht.

Märchenwelt ohne CGI: "Der Schaum der Tage" ein Paar

Märchenwelt ohne CGI: "Der Schaum der Tage" ein Paar

Audrey Tautou: analysiere meine Charaktere nicht
Ricore: Sie sagten einmal, dass Sie die Naivität Ihrer Charaktere mögen, sie aber nicht analysieren.

Tautou: Ich analysiere meine Charaktere tatsächlich nicht. Das heißt nicht, dass ich es nicht mag, sondern dass ich es nicht kann. Ich bin beim Spielen präzise und gleichzeitig instinktiv. Der jeweilige Charakter ist in meinem Kopf. Während der Arbeit an einem Film lebe ich mit ihm. Aber ich zerlege ihn nicht, um einen Verknüpfungspunkt zu finden. Das brauche ich nicht.

Ricore: Seit "Die fabelhafte Welt der Amélie" scheinen Sie auf die Rolle der Romantikerin festgeschrieben.

Tautou: Ja, ich bin sehr gut darin, so zu tun, als wäre ich voller Bewunderung für jemanden (lacht). Aber ich bin sehr schlecht darin, Wut zu verkörpern. Das ist meine nächste Herausforderung. Ich möchte gerne eine wütende Person spielen.

Ricore: Vielleicht auch mal eine fiese Rolle?

Tautou: Ich habe mit Claude Miller einen Film gedreht, in dem ich keine besonders charmante Frau spielte ("Thérèse Desqueyroux"; die Redaktion). Es war eine sehr düstere Rolle.

Ricore: Was verbindet Sie beide?

Tautou: Freundschaft. Michel wollte sich schon vor langer Zeit mit mir treffen, was aber nicht geklappt hatte. Ungefähr zwei Jahre vor den Drehbeginn zu "Der Schaum der Tage" sagte er zu mir. 'Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, aber vor ungefähr sieben Jahren trafen wir uns auf einer Party. Nach einem kurzen Gespräch sagtest Du, dass du dir eine Zigarette holen willst. Du bist aber nicht wiedergekommen.'

Gondry: (lacht) Das stimmt. Ich glaube, es war, kurz nachdem ich "Vergiss mein nicht!" gemacht hatte. Der Film gefiel dir.

Tautou: Die Zigarette war ein Vorwand, um abzuhauen, weil ich von Michel und dem Film beeindruckt war (lacht).

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 6. Oktober 2013

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