Interview: Moritz Bleibtreu zu Nur Gott kann mich richten | FILMREPORTER.de
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Interview

Moritz Bleibtreu auf der "Nur Gott kann mich richten"-Premiere in Frankfurt
"Deutsches Genrekino scheitert am Production Value"

Moritz Bleibtreu zu "Nur Gott kann mich richten"

Moritz Bleibtreu, 1971 in einer Schauspielfamilie geboren, aufgewachsen in Hamburg, leistete sich lange den künstlerischen Luxus, ausschließlich aufs Kino zu setzen. Bekannt wurde er in "Knockin' on Heaven's Door" und "Lola rennt", Hauptrollen spielte er in "Das Experiment" und "Der Baader Meinhof Komplex". In "Nur Gott kann mich richten" von Özgür Yildirim, mit dem er vor zehn Jahren "Chiko" gedreht hatte, spielt Bleibtreu einen Gangster, der vor fünf Jahren in den Knast ging, um seinen Freunden die Flucht nach einem missglückten Bruch zu ermöglichen. Sein Vorsatz, ein Leben ohne Gewalt und Verbrechen zu führen, kommt schnell ins Wanken.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  7. Februar 2018

Moritz Bleibtreu, Kida Khodr Ramadan und Edin Hasanovic auf dem Roten Teppich

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Schnell begeistert...
Ricore Text: Waren Sie sofort Feuer und Flamme, als Özgür Yildirim Ihnen die Rolle anbot?

Moritz Bleibtreu: Ich habe mich schnell begeistern lassen. Nach "Chiko" war unser Kontakt nie abgebrochen, diese Rolle hat er für mich entwickelt. Als die Frage im Raum stand, mich als Koproduzent zu engagieren, habe ich gerne zugesagt, weil ich davon ausging, dass der Film durch mein Mitwirken dazu gewinnen könnte.

Ricore Text: Hat es der deutsche Thriller durch die Überfütterung mit Krimis heute noch schwerer?

Bleibtreu: Das Spiel hat sich seit 20 Jahren nicht verändert. Das deutsche Genrekino scheitert am Production Value, es kann mit Hollywoods Hochglanzprodukten nicht in Konkurrenz treten, die uns von Kindesbeinen an begeistern. Ohne ausreichende Finanzierung kann kein Indianerfilm entstehen, auch wenn Bully den "Schuh des Manitu" toll hingekriegt hat. Bei Thrillern oder Science Fiction wird die Luft dünn. Roland Emmerich wurde für seinen Abschlussfilm "Moon 44" für verrückt erklärt. Er musste nach Hollywood gehen, um zu dem Genreregisseur zu werden.

Ricore Text: Fühlen wir uns auch unbehaglich, weil die Verbrechen vor der eigenen Haustür verübt werden?

Bleibtreu: Das würde ich nicht unterschreiben. Hollywood darf unterhalten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Keiner regt sich über Bruce Willis coole Sprüche in "Stirb langsam" auf. Im Gegenteil, sie wurden Teil der Popkultur. Bei uns wird das Entertainment ausgebremst, diese Form des lockeren Umgangs mit Geschichten ist im Land der Dichter und Denker unerwünscht. Das haben wir bei "Chiko" erlebt. Wir fanden uns inmitten einer Diskussion um die Zeichnung von Minderheiten, die Schwierigkeiten der Integration wieder. Diese soziale Relevanz hatten wir nie angestrebt. Ebenso wenig sucht "Nur Gott kann mich richten" mit einer verwackelten Handkamera nach Authentizität. Er erzählt von einer Mutter, die ihr Kind retten will. Einem jungen Mann, der seinen Vater und sich selbst retten will. Über Helden mit Träumen, die das Richtige wollen und das Falsche tun. Ganz klassisches Genrekino, bei dem Publikum mit diesen Helden mitfiebert und mitleidet.

Ricore Text: Ist das vielleicht genau das Problem, wir sympathisieren ungern mit Gangstern?

Bleibtreu: Die Wurzel liegt viel tiefer. Wir Deutsche tun uns schwer, Menschen unserer Sprache zu bewundern. Das ist der Gebrochenheit unserer kulturellen Identität geschuldet und wird wahrscheinlich in den nächsten Generationen so bleiben. Wobei sich zumindest in Teilbereichen der Kultur, in den deutschen Streaming-Serien, eine Veränderung abzeichnet. "Vier Blocks", "Dark" oder "Babylon Berlin" haben gezeigt, dass auch Deutsche mit der richtigen finanziellen Ausstattung international mithalten können. Sie bedienen einen Markt, der vor Jahren noch verleugnet wurde. Durch diese Erfolge wird es für das Kino allerdings noch schwieriger, die Standards zu erfüllen.

Moritz Bleibtreu mit Fans am roten Teppich

Moritz Bleibtreu mit Fans am roten Teppich

Moritz Bleibtreu: zu oft aus Mehrheitsperspektive
Ricore Text: Lebt der Film nicht auch von seiner Authentizität in Bezug auf die Zeichnung des Milieus und der Sprache der Straße?

Bleibtreu: Özgur Yildirim und andere aus dem Team wissen, wovon sie sprechen. Solche Geschichten werden zu oft aus einer Mehrheitsperspektive erzählt. Von jemand, der draufguckt und erklärt, wie die Mehrheit das empfindet. Diese Distanz verhindert, dass die Jungs, um die es geht, das geil finden. Wir machen den Film für die. Das spüren sie, deshalb gucken sie es.

Ricore Text: Ist es dann nicht riskant, wegen der Gewaltdarstellungen keine Jugendzulassung zu erhalten?

Bleibtreu: Vor fünf Jahren hätten wir alles dafür getan, eine Zulassung ab zwölf Jahren zu erhalten. Der Film wäre dann entweder gar nicht zustande gekommen oder nicht gut geworden. Heute ist es so, selbst wenn wir die Zielgruppe kennen, müssen wir versuchen, sie zu dehnen. Das ist okay, so lange man sich nicht komplett inhaltlich korrumpiert. Die Gewalt ist aber essentieller Teil des Genres. Der Film geht behutsam damit um. Wenn ich sie mit den Marvel-Filmen vergleiche, die alle für Teenager zugelassen sind, zeigen wir gar nichts. Der Unterschied ist nur, dass die Gewalt hier physisch und psychisch unter die Haut geht.

Ricore Text: Und auch das Rauchen gehört dazu?

Bleibtreu: Leider paffen alle meine Filmfiguren zu viel. Da muss ich aufpassen, wo es passt. In diesem Milieu gehören Zigaretten dazu.

Ricore Text: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat gerade gemahnt, in den Medien weniger zu rauchen, weil sie Vorbildfunktion haben?

Bleibtreu: Ein Vorbild bewundert man aus verschiedenen Gründen. Ich habe früher Leute bewundert, die ich heute total Scheiße finde, andere finde ich noch gut. Wichtiger ist, dass sich jeder Menschen oder Dinge sucht, die er bewundert, und an denen er oder sie sich aufrichten. Wann immer dich was packt. Wenn Eltern dann stört, was Kids sehen oder hören, sollten sie sich damit auseinandersetzen, wie die ticken und die Kultur funktioniert. Die Kids müssen jung und wild sein und Angriffsflächen bieten. Und wir als Eltern sollten uns nicht darüber aufregen - sonst enden wir wie unsere Eltern.

Moritz Bleibtreu und Edin Hasanovic feiern die Premiere von "Nur Gott kann mich richten"

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Da besteht auch kein Bedarf
Ricore Text: Schaffen Sie das bei Ihrem Sohn?

Bleibtreu: Der ist noch zu jung. Ich kümmere mich, was er sieht, hört und liest. Das liegt in der Verantwortung der Eltern. Klar, irgendwann wird es schwer, mitzuhalten. Aber dann muss ich versuchen dranzubleiben.

Ricore Text: Warum drehen Sie überhaupt Genrefilme und machen es sich nicht in der Komödie gemütlich?

Bleibtreu: Ich suche mir die Filme nicht aus, sie suchen mich. Ich lese Bücher, dann sage ich okay oder nicht. Wenn ich einem Film nichts zu geben habe, macht es keinen Sinn. Und dann klappt es mit dem Dreh oder auch nicht, das ist das größere Problem in Deutschland. Viele Filme, die mich interessiert hätten, sind nie zustande gekommen oder haben sich im Laufe der Finanzierung stark verändert. Und meist kann ich erst rückblickend sagen, warum ich eine Rolle gespielt habe. Erst dann sehe ich Zusammenhänge zu meinen Befindlichkeiten. Diese Strategie hat sich als guter Wegweiser rausgestellt.

Ricore Text: Ist das Fernsehen jetzt wieder für Sie interessant geworden?

Bleibtreu: Es entstehen neue Möglichkeiten, bei denen Schauspieler nicht mehr Angst haben, mit dem Image eines Dr. Brinkmann ins Grab zu gehen. Die Streaming-Dienste haben die Serie als Kunstform erkannt und die geltenden Regeln außer Kraft gesetzt. Früher war es cool, auf die nächste Folge von "Miami Vice" zu warten. Wir haben spekuliert, was bei "Denver" und "Dallas" passieren könnte. Das war Teil eines Konzepts, das obsolet geworden ist.

Ricore Text: Einen "Tatort"-Kommissar würden Sie ablehnen?

Bleibtreu: Mit solch Angebot ist noch keiner an mich ran getreten, da besteht auch kein Bedarf.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.

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