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Interview

Dany Boon ("Super-Hypochonder")

Prokino

Filmemachen gegen die Einsamkeit

Dany Boon sucht Gesellschaft

Wer hätte gedacht, dass Dany Boon ein notorischer Hypochonder ist? Wer sich davon überzeugen will, sollte sich seine von eigenen Erfahrungen inspirierte Komödie "Super-Hypochonder" ansehen. Sie handelt von einem Mann (Boon), der panische Angst vor Ansteckungskrankheiten hat. Sein Privatleben leidet beträchtlich darunter. Nicht nur hat er keine Freunde, auch Frauen halten es an seiner Seite nicht lange aus. Die Diagnose seines genervten Arztes: die wahre Krankheit des Hypochonders ist die Einsamkeit. So beschließt er seinen lästigen Patienten zu verkuppeln. Im Gespräch mit Filmreporter.de spricht Boon über seine Angst vor dem Alleinsein und darüber, dass in seinen Filmen im Subtext die französische Politik mitschwingt.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10.04.2014

Dany Boon und Kad Merad auf der Berliner Premiere von "Super-Hypochonder"

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Nette Alice Pol

Dany Boon: Haben Sie Alice [Pol; Red.] schon interviewt?

Ricore: Ja, sie ist sehr nett.

Boon: Da gebe ich Ihnen Recht, ein sehr netter Mensch und eine tolle Schauspielerin. Ich hoffe, sie bleibt, wie sie ist.

Ricore Text: Was Sie angeht, so zeigt es sich bei "Super-Hypochonder" einmal mehr, dass Sie keine Hemmungen zu haben scheinen, sich zu entblößen.

Boon: Sie meinen, mich nackt zu zeigen? (lacht)

Ricore: Ich meine Ihre Persönlichkeit und Ihre Schwächen.

Boon: Es ist immer besser, unsere Schwächen und unsere dunklen Seiten zu offenbaren. Denn auf diese Weise zeigt man sich als Mensch. Man wird dadurch liebenswürdiger. Wenn wir uns in eine Frau verlieben, neigen wir dazu, uns zu verstellen. Wir wollen nur die beste Seite von uns zeigen, wollen uns als Testosteron geschwängerte Männer und als Helden präsentieren. In gewisser Weise wollen wir alle ein bisschen wie der Revolutionär in "Super-Hypochonder" sein und demonstrieren, dass wir vor nichts Angst haben. Meiner Meinung nach ist das falsch. Es sollte darum gehen, zu sein, wer wir wirklich sind.


Dany Boon scherzt für die Fotografen

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Dany Boon: "psychotisch, weil er die Zeit dazu hat"

Ricore: Ist das die Botschaft von "Super-Hypochonder": Sei, wer du bist?

Boon: Ja, das ist ein Aspekt der Aussage. Außerdem geht es darum, dass die Liebe die Antwort auf viele Fragen ist. Mein Charakter ist verrückt und psychotisch, weil er die Zeit dazu hat. Mit anderen Worten, er ist einsam. Das sagt im Film auch der Arzt, der von Kad Merad gespielt wird: Seine wahre Krankheit ist die Einsamkeit. Wenn man allein ist, hat man genug Zeit, um krank und paranoid werden. Solange man mit Menschen zusammen ist, Liebe empfindet und empfängt, vergisst man, sich Sorgen zu machen.

Ricore: Haben Sie Angst davor, einsam zu sein?

Boon: Ja. Früher stand ich als Stand-up-Komiker jeden Abend auf der Bühne und hatte Auftritte vor tausenden von Menschen. Danach gab ich hinter der Bühne Autogramme - natürlich ohne die Menschen zu küssen (lacht) - und ging anschließend ins Hotel. Hier war ich sehr einsam, was sehr schwer für mich war. Wenn man beim Tiefseetauchen zu schnell an die Oberfläche kommt, ist es gefährlich für den ganzen Körper. So ähnlich war es mit den Bühnenauftritten. Das war einer der Gründe, warum ich mich dazu entschieden habe, Filme und Theater zu machen. Hier kann man seine Einsamkeit mit anderen Menschen teilen. Solange man die Einsamkeit mit anderen teilt, ist man nicht mehr einsam.

Ricore: 2009 haben Sie sich gegen den Bürgermeister-Kandidaten der Front National in Hénin-Beaumont ausgesprochen...

Boon: Ja, heute ist Hénin-Beaumont in der Hand der Front National. Die Verantwortung dafür liegt bei den Sozialisten nicht nur in Hénin-Beaumont, sondern auch in 15, 16 anderen Städten Frankreichs. Sie haben ganz einfach eine schlechte Politik gemacht. Das ist sehr traurig. Ich hoffe, dass die Menschen merken werden, dass das keine gute Entscheidung war, die Rechtsextremen gewählt zu haben. Von ihnen kann nichts Gutes kommen. Der Glaube ist absurd, dass man alle Probleme des Landes dadurch löst, indem man sich die Ausländer vom Hals schafft. Wir sollten nie vergessen, dass wir für die Anderen stets Fremde sind.


"Super-Hypochonder" Dany Boon mit Hausarzt Kad Merad

Prokino

Kampf den Rechten!

Ricore: Kann man "Super-Hypochonder" vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund auch als Symbol für soziale Hypochondrie verstehen?

Boon: In gewisser Weise ja. Vielleicht wird einer meiner nächsten Filme noch spezifischer von Rechtsextremen in Nordfrankreich handeln. Ich bin zwar kein Politiker und es ist auch nicht meine Aufgabe als Künstler, mich in die Politik einzumischen. Dennoch betrachte ich mich als politischen Filmemacher. Wenn ich in meinen Filmen Identitätsprobleme und Themen wie Immigration behandele, dann ist das ein politischer Gestus. Diesen Weg sollten wir als Künstler gehen.

Ricore: Wie sollte Politik sein, damit sie ihre Wähler nicht an extreme Parteien verliert?

Boon: Ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Ich lebe heute in Los Angeles. Meine Kinder gehen dort in eine französische Schule. Wir gingen vor fünf Jahren in die USA. Es war die Zeit, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchstimmung im Land. Die Menschen waren voller Hoffnung. Ich finde es großartig, dass Obama zum Präsidenten gewählt wurde - wegen seiner Hautfarbe und nicht zuletzt wegen seines islamischen zweiten Vornamens. Jedenfalls gibt es in den USA etwas, das ich großartig finde. Wenn die Schüler das Schuljahr mit einer guten Leistung abgeschlossen haben, erhalten sie vom Weißen Haus einen Brief. Als mein Sohn einen solchen Brief erhalten hatte, in dem er für seine Leistung beglückwünscht wurde nach dem Motto: 'toll gemacht, weiter so, du bist die Zukunft unseres Landes', war er sehr glücklich.

Ricore: Sie meinen, dass das eine motivierende und die politische Einstellung fördernde Wirkung hat?

Boon: Genau. Auch wenn sowohl Brief wie Unterschrift Barack Obamas digital gedruckt werden, ist die Idee großartig. Mit einem Mal fühlten sich meine französisch-schweizerischen Kinder wie echte Amerikaner. Als mein Sohn im Fernsehen Obama sah, sagte er: 'Schau, da ist der Mann, der mir den Brief geschrieben hat.' Dadurch war er automatisch an Obama und der Wahl interessiert. Er machte sich Sorgen, dass er verlieren könnte. Meine Kinder leben seit vier Jahren in den USA, aber sie fühlen sich als Teil des Landes. Die Kampagne schafft es, dass sich die Menschen miteinander verbunden, als Teil einer Gemeinschaft fühlen. So etwas fehlt in der Politik François Hollandes. Daran muss er arbeiten. Er muss ein Gemeinschaftsgefühl schaffen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10.04.2014

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