Donata Wenders / NFP
Wim Wenders
Respekt durch ästhetische Überhöhung
Interview: Wim Wenders' Denkmal für Sebastião Salgado
Wim Wenders gehört zu den renommiertesten Filmemachern. Mit Filmen wie "Der amerikanische Freund", dem in Cannes prämierten Drama "Paris, Texas" und "Der Himmel über Berlin schreibt er Filmgeschichte. Nicht minder erfolgreich ist der in Düsseldorf geborene Filmemacher mit seinen Dokumentarfilmen, in denen immer wieder seine Bewunderung für Kunst und Künstlerpersönlichkeiten durchscheint. Nach den Welterfolgen "Buena Vista Social Club "Pina 3D kommt mit "Das Salz der Erde eine weitere Dokumentation in die Kinos. Darin porträtiert der leidenschaftliche Fotograf Wenders den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado und dessen Werk. Filmreporter.de sprach mit dem 69-Jährigen über die Entstehung von "Das Salz der Erde" sowie über die Arbeit Salgados und dessen Ästhetik des Schreckens.
erschienen am 29. Oktober 2014
Sebastião Salgado / Amazonas images
Juliano Ribeiro Salgado
Aura einer Madonna
Ricore Text: Herr Wenders, es heißt in "Das Salz der Erde", dass Sie das Foto einer blinden Frau über dem Schreibtisch hängen haben. Hat das eine tiefere Bedeutung?

Wim Wenders: Als ich dieses Salgado Foto einer blinden Tuareg Frau aus Mali zum ersten Mal gesehen habe, war ich sehr bewegt von ihrer Aura einer Madonna. Sie wusste, dass sie fotografiert wurde, und zeigte sich der Kamera mit einer großen Würde. Ich habe zu Blinden ein besonderes Verhältnis. Meine Lieblingstante war blind, und die hatte in meiner Jugend eine große Rolle gespielt. Ihr habe ich seinerzeit meinen Film "Bis ans Ende der Welt" gewidmet, in dem Jeanne Moreau eine Blinde spielt.

Ricore: Wie kam es zu der Entscheidung, aus der Begegnung mit Sebastião Salgado eine Dokumentation zu machen?

Wenders: Schon Ende der 1990er Jahre hatte ich ihn mal in Brasilien gesucht, aber ihn damals nicht gefunden. Später erfuhr ich, dass er in Paris lebt. Und weil er seit Jahren schon erklärtermaßen mein Lieblingsfotograf war, hab ich gedacht, es sei allmählich an der Zeit, ihn zu treffen. Ich habe ihn dann in seinem Atelier besucht. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und uns dann mehrfach getroffen. Er zeigte mir u.a. die ersten Bilder von "Genesis", sein neues Projekt, mit dem er damals aber noch lange nicht fertig war. Ohne den Hintergedanken an einen Film bat er mich um einen Rat, ob man diese Bilder auf die große Leinwand bringen könnte, ob sie außerhalb eines Buches oder einer Ausstellung eine Plattform haben könnten. Er hatte das Gefühl, dass seine Suche nach unberührten Orten auf diesem Planeten sehr kinematographisch wäre. Erst habe ich ihm davon abgeraten, weil ich fürchtete, dass dies zu sehr einer Dia-Show ähneln könne. Aber dann kam ich auf die Idee, dass das mit ihm als Erzähler durchaus funktionieren könnte. Ich hatte Sebastião inzwischen als großen Erzähler kennengelernt, der mir über jedes seiner Bilder viel zu erzählen wusste.

Ricore: Wie kam Salgados Sohn, Juliano Ribeiro Salgado, als Koregisseur zu dem Projekt?

Wenders: Die beiden hatten schon ein gemeinsames Projekt angefangen, ohne wirklich zu wissen, wohin das führen könnte. Juliano hatte seinen Vater auf diversen Reisen mit einer Kamera begleitet. Er wollte herausfinden, wer dieser Mann war, der für ihn in seiner Kindheit vor allem ein abwesender Vater gewesen war. Ich schaute mir das Material an und fand es sehr schön. Und dann kam die Idee auf, dass wir uns gemeinsam an diese Aufgabe machen könnten, aus verschiedenen Blickwinkeln, er als Sohn und ich eher als Außenstehender. Ich wollte vor allem der Frage nachgehen, wie ein gelernter Ökonom Fotograf geworden war, und warum dieser Fotograf nach einer langen Zeit erfolgreichen Arbeitens nochmal eine neue Lebensaufgabe als Ökologe gefunden hat.
Jean-François Martin/Ricore Text
Wim Wenders (Cannes 2008)
Wim Wenders: schwieriger und langwieriger Prozess
Ricore: Welche Szenen in "Das Salz der Erde" stammen von Juliano Ribeiro Salgado und welche von Ihnen?

Wenders: Die Aufnahmen von den Reisen nach Sibirien, an den Amazonas und nach Papua-Neuguinea stammen von Juliano. Außerdem steuerte er das Material seines Großvaters von vor 15 Jahren bei. Die Auseinandersetzung mit Salagados Fotografie und seiner Lebensgeschichte habe ich gedreht. Wir haben unsere respektiven Dreharbeiten getrennt durchgeführt und erst im Schneideraum eng zusammengearbeitet. Das war ein schwieriger und langwieriger Prozess. Es dauerte anderthalb Jahre, bis wir aus der Fülle des Materials den ganzen Bogen dieser großen Geschichte herauskristallisiert hatten.

Ricore: Hat ihnen Ihre Erfahrung als Fotograf, geholfen sich dem Thema zu nähern?

Wenders: Ich habe diesen Film als Filmemacher gedreht, von einer großen Neugier getrieben, was diesen Fotografen befähigt hatte, diese gewaltige Enzyklopädie des Lebens auf unserem Planeten zu schaffen. Und dabei hat mir sehr geholfen, dass Salgado ebenso ein guter Erzähler war.

Ricore: Wie haben Sie das erzählerische Moment und die visuelle Kraft von Salgados Bilder unter einen Hut gebracht?

Wenders: Es hat eine Weile gebraucht, bis ich den Weg dahin gefunden habe. Wir hatten erst konventionell gearbeitet, gemeinsam vor der Kamera gestanden und uns über seine Fotos gebeugt. Aus seinen Büchern und riesigen Stapeln von Fotos haben wir dann über Wochen die Geschichten seiner Arbeit nachvollzogen. Aber das war mir dann nicht intim und intensiv genug. Wir haben dann ein ganz neues Verfahren entwickelt, wie Salgado allein sein konnte mit seinen Bildern und dabei gleichzeitig alles dem Zuschauer direkt erzählen konnte. Das hat dann noch einmal Wochen gedauert...

Ricore: Salgado wurde für seine Arbeit oft kritisiert. Er würde das Elend der Welt ästhetisieren und dadurch verharmlosen.

Wenders: Das war schon immer ein Dilemma der Kunst. Schon Goya hatte damit zu kämpfen, wie Krieg, Hunger und Tod in Bildern thematisiert werden könnten. Aber die grundsätzliche Frage ist nicht, was man sehen und zeigen darf - man muss alles zeigen dürfen, heute noch mehr denn je zuvor - sondern wie man es zeigt. Darf man das Elend ästhetisch relevant darstellen? Für mich ist die Gegenfrage die viel entscheidendere: Wie sollte man das sonst tun? Nur in der ästhetischen Überhöhung kann sich ein Respekt des Fotografen für sein Gegenüber ausdrücken. Nur so kann er den Menschen vor seiner Kamera, die oft jeder Würde beraubt sind, diese wiedergeben. Wenn er nicht versucht, ein 'gutes Bild' zu machen, fügt er der Beliebigkeit, die uns umgibt, nur noch mehr Beliebigkeit hinzu.
Donata Wenders / NFP
Sebastião Salgado
Sebastião Salgado in seinem eigenen Universum sehen
Ricore: Gibt es ästhetische Überschneidungen zwischen Ihren Aufnahmen in "Das Salz der Erde" und den Bildern Salgados?

Wenders: Ich habe in meinen Passagen versucht, Salgado in seinem eigenen Universum zu sehen. Daher habe ich seine fotografische Reise in Schwarz-Weiß gedreht - bis auf den Schluss im Instituto Terra und in seinem neu gepflanzten Regenwald. Dieser herrliche Natur und Sebastiãos gewaltiges Projekt schien mir nur in Farbe Genüge getan.

Ricore: Hat Salgado nach all dem erlebten Elend seinen Glauben an die Welt verloren?

Wenders: Er war nach dem hautnahen Erlebnis des Völkermords in Ruanda an einen Punkt gelangt, an dem er nicht mehr weiterkonnte. Er hat nicht mehr an die Menschheit glauben können. Das war das Ende seiner Karriere als Social-Photographer, und danach hat er sehr konsequent diesen Beruf nicht weiter ausgeübt. Sonst wäre er notgedrungen zynisch geworden. Aber das große unerwartete Erfolgserlebnis mit dem Waldprojekt hat ihn wieder aufgerichtet. Es eröffnete ihm die Türen zu "Genesis" und zu einem neuen Zugang zur Fotografie. Die Natur wurde zu einer Quelle von Kraft und Inspiration.

Ricore: Ist Salgados Hinwendung zur Naturfotografie Ausdruck der Hoffnung oder der Resignation?

Wenders: Darin steckt eine gewaltige positive Kraft. "Genesis" ist ein einziges großes Liebeslied an unseren Planeten. Aber ich weiß nicht, ob er den Mut gehabt hätte, den Blick von dem Leiden abzuwenden auf das Paradies, was es auch noch auf der Erde gibt, wenn die Natur ihm dabei nicht geholfen hätte.

Ricore: Werden Sie nach "Pina" noch einmal in 3D arbeiten?

Wenders: Seit "Pina" nur ich eigentlich nur in 3D gearbeitet. "Kathedralen der Kultur" haben wir in dieser Technik gedreht so wie meinen nächsten Spielfilm "Every Thing Will Be Fine, den ich unmittelbar nach "Pina" begonnen habe und der hoffentlich im Frühjahr 2015 fertig wird. Nur bei "Das Salz der Erde" war mir von Anfang an klar: Einen Film über einen Fotografen, der zudem in schwarz-weiß arbeitet, kann ich nicht in 3D drehen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 29. Oktober 2014
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Wim Wenders gehört zu den renommiertesten Filmemachern des internationalen Kinos. Mit Filmen wie "Der amerikanische Freund", dem in Paris, Texas" und "Der Himmel über Berlin" schreibt er Filmgeschichte.Die Toten Hosen verbindet die Familie Wenders eine besondere Beziehung. Wim dreht mit ihnen ein Musikvideo, seine Frau Donata gestaltet ein Cover, Nichte Hella dreht eine Kurzdokumentation über die Afrika-Reise einiger Band-Mitglieder. Hosen-Frontman Campino spielt zudem in Wenders Drama..
2022