Camino Filmverleih
Udo Kier in "Arteholic"
Andy Warhol beim Kaffee
Interview: Udo Kier ist der Arteholic
Nur zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag am 14. Oktober kommt die Dokumentation "Arteholic" über Udo Kier in die deutschen Kinos. Regisseur Hermann Vaske begleitet den deutschen Star bei Führungen durch europäische Museen. Auf der Reise durch die moderne Kunstgeschichte erinnert sich Kier an Persönlichkeiten wie Andy Warhol und seine Anfänge als Schauspieler. Darüber hinaus kommt es zu Begegnungen mit zeitgenössischen Künstlern wie Rosemarie Trockel, Jonathan Meese und Lars von Trier. Filmreporter.de hat sich mit dem Kunst-besessenen Schauspieler dieses Jahr auf dem Filmfest München getroffen, wo "Arteholic" aufgeführt und Udo Kier mit dem CineMerit Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.
erschienen am 15. Oktober 2014
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Udo Kier in "Arteholic"
Ricore Text: Herr Kier auf dem Filmfest München wurden sie mit dem Cinemerit Award für Ihr Lebenswerk geehrt. In diesem Zusammenhang durften Sie lang und ausführlich bei diversen Veranstaltungen über Ihr Leben und Ihre Arbeit sprechen. Auch in der Dokumentation "Arteholic" lassen Sie Ihr Leben Revue passieren. Reden Sie gerne über Ihre Vergangenheit.

Udo Kier: Nun, ich bin in der Hinsicht professionell. Zu Hause erzähle ich meinen Bäumen und meinen Hunden keine Geschichten. Wenn ich auf meiner Ranch sitze und rund um mich nur Berge und Palmen sehe, dann bin ich ganz bei mir. Ich bin noch nicht in dem Alter, dass ich mit mir selber Monologe führe.

Ricore: Stichwort Alter! Wie fühlt man sich als 69 plus?

Kier: Ich war mal mit einer halbnackten Frau auf dem Titelblatt der Modezeitschrift Achtung. Die Überschrift lautete 'Die Zeit ist die Sünde'. Mein 60. Geburtstag wurde in Berlin groß gefeiert. Es kommt mir vor, als wäre das drei Jahre her, dabei sind schon zehn Jahre vergangen. Die Zeit ist die Sünde. 70 Jahre ist noch nicht zu alt. Ich konnte gestern auf der Bühne noch tanzen. Ich musste nicht auf die Bühne geführt werden. Auch den Preis konnte ich noch selber tragen.

Ricore: Wo werden Sie Ihren 70. Geburtstag feiern?

Kier: Man will, dass ich zum Geburtstag und der Premiere von "Arteholic" nach Deutschland komme. Ob das klappt, weiß ich noch nicht.

Ricore: Wo bewahren Sie all ihre Preise bei auf?

Kier: Die stehen im Badezimmer. Sie stehen jedenfalls nicht auf dem Regal und werden nicht vom Licht angestrahlt.

Ricore: Anders als die Kunstgegenstände, von denen Sie mittlerweile eine stattliche Sammlung haben.

Kier: Ich würde mich nicht als Kunstsammler bezeichnen. Kunstsammler sind die Oetker-Familie, die sich für ihre Kunstschätze Museen bauen lässt. Ich habe viele schöne Sachen geschenkt bekommen oder selber welche gekauft, einen Man Ray etwa, oder einen Magritte und einen Giacometti. Ich wohne in Palm Springs in einer ehemaligen Bücherei. Das Gebäude wurde von dem berühmten Architekten Albert Frey entworfen. Wenn ich am Tisch sitze und auf die Wand schaue, sehe ich einen sehr bunten Indianer mit der Inschrift 'For Udo with Love' von Andy Warhol. Daneben hängt ein Porträt von mir, das Robert Mapplethorpe gemacht hat. Wenn ich weiter schaue, dann sehe ich David Hockneys 'For Udo', außerdem Werke von Sigmar Polke, David Longo usw.. Das sind alles Geschichten, über die ich mich freue, wenn ich meinen Kaffee trinke.
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Lars von Trier und Udo Kier in "Arteholic"
Ein schönes Gefühl
Ricore: Brachte das Jahr 2014 Besonderes für Sie?

Kier: Es war ein schönes Gefühl, die Auszeichnung in München entgegenzunehmen. Es war schön, als Robert Fischer [Verantwortlicher für die Sektion Internationales Programm beim Filmfest München; Red.] mich anrief und sagte, dass man mir den CineMerit Award verleihen wolle. Da schaut man doch schon mal nach, wer vor einem den Preis erhalten hat. Wenn man sieht, wer ihn schon alles erhalten hat: Michael Caine, John Malkovich, mit denen ich zusammengearbeitet habe, Julie Christie, die ich gut kenne. Das ist eine tolle Gruppe. Dann stellte ich fest, dass ich nach Mario Adorf erst der zweite Deutsche bin, der diesen Preis erhält. Ich freute mich sehr darüber. Ich bin gerne hier, auch wenn ich noch keinen einzigen Film aus dem Programm sehen konnte.

Ricore: Wie kam "Arteholic" zustande?

Kier: Ich war zur Premiere von "Melancholia" in Cannes, wo Hermann Vaske und und bei einem deutschen Empfang gesprochen haben und er mir das Angebot machte. Zunächst dachte ich, dass die Idee seltsam sei. Udo Kier führt durch die europäischen Museen? Als klassischer Museumsführer wollte ich nicht auftreten. Ich habe nicht genug Ahnung von der Kunst, als dass ich sie erklären könnte. Aber ich habe das Talent, Kunst zu erkennen. Gestern habe ich einen Feuerlöscher gesehen mit einer Rose aus Messing. Daraus könnte ich ein Foto machen, es vergrößern und bei mir an die Wand hängen.

Ricore: Das ist auch die Aussage des Films: Kunst ist überall.

Kier: Wenn man in einem Museum einen Haufen legt und es mit einer roten Kordel versieht, halten es die Menschen für Kunst. Wenn man das auf der Straße macht, wird man verhaftet. Ein gutes Beispiel dafür ist doch Joseph Beuys' Badewanne, die er mit Pflastern und Mullbinden füllte. Als einige Frauen die Wanne bei einer Feier entdeckten, entfernten sie alles, was drin ist, um die Wanne zum Kühlen der Getränke zu benutzen. Das war damals ein ungeheurer Skandal. Eine andere Geschichte: Ich habe mir einmal einen Hirsch aus Plastik gekauft. Weil eines der Beine kaputt war, wollte man mir das Teil nicht verkaufen. Ich hab es dennoch für 20 Dollar erworben. Zuhause habe ich das kaputte Bein mit einem Verband verbunden und es mit rotem Nagellack so aussehen lassen, als ob es verletzt sei und blute. Wenn mich Besucher fragen, was das sei, antworte ich: Jeff Koons (lacht). Sie denken, wenn hier Warhol hängt, dann wird das mit dem Hirsch wohl auch wahr sein.

Ricore: Sie begegnen in "Arteholic" einigen bedeutenden zeitgenössischen Künstlern. Welche Begegnung war die schönste?

Kier: Meine Lieblingsszene ist die mit Lars von Trier. Sie entstand aus der Not heraus. Eigentlich wollte ich in Kopenhagen mit Per Kirkeby reden. Von ihm stammen die Kapitel in von Triers "Breaking The Waves". Leider war er zu der Zeit krank. Und so rief ich Lars an. Er sagte aber, dass er im Moment nicht spreche und so kam ich auf die Idee, dass wir einfach Zeitung lesen.
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Udo Kier in "Arteholic"
Udo Kier: Ich frage nicht nach dem Grund
Ricore: Was bedeutet, dass von Trier nicht spricht?

Kier: Er hat manchmal solche Phasen, in denen er nicht spricht. Wie manche ins Kloster gehen, um nicht zu reden, so entscheidet Lars, eine Zeitlang stumm zu sein. Ich fragte nicht nach dem Grund. Es ist seine Sache.

Ricore: Sie haben bereits weit über 200 Filme gedreht. Ganz schön produktiv.

Kier: Von den 200 Filme sind bestimmt an die 100, die schlecht sind und die ich vergessen habe. Fünfzig sind gut, die kann man sich ansehen. Das ist doch ein guter Durchschnitt, oder?

Ricore: An welche erinnern Sie sich besonders gerne?

Kier: Als Schauspieler mag man Filme, die etwas verändert haben. Bei mir haben "Frankenstein" und "Dracula" etwas bewirkt. Auch "Die Geschichte der O." gehört dazu oder die Arbeiten mit Rainer Werner Fassbinder, Gus van Sant, Wim Wenders, Christoph Schlingensief und natürlich Lars von Trier. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört "Dracula". Es ist ein kunstvoll gemachter Film, der für wenig Geld in drei Wochen gedreht wurde. Dann gibt es einen Film, den ich auch sehr liebe, den aber niemand kennt. Er heißt "Narziß und Psyche" von Gábor Bódy, der leider viel zu früh gestorben ist.

Ricore: Was sind ihre nächsten Projekte?

Kier: Ich werde dieses Jahr noch zwei Filme machen. Bei dem einen handelt es sich um eine belgische Produktion, die In Irland gedreht wird. Er heißt "Winnipeg". Dann drehe ich noch einen Erstlingsfilm in New York. Darin spiele ich einen Stasi, der als Spion in Amerika arbeitet.

Ricore: Wie kommt ein unerfahrener Regisseur an die Adresse von Udo Kier?

Kier: Indem man mich überzeugt (lacht).

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 15. Oktober 2014
Zum Thema
Udo Kier gehört zu den schillerndsten Schauspielern Deutschlands. Mit weit über 200 Kinoproduktionen seit Karrierebeginn Mitte der 1960er Jahre ist er zudem einer der produktivsten Akteure im Weltkino. Die Grenze seiner schauspielerischen Tätigkeit ist fließend. Er arbeitet mit Autorenregisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Christoph Schlingensief, Gus van Sant und Lars von Trier, ist sich aber auch für billige Trashfilme nicht zu schade.Andy Warhol produzierten Horrorstreifen "Andy Warhol's..
Arteholic (Kinofilm)
2022