Interview: Markus Goller zu Simpel | FILMREPORTER.de
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Regisseur Markus Goller mit seinen Hauptdarstellern David Kross, Emilia Schüle, Frederick Lau

Regisseur Markus Goller mit seinen Hauptdarstellern David Kross, Emilia Schüle, Frederick Lau

Markus Goller: der Förderung geschuldet
Ricore Text: Eine Konzeption, die Sie bereits in "Frau Ella" erfolgreich umsetzten.

Markus Goller: "Frau Ella" schwebte mir ruppiger vor, andererseits sollten viele Menschen den Film sehen. Durch das Interesse von Matthias Schweighöfer fiel mir die Entscheidung leicht. Für einen großen Verleih musste es ein kommerziellerer Film sein. "Simpel" ist thematisch anspruchsvoller, der Ton ernster. Der Film musste authentischer sein. Ich hatte nicht Matthias als Hauptdarsteller, obwohl er den Roman auch adaptieren wollte. Dafür habe ich mit David Kross und Frederick Lau zwei andere geile Schauspieler.

Ricore Text: Wie haben Sie sich Simpel gemeinsam genähert?

Markus Goller: Wir haben in einem Wohnheim für Menschen mit einer autistischen Erkrankung einen Nachmittag verbracht. Sie sagen nichts, nehmen keinen Kontakt auf. Aber du spürst die Energie, die in ihnen schlummert. Letztlich haben wir beschlossen, dass wir kein spezifisches Krankheitsbild schildern und David seinen eigenen Simpel findet. Im Vorfeld des Drehs liefen David und Frederick als Simpel und Ben durch Berlin. Die Reaktionen der Passanten sind ins Buch eingeflossen.

Ricore Text: Durch diese Entscheidung tritt der Behinderung in den Hintergrund, der Zuschauer sieht den Menschen Simpel?

Markus Goller: Ich wollte mich gar nicht der Gefahr aussetzen, dass sich Kritiker an der Darstellung des Krankheitsbildes aufhängen. Weil die Behinderung nicht im Zentrum des Films steht. Simpel funktioniert in seinem sozialen Umfeld anders als wir es erwarten. Er braucht jemand, der sich permanent um ihn kümmert. Sein Bruder hat sich dies zur Lebensaufgabe gemacht, jetzt muss er loslassen. Das ist für beide ein schmerzhafter Prozess. Er lernt dies durch die Begegnung mit der Studentin Aria. Sie hat alles, aber ist alleine. Diese Begegnung der Drei ist ein Synonym für unsere Gesellschaft.

Ricore Text: Die Menschen mit Behinderungen ausgrenzt.

Markus Goller: Das trifft nicht nur Menschen mit Behinderungen. Wir haben uns abgeschottet, jeder macht so sein Ding. Wir sind kaum noch füreinander da. Wir haben keine Zeit, uns um Kranke, Alte oder Behinderte zu kümmern. Andererseits sind die Pflegeberufe mies bezahlt und gesellschaftlich unterbewertet. Pfleger werden belächelt. Dabei werden diese Berufe immer wichtiger. Wir brauchen ein Umdenken in unserem Wertekanon und eine Reform des Bildungssystems. Wenn ich mir überlege, was auf uns in den kommenden Jahrzehnten zukommt, müssen wir weiter denken und den Stillstand aufbrechen.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
Katharina Dockhorn/Filmreporter.de - 21. November 2017

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