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Interview
Mika Kaurismäki, Regisseur von "The Girl King"
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Die neue Liebe zum alten Film

Mika Kaurismäki zu "The Girl King"

Für jemand, der den ganzen Tag Interviewtermine gibt, ist der finnische Regisseur Mika Kaurismäki sehr ausgeglichen. Er spricht fließend Deutsch und hat einen kräftigen Händedruck. Er gehört zu der Sorte Mensch, die nie eine Mine verzieht - selbst wenn sie lacht und gleichzeitig offen und herzlich ist. Filmreporter.de spricht mit einem Mann über seinen neuen Film "The Girl King", der nach über 30 Jahren die Liebe zu Historienfilmen neu entfacht hat, Herzensprojekte und finnische Saunen.
Von  Lukas Pitule, Filmreporter.de,  22. Juli 2016
Mika Kaurismäki am Set von "The Girl King"
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Mika Kaurismäki am Set von "The Girl King"

Königin Kristina ist sehr interessant

Ricore Text: The Girl King wurde auf mehreren Filmfestivals gezeigt. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Mika Kaurismäki: Ich glaube, es hat was mit der Kristina-Figur zu tun. Sie ist sehr interessant. Und sie passt auch gut in die heutige Zeit. Ich habe ja lange an dem Film gearbeitet, 15 Jahre hat es gedauert - von der ersten Idee, bis zu dem Moment, als der Film fertig war. Und ich glaube, dass gerade jetzt der richtige Moment für den Film ist - wenn man schaut, was in der Welt los ist: Wir haben religiöse Kriege, die jungen Menschen sind unsicher, was sie mit dem Leben anfangen sollen, welche Entscheidungen sie treffen sollen, um glücklich zu sein. Ich habe Kristina immer als moderne junge Frau gesehen, die nicht genau weiß, was sie mit dem Leben anfangen soll - nicht als historisches Objekt. Ich glaube, es passt jetzt gut zu dieser Zeit. Ich glaube aber auch, dass Malin Buska diese Rolle trägt und gut interpretiert. Es ist auch ihr Film. Die ganze Zeit sind die Kameras auf sie gerichtet, den ganzen Film lang.

Ricore: Was hat Sie davon überzeugt, dass die eher unbekannte Malin die richtige Besetzung für Kristina war?

Kaurismäki: Ich habe viele Schauspielerinnen getroffen, auch größere Namen, aber es war mir schon bewusst, dass es einer der wichtigsten Entscheidungen des Films sei, wer Kristina spielen würde. Wenn sie nicht stimmt - auch wenn die Schauspielerin gut ist - funktioniert der ganze Film gar nicht. Malin hat wenig gemacht vor dem Film. Nur ein kleiner, schwedischer Film namens "Happy End", indem sie eine Nebenrolle spielt. Vorher hat sie viel am Theater gespielt. Aber ich habe ihren Film gesehen und mich sofort für sie interessiert. Ich fand sie auf Anhieb interessant. Obwohl ihre Rolle dort ganz anders ist als Kristinas. Trotzdem: wie sie war - klug und so ... Ich wollte sie unbedingt treffen. Das haben wir dann auch, in Stockholm, und ich war überrascht, dass sie über Kristina so viel wusste. Malins Mutter und Großmutter waren große Fans der Königin, Malin ist mit ihrer Geschichte aufgewachsen. Ihr zweiter Name ist sogar Kristina. Ihr größter Kindheitstraum war schon immer, irgendwann einmal Kristina zu spielen.

Ricore: Und Sie haben ihr den Traum erfüllt.

Kaurismäki: Genau, ja (lacht). Es war also perfekt für uns beide. Malin hat auch eine perfekte Persönlichkeit für die Rolle. Sie ist sehr eigenwillig, sie weiß, was sie will, oder was sie nicht will. Und sie nimmt auch nur ganz wenig Rollen an. Sie sagt, lieber ist sie arm, als dass sie etwas macht, was sie nicht mag. Malin ist eine komplexe Person, aber auf eine sehr positive Weise. Sie hat also viel Ähnlichkeiten mit Kristina.


The Girl King
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Mika Kaurismäki: Respekt vor Kostümfilmen

Ricore: Sie sagen in einem Interview mit dem American Film Market, dass Sie gar nicht so sehr an historischen Filmen interessiert waren, sich mehr als modernen Menschen sehen. Aber die Figur Kristina sei sehr modern. Gab es noch andere Gründe, einen historischen Film zu drehen?

Kaurismäki: Die Idee für den Film kam eigentlich gar nicht von mir. Es wurde mir angeboten. Ein Produzent kam eines Tages auf mich zu und fragte mich, ob ich Lust hätte, den Film zu machen. Naja, ich war schon interessiert, ich kannte ja das Thema aus der Schulzeit. Mein Lehrer hat damals Geschichten erzählt über Kristina. Ich fand schon, dass sie eine interessante Figur sei. Aber ich hatte schon ein bisschen Angst vor Kostümfilmen, weil es so leicht passieren kann, dass nur die Kostüme und das Set in den Vordergrund geraten. Es kostet sehr viel Geld, und dann zeigt man nur die schönen teuren Kostüme und alles. Ja klar, es gibt schöne historische Filme mit Kostümen, aber es gibt viel mehr langweilige. So was eignet sich eher fürs Fernsehen. Weil Kristina so modern ist, habe ich mich doch dafür entschieden. Und ich wollte die Parallelen zeigen. Heutzutage ist es ja auch nicht wirklich anders: Die Frauen kämpfen für Gleichgerechtigkeit, Demokratie in der Welt, es gibt so viel religiöse Kriege...

Ricore: Würden Sie denn sagen, dass es weniger Kriege gäbe, wenn mehr Frauen in Machtpositionen stehen würden?

Kaurismäki: Vielleicht. Das weiß man ja nicht genau, aber ich glaube schon, ja. Die Jungs fangen doch schon als Kinder an, Krieg zu spielen - Mädchen nicht. Sie sind bodenständiger. Sie sehen die einfachen Sachen viel tiefgründiger als wir Männer. Das ist ja bei meiner Frau genauso. Obwohl wir lange verheiratet sind, überrascht es mich immer wieder, dass sie einen besseren Blick für die wichtigen Sachen im Leben hat. Männer hingegen gehen immer alles hart an (lacht). Ich weiß es nicht, aber man könnte es auf jeden Fall mal versuchen (lacht). Weil so, wie es jetzt ist, ist es auch nicht gut.

Ricore: Was war das Besondere, einen Historienfilm in Finnland zu drehen?

Kaurismäki: Wir haben in Finnland eigentlich gar keine Tradition für solche Filme, weil die Budgets hier sehr niedrig sind. Das Problem ist, dass wir alles selbst machen müssen - alle Kostüme, alle Sets... Es gibt nichts, wo man die Sachen einfach holen kann. So ein Film kostet. Um ehrlich zu sein, ich würde schon noch einen machen wollen, wenn ich das Budget hätte. Ich hatte ja nur 36 Drehtage - aber 15 Jahre Entwicklungszeit! Es war immer wieder ein On- und Off-Projekt. Der erste Kontakt des Produzenten kam 1999. 2015 ist der Film dann schließlich rausgekommen. Ich habe in der Zeit auch andere Filme gemacht, weil "The Girl King" zu teuer war, man kann so was nicht in Finnland allein produzieren. Nicht mal Finnland und Schweden zusammen. Oder Finnland und Deutschland. Das hat halt so lange gedauert.

Ricore: Was hat Sie jetzt davon überzeugt, doch noch weitere ähnliche Projekte machen zu wollen?

Kaurismäki: Ich habe jetzt kein konkretes Projekt, die Bedingungen müssen dafür auch stimmen. Es ist wie gesagt sehr anstrengend. Aber die Geschichte des Films ist ausschlaggebend. Kostüme oder nicht, die Geschichte ist das Wichtigste. Wir hätten jetzt so viel Material, wir könnten leicht noch einen zweiten Teil über Kristina machen. Wir haben lange mit dem Drehbuchautoren geschrieben, wir haben versucht, eine Version zu machen, die nach Kristinas Abdankung weitergeht. Es war aber zu aufwendig. Ich musste vorher entscheiden, was wir in den zwei Stunden erzählen wollen. Eigentlich wäre eine sechsteilige Fernsehversion passen gewesen. Oder wenigstens drei Teile! Aber wir hatten nur zwei Stunden, und da musste ich entscheiden: "Okay, wir drehen nur diese zehn Jahre: von 18 bis 28." Sie wird Königin, gekrönt und dankt schließlich ab. Diese Jahre sind aber auch die wichtigsten. Wir haben natürlich viel Stoff für einen zweiten Teil. Sie hat nach der Abdankung verrückte Sachen gemacht: Sie war in Spanien, in Frankreich, Rom ... sie ist übrigens eine von nur drei Frauen, die im Vatikan begraben sind.

Ricore: Haben Sie denn noch ein persönliches Herzensprojekt, das Sie jetzt gerne in Angriff nehmen würden?

Kaurismäki: Ich lebe seit 25 Jahren in Brasilien, habe in der Zeit viele europäische Koproduktionen gemacht. Aber ich möchte gern mal einen brasilianischen Film machen - auf portugiesisch. Also einen 100 Prozent brasilianischen Film! Und ich hoffe, dass ich das im nächsten oder übernächsten Jahr machen kann, ich habe auch schon ein Drehbuch. Es fehlt jetzt nur noch das Geld!

Ricore: Nach all den brasilianischen Dokumentarfilmen nun einen Spielfilm? Um was wird es denn gehen?

Kaurismäki: Der Film handelt von einer Schauspielerbeziehung, Mann und Frau. Aus verschiedenen Klassen: auf der einen Seite der Mann aus einer reichen Familie, der immer viel besessen hat. Auf der anderen Seite die mittellose Frau. Beide treffen aufeinander. Es ist eine Liebesgeschichte. In Brasilien ist es ja so: Die Leute, die Geld haben, leben in einem Viertel, und die Armen leben ganz woanders. Und obwohl die reichen Leute wissen, dass 90 Prozent der Bevölkerung einfach richtig arm sind, machen sie nichts. Sie tun vielmehr alles, um sich vor den Armen zu schützen. Vor diesem Hintergrund spielt diese Liebesgeschichte. Naja, es ist nicht nur eine Liebesgeschichte, aber dazu wird es dann noch. Es ist ein kleiner Film, aber so ist das Drehbuch, ich habe es nicht selbst geschrieben. Aber es ist auch meine Erfahrung, weil ich so lange in Brasilien gelebt habe.


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Präsident Kekkonen hat gern in der Sauna Entscheidungen getroffen

Ricore: Wo Sie doch schon so lange in Brasilien leben: Was vermissen Sie am meisten an Finnland?

Kaurismäki: Ich bin jetzt schon so lange in Brasilien: Früher war für mich Brasilien exotisch, heute ist es Finnland... (lacht) Es hängt ein bisschen vom Blickwinkel ab. Ich reise natürlich viel hin und her. In Helsinki habe ich ja auch eine Wohnung. Ich fliege 30 Mal im Jahr über den Atlantik. Was ich vermisse, ist das Licht von Finnland. Es gibt in Finnland vier Jahreszeiten, da vermisse ich das weiße Licht jetzt im Sommer. In Brasilien wohne ich sehr nah am Äquator, da ist es immer schon um 18 Uhr schlagartig dunkel. Und um 6 Uhr morgens wird's dann wieder sehr schnell hell. In Finnland hast du 24 Stunden am Tag Licht. Und wenn ich es mal nicht schaffe, im Juni nach Finnland zu reisen, werde ich schon ein bisschen krank. Man braucht das ja! Liegt irgendwie in den Genen. Natürlich vermisse ich meine Freunde und Familie auch, aber ich komme ja oft zu Besuch.

Ricore: Und die finnische Sauna? Kheiron: Naja, ich habe natürlich meine Sauna auch in Brasilien.

Ricore: Bei den Temperaturen?

Kaurismäki: Ja klar! In Finnland ist es ja auch heiß im Sommer, und wir gehen trotzdem in die Sauna. Es ist nicht wegen der Wärme, sondern es ist vielmehr eine Meditation. In Brasilien wohne ich an dem Berg mit der Christusstatue - unterm linken Arm ist mein Haus - da kann es schon ziemlich kalt werden. Also nicht wirklich kalt, aber der Temperaturunterschied kann schon enorm sein: tagsüber 45 Grad und abends oder nachts dann auf einmal 20 Grad. Wie als wäre jetzt hier in München heute 25 Grad und morgen Null Grad! Da ist eine Sauna schon mal ganz gut.

Ricore: Stimmt es denn, dass man in Finnland auch Geschäftstreffen in der Sauna abhält?

Kaurismäki: Ja, früher mehr als heute. Ich habe es selbst nicht gemacht, aber mein Vater schon. Besonders mit den Russen! (lacht) Und auch Präsident Kekkonen hat gern in der Sauna große Entscheidungen getroffen.

Ricore: Da sollten wir uns doch in Deutschland mal eine Scheibe von der Mentalität abschneiden. In dem Sinne bedanke ich mich für Ihre Zeit!

Kaurismäki: Sehr gern.
Von  Lukas Pitule, Filmreporter.de,  22. Juli 2016

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