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Interview

Berlinale 2006: Detlev Buck
Detlev Buck - ein stiller Beobachter

Kein Bock auf Zeitklauer

Mit "Knallhart" entfernt sich Detlev Buck stilistisch von seinen bisherigen Werken und liefert eine bittere Milieustudie. In packenden Bildern erzählt er von verarmten Jugendlichen, allein erziehenden Müttern und dem Teufelskreis von Drogen und Gewalt. In seinem Berliner Büro sprachen wir mit dem 43-jährigen über seine Beweggründe.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de, 10. Februar 2006

Detlev Buck am Set von "Knallhart"

Detlev Buck am Set von "Knallhart"

Ricore: Herr Buck, warum wirkt "Knallhart" trotz gewohnt gelungener Inszenierung ganz anders als Ihre bisherigen Werke?

Detlev Buck: Weil das die Thematik der Story so mit sich bringt.

Ricore: Sie, ein gebürtiger Landjunge, erzählen von Jugendproblemen in der Großstadt Berlin. Was war daran so reizvoll?

Buck: Gerade weil die Geschichte nichts mit meinem eigenen Leben zu tun hat, hat sie mich so interessiert. Ich wollte wieder Neuland betreten und die Welt mit den Augen des fünfzehnjährigen Michael Polischka erleben, der aus einem schicken Berliner Stadtteil nach Neukölln ziehen muss.

Ricore: Sie sollen echte Drogenhändler als Kleindarsteller verpflichtet haben...

Buck: Statt lange zu suchen, habe ich lieber mit der Castingfrau die Jungs an der Straße angequatscht, die nach Drogendealer aussahen. War mir in dem Fall egal, ob die das in Wirklichkeit auch machen. In meinen Augen ist das nicht unmoralisch, sondern es ist wie's eben ist. Sogar die Polizei sagt, dass ihr - von einer gelegentlichen Routinerazzia mal abgesehen - eigentlich die Hände gebunden sind. Als Polizisten an den Set kamen, wurden die Jungs trotzdem etwas nervös. Ich erklärte ihnen dann, dass die Männer in Grün für die Komparserie genau dieselbe Kohle bekommen und von uns angeheuert wurden. (lacht)

Ricore: Was haben Sie bei den Recherchen für sich persönlich gelernt?

Buck: Dass eine Großstadt erst richtig interessant wird, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. In Neukölln hat man allerdings extreme Zustände, die auch viele Probleme hervorrufen. Trotzdem: Wenn eine Stadt so ein Viertel schon nicht mehr in den Griff bekommt, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Welt aus den Fugen gerät.

Knallhart

Knallhart

Ricore: Wer sonst soll sich den Film ansehen?

Buck: Wer auch immer Lust dazu hat. Ich habe keinen Bock, Filme für bestimmte Rezipienten Maßzuschneidern, sondern entdecke die Qualität für mich neu. Eines versuche ich dabei immer zu vermeiden: Ich möchte keine Zeitklauer abliefern - denn die sieht man im Kino bereits viel zu oft.

Ricore: Wie würden Sie sich in erster Linie bezeichnen: Als Schauspieler oder als Regisseur?

Buck: Als Filmemacher! Egal ob ich produziere, Regie führe oder als Schauspieler arbeite, mir geht es dabei immer um dasselbe: Den Film als Endprodukt.

Ricore: Sie drehen auch viel Werbung. Warum?

Buck: Weil ich die Abwechslung brauche. Ich mag mich nicht länger in ein und demselben Kontext aufhalten. Es gehört zu meinem Job, dass ich gerne beobachte. Wenn ich immer das gleiche Umfeld habe, fällt mir nichts mehr ein. Also habe ich die Spielfilme etwas zurückgefahren und mehr Werbung gedreht.

Ricore: Da verdienen Sie nun so richtig viel Geld?

Buck: Ich habe inzwischen sogar einen halben Porsche - toll, oder? (lacht) Wenn es mir wirklich um die Knete gehen würde, hätte ich schon längst was Lukrativeres gemacht. Nein, ich mache das echt nur aus Spaß an der Sache. Außerdem ermöglicht es mir, in verschiedenen Ländern zu drehen, was wiederum meiner Reisefreude zu Gute kommt. Ich habe über die Jahre gelernt, dass die Gesetzmäßigkeiten deines Berufsfelds dich sehr schnell erdrücken können. Dem möchte ich durch Abwechslung entgegenwirken.

Ricore: Warum sind Sie eigentlich Filmemacher geworden?

Buck: Vermutlich findet man den Grund in meiner Kindheit. Ich war ein Einzelkind, meine Eltern arbeiteten auf dem Hof, und ich musste mich oft alleine beschäftigen. In diesen Momenten habe ich meine Phantasie entdeckt. Wenn wir bei Freunden zu Besuch eingeladen waren, war ich dann auch immer eher der Beobachter, habe nie vorne mitgemischt. Ich bin heute immer noch ungern der Typ, der die großen Reden schwingt. Kann ich zwar, brauche ich aber nicht.
Johannes Bonke/Filmreporter.de - 10. Februar 2006

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