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Interview

Dexter Fletcher auf der Pressekonferenz zu "Eddie the Eagle - Alles ist möglich" in München
Dexter Fletchers Botschaft

Dabei sein statt siegen

Die Olympischen Winterspiele im kanadischen Calgary 1988 gehen als besonders verrückte Sportveranstaltung in die Sportgeschichte ein. Ein jamaikanisches Bobteam kämpf gegen Erfrierungen und beim Ski-Springen springt ein Sportler von der Schanze, der als 'Eddie the Eagle' Geschichte schreibt. Eddie erobert im Sturm die Herzen der Zuschauer - aber wegen überragenden Leistungen, sondern seinem Mut trotz aller technischen Mängel zu springen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  3. April 2016

Dexter Fletcher in "Caravaggio"

Dexter Fletcher in "Caravaggio"

Film über harte Arbeit und Hingabe
Eddie 'The Eagle' Edwards ist der schlechteste Springer des Wettbewerbs, mit seinen Auftritten vor allem abseits der Wettbewerbsbühne wird er trotzdem zum Publikumsliebling. Eddies skurrile Erfolgsgeschichte erzählt "Eddie the Eagle - Alles ist möglich" erzählt wird. Filmreporter.de hat Regisseur Dexter Fletcher in München zum Interview getroffen.

Ricore Text: Herr Fletcher, Biopics handeln für gewöhnlich von Helden im echten Leben. Was macht Michael 'Eddie' Edwards zu einem Helden?

Dexter Fletcher: Er war kein typischer Sportler. Das machte ihn außergewöhnlich. Sporthelden werden durch Siege definiert, Eddie hat nie etwas gewonnen. Tatsächlich war er sogar immer letzter. Was ihn interessant macht, ist die Tatsache, dass er ein normaler Mensch war, der einen großen Traum hatte. Und dass er sich nicht von seinem Mangel an Talent davon abhalten ließ, diesen Traum zu verwirklichen. Er personifiziert den Gedanken, dass es nicht ums Siegen geht, sondern darum, dabei zu sein. Viele Menschen sagen das in Biopics über das Gewinnen, aber Eddie lebt das. Das ist der Grund, wieso die Leute das Kino mit einem guten Gefühl verlassen werden.

Ricore: Aber grenzte seine Einstellung nicht an Verantwortungslosigkeit? Ski-Springen ist ein gefährlicher Sport.

Fletcher: Das ist es tatsächlich. Eddie war aber nur sich selbst gegenüber verantwortungslos. Er hatte einen Traum und er wollte aus der Welt, aus der er stammte, ausbrechen. Er war für niemanden eine Gefahr, nur für sich selbst. Er hat nur sich selbst wehgetan.

Ricore: Kann die Botschaft 'alles ist möglich' für junge Zuschauer nicht auch gefährlich sein? Werden sie danach nicht an irrealen Träumen festhalten, ohne die Möglichkeit der Unerfüllbarkeit zu bedenken? Wo müssen die Grenzen liegen bei der Verwirklichung von Träumen?

Fletcher: Man kann bestimmte Träume nicht alleine verwirklichen. Manchmal braucht es auch jemanden, der einen auf diesem Weg begleitet. Die Botschaft des Films ist: Wenn du an dich glaubst und etwas unbedingt erreichen willst, dann kannst du dein Ziel erreichen. Er ermutigt Menschen aber nicht, sich von den höchsten Gebäuden herunterzustürzen. Es ist ein Film über harte Arbeit und Hingabe. Und er handelt vom Glauben. Eddie weiß, dass die Menschen ihn nicht für voll nehmen. Aber er hat sich entschieden, das zu ignorieren und trotzdem hart an sich zu arbeiten.

Make my Heart fly - Verliebt in Edinburgh

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Dexter Fletcher: Ich habe Eddie auch verkannt
Ricore: Eddie hat in seinem Bestreben etwas Naives an sich. Würden Sie dafür plädieren, sich als Erwachsener das kindisch-naive zu bewahren.

Fletcher: Kinder haben ja diese wunderbare Eigenschaft, dass sie sich einer Sache mit größter Hingabe widmen und dabei Spaß haben. Davon können sich Erwachsene ein Scheibchen abschneiden. Man sollte den Moment genießen. Training und Erlerntes sollten zur Nebensache werden. Man braucht eine kindische Naivität, um das zu erreichen und die Aufregung und den Spaß bei einer Beschäftigung zu verspüren.

Ricore: Wie viel Eddie steckt in Dexter Fletcher?

Fletcher: Ich möchte gerne so konzentriert und ehrgeizig sein wie Eddie. Er akzeptiert kein Nein. Ich glaube, ich bin ähnlich optimistisch wie er. Wie Eddie gehe ich in dem auf, was ich tue. Eddie sagt im Film: Ich genieße das Ski-Springen nicht nur - ich liebe es! Das könnte ich auch über meinen Beruf sagen. Ich genieße das Filmemachen nicht nur, ich liebe es! Aus diesem Grund ist es für mich eine große Freude, am Set zu sein.

Ricore: Eddie wurde wegen seiner Art nicht nur bewundert, sondern vielfach auch verlacht. Brauchte es erst diesen Film, um die Eigenschaften zu erkennen, für die er stand?

Fletcher: Die Menschen haben ihn damals sicher nicht so gesehen, wie ihn der Film sieht, und ich hoffe, er wird ihre Sichtweise prägen. Ich habe Eddie damals auch verkannt. Erst heute, mit 50 Jahren, verstehe ich ihn und empfinde größten Respekt vor ihm. Man muss sich nur vergegenwärtigen, was er erreicht hat. Mit 22 Jahren beginnt er mit dem Ski-Springen und nach 20 Monaten springt er gegen die besten Sportler der Welt. Die haben 20 Jahre trainiert! Er wusste, dass er nicht gewinnen kann, hat sich der Herausforderung dennoch gestellt. Das war mutig, verrückt und brillant. Ich hoffe, dass die Menschen das durch den Film erkennen.

Hugh Jackman und Taron Egerton: "Eddie the Eagle - Alles ist möglich"

Hugh Jackman und Taron Egerton: "Eddie the Eagle - Alles ist möglich"

Talent? Naja, Held? Vielleicht...
Ricore: Also war Eddie ein Talent im Ski-Springen.

Fletcher: Vielleicht nicht unbedingt im Ski-Springen, aber durchaus im alpinen Ski-Laufen. Er war ein sehr guter und schneller Skiläufer. Ich glaube, seinerzeit war er auf Platz neun der besten britischen Läufer. Er schaffte es zwar nicht ins olympische Team, war aber talentiert.

Ricore: Der Film sollte schon in den 1990er Jahren realisiert werden. Eddie sagte im Interview, dass er glücklich darüber sei, dass er erst jetzt gedreht wurde, da vor 20 Jahren die Filmtechnologie noch nicht ausgereift war. Stimmen Sie dem zu?

Fletcher: Ich bin sicher, dass man einen Weg gefunden hätte, um die Geschichte filmisch umzusetzen. Klar ist aber auch, dass wir heute praktische technische Hilfsmittel haben wie CGI. Damit kann man den Zuschauer mitten ins Geschehen bringen. Man kann ihm die Realität des Sports vor Augen führen, ihm die echten Höhen, die echte Geschwindigkeit und die Aufregung zeigen. Das ist eine tolle Sache.

Ricore: "Eddie the Eagle" hat viele komische Momente. Wie schwer war es für Sie eine Komödie über Eddie zu drehen, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben?

Fletcher: Ich wollte eine ehrliche Herangehensweise. Wir wollten ein Drama machen, einen Film über das echte Leben und einen echten Menschen. Bei den komischen Momenten habe ich die Schauspieler dazu ermutigt, die Szenen ein wenig ins Komische zu dehnen. Denn das Leben ist witzig. Es kann dramatisch und traumatisch sein, nach meiner Erfahrung ist es aber öfter komisch. Die Menschen versuchen eher, witzig durchs Leben zu gehen und Spaß zu haben, als dass sie sich bei ihren Traumata und Schmerzen aufhalten. Wenn der Schmerz im Film auftaucht, dann ist er gerechtfertigt. Genauso ist es sich mit dem Humor. Er ist echt. Es sind echte, lustige Situationen und Menschen. Eddie, sein Trainer, die Figur von Iris Berben, sie alle haben einen großartigen Sinn für Humor. Wir lachen diese Menschen nicht aus, wir lachen mit ihnen.

Ricore: Danke für das Gespräch.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 3. April 2016

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