Interview: Moritz Bleibtreu zu Nur Gott kann mich richten | FILMREPORTER.de
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Moritz Bleibtreu mit Fans am roten Teppich

Moritz Bleibtreu mit Fans am roten Teppich

Moritz Bleibtreu: zu oft aus Mehrheitsperspektive
Ricore Text: Lebt der Film nicht auch von seiner Authentizität in Bezug auf die Zeichnung des Milieus und der Sprache der Straße?

Bleibtreu: Özgur Yildirim und andere aus dem Team wissen, wovon sie sprechen. Solche Geschichten werden zu oft aus einer Mehrheitsperspektive erzählt. Von jemand, der draufguckt und erklärt, wie die Mehrheit das empfindet. Diese Distanz verhindert, dass die Jungs, um die es geht, das geil finden. Wir machen den Film für die. Das spüren sie, deshalb gucken sie es.

Ricore Text: Ist es dann nicht riskant, wegen der Gewaltdarstellungen keine Jugendzulassung zu erhalten?

Bleibtreu: Vor fünf Jahren hätten wir alles dafür getan, eine Zulassung ab zwölf Jahren zu erhalten. Der Film wäre dann entweder gar nicht zustande gekommen oder nicht gut geworden. Heute ist es so, selbst wenn wir die Zielgruppe kennen, müssen wir versuchen, sie zu dehnen. Das ist okay, so lange man sich nicht komplett inhaltlich korrumpiert. Die Gewalt ist aber essentieller Teil des Genres. Der Film geht behutsam damit um. Wenn ich sie mit den Marvel-Filmen vergleiche, die alle für Teenager zugelassen sind, zeigen wir gar nichts. Der Unterschied ist nur, dass die Gewalt hier physisch und psychisch unter die Haut geht.

Ricore Text: Und auch das Rauchen gehört dazu?

Bleibtreu: Leider paffen alle meine Filmfiguren zu viel. Da muss ich aufpassen, wo es passt. In diesem Milieu gehören Zigaretten dazu.

Ricore Text: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat gerade gemahnt, in den Medien weniger zu rauchen, weil sie Vorbildfunktion haben?

Bleibtreu: Ein Vorbild bewundert man aus verschiedenen Gründen. Ich habe früher Leute bewundert, die ich heute total Scheiße finde, andere finde ich noch gut. Wichtiger ist, dass sich jeder Menschen oder Dinge sucht, die er bewundert, und an denen er oder sie sich aufrichten. Wann immer dich was packt. Wenn Eltern dann stört, was Kids sehen oder hören, sollten sie sich damit auseinandersetzen, wie die ticken und die Kultur funktioniert. Die Kids müssen jung und wild sein und Angriffsflächen bieten. Und wir als Eltern sollten uns nicht darüber aufregen - sonst enden wir wie unsere Eltern.

Moritz Bleibtreu und Edin Hasanovic feiern die Premiere von "Nur Gott kann mich richten"

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Da besteht auch kein Bedarf
Ricore Text: Schaffen Sie das bei Ihrem Sohn?

Bleibtreu: Der ist noch zu jung. Ich kümmere mich, was er sieht, hört und liest. Das liegt in der Verantwortung der Eltern. Klar, irgendwann wird es schwer, mitzuhalten. Aber dann muss ich versuchen dranzubleiben.

Ricore Text: Warum drehen Sie überhaupt Genrefilme und machen es sich nicht in der Komödie gemütlich?

Bleibtreu: Ich suche mir die Filme nicht aus, sie suchen mich. Ich lese Bücher, dann sage ich okay oder nicht. Wenn ich einem Film nichts zu geben habe, macht es keinen Sinn. Und dann klappt es mit dem Dreh oder auch nicht, das ist das größere Problem in Deutschland. Viele Filme, die mich interessiert hätten, sind nie zustande gekommen oder haben sich im Laufe der Finanzierung stark verändert. Und meist kann ich erst rückblickend sagen, warum ich eine Rolle gespielt habe. Erst dann sehe ich Zusammenhänge zu meinen Befindlichkeiten. Diese Strategie hat sich als guter Wegweiser rausgestellt.

Ricore Text: Ist das Fernsehen jetzt wieder für Sie interessant geworden?

Bleibtreu: Es entstehen neue Möglichkeiten, bei denen Schauspieler nicht mehr Angst haben, mit dem Image eines Dr. Brinkmann ins Grab zu gehen. Die Streaming-Dienste haben die Serie als Kunstform erkannt und die geltenden Regeln außer Kraft gesetzt. Früher war es cool, auf die nächste Folge von "Miami Vice" zu warten. Wir haben spekuliert, was bei "Denver" und "Dallas" passieren könnte. Das war Teil eines Konzepts, das obsolet geworden ist.

Ricore Text: Einen "Tatort"-Kommissar würden Sie ablehnen?

Bleibtreu: Mit solch Angebot ist noch keiner an mich ran getreten, da besteht auch kein Bedarf.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
Katharina Dockhorn/Filmreporter.de - 7. Februar 2018

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