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Interview

Vincent Lindon als "Auguste Rodin"

Wild Bunch

Rodin verschlungen?

Vincent Lindon zu "Auguste Rodin"

Vincent Lindon ist sauer. Vor wenigen Minuten hat er mit Nastassja Kinski einen kurzen Plausch im Aufzug des Hotels Bayerischer Hof in München, nun sitzt er der zweiten Journalistengruppe gegenüber. Der 58-jährige lässt Dampf ab, er würde lieber eine Pressekonferenz geben als im Halbstundentakt die immer gleichen Fragen zu beantworten. Lindon wird 1986 in "Betty Blue - 37.2 Grad am Morgen" bekannt. Vor zwei Jahren gewinnt er in Cannes den Darstellerpreis für "Der Wert des Menschen". Jetzt ist er als Maler und Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) zu sehen, den eine unheimliche Leidenschaft mit seiner Schülerin Camille Claudel verbindet.

Vincent Lindon als "Auguste Rodin"

Wild Bunch

Einige Sätze sind nur schwer zu verstehen

Ricore Text: Ihr Gesicht ist hinter einem dichten Bart versteckt. Beeinflusste er Ihr Spiel?

Vincent Lindon: Sie kennen sicher auch den Ausdruck, durch den Bart nuscheln. So fühlte sich der Sound meiner Stimme in den ersten Proben an. Ich musste mich umstellen, die Worte anders prononcieren. Der Regisseur und ich haben auch einkalkuliert, dass einige Sätze nur halb zu verstehen sind.

Ricore Text: Gibt es Vorlagen, an denen Sie sich orientieren konnten?

Lindon: Rodins Stimme selbst ist nicht überliefert, was es mir erleichterte, meinen Rodin zu finden. Andererseits berichten seine Zeitgenossen, er habe privat, beruflich und bei öffentlichen Auftritten völlig unterschiedlich gesprochen. In seinem Atelier und gegenüber Frauen soll er sehr extrovertiert aufgetreten sein, er kehrte den Autoritäts- und Machtmensch heraus. In der Academie Francaise oder bei offiziellen Auftritten nahm er sich zurück und sprach leise, um nicht aufzufallen.

Ricore Text: Wie weit sind Sie in die Bildhauerei eingetaucht?

Lindon: Ich habe gelernt, Skulpturen zu schaffen. Dafür habe ich fünf Monate lang jeden Tag mehrere Stunden geübt. Nur die Wochenenden hatte ich frei.


Vincent Lindon im hochgelobten Drama "Der Wert des Menschen"

Temperclayfilm

Vincent Lindon: lieber scheitern als...

Ricore Text: Dann haben Sie alles über Rodin verschlungen?

Lindon: Meine wichtigste Inspirationsquelle war die Rodin-Spezialistin des gleichnamigen Museums in Paris, die ich monatelang löchern durfte. Sie weiß alles über ihn, sie ist ein Fan, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Anschließend setzte ich aus diesen Puzzleteilen meinen Rodin zusammen. Ich wollte ihn ja spielen, weil wir viele philosophische Gedanken teilen und ähnlich an unseren Beruf herangehen. Er folgte seiner Passion, er schuf Einzigartiges, ebenso wie Balzac, John Mc Enroe oder Muhamed Ali. Ich maße mir nicht an, die Schauspielkunst neu erfunden zu haben und wie sie einen Fußabdruck in der Geschichte hinterlassen zu haben. Aber es ist zumindest mein Anspruch.

Ricore Text: Macht man sich verstärkt Gedanken über die Rolle von Kunst und Künstlern in der Gesellschaft, wenn man solch Ausnahmetalent verkörpert?

Lindon: Kultur und Kunst machen uns zum Menschen. Die Schösser von Louis XIV, die Musik von Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven, die Bilder von Vincent van Gogh und Pablo Picasso oder die Romane von Victor Hugo sind unser Erbe. Wir lieben und bewundern sie, während wir die politischen Ereignisse und die Politiker ihrer Zeit längst vergessen haben. Wir haben als Künstler eine Mission, die wir nicht verschwenden sollten. Wir sollten nicht jammern, wir haben einen tollen Beruf, für den wir bereit sein sollten zu leiden. Das fällt vielen schwer. Wir leben in einem Jahrhundert, in dem jeder Künstler und berühmt sein will. 16 - 17jährige Mädchen träumen von Karrieren als Fotomodell oder Pop- und Filmstar. Jeder denkt, die Schauspielerei sei einfach und drängt vor die Kamera. Das reicht vielleicht für zwei Jahre, aber man muss den Beruf 50 Jahre ausfüllen. Kunst ist eine ständige Herausforderung und ein ewiges Probieren.

Ricore Text: Wie haben sie es geschafft, so lange im Geschäft zu sein?

Lindon: Ich liebe meine Freiheit, ich habe noch nie einen Film wegen des Geldes gedreht. Ich sage und mache, was ich will. Ich mache lieber einen Fehler und scheitere als etwas zu tun, wozu mich andere überredet haben. Bei der Rollenauswahl folge ich nur meiner eigenen inneren Stimme. Alle haben mir abgeraten, mich in "Der Wert des Menschen" zu engagieren. Der Film würde nie auf einem Festival laufen, er wird nie Geld an der Kinokasse einspielen. Das hat mich angestachelt, es gerade zu versuchen. Nach der Auszeichnung in Cannes hatten es natürlich auch alle anderen schon vorher gewusst. Anschließend habe ich 15 Monate Pause gemacht, weil mir kein Angebot gefallen hat. Auch nach dem Dreh von Rodin stand ich neun Monate nicht vor der Kamera. Ich nehme mir lieber solche Auszeiten als irgendein mittelmäßiges Projekt anzunehmen. Anders kann ich mein Leben nicht gestalten.

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