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Interview

Regisseur Anton Corbijn präsentiert "Life" in Berlin

SquareOne/Universum Film

Das "Life" des Dennis Stock

Anton Corbijn: Fotografie und Film

Anton Corbijn dreht Filme über Themen, die ihm am Herzen liegen. Sein Spielfilm-Debüt "Control" handelt von der Rockband Joy Division, die er zuvor als Fotograf begleitet. Die Fotografie ist auch in seinem vierten Spielfilm "Life" zentrales Thema. Es geht um die Begegnung zwischen dem Fotografen Dennis Stock und dem aufstrebenden Filmstar James Dean. Sie führt zu einer Fotoserie über den früh verstorbenen Schauspieler. Auch hier findet Corbijn den emotionalen Hintergrund, den er braucht. Im Gespräch mit Filmreporter.de spricht der niederländische Bildkünstler über das Verhältnis zwischen Dennis Stock und James Dean, Fotografie und seine Cameo-Auftritte.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  26.09.2015

Anton Corbijn mit Nimi Ponnodurai auf der Premiere von "Life"

SquareOne/Universum Film

Fokus auf Dennis Stock - nicht auf James Dean

Ricore Text: Wie viel von Anton Corbijn dem Fotografen steckt in "Life"?

Anton Corbijn: Tatsächlich ist "Life" aus der Grundidee entstanden, eher einen Film über den Fotografen Dennis Stock zu machen als über James Dean. Die Frage, wer von den den beiden der Star ist, ist darin wesentlich. Stock geht davon aus, dass er derjenige ist, der James Dean einen Gefallen tut. Dean dachte das gleiche von sich. Diese Balance fand ich sehr interessant. Zumal ich diese Erfahrung auch gemacht habe. Als ich noch jung war, habe ich in Holland einen Klavierspieler fotografiert [der niederländische Blues- und Rockmusiker, Maler, Schauspieler und Dichter Herman Brood]. Je mehr Bilder ich von ihm machte, umso bekannter wurde er. Irgendwann wurde er zum größten Rockstar, den wir in Holland jemals hatten. Plötzlich wollten alle Fotografen mit ihm arbeiten. Ich sagte: 'Hey, ich dachte, wir sind Partner.' Ich war jung und naiv und wusste nicht, wie das Geschäft funktioniert.

Ricore: Welchen Anteil haben Dennis Stock und seine Bilder an der Legende James Deans?

Corbijn: Das ist schwer zu sagen. Seine Filme haben viel zu seinem Mythos beigetragen. Aber auch Dennis Stocks Bilder haben die Karriere Deans maßgeblich beflügelt. Einige davon waren vor dem Kinostart von "Jenseits von Eden" veröffentlicht worden und sicherten Dean große Aufmerksamkeit. Das Bild von Dean auf dem Times Square gehören zu den ikonischen Bildern des 20. Jahrhunderts.

Ricore: Haben Bilder heute noch die Macht, Mythen zu erschaffen?

Corbijn: Gute Bilder schon, aber es gibt eine Menge Scheiß da draußen. Wir sind heute rund um die Uhr von Bilden umgeben. Etwas Bedeutendes einzufangen ist sehr schwer. Andererseits gibt es für Fotografen viel mehr Plattformen als früher. Es gibt Museen. Galerien, das Internet und Magazine, in denen sie ihre Arbeit zeigen können. Es gibt viele Experimentierfelder. Die Fotografie ist zu einem demokratischen Prozess geworden.


Herbert Grönemeyer, Nina Hoss und Anton Corbijn auf der Premiere von "A Most Wanted Man" in Berlin

Senator Filmverleih

Anton Corbijn will Geschichten erzählen

Ricore: Was waren Ihre Beweggründe, von den Standbildern zu den laufenden Bildern zu wechseln?

Corbijn: Das kam eher zufällig. Viele Menschen sagten mir, meine Bilder und Videos würden Geschichten erzählen. Sie fragten mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, Filme zu drehen. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht, dass ich dazu nicht imstande wäre. Das Filmemachen erforderte eine ganz andere Denkweise, als ich es aus meiner Erfahrung als Fotograf gewohnt war. Ich hatte immer intuitiv gearbeitet und war sehr schüchtern. Der Film schien wie eine Welt, zu der ich keinen Zutritt hatte. Irgendwann hatte ich die Geschichte von Ian Curtis vorliegen. Ich habe das Drehbuch immer wieder abgelehnt, weil ich mich nicht als Filmemacher fühlte. Dann erkannte ich, dass der Stoff einen emotionalen Hintergrund hat und dass ich daraus etwas machen könnte. Das war mein Zugang zum Film. Als ich "Control" fertigstellte, dachte ich, dass das meine meine erste und letzte Erfahrung auf diesem Gebiet wäre. Ich hatte nie wirklich gedacht, dass ich Filmregisseur werden würde. Heute finde ich den Beruf sehr aufregend. Es ist ein großartiges Abenteuer.

Ricore: Heute arbeiten Sie mit den größten Filmstars zusammen. Ist es leicht, diese für Ihre Projekt zu begeistern?

Corbijn: In gewisser Weise ist es immer leicht, jemanden für eine Rolle zu bekommen. Es ist schließlich eine Industrie. Die Schauspieler haben ihre Agenten, die Termine für sie arrangieren. Bei "Life" war es schwierig Dane DeHaan zu bekommen. Er wollte die Rolle James Dean zunächst nicht spielen. Und Robert Pattinson war bei seinen Rollen zuletzt sehr wählerisch geworden. Er möchte sich als echter Schauspieler beweisen. Das passte perfekt zu der Rolle Dennis Stocks, der sich auch als ernstzunehmender Fotograf etablieren wollte. Rob hat seine Arbeit großartig gemacht. Ich hatte das perverse Vergnügen, ihn einen Fotografen spielen zu lassen, der mit seiner Kamera Jagd auf andere Menschen macht. Im wahren Leben ist es umgekehrt, hier wird von den Medien verfolgt.

Ricore: Dane DeHaan hat erzählt, er habe bei der Rolle gezögert, weil er Angst davor hatte. Hatten Sie nicht auch Bedenken, einen Film über eine so schillernde Persönlichkeit der Filmgeschichte zu machen?

Corbijn: Ich glaube, James Dean hat für mich weit weniger bedeutet als für Dane. Insofern konnte ich mich angstfrei in die Arbeit stürzen. Meine Sorge war vielmehr, die Sache richtig hinzukriegen.


Dane DeHaan und Regisseur Anton Corbijn stellen "Life" auf der Berlinale vor

SquareOne/Universum Film

Stumme Cameo-Auftritt in allen Filmen

Ricore: War ihr Cameo-Auftritt in "Life" ein logischer Schritt?

Corbijn: Sie sollten mal meinen nächsten Film sehen (lacht). Nein, Sie haben recht, es lag nahe, da der Film von einem Fotografen handelt. Eigentlich habe ich in all meinen Filmen einen kleinen Auftritt, aber in keinem habe ich je ein Wort gesprochen.

Ricore: Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und Dennis Stock, was die Arbeitsweise angeht?

Corbijn: Ja, es gibt durchaus künstlerische Überschneidungen. In den 1970er und 1980er Jahren hatten meine Bilder auch einen dokumentarischen Touch. Die Umgebung spielte eine große Rolle. Das ist auch in den Arbeiten von Dennis Stock der Fall. Auch mit der Leichtigkeit von Stock konnte ich mich identifizieren. Er wollte nie, dass seine Bilder eine große Sache sind. Seine Bilder sind nicht steif, dennoch hatte er nie die Kontrolle über sie verloren.

Ricore: "Life" ist sehr bildlastig, die Bilder sind sehr gesättigt. Damit hebt sich der Film von der unsichtbaren Ästhetik des Hollywood-Mainstreams deutlich ab.

Corbijn: Bereits bei meinen ersten beiden Filmen konnte man sehen, dass sie von einem Fotografen gemacht wurden. Die Komposition ist darin ein wesentliches Element. Bei "A Most Wanted Man" wollte ich dieses Sicherheitsnetz nicht haben. Meine Filme sollten sich nicht mehr nur um Bildkompositionen drehen. Also haben wir mit Handkamera gedreht. Insofern kommt "A Most Wanted Man" viel lockerer rüber. Kameramann Benoît Delhomme hat seine Aufgabe großartig gemacht. Bei "Life" ist Charlotte Bruus Christensen für die Bilder verantwortlich. Sie hatte eine sehr warme und persönliche Herangehensweise an den Film, was ihn im Ergebnis ebenfalls freier und leichter macht. Ich würde sagen, dass meine Filme heute noch immer durchstrukturiert sind, aber weniger offensichtlich. Diese Entwicklung ist eine bewusste Entscheidung.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  26.09.2015

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