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Interview

Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"
'Das Leben ist ein Spiel'

Mario Adorf: Das Kind im Mann

Mario Adorf gehört zu Deutschlands produktivsten Schauspielern. Ermüdungserscheinungen zeigt der 83-Jährige nicht, noch immer steht er regelmäßig vor der Kamera. Als Besessenen will er das nicht verstanden wissen. Vielmehr sei die Schauspielerei für ihn die Fortsetzung des kindlichen Spielens, verriet er Filmreporter.de im Interview. Er empfinde noch immer eine große Freude am Schauspiel - selbst wenn die Rollen komplex sind und die letzten Dinge des Lebens ansprechen. So auch im Drama "Der letzte Mentsch", in dem Adorf eindringlich einen jüdischen KZ-Überlebenden verkörpert. Auch das gehört zu seinen Antriebskräften: die Erfahrung, die er durch seine Rollen über die Welt macht.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 12. Mai 2014

Hannelore Elsner und Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"

Hannelore Elsner und Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"

Komplexer Charakter - komplexe Thematik
Ricore Text: Herr Adorf, Menachem Teitelbaum in "Der letzte Mentsch" ist ein komplexer Charakter in einem Film mit einer komplexen Thematik. Nimmt man solche Rolle als Schauspieler dankbar an oder überwiegen Skepsis und Scheu angesichts des Themas?

Mario Adorf: Nein, meine Annäherung an die Rolle war nicht von der Verantwortung gegenüber der großen Thematik bestimmt. In dem Moment, in dem eine Rolle auf mich zukommt, handelt es sich um eine konkrete Sache. Das heißt, ich lese das Drehbuch und überlege, wie ich die Rolle spielen soll. Schauspielerei ist kein großes Geheimnis. Ich hatte eine ganz klare Aufgabe, und zwar eine Figur zu spielen. Was den Stoff angeht, so handelt es sich um Dinge, die ich auch erfahren habe und die Teil von mir sind.

Ricore: Es geht im Film um den Konflikt zwischen Vergessen und Konfrontation mit traumatischen Ereignissen. Welche Position haben Sie zwischen diesen beiden Polen bezogen?

Adorf: Als ich das Drehbuch vor zwei Jahren las, war die Debatte um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und das Verdrängen nicht lange her. Es war eine Debatte, die durch die Aufdeckung der Vergangenheit von Personen wie Günter Grass, Martin Walser usw. aufkam. Als damals die Sache mit Grass herauskam, den ich gut kenne, brachte ich viel Verständnis für das Verdrängen auf. Verdrängen ist ein unbewusstes Vergessen von Erfahrungen. Bei Grass, Walser und anderen waren diese Erfahrungen mit Enttäuschung und Scham darüber verbunden, auf etwas hereingefallen zu sein und die Wahrheit nicht früh genug erkannt zu haben. Ich konnte sehr gut verstehen, dass man so etwas verdrängt. Gerade das passt zu Menschen, die später zu moralischen Instanzen wurden.

Ricore: Wie unterscheidet sich davon der Verdrängungsprozess des Protagonisten in "Der letzte Mentsch"?

Adorf: Bei Menachem handelt es sich um ein anderes Verdrängen. Es ist ein Verdrängen eines großen Schmerzes, der Erfahrung unmenschlichen Leidens. Es ist unmenschlich, dass ein 15-Jähriger der Ermordung seines eigenen Vaters zuschauen muss. Eine solche Erfahrung kann umso mehr zu Verdrängung und Vergessen wollen führen. Das beobachteten wir bei vielen Betroffenen, ebenso wie die Unfähigkeit einiger, darüber zu sprechen. Diese Erfahrung hat mir die Rolle in "Der letzte Mentsch" nahegebracht. Ich habe sie gerne gespielt.

Ricore: Sie selbst haben als Kind während des Zweiten Weltkrieges die Bombenangriffe der Alliierten erlebt. Hatten sie sich damit auseinandergesetzt, oder hat auch hier ein Verdrängungsprozess stattgefunden?

Adorf: Ich war in einer ähnlichen Situation wie Grass, auch wenn ich einige Jahre jünger war als er, als er sich zur Waffen-SS meldete. Mit 13 Jahren stand ich vor derselben Wahl. Ich war in einer so genannten NS-Führerschule. Am 20. Juli 2014 gab es anlässlich des Hitler-Attentats die Ankündigung, dass sich der gesamte Lehrgang der Führerschule, um dem geliebten Führer Adolf Hitler eine Freude zu machen freiwillig zum Dienst an der Waffe melden sollte. 'Wer ist dafür?' kam die Frage. Von 53 Händen gingen 52 hoch. Eine blieb also unten, und ich muss gestehen, es war nicht meine. Es war ein Junge aus meiner Stadt, Mayen in der Eifel, dessen Vater ein Sozi war. Ich wusste zwar nicht, was ein Sozi war, aber es musste etwas ganz Schlimmes sein. Als der Junge, Schäfer war sein Name, vom Schulleiter gefragt wurde, warum er sich nicht melden will, antwortete er: 'Da muss ich erst meinen Vater fragen.' Das rief bei uns anderen ein großes Gelächter hervor. Viele hatten gar keinen Vater mehr, den sie hätten fragen könnten. Sie gab es entweder nicht mehr oder waren an der Front.

Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"

Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"

Mario Adorf: romantische Vorstellung
Ricore: Wie ging die Geschichte weiter?

Adorf: Es ging ähnlich weiter wie bei Grass. Als ich gefragt wurde, zu welcher Waffengattung ich mich melden will, antwortete ich: Marine. Warum sagte ich Marine? Mit der Marine verband ich damals eine romantische Vorstellung. Es hatte mit Seefahrt, Segelschiffe, Weltmeere usw. zu tun. Der Unteroffizier, der die Eintragungen vornahm, sagte zu mir. 'Ach Junge, die Marine gibt es doch gar nicht mehr. Wenn du Marine sagst, dann kommst du zur Infanterie. Das ist ein Scheißverein. Sag' doch gleich Waffen-SS. Dort kriegst du mehr Sold, besseres Futter und längeren Urlaub.

Ricore: Wie war Ihre Reaktion?

Adorf: Ich sagte: 'Nein, Marine.' Grass hatte sich damals für die Waffen-SS entschieden. Ich betrachte mein Verhalten aber nicht als Verdienst. Ich hätte genauso gut Waffen-SS sagen können. Es war meine kindliche und romantische Vorstellung vom Leben auf See, die mich auf meinen Standpunkt bestehen ließ. Daran sieht man, wie nahe solche Entscheidungen liegen können. Das gehört auch zu dieser Thematik.

Ricore: Waren sie damals ein reflektierender Jungen, der sich Gedanken über das Für und Wider des Krieges machte?

Adorf: Nein, überhaupt nicht. Das muss ich ehrlich sagen. Ich hatte zwar meine eigenen Gedanken - durchaus auch kritische. Zum Beispiel konnte ich mich nicht mit der Forderung anfreunden, Hitler zu lieben. Ich wusste innerlich, dass ich diesen Mann nicht liebe. Das war aber keine politische Haltung, vielmehr eine rein persönliche Abneigung. Später erklärte ich mir das so, dass ich vielleicht Hitlers Stimme nicht mochte. Aber ich hatte kein politisches Bewusstsein oder Verständnis darüber, was Gut und was Böse war.

Ricore: In der "Der letzte Mentsch" gibt es eine junge Frau, die sich zunehmend für das Thema Holocaust und das Schicksal des Protagonisten interessiert. Sind die jungen Menschen heute wirklich so engagiert oder ist das eine Art Wunschprojektion der Filmemacher?

Adorf: Ich will doch hoffen, dass die Jugend von heute sich für die Vergangenheit interessiert. Der Grundgedanke des Films war zu zeigen, wie sich die beiden Generationen annähern. In Israel gibt es viele junge Menschen, die sich KZ-Nummern auf ihre Arme tätowieren lassen, wie sie die Betroffenen aus ihren Verwandtenkreisen hatten. Auch dieses Motiv greift "Der letzte Mentsch" auf. Anders als bei uns ist in Israel das Problem des Vergessens kein Thema. Bei uns gibt es die Gefahr des Überdrusses, der sich durch die immer wieder gestellten Fragen einstellen kann. Trotzdem muss man darauf bestehen, dass Filme wie "Der letzte Mentsch" gemacht werden und dass über dieses Thema gesprochen wird. Es darf nicht in Vergessenheit geraten.

Hannelore Elsner und Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"

Hannelore Elsner und Mario Adorf in "Der letzte Mentsch"

Die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges werden verschwunden sein
Ricore: Dafür müssen auch junge Menschen in Verantwortung genommen werden...

Adorf: Ja, dafür ist die Jugend wichtig. Die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges werden in wenigen Jahren verschwunden sein. Insofern kann man nur hoffen, dass die Erinnerung durch die Nachfahren weitergetragen wird. Es ist nicht so, dass durch die Erinnerung das Schuldbewusstsein aufrechterhalten werden muss. Dass sich die Jungen schuldig fühlen, kann man von ihnen nicht verlangen. Aber dass der Holocaust in unserem Volk passiert ist und wieder passieren könnte, wenn er vergessen wird, das muss bedacht und verhindert werden. Ich hoffe, dass unser Film einen kleinen Beitrag dazu leisten kann.

Ricore: Spricht aus dem anhaltenden Interesse des deutschen Kinos für dieses Thema das Bedürfnis der Deutschen, sich präventiv damit auseinanderzusetzen? Oder zeigt sich darin eher eine Art Lust am Schrecken?

Adorf: Ich glaube nicht, dass das Vergnügen am Schrecken maßgeblich ist. Viele Menschen haben ein bewusstes Interesse an dem Thema. Doch leider nicht bei allen. Deswegen ist es wichtig, dass solche Filme gemacht werden, dass darüber geschrieben und gesprochen wird. Wir dürfen diese Zeit nicht weder vergessen, noch verdrängen. Es ist ein Makel unserer Geschichte, der uns anhaftet.

Ricore: Sie waren früher auch als Autor tätig. Würden Sie sich mit diesem Thema auch schriftstellerisch auseinandersetzen.

Adorf: Ich habe schon lange nichts mehr geschrieben und mich nie als Schriftsteller betrachtet. Ich war Erzähler meiner persönlichen oder erfundenen Geschichten. Ich schrieb kleine Erzählungen mit Pointen, nicht mehr. Ich hatte als Autor nicht den Anspruch, mich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Es ging mir nur ums Berichten und Erzählen. Ich hatte Spaß am Erzählen von kleinen, pointierten Geschichten.

Ricore: Sie gehören zu den produktivsten deutschen Schauspielern überhaupt. Was hat sie als Schauspieler angetrieben? Die Anzahl der Filme, an denen Sie mitwirkt haben, erweckt den Anschein einer Besessenheit.

Adorf: Nein, ich war nie ein fanatischer Schauspieler. Ich würde meinen Schaffensdrang viel einfacher ansiedeln. Ich habe eine fast kindliche Spielfreude an dem Beruf. Die Schauspielerei ist die Fortsetzung des kindlichen Spielens. Es hat mir immer Spaß gemacht zu spielen und es macht mir heute noch Spaß. Sonst hätte ich schon längst aufgehört. Ich habe Freude daran, Figuren zum Leben zu erwecken, die sich aus der Beobachtung der Welt ergeben. Als Schauspieler ist man Beobachter - wie ein Maler. Es ging mir nicht darum, mich selber darzustellen oder mich in den Figuren wiederzufinden. Durch die Darstellung anderer Menschen wollte ich mich vielmehr selbst bereichern. In diesem Punkt war ich durchaus raffgierig. Ich suchte nach fremden Erfahrungen.

Ricore: Würden Sie sich als Kind im Manne bezeichnen?

Adorf: Ja, durch die Schauspielerei habe ich meine kindliche Seite erhalten. Das Spielen wollen, das Spielen müssen. Aber als Kind gab es da immer jemanden, der sagte: Schluss mit Spielen. Und später ist es das Leben, das dies immer wieder sagt. Ich habe mich vielleicht erfolgreicher dagegen gewehrt als viele andere Menschen, die das Leben und schließlich sich selbst zu ernst nehmen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 12. Mai 2014

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