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Interview

John Turturro in Doppelfunktion an seinem Arbeitsplatz
Concorde Film

'Leben in Großstadt immer unpersönlicher'

Intim: John Turturro wird "Plötzlich Gigolo"
Dass John Turturro nicht nur ein großer Schauspieler ist, sondern auch als Regisseur eine gute Figur macht, hat er längst bewiesen. "Plötzlich Gigolo" ist seine fünfte Regiearbeit. Darin spielt er einen Blumenverkäufer, der von seinem besten Kumpel zu einer ménage à trois mit zwei Frauen überredet wird. Bald verdingt sich der schüchterne Protagonist als Gigolo, während sein Freund die Rolle des Zuhälters übernimmt. Die Tragikomödie versprüht den Charme eines Woody Allen-Films, was kein Wunder ist. Der Oscar-Preisträger spielt nicht nur die Rolle des Zuhälters, sondern ist auch maßgeblich an der Entstehung des Drehbuchs beteiligt, wie Turturro im Interview mit Filmreporter.de verrät.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  4. November 2014
Woddy Allen diskutiert mit John Turturro in "Plötzlich Gigolo"
Concorde Film
Woddy Allen diskutiert mit John Turturro in "Plötzlich Gigolo"

Tipp vom Friseur...

Ricore Text: Wie kamen Sie auf die Idee, Woody Allen für die zweite männliche Hauptrolle zu besetzen?

John Turturro: Mein Friseur sagte mir einmar, dass wir mal zusammen einen Film machen sollten. Ich hielt das für eine tolle Idee. Ich dachte, das wäre eine schöne Konstellation. Woody spielte noch nie mit jemandem wie mir und ich habe nie wirklich mit ihm vor der Kamera gestanden. Ich kannte ihn deshalb nicht so gut und wusste nicht, wie wir miteinander zurechtkommen würden.

Ricore: Wie kam dann die Idee zur Story des Films zustande?

Turturro: So weit ich mich entsinne, habe ich mal davon geträumt. Bei einem Mittagessen sagte ich irgendwann einem Freund: Stell' dir einen Film vor, der im Sexbusiness angesiedelt ist.' Mein Freund lachte und sagte, dass das eine sehr gute Idee sei. Auch mein Friseur hat sehr gelacht, als ich ihm davon erzählte.

Ricore: Was hielt Woody Allen davon?

Turturro: Er liebte den Stoff. Ich konnte es nicht glauben, als ich erfuhr, dass ich ihn wegen des Projekts anrufen sollte. Ich hielt es für einen Traum. Wir trafen und unterhielten uns über das Projekt. Ich teilte ihm einige Ideen mit und er erklärte mir, was komisch ist und was nicht. Er sagte, ich soll das Drehbuch schreiben und er würde mir sein Feedback geben. Das tat ich auch. Den ersten Entwurf mochte er jedoch gar nicht, abgesehen von einigen wenigen Stellen. Ich musste wieder neu anfangen und so ging es dann immer weiter. Ich schrieb, er teilte mir seine Meinung mit. Dabei konnte er auch sehr brutal sein. (lacht). Allmählich wurde es besser. Am Ende mochte er das Buch sehr.


Regisseur und Schauspieler John Turturro wird "Plötzlich Gigolo"
Concorde Film
Regisseur und Schauspieler John Turturro wird "Plötzlich Gigolo"

John Turturro: beide ein bisschen schüchtern

Ricore: Wie verlief die Arbeit am Set?

Turturro: Sehr einfach. Die Beziehung unserer Charaktere entspricht ungefähr der echten Beziehung zwichen mir und Woody. Wir mochten uns sehr. Auch wenn wir am Anfang beide ein bisschen schüchtern waren. Er schätzte an mir, dass ich mich seinen hohen, sehr brutalen Ansprüchen widersetzen konnte. Er ist sehr kritisch, selbst hinsichtlich seiner eigenen Filme. Es gibt nicht viele von seinen Filmen, die er wirklich mag (lacht). Ich mochte die Arbeit mit ihm sehr und würde jederzeit wieder mit ihm drehen. Er war sehr großzügig.

Ricore: Was sind die zentralen Themen in "Plötzlich Gigolo"?

Turturro: Es geht um Freundschaft und Intimität, wobei sich Intimität auch auf die Beziehung zwischen meinem und dem Charakter Woodys bezieht. Der Film handelt vom Bedürfnis des Menschen nach Nähe. Der Mensch will berührt und gesehen werden. Die Prostitution ist nur eine Metapher für diesen Wunsch nach Intimität. Ähnlich verhält es sich mit der Religion. Die Geschichte hätte genausogut mit einer anderen Glaubensform funktioniert. Ich habe mich für die jüdische entschieden, weil es in meinem Wohnviertel viele Juden gibt. In der ursprünglichen Fassung sollte eine Nonne mitspielen. Ich mochte schon immer Filme über Nonnen. Sie haben immer etwas Sexuelles an sich, weil bei ihnen alle Regungen unterdrückt sind, wie man zum Beispiel Michael Powells "Die schwarze Narzisse" sehen kann. Leider musste ich die Figur wieder aus der Handlung entfernen, weil ich nicht genug Platz für sie hatte.

Ricore: Welchen Stellenwert hat New York in "Plötzlich Gigolo"?

Turturro: Sie steht für eine beliebige Großstadt. Die Handlung hätte in jeder anderen Metropole mit einer kulturellen Vielfalt und sozialökonomischen Unterschieden angesiedelt sein können. In New York gehen immer mehr kleine Geschäfte Bankrott. Ein Freund von mir hatte einen Buchladen, den er aufgeben musste, weil die Miete zu hoch war. Er war im selben Alter wie Woody, spielt gerne Schach und raucht Gras. Das verdeutlicht die Problemlage in den Großstädten. Kleine, intime Plätze und Geschäfte, kleine Buchläden, kleine Theaterbühnen, kleine CD-Geschäfte usw. werden zunehmend verdrängt. Das Leben in Großstädten wird immer unpersönlicher, Interaktionen zwischen Menschen sind kaum mehr möglich. Dabei liebe ich es, in kleine Geschäfte oder Plätze zu gehen. Es sind in sich abgeschlossene Welten, deine eigene Welten.


Sharon Stone an Gigolo John Turturro interessiert?
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Sharon Stone an Gigolo John Turturro interessiert?

Ménage à troi mit Sharon Stone

Ricore: Haben Sie "Plötzlich Gigolo" gegen den Typ besetzt? Ich denke zum Beispiel an Sharon Stone in der Rolle einer schüchternen Frau.

Turturro: Vielleicht ist Sharon Stone in Wirklichkeit eine schüchterne Frau. Vielleicht musste sie sich in der Öffentlichkeit auf bestimmte Weise verkaufen, um erfolgreich zu sein. Sie sagt selbst, dass ihre Schwester immer diejenige gewesen ist, die die Aufmerksamkeit der Männer auf sich lenkte.

Ricore: Im Film fällt einmal der Satz: In uns wohnen mehrere Menschen, die herauswollen. Stimmen Sie dem zu?

Turturro: Das ist wahr. Nehmen Sie zum Beispiel attraktive Menschen. Sind sie nicht manchmal Gefangene ihrer Schönheit, weil man ihnen oft Eigenschaften zuschreibt, die sie gar nicht besitzen?

Ricore: Wie wird bei Ihnen in Zukunft die Arbeitsaufteilung zwischen Schauspielerei und Regie aussehen?

Turturro: Ich möchte auf jeden Fall mehr Regie führen. Als Regisseur entdeckt man für sich Dinge, die man als Schauspieler nicht entdeckt. Wenn die Zuschauer das erkennen und anerkennen, dann wäre das für mich eine Ermutigung, weiterzumachen. Das heißt aber nicht, dass ich die Schauspielerei aufgeben würde.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  4. November 2014

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