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Interview
Assad Fouladkar (Liebe Halal)
Neue Visionen Filmverleih

Blick in die libanesischen Schlafzimmer

Assad Fouladkar über die Rolle der Frauen

Assad Fouladkar, geboren in Beirut, macht bereits mit seinem kurzen Abschlussfilm "Kyrie-Eleison" auf sich aufmerksam, der für den Studenten-Oscar nominiert wird. 2001 gewinnt sein erster Spielfilm "Lamma hikyit Maryam" (2001) alle wichtigen Filmpreise in der arabischen Welt und wird offizieller Oscar-Beitrag des Libanons. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, inszeniert Fouladkar die erfolgreichste Daily Soap des ägyptischen Fernsehens. Sein Herz gehört jedoch dem Kino. In "Liebe Halal" blickt er in die Schlafzimmer seiner Landsleute, deren Liebesglück und Schmerz unserem sehr ähnelt.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  10. Juli 2016
Assad Fouladkar (Liebe Halal)
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Assad Fouladkar (Liebe Halal)

Assad Fouladkar: im Haus blieb die Zeit stehen

Ricore Text: Sie haben in Boston studiert. Warum nicht im Libanon?

Assad Fouladkar: Ich musste das Land während des Bürgerkriegs verlassen. Ich arbeitete zu Beginn der 1980er Jahre am Theater und wollte nicht eingezogen werden. Zudem konnte man damals im Libanon nicht Film studieren. Daher bin ich nach Boston gegangen. Nach Ende des Krieges war ich noch in Australien, dann bin ich zurückgekehrt. Jetzt pendele ich zwischen Ägypten und dem Libanon.

Ricore Text: Einer der Koproduzenten des Films ist die Berliner Firma Razor Film, die sich mit "Paradise Now" und "Das Mädchen Wadjda" in der Region engagierte. Wir sind Sie zusammen gekommen?

Fouladkar: Wir hatten große Probleme mit der Finanzierung. im Libanon existiert keine staatliche Filmförderung, das Geld stammt ausschließlich von privaten Investoren. Sie haben nur Interesse an potentiell kommerziell erfolgreichen Filmen. Und vor dem Thema Religion hat jeder Angst. Daher sahen wir uns auf dem internationalen Markt um. Meinem libanesischen Produzenten wurde Razor Film von unserem saudischen Partner empfohlen. Roman Paul und Gerhard Meixner gefiel das Buch, mit ihrer Zusage lief alles einfacher.

Ricore Text: Wie sind Sie auf das Thema Frauen in der Familie gestoßen?

Fouladkar: Ich verfilmte meine Kindheitserinnerungen. Frauen kommen Männern ihrer Welt niemals wieder so nah wie in der Kindheit. Frauen sind die Chefinnen im Haus, sie sprechen mit ihren Freundinnen offen über die Verletzungen, die sie außerhalb des Hauses erlitten haben, wo ihre Bewegungs- und Entscheidungsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Dabei nehmen sie keine Rücksicht auf die anwesenden Kinder.

Ricore Text: Hat sich an der Rolle der Frau in den vergangenen Jahrzehnten nichts verändert?

Fouladkar: Ihre gesellschaftliche Rolle und beruflichen Möglichkeiten haben sich erweitert, innerhalb des Hauses blieb jedoch die Zeit stehen. Frauen sind weltoffen, auch wenn sie nach außen konventionell leben. Sie haben die Macht im Haus, sie treffen die Entscheidungen. Sie beeinflussen die Männer, nichts geht ohne sie. Und sie haben den größten Einfluss auf die Kinder.


Liebe Halal (Halal Sex, 2015)
Neue Visionen Filmverleih
Liebe Halal (Halal Sex, 2015)

Hölle auf Erden

Ricore Text: Können Frauen die Scheidung einreichen?

Fouladkar: Das können sie nur unter speziellen Bedingungen, ansonsten ist dies dem Mann vorbehalten. Eine Frau hat andere Möglichkeiten, eine Trennung zu erzwingen. Und diese werden genutzt. Sie drohen ihm die Hölle auf Erden an, wenn er die Scheidung nicht einreicht. Im Vergleich mit Westeuropa warten Paare im Libanon länger ab. Wir sehen die Ehe wie eine Gesellschaft, in der nicht alle Probleme automatisch gelöst sind, wenn man den Bund auflöst.

Ricore Text: Ist es üblich, dass eine Frau die zweite Frau für ihren Mann sucht?

Fouladkar: Eine zweite Ehe ist durchaus üblich, und oft ist die erste Frau in die Suche mit einbezogen. Im Extremfall sucht sie auch mal die zweite Frau aus. Ich kenne eine Familie, in der sich zwei Frauen einen Mann teilten. Sie hatten dieselben Freunde, sie haben sich gemeinsam über ihren Mann lustig gemacht. Ich hatte den Eindruck, die beiden kommen auch ohne ihn gut zurecht.

Ricore Text: Wird in der Gesellschaft offen über Sex geredet?

Fouladkar: Nein, wir reden nicht öffentlich über Sex. Aber im Haus ist Sex das Gesprächsthema, ein erfülltes sexuelles Leben ist seit dem Auftauchen des Islam ein integraler Bestandteil unserer Literatur. Was keinen wundert. Unser Glauben hält uns an, auf Erden ein erfülltes, gutes Leben zu führen und sich damit auf das Leben nach dem Tod vorzubereiten. Deshalb muss man heiraten, Kinder haben, ein gesundes Leben führen. ich bin überrascht, dass diese Tradition zurück gedrängt wurde und es komplizierter geworden ist. Der Islam macht es einfach, die Moslems machen es komplizierter.

Ricore Text: Der Film wurde von Federico Fellini inspiriert. Was mögen Sie an seinen Filmen?

Fouladkar: Für ihn war das Leben eine Komödie voller Kampf, seine Filme sind eine Groteske des realen Lebens, Ich fühlte mich ihm immer nahe, genau wie Ingmar Bergman. Mit einem schweren Drama würde ich weniger Zuschauer ansprechen. Mit einer Komödie kann man dagegen schwere Themen angehen und sich trotzdem sicher fühlen, weil das Lachen über bestimmte Situationen befreit.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  10. Juli 2016

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