Interview: Frederick Lau zu Victoria | FILMREPORTER.de
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Interview

Frederick Lau in "Victoria"
"Ich dachte, das geht nie gut"

Frederick Lau hat's einfach gespielt

Zum Interview erscheint ein höflicher junger Mann, der wesentlich erwachsener wirkt, als seine Filmrollen. Frederick Lau trägt schwarze Jeans, weißes T-Shirt, eine Leinenjacke mit grau-weißen Blockstreifen und einen Schnauzbart. Der ist schon für eine neue Rolle, verrät er in unserem Gespräch. Wir sprechen nicht nur über "Victoria", sondern auch über Loyalität und die Freiheit, das zu tun, was man für richtig hält. Offen erzählt Lau, welche Sorgen er hat und was er seiner kleinen Tochter für ein Vater sein möchte.
Von  Tatjana Niezel, Filmreporter.de, 12. Juni 2015

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Einfach in den Tag hineinzuleben
Ricore Text: Darf ich Sie duzen?

Frederick Lau: Auf jeden Fall.

Ricore: Schön, denn Du wirkst immer so jung...

Lau: Und gar nicht erwachsen?

Ricore: Das war durchaus als Kompliment gemeint. Fühlst du Dich denn erwachsen?

Lau: Nö, eher nicht. Mehr als älteres Kind. Vielleicht bin ich auf dem Weg dahin. Wenn ich Leute an der Bushaltestelle stehen sehe, die wahrscheinlich gerade ihr Abitur machen, denke ich oft, ich könnte da auch immer noch stehen.

Ricore: Die Frage ist ja auch, ob man überhaupt erwachsen werden will.

Lau: Eben. Ob man überhaupt diese Anpassung an die Gesellschaft in seinem Leben will. Für mich hat das auch etwas mit einer gewissen Biederkeit zu tun.

Ricore: Wie erwachsen ist denn Sonne, den Du in "Victoria" spielst?

Lau: Überhaupt nicht erwachsen, der ist noch mehr auf der Suche. Alle Figuren des Films sind auf der Suche. Sie haben diese Freundschaft als Familienersatz gefunden, aber sonst fehlt da noch ganz viel. Sie werden von der Gesellschaft nicht angenommen und haben wenig Möglichkeiten, ein Teil davon zu sein.

Ricore: Warum nicht?

Lau: Das fängt ja schon früh an, wenn man sich die Bildungsmöglichkeiten für diejenigen ansieht, die nicht so gut situiert sind. Für Sonne und die anderen ist ihre kleine Ersatz-Familie das wichtigste. Ich stell mir die Jungs immer so vor, die stehen morgens auf, dann wartet schon einer unten am Fenster und pfeift und dann verbringen sie den Tag zusammen. Diese Loyalität haben sie zuvor noch nicht erfahren. Das Gefühl, verstanden zu werden, ist ihnen wichtiger als das Geld.

Ricore: Kennst Du dieses Gefühl, sich treiben zu lassen?

Lau: Ich bin ein großer Fan davon, einfach in den Tag hineinzuleben. Aber mittlerweile habe ich ja Familie und ein Kind. Das Treibenlassen geht bei mir nicht mehr so, doch darüber bin ich sehr glücklich. Es ist eine ungewollte Freiheit, die diese Jungs haben.

Ricore: Also eher eine Unsicherheit, wie es weitergeht?

Lau: Ja. Ich erlebe das zum Beispiel immer nach der Berlinale. Da steht man da und weiß nicht, was man als nächstes arbeitet. Das geht jedem so, den ich gefragt hab. Ab April kommen langsam die Angebote. Im Winter dreht kaum jemand, weil es so früh dunkel wird. Da weiß man dann kurzzeitig nicht, wie es weiter gehen soll und fragt sich: "Was haste denn gemacht? Haste irgendwas falsch gemacht, dass dich keiner fragt?" Ich will ja jetzt auch, dass es meiner Familie gut geht.

Ricore: Was sind denn deine nächsten Projekte?

Lau: Am 18. Mai beginnen die Dreharbeiten zu Johannes Nabers neuem Film "Das kalte Herz, eine düstere Märchenverfilmung mit Moritz Bleibtreu. Und danach kommt "Berlin 1", ein Film, der in den 20er Jahren angesiedelt ist. Deswegen auch schon der Schnurrbart. Aber danach ist auch schon Oktober und dann ist erstmal wieder Schluss, weil im Winter keiner dreht. Man hat ja auch eine Vorbereitungszeit, in der man aber auch keine Bezahlung bekommt, sondern nur an der neuen Rolle arbeitet.

Ricore: Aber das klingt doch schon ein Stück nach Erwachsensein.

Lau: Ja, aber das Wort stört mich trotzdem.

Amateurgangster Frederick Lau in "Victoria"

Amateurgangster Frederick Lau in "Victoria"

Frederick Lau: Momente, die den Film lebendig machen
Ricore: Erwachsen muss ja nicht gleich spießig sein.

Lau: Nein, stimmt. Mein Vater ist auch schon 78 Jahre alt und hüpft trotzdem noch auf dem Trampolin. Das finde ich gut. Ich glaube, dass Freigeiste die Welt anders sehen. Das verbinde ich auch mit Berlin, dass man hier frei und wild sein darf und machen kann, was man will. Das macht die Stadt aus.

Ricore: War es Dir wichtig, dass "Victoria" in Berlin spielt?

Lau: Es ist eine Homage an die Stadt und die Leute, die hier herkommen und etwas suchen, aber ich glaube, dass der Film auch in anderen Großstädten spielen könnte.

Ricore: Wie bist Du an die Rolle herangegangen, mit dem Wissen, dass es in einem Rutsch klappen muss?

Lau: Naja, wir hatten ja drei Versuche, aber ich war ziemlich nervös. Bevor die Klappe fiel, haben wir alle versucht, unsere Nervosität totzuquatschen. Ich stand total unter Adrenalin, denn ich dachte die ganze Zeit, das geht niemals gut, das geht niemals gut. Das ist jetzt der dritte Take, vorher war's zwar okay, aber noch ein drittes Mal klappt das nicht. Und dann war es der beste Take überhaupt.

Ricore: Ihr musstet jeweils zweieinhalb Stunden am Stück spielen, zweieinhalb Stunden die Konzentration aufrecht erhalten.

Lau: Ja, aber wenn man da drin ist, verliert man das Gefühl für die Zeit. Man weiß danach auch nicht mehr genau, was eigentlich passiert ist. Doch dann ist es meistens gut.

Ricore: Für den Film musst Du verschiedene Emotionen von Verliebtheit bis Angst an einem Stück spielen, wie geht das?

Lau: Man denkt dabei nicht, ach, jetzt kommt gleich die Szene, in der ich diese Emotion spielen muss, sondern man fällt da einfach rein. Man ist so gut, wie das Gegenüber. Eigentlich mag ich diesen Satz nicht, aber in diesem Fall stimmt er. Wenn Laia Costa, die die Victoria spielt, mir alles gibt, muss ich nur noch reagieren. Es ist ja auch ein Film über Reaktionen, denn wenn hier jemand etwas sagt, kann das in dir jeder Zeit etwas verändern. Wenn Blinker (Burak Yigit) irgendwas zu Sonne sagt, muss ich ja genau in dem Moment darüber nachdenken und gehe dann mit diesem Gefühl in die neue Szene. Das war das große Wagnis des Films, aber auch das Schöne. Danach ist man froh, dass man es geschafft hat, aber erstmal redete keiner, da war nur ein stilles Umarmen.

Ricore: Wie war es, als Du den Film zum ersten Mal gesehen hast?

Lau: Das war bei der Premiere auf der Berlinale. Die Premierenfeier danach war die schlimmste überhaupt, weil wir Schauspieler kein Stück miteinander geredet haben. Wir waren alle so baff. Das ist auch ein Teil unserer Geschichte. Sebastian Schipper sagte immer, erlebt jetzt diesen Moment, denn diese Zeit werdet ihr nie wieder erleben.

Ricore: Hat er euch damit den Druck genommen?

Lau: Er sagte immer, seid einfach Sonne und Victoria und Blinker. Ihr müsst nicht perfekt sein, Perfektion ist langweilig. Es war schwer, das Ergebnis am Ende auf der Leinwand zu sehen und damit umzugehen. Das ist für mich nicht wie ein normaler Film, bei dem ich an manchen Stellen denke, ich hätte etwas besser sein können. Es ist wie eine Zeit, die dir gerade zurückgegeben wird, die du aber nicht sehen kannst.

Ricore: Es wurde also viel improvisiert?

Lau: Ja, beim Text sowieso.

Ricore: Auch die Sache mit dem doppelten Kakao?

Lau: Die ist improvisiert. Ich selbst bin wirklich kein Kaffeetrinker und in der Situation kam es dann einfach so, dass ich sagte, nee, ich trinke leider keinen Kaffee, aber ich mag Kakao. Das sind solche Momente, die den Film lebendig machen. Genau wie die Sache mit dem Englisch. Wir suchen ständig nach Worten, aber das macht es so charmant. Man mag die Leute, weil sie nicht perfekt sind.

Ricore: Wie lang war die Vorbereitungszeit?

Lau: Wir haben natürlich viel geredet, aber auch von Anfang an gesagt, wir machen diesen Film einfach. Die Vorbereitungszeit war drei, vier Wochen, in denen wir die Stationen abgegangen sind und besprachen, wie wir in einen neuen Raum gehen, was unsere Gedanken sind. Die richtigen Proben waren dann die zwei Takes vor der Version, die ins Kino kommt. Da haben wir gesehen, was funktioniert und was nicht.

Ricore: Wie war es denn mit der Zeit im Film? Hattet ihr im Kopf, wann ihr von einer Station zur nächsten müsst?

Lau: Da gab es schon einige Situationen, in denen Sebastian im Hintergrund wild gestikuliert hat, um uns anzuzeigen, dass wir weitergehen sollen. Denn es kann schnell passieren, dass man grad so spielt und es macht so Spaß. Dann braucht man jemanden, der sagt, dass man weitermachen muss.

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