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Interview

Doris Dörrie auf der Premiere von "Alles inklusive"
Constantin Film

Aus dem Schatten ins Licht

Doris Dörrie sucht das Glück
In Doris Dörries Filmen geht es um Menschen, die Glück und Harmonie suchen. Dabei müssen sie einen steinigen Weg voller Ursachen- und Selbsterkenntnis bewältigen. Anders als Rainer Werner Fassbinder verweigert Dörrie ihren Figuren allerdings nicht die Erlösung. Scheitern ist für sie zu einfach. Auch in "Alles inklusive", einer Adaption ihres eigenen Romans, findet sich diese Thematik wieder. Die Tragikomödie erzählt in episodischer Form vom Istzustand zweier Generationen, von denen die jüngere der älteren die Schuld für ihr Unglück gibt. Im Gespräch mit Filmreporter.de verrät die Filmemacherin und Autorin, ob dieser Vorwurf berechtigt ist. Außerdem spricht Doris Dörrie über Glück und darüber, warum wir unser Harmonieverlangen oft selbst ausbremsen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  5. März 2014
Hannelore Elsner und Axel Prahl urlauben "Alles inklusive"
Constantin Film
Hannelore Elsner und Axel Prahl urlauben "Alles inklusive"

"Eltern machen immer alles falsch"

Ricore Text: Kann man "Alles inklusive" als Abrechnung mit der 68er-Generation verstehen?

Doris Dörrie: Kam Ihnen das so vor?

Ricore: Der Eindruck wird im Laufe des Films zwar relativiert. Dennoch hat man als Zuschauer bis zu einem gewissen Punkt das Gefühl, das die Eltern etwas falsch gemacht haben.

Dörrie: Ja, die Eltern machen immer alles falsch. Das ist schon mal die Grundwahrheit (lacht). Mir ging es darum, auf die Ambivalenz der Problematik hinzuweisen. Sicher hat Ingrid bei der Erziehung einiges falsch gemacht hat. Auf der anderen Seite kann man ihr sehr bedingt ein Vergehen vorwerfen. Sie lebte damals im festen Glauben, dass ihrer Tochter gefallen müsste, was auch ihr gefällt. Das machen bis zu einem gewissen Grad alle Eltern. Sie glauben, dass das Leben, wie sie es führen, vorbildlich ist. Sie wollen ihren Kindern das richtige Leben vorleben.

Ricore: Machen es sich die Kinder oft zu einfach, wenn sie die Schuld für ihr Unglück allzu schnell den Eltern in die Schuhe schieben?

Dörrie: Irgendwann dürfen auch die Eltern sagen: Jetzt reicht es aber mit der ewigen Schuldzuweisung. Irgendwann müsst ihr euer eigenes Leben führen. Das hat Tochter Apple nur teilweise geschafft. Sie hat sich sehr stark auf die Schuld ihrer Mutter und ihr Opfersein fokussiert. Das tut ihr nicht gut. Letztlich klingt im Film ein kleiner Ausweg an. Apple beginnt, sich langsam zu öffnen und schafft es sogar, mit ihrer Mutter Kontakt aufzunehmen. Sie ist auf dem richtigen Weg.

Ricore: Vor dem Hintergrund der Neurosen der Protagonisten, bekommt der Einwanderer-Episode eine besondere Rolle zu. Man hat den Eindruck, dass Sie mit diesem Handlungsstrang sagen wollten: Reißt euch zusammen, es gibt wichtigeres im Leben!

Dörrie: Ja, deshalb taucht auch der Begriff 'Europa - alles inklusive' immer wieder auf. Wir schotten uns vom Rest der Welt ab und reden immer über unsere Krisen, die wir sicher real haben. Den Menschen in Europa geht es auch nicht immer gut. Aber unsere Situation unterscheidet sich von der eines afrikanischen Flüchtlings doch erheblich. Zugleich wollte ich mit dieser Episode zeigen, dass die alte Hippie-Mentalität mit dieser Situation durchaus umgehen kann. Ingrid nimmt sich des jungen Flüchtlings an und hilf ihm. Apple hätte an ihrer Stelle lange überlegt, ob die Sache legal ist und sie eventuell mit Konsequenzen rechnen müsste. Irgendwann hätte sie den Moment verpasst. So schwierig Ingrid auch ist, macht sie ab und zu doch das Richtige. Sie ist offen geblieben.

Ricore: In "Alles inklusive" findet sich das Thema wieder, das sich wie ein roter Faden durch Ihr Werk zeiht. Sie zeigen Menschen, die in einer Disharmonie leben und auf der Suche nach dem Glück sind. Was macht diese Menschen eigentlich unglücklich?

Dörrie: Eine schwierige Frage. Apple hat vielleicht das Problem, dass sie viel Zeit - und auch das Geld - hat, um ständig um sich selbst zu kreisen: 'Was tut mir gut?' Dieser Satz ist symptomatisch. Dabei merkt sie nicht, dass sie den Blick für ihre Mitmenschen verloren hat. Ich bin mir nicht sicher, ob uns diese Haltung weiterführt. So gern ich Apple in ihrem Ringen nach Glück habe, glaube ich nicht, dass der ständige Blick auf sich selbst sie am Ende glücklicher macht.

Ricore: D.h. man sollte einfach leben und das Leben nicht ständig hinterfragen?

Dörrie: Natürlich sollte man es hinterfragen, aber man darf dabei nicht den Blick auf den Mitmenschen verlieren. Sonst geraten wir in die totale Isolation.

Ricore: Haben Sie selbst die Essenz des Glücks entdeckt?

Dörrie: Manchmal glaube ich, es endlich kapiert zu haben - im nächsten Augenblick schon wieder nicht. Da geht es mir nicht anders als den meisten Menschen. Ich bin keine Weise, die verstanden hat, wie das Leben funktioniert. Überhaupt nicht. Mich beschäftigt die Frage nach dem Ringen ums Glück. Jemand wie Apple hat ein Recht auf das Unglück und man darf ihr dieses Recht nicht absprechen. Man darf ihr aber den Tipp geben, sich etwas mehr umzuschauen und sich anderen Menschen zu öffnen.


Doris Dörrie mit Darstellerinnen Hannelore Elsner und Natalia Avelonauf der Premiere von "Alles inklusive"
Constantin Film
Doris Dörrie mit Darstellerinnen Hannelore Elsner und Natalia Avelonauf der Premiere von "Alles inklusive"

Doris Dörrie: Manches real erlebt

Ricore: In jüngster Zeit hat sich das deutsche Kino immer wieder mit dem Generationenkonflikt beschäftigt. Dabei geht es oft um darum, dass Kinder ihren Eltern versäumte Erziehungsverantwortung vorwerfen. Ist das das große Thema unserer Gesellschaft?

Dörrie: Apple hat mit ihrem Vorwurf Recht. Ihre Mutter ist früher auch nur um sich selbst gekreist. Sie hat aus Liebeskummer Drogen eingeworfen, während ihr Kind nicht wusste, was mit ihr los ist. Apple hatte immer das Gefühl, auf die Mutter aufpassen zu müssen. Insofern hat sie völlig Recht damit, ihr dieses Versäumnis vorzuwerfen. Die Eltern glaubten damals, die Kinder würden das alles schon verkraften. Das war ein Fehler. Viele haben das eben nicht verkraftet.

Ricore: "Alles inklusive" basiert auf ihrem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2011. Haben Sie den Stoff erfunden oder gefunden?

Dörrie: Es ist eine Mischung aus beiden. Manches ist real erlebt. Zum Beispiel habe ich mit afrikanischen Flüchtlingen über ihre Situation gesprochen und viel über sie recherchiert. Das Hotel, in dem der Film spielt, kenne ich auch sehr gut. Ich unternehme oft mit meinen Studenten Exkursionen in all inclusive-Hotels. Viele Dinge stammen wiederum aus eigener Anschauung, während andere Motive fiktiv sind.

Ricore: Wie finden sie die Ideen zu ihren Büchern bzw. Filmen?

Dörrie: Es hat viel mit genauem Zuschauen und Zuhören zu tun. Meine Geschichten entstehen durch Beobachten von Menschen, Situationen und Orten, die mich faszinieren. Die Welt des all inclusive-Hotels hat mich zum Beispiel sehr begeistert. Manche empfinden sie als schräg, weil sie dünkelhaft sind und diese Welt nicht kennen, sich von ihr abgrenzen wollen. Aber im Grunde genommen sind wir doch alle nicht besonders hübsch in Badeklamotten. Mich interessiert dieser Traum vom Urlaub, auch Urlaub von sich selbst, der im all inc besonders klar zutage tritt. So entstand die Figur Helmuts. Auf den ersten Blick ist er ein klassischer, hässlicher all inc.-Urlauber, dann entblättert er eine immer reichere Innenwelt und ist sehr feinfühlig sein. Das interessiert mich: das Bild hinter dem Klischee.

Ricore: Wenn Sie in die Welt hinausgehen, ist die nach der Wahrheit suchende Künstlerin Doris Dörrie immer dabei?

Dörrie: (lacht) Wenn ich mich mit Freunden treffe, ins Restaurant oder auf die Straße gehe, bin ich sicher nicht ständig auf der Suche nach der Wahrheit. Ich versuche aber einen Blick zu haben, der nicht in Routine versinkt. Ich erinnere mich immer wieder daran, dass direkt vor meiner Nase auch Wunder passieren, dass wir in einer unglaublich reichen Welt leben.

Ricore: Sie sagten einmal, dass sie ihre Kurzgeschichten schreiben, um sich mit den Figuren für den Film vertraut zu machen. Ist das noch immer so?

Dörrie: Nein, das war am Anfang so. Früher musste ich Prosa schreiben, weil ich die Figuren und ihre Welt über das Drehbuch-Schreiben nicht hätte kennenlernen können. Als ich den wunderbaren Daniel Keel vom Diogenes Verlag kennenlernte, hat sich das geändert. Er hat mich dazu ermuntert, die beiden Welten zu trennen. Das tat ich denn auch lange Zeit, bis irgendwann wieder ein Durchfluss zwischen Prosa und Drehbuch stattfand. Inzwischen überlege ich mir vorher nicht einmal, ob eine Geschichte am Ende ein Film oder ein Buch wird. Ich schreibe einfach über das, was mich interessiert.


Hinnerk Schönemann in "Alles inklusive"
Constantin Film
Hinnerk Schönemann in "Alles inklusive"

Verfilmung bei Prosa im Kopf?

Ricore: Das heißt, sie haben nicht bereits die Verfilmung im Kopf, wenn sie Prosa schreiben.

Dörrie: Nein, überhaupt nicht. Das verbiete ich mir. Ich würde mich sonst nicht frei genug fühlen.

Ricore: Sind Ihre Romane und Kurzgeschichten filmisch bzw. filmgerecht?

Dörrie: Gar nicht. Das vermeide ich absichtlich, weil ich zu praxisorientiert wäre. Würde ich filmgerecht vorgehen, könnte ich Szenen wie das künstliche Beatmen eines Hundes gar nicht schreiben, weil ich wüsste, dass es schwierig sein wird, das zu drehen.

Ricore: Was macht eine gute Literatur-Adaption aus?

Dörrie: Das kann ich schwer beantworten, weil ich selten fremde Stoffe verfilme. Sicher geht es nicht darum, die Vorlage eins zu eins zu übersetzen. Wichtig ist, das Wesen und die Seele einer literarischen Geschichte zu erfassen. Deshalb sind Zuschauer bei Verfilmungen ihrer Lieblingsbücher oft frustriert. Sie hatten beim Lesen einen viel besseren Film gedreht. Für einen Regisseur ist es sehr schwer, an die Version des Zuschauers heranzureichen.

Ricore: Wie gehen Sie bei der Verfilmung Ihrer Vorlagen vor?

Dörrie: Ich habe den großen Vorteil, dass ich sehr frei mit meinen Vorlagen umgehen kann. Bei "Glück" war ich gegenüber Ferdinand von Schirach viel höflicher, vorsichtiger und anständiger, als ich es mit mir selbst bin (lacht). Bei meinen Geschichten schmeiße ich schon mal viel weg oder ändere sie komplett. Mir gegenüber habe ich überhaupt keine Hemmungen.

Ricore: Hat die Zurückhaltung gegenüber fremden Vorlagen auch etwas mit Respekt zu tun?

Dörrie: Klar. Zwei Figuren aus dem Roman zu einer einzigen Filmfigur zusammenlegen, dazu würde ich mich bei anderen Autoren nicht trauen. Jedenfalls nicht ohne Rücksprachen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  5. März 2014

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