Sony Pictures
Coole Socke: Bill Murray in "St. Vincent"
Raue Schale, weicher Kern
Interview: Bill Murrays Tränen
Charaktere mit zynischer Schale und empfindlichem Kern sind das Markenzeichen von Bill Murray. Man denke an den griesgrämig-großschnäuzigen Meteorologen im Klassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier", der sein Herz an eine Kollegin verliert. Oder den abgebrühten Schauspieler in "Lost in Translation", der durch die Begegnung mit einer jungen Amerikanerin und der fremden japanischen Zivilisation im fernen Tokio weichgespült wird. Mit "St. Vincent" zeigt Murray jetzt eine weitere Variante dieses Menschenschlags. Der alte Mann, den er in der Tragikomödie spielt, ist alles andere als heilig. Der mürrische Rentner frönt dem Alkohol, neigt zum Glücksspiel und zu seinem Bekanntenkreis gehört eine 'Dame der Nacht'. Als er auf einen Zwölfjährigen aufpassen soll, entdeckt der Misanthrop Gefühle in sich. Im Gespräch mit Filmreporter.de verrät Murray, wie viel von seinem Großvater in der Rolle steckt.
Sony Pictures
Nur auf der Leinwand mit Starallüren: Bill Murray ("St. Vincent")
Habe Angst vor Ruhm
Ricore Text: Mr. Murray, Sie gehören zu den zurückgezogendsten Schauspielern. Hollywoods? Warum meiden Sie die Öffentlichkeit?

Bill Murray: Ich weiß es nicht. Ich denke, ich hatte schon immer ein bisschen Angst vor Ruhm und allem, was damit zusammenhängt. Ruhm ist eigentlich etwas Albernes. Ich bin ein normaler Mensch, der in der Filmbranche für seinen Lebensunterhalt arbeitet. Nicht mehr und nicht weniger.

Ricore: Was bedeutet Ihnen Ruhm?

Murray: Es bedeutet mir nichts. Er hilft einem, einen besseren Tisch in einem Restaurant zu bekommen. Doch warum brauche ich einen besseren Tisch? Jeder andere möchte auch in einem Restaurant essen, oder nicht? Das Beste am Berühmt-sein ist, dass man hoffentlich kein Strafticket bekommt. Da haben Sie es: Es hilft einem Geld zu sparen.

Ricore: "Ghostbusters - Die Geisterjäger" hat dafür gesorgt, dass Sie weltberühmt wurden. Inwiefern hat der Film Ihr Leben verändert?

Murray: "Ghostbusters" hat das College meiner Kinder finanziert. Zumindest sie sind damit früher fertig geworden, als wenn sie es selbst bezahlt hätten. Der Film war für mich eine großartige Erfahrung. Vielleicht war ich eine Zeit lang ein wenig zu groß.

Ricore: Was meinen Sie damit?

Murray: "Ghostbusters" hatte einen zu großen Einfluss auf mein Leben, es war irgendwann zu viel für mich. Irgendwann habe ich das Land verlassen müssen. Ich musste mich auf andere Bereiche meines Lebens konzentrieren. Andererseits bin ich dem Film bis heute dankbar. Er sorgte dafür, dass ich neben der Schauspielerei auch andere Sachen machen konnte.

Ricore: Schauen Sie sich den Film heute noch an?

Murray: Machen Sie Scherze? Der läuft bei mir zu Hause in Dauerschleife. Nein, im Ernst. Hin und wieder wird er im Fernsehen gezeigt und wenn ich zufällig drauf stoße, dann schaue ich mir bestimmte Passagen an. Ich mag die Sachen, die wir während der Dreharbeiten improvisierten. Ich kann mich noch daran erinnern, als wir die Uniformen anzogen und die Polizei von New York dachte, dass wir einen höheren Rang als sie hätten. Unsere Uniform sah einfach cooler aus. Wir hielten nie an, wenn die Ampel auf Rot geschaltet waren, wir machten, was wir wollten. Wie hatten damals sehr viel Freiheit.
Sony Pictures
Erster Blockbuster finanzierte College für seine Kinder: Bill Murray ("St. Vincent")
Bill Murray: Filme aus Spaß
Ricore: Inwiefern hat sich Hollywood seit Ihren Anfängen verändert?

Murray: Als ich anfing, war die Filmbranche nicht so ein ernstes Geschäft. Wir machten Filme aus Spaß. Man konnte vieles ausprobieren. Wir spielten eigentlich nur für uns selbst. Das war großartig. Außerdem war die Industrie tatsächlich in den Händen von Filmleuten. Heute ist das anders. Heute ist alles ein großer Ernst.

Ricore: Denken Sie mit dem Älterwerden an die Menschen, mit denen Sie Zeit verbracht haben, heute aber nicht mehr unter uns weilen?

Murray: Interessante Frage. Je näher man dem Tod rückt, umso öfter denkt man an die Menschen, die um einen waren, einen beeinflusst haben und nun tot sind. Mit meiner Arbeit erweise ich ihnen meine Referenz.

Ricore: Inwiefern?

Murray: Bei "St. Vincent" dachte ich etwa an meinen Großvater. Von ihm steckt viel in diesem Film. Zum Beispiel die Tatsache, wie mein Charakter läuft und spricht. Mein Großvater war jemand, der eine Fliege trug und damit gut aussah. Er war sehr lustig. Einfach großartig. Er hatte falsche Zähne und brachte kleine Kinder zum Weinen. Ein fantastischer Kerl.

Ricore: Es scheint, dass Sie heute mehr Emotionen zeigen als früher. Würden Sie dem zustimmen?

Murray: Ja, das könnte sein. Ich bin gerührt, wenn ich positive Reaktionen auf meine Arbeit bekomme. Ich weinte regelrecht, als ich "St. Vincent" schaute. Irgendwann dachte ich: Wenn das Licht angeht und man mich beim Heulen erwischt, dann bin ich erledigt.

Ricore: Zu ihrem Freundeskreis gehört auch George Clooney, mit dem Sie nicht nur zusammengearbeitet haben, sondern auch viel Zeit verbringen. Was schätzen Sie an ihm am meisten?

Murray: Er brauchte jemanden an seiner Seite, der genauso gut aussieht wie er. So hat er mich ausgewählt (lacht). Nein, George ist einfach ein Kerl, mit dem man gut auskommt. Er hat eine großzügige Seele. Das schätze ich sehr. Ich fühle mich zu Menschen mit großen Herzen hingezogen. Das müssen übrigens keine Prominente sein.
Sony Pictures
Bill Murray grübelt am "St. Vincent"-SET über Drehbuch
"Ich folge keinem Plan"
Ricore: Was ist die größte Freiheit, die Sie genießen?

Murray: Ich mache einfach, was ich will - auch wenn das jetzt egoistisch klingt. Ich folge keinem Plan. Das ist sehr befreiend. Ich liebe es, Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen und ich mag es, wenn ich nicht 24 Stunden am Tag erreichbar bin. Jeder ist heute jederzeit erreichbar. Ich bin mir sicher, ob das Handy eine gute Erfindung ist. Die Menschen sprechen nicht mehr miteinander. Jeder ist in seinem Handy versunken.

Ricore: Sie wurden für ihre Leistung in "Lost in Translation" für einen Oscar nominiert. Nun werden sie auch für "St. Vincent" als Kandidat gehandelt. Werden Sie für den Film werben?

Murray: Nein, das habe ich noch nie gemacht. Ich möchte mich nicht wegen etwas aufregen, um am Ende enttäuscht zu werden. Ich schätze, tief in mir gibt es einen Wettkämpfer, der nicht gerne verliert. Heute bin ich einfach nur glücklich, dass die Menschen meine Arbeit schätzen. Es ist besser, als von jedem gehasst zu werden.

Ricore: Wollten Sie schon immer Schauspieler werden?

Murray: Nein, ich wollte Baseball spielen. Dann hatte ich diese großartige Idee, Arzt zu werden. Ich wusste nicht, dass damit viel Lernen einhergeht.

Ricore: Während der Dreharbeiten zu "St. Vincent" sollen Sie jeden Tag 15 Kilometer Rad gefahren sein. Stimmt das?

Murray: Ja, das ist wahr. Ich liebe das Rad fahren. Es gibt mir die Möglichkeit, die Umgebung zu erkunden und zu sehen, wo ich mich befinde. Außerdem kommt man nach einer Weile in Form. Vor allem nach einem Monat Dreharbeiten.

Ricore: Sie befinden sich an einem Punkt Ihrer Karriere, an dem Sie einen Lebenswerk-Preis nach dem anderen erhalten. Auf dem Filmfest von Toronto gab es zum Beispiel einen 'Bill Murray Tag'. Wie fühlen Sie sich dabei?

Murray: Alt. Ich fühlte mich, als würde ich ausgestellt. Aber das hat sich alles als okay erwiesen. Ich war gerührt, weil Menschen, die ich nicht kannte, mich zu mögen schienen. Das fühlte sich gut an.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Julia Manfredi, Filmreporter.de,  25. Januar 2015
Zum Thema
St. Vincent (Kinofilm)
Maggie (Melissa McCarthy) zieht mit ihrem zwölfjährigen Sohn nach Brooklyn. Die alleinerziehende Mutter wird von ihrer Arbeit komplett aufgesogen. Daher bittet sie ihren Nachbar Vincent (Bill Murray), auf ihr Kind aufzupassen. Der Misanthrop mit Hang zu Alkohol und Glücksspiel führt den Jungen bald in die Unterwelt New Yorks ein. Zwischen dem alten Mann und dem Jungen entsteht eine Vater-Sohn-Beziehung. "St. Vincent" erzählt die oft gesehene Geschichte über die Läuterung eines Misanthropen..
Weitere Interviews
Florian Zeller (Jahrgang 1979) studiert am Filmadaption sein Debüt auf der Leinwand. Mit Olivia Colman und Anthony Hopkins, der für den Film den Christopher Hampton mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch geehrt. Keine schlechte Bilanz für ein Debütfilm! Wir sprechen mit Florian Zeller auf dem Filmfest Zürich.
Als wir Daniel Brühl interviewen, ist er gerade aus Spanien nach Berlin zurückgekommen. Hier stellt er sein Regiedebüt "Nebenan" auf der Sommer-Peter Kurth - ein Duell über Erfolg, Geld und unterschiedlichen Welten, in denen sie Tür an Tür leben. Brühl genießt den Blick auf Berlin von der Terrasse des Hotels.
Im wahren Leben ist Emily Blunt mit ihrem Traummann vor den Traualtar getreten. In der Komödie "Fast verheiratet" kommt der geplanten Ehe mit Kodarsteller Jason Segel immer wieder etwas dazwischen. Im Interview mit Filmreporter.de spricht die britische Schauspielerin über ihr Leben als verheiratete Frau und die Schwierigkeit, eine komische Rolle zu spielen.
2021