StudioCanal
Romain Duris in "Beziehungsweise New York"
"Xavier braucht die Suche"
Interview: Romain Duris misstraut praktischen Lösungen
Gut zehn Jahre nach "L'auberge espagnole - Barcelona für ein Jahr" schlüpft Romain Duris für "Beziehungsweise New York" zum dritten Mal in die Rolle des Xavier. Filmreporter.de traf den französischen Schauspieler zum Interview in Berlin und sprach mit ihm darüber, wie ähnlich ein Darsteller einer Filmfigur sein muss, was Dreharbeiten in New York von jenen in Europa unterscheidet und darüber, warum es für manche Menschen wichtiger ist, ihren Weg zu suchen, als am Ziel anzukommen.
erschienen am 4. Mai 2014
StudioCanal
Audrey Tautou und Romain Duris in "Beziehungsweise New York"
"Innerlich immer weit von Xavier entfernt"
Ricore Text: Wenn Sie die drei Filme miteinander vergleichen, gab es Zeiten, in denen Sie sich Ihrer Figur näher fühlten?

Romain Duris: Eher umgekehrt. Ich war innerlich schon immer recht weit von Xavier entfernt, vor allem in den ersten beiden Filmen "Barcelona für ein Jahr" und "L'Auberge espagnole - Wiedersehen in St. Petersburg". Nur die äußerliche Ähnlichkeit ist bei "Beziehungsweise New York" etwas auffälliger geworden. Wir haben nicht mehr so sehr versucht, Xavier von mir zu entfremden.

Ricore: Inwiefern unterscheiden Sie sich?

Duris: Für den ersten Film hatten wir eine Figur geschaffen, die noch sehr unreif ist und wahnsinnig viele Fragen an das Leben hat. Durch seine Unsicherheit ist Xavier wie gelähmt. Das hatte mit mir zu der Zeit sehr wenig zu tun.

Ricore: Haben Sie sich die Filme nochmal angesehen?

Duris: Den ersten schon, aber dann wusste ich wie es weitergeht. Für den dritten Film wollten wir eine etwas andere Richtung einschlagen.

Ricore: Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Cédric Klapisch und den anderen Schauspielern über die Jahre verändert?

Duris: Wir versuchen uns immer wieder anders kennenzulernen. Aber das ist eine unbewusste Sache, das passiert einfach.

Ricore: Was macht die Zusammenarbeit mit Cédric Klapisch aus?

Duris: Sie ist sehr angenehm. Bei seinen Filmen gibt es nie Probleme der Schauspieler untereinander. So etwas findet einfach nicht statt. Auch wenn sehr große Namen mit dabei sind, wie Jean-Paul Belmondo oder Juliette Binoche, mit denen ich gedreht habe. Cédric behandelt auf seine freundliche, warmherzige Art alle gleich.
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Beziehungsweise New York
Romain Duris immer auf der Suche?
Ricore: Ist Xavier im dritten Teil nun am Ziel, an seinem Punkt B angekommen?

Duris: Auf keinen Fall. Xavier ist jemand, der immer nach irgendetwas suchen wird. Ich glaube auch nicht, dass es für ihn gut wäre, wenn er diesen Punkt B erreichen würde. Dann würde er langweilig sein. Xavier braucht die Suche.

Ricore: Xavier hat die Fähigkeit, überall sein zu Hause zu finden. Können Sie das nachvollziehen?

Duris: Verstehen kann ich das schon, das für manche Menschen der Weg das spannendere Ziel ist. Allerdings ist das bei mir ganz anders. Durch meine Arbeit als Schauspieler bin ich gezwungen, viel zu reisen. Da habe ich dann umso stärker das Bedürfnis einen Ort zu haben, der mir selbst gehört und wo ich ich selbst sein kann.

Ricore: Ein Thema des Films ist es, ein guter Vater zu sein. Sie selbst haben auch Kinder. Beschäftigt Sie diese Frage?

Duris: Man muss ja nicht Vater sein, um zu verstehen, um was es da geht. Oder um sich die Frage zu stellen, was ein guter Vater ist. Das ist doch etwas, was uns alle beschäftigt. Viel wichtiger finde ich die Frage, wie man in der heutigen Zeit generell Vater sein kann, weil sich in der Gesellschaft die Elternrollen sehr stark verändert haben. Ich würde die Frage also so formulieren, wie kann man in der heutigen Zeit der bestmögliche Vater sein.

Ricore: Mit wie viel Improvisation sind Sie an den Film herangegangen?

Duris: Mit gar keiner. In den USA und speziell in New York zu drehen bedeutet, dass alles minutiös vorausgeplant werden musste. Das hat mit den Dreherlaubnissen und auch sehr viel mit Hierarchien zu tun. Ich kann beispielsweise am Set nicht ein Glas nehmen und es von rechts nach links stellen. Es gibt jemanden, dessen Aufgabe das ist. Man darf nicht spontan sein, sondern es muss alles vorher geplant werden. Das war die große Herausforderung für Cédric und uns Schauspieler, bei diesem Durchgeplanten trotzdem alles lebendig erscheinen zu lassen.
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Beziehungsweise New York
Bicht gegen das US-System gekämpft
Ricore: Das hört sich stressig an.

Duris: Nein. Weil wir nicht gegen dieses System angekämpft haben, war es auch nicht stressig.

Ricore: Was wäre die größte Umstellung, wenn Sie als Franzose nach New York ziehen würden?

Duris: Das Geld. Ich finde, dass Geld in New York sehr präsent ist.

Ricore: Finden Xavier und Martine am Ende die Liebe oder ist es nur die beste Lösung für ihre komplizierte Lebenssituation?

Duris: Diese Entwicklung war auch für mich eine große Überraschung als ich das Drehbuch las. Das war auch das erste, wonach ich Cédric gefragt habe, denn mir war wichtig, dass das auch wahrhaftig wirkt und dass der Zuschauer daran glauben kann. Ich erkläre es mir so, dass zwischen Xavier und Martine sehr viel über Sex funktioniert. Denn sexuell hat sich Martine sehr verändert, sie ist freier geworden. Die Sexualität funktioniert als Motor, um die beiden wieder näher zueinander zu führen. Ich kann mir vorstellen, dass so auch wieder Gefühle entstehen. Andererseits wäre es natürlich auch praktisch für Xavier, um ein bisschen Chaos in seinem Leben zu beseitigen. Aber ich selbst glaube nicht an solche praktischen Lösungen.

Ricore: Sie sind also Romantiker?

Duris: Ich weiß nicht. Aber ich bin auch nicht derjenige, der das sagen darf. Ich finde, es ist ein sehr schönes Kompliment, wenn man über jemand anderen sagt, dass derjenige romantisch ist, deswegen kann ich das selbst von mir nicht sagen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 4. Mai 2014
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2022