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Interview

Komiker unter sich: Dany Boon und Pierre Richard in "Die Sch'tis in Paris"

Concorde Filmverleih

Glücklich, dass Pierre akzeptiert hat

Dany Boon & Pierre Richard in "Die Sch'tis in Paris"

"Willkommen bei den Sch'tis" ist mit über 20 Millionen Zuschauern in Frankreich und über zwei Millionen Besuchern in Deutschland ein ebenso großer wie überraschender Komödienerfolg. Nun folgt mit "Die Sch'tis in Paris - Eine Familie auf Abwegen" nach zehn Jahren eine erste Fortsetzung, in der die Hauptfigur seine Herkunft verleugnet. Im Interview mit Filmreporter.de erläutern Dany Boon und Pierre Richard, wann sie selbst einmal nicht zu sich selbst gestanden sind und wie es zu ihrer Zusammenarbeit kam.
Von  Heiko Thiele, Filmreporter.de,  21.03.2018

Dany Boon in "Die Sch'tis in Paris - Eine Familie auf Abwegen"

Concorde Filmverleih

Dany Boon: Wie groß muss der Leidensdruck sein?

Ricore Text: Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?

Dany Boon: Ich war sehr glücklich, als Pierre mein Angebot akzeptiert hat bei "Die Sch'tis in Paris" mitzuspielen. Am Anfang war seine Rolle viel kleiner. Aber als ich wusste, dass er mitmachen würde, setzte ich mich an den Computer, um für seine Figur weitere Szenen zu schreiben. Mit der Teilnahme von Pierre bei "Die Sch'tis in Paris" ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als er das erste Mal an den Set kam. Das war die Szene mit der Waschmaschine, wo er im Wasser schwimmt. Ich wollte ihn schützen und auf ein Podest setzen, damit Pierre nicht nass wird. Aber er hat nur gesagt: "Was soll ich auf der Maschine? Ich gehe richtig rein ins Wasser und du musst mich auch nicht schützen." Er war dann wirklich stundenlang in diesem Wasser. Aber das ist vielleicht auch Pierres Geheimnis, stets vollen Einsatz zu zeigen und bis zum Ende zu gehen, weshalb er auch nach all den Jahren noch so erfolgreich ist.

Pierre Richard: Beim Lesen des Drehbuchs war mir klar, dass Dany es für mich geschrieben hat. Denn wen in meiner Generation gibt es noch, der solch eine Figur verkörpern kann? Ich habe mich sehr gefreut, die Rolle spielen zu dürfen und wieder an die Burlesque anknüpfen, die ich schon in meiner früheren Karriere gespielt habe. Zudem ist es emotionaler, wenn ein Clown stirbt, als jemand, der sowieso schon immer traurig ist. Nun stirbt meine Figur nicht, aber als sich meine Figur mit Vincent verträgt, ist dies schon sehr emotional. Die Stärke von Dany Boons Filmen ist, dass es ihm durchgängig gelingt, das Burlesque und das Emotionale stimmig miteinander zu verbinden.

Ricore Text: Es gab beim Drehen eine Szene zwischen Vater und Sohn, bei der Sie so sehr geweint haben, dass Sie die Szene später nicht verwenden konnten. Was war der Auslöser für diesen Gefühlsausbruch?


Dany Boon: Bei der Szene ging es mehr um die Figur, nicht um tatsächlich Erlebtes, was beim Spielen wieder hochgekommen wäre. Den Charakter, den ich spiele, ist jemand, der sich von seinen eigenen Wurzeln losgesagt hat und sich von sich selbst entfremdet hat und dadurch doppelt schämt. Erst schämt er sich dafür aus dem Norden zu stammen und später dafür nicht zu sich selbst gestanden zu haben. Die große Frage des Films ist daher: "Wie groß muss der Leidensdruck sein, damit wir bereit sind, uns selbst zu verleugnen, um in der Gesellschaft anerkannt werden und das zu tun, was die Gesellschaft von uns erwartet?" Es gibt keinen anderen Beruf, bei dem dies so stark verankert ist, als dem Künstlerfach.

Ricore Text: Wieso?


Dany Boon: Was muss man sich nicht alles anhören, wenn man sich in seiner Schauspielkarriere noch ganz am Anfang befindet? Alle raten einem davon ab, da dies eine brotlose Kunst sei. Es gibt dutzende Schlauberger, die einem nahelegen alles sein zu lassen, da man am Ende sowieso auf der Straße lande und man von der Schauspielerei nie leben könne. Man bekommt dies immer und immer wieder zu hören. Dies macht dann natürlich etwas mit einem. Wenn man dann in der Karriere schon ein wenig weitergekommen ist, kommen die Kritiken, die einem sagen, was man alles falsch gemacht hat. Daher erfordert es durchaus Mut, um sich und seiner Leidenschaft treu zu bleiben. Es gibt schlichtweg zu viele gut gemeinte Ratschläge, die keine guten Ratschläge sind. Manche Leute nehmen sich das dann zu sehr zu Herzen. Ich habe mal mit einem Kollegen zusammengearbeitet, der hat mir mal gesagt, dass er in einem Rathaus eine Halbtagsstelle habe und er lieber auf Nummer sicher gehen wolle. Natürlich ist er nie zurückgekommen. Er hat immer noch seine halbe Stelle.


Pierre Richard vor dem Interview mit Filmreporter.de

Concorde Filmverleih

Pierre Richard: Wer kann so eine Figur verkörpern?

Ricore Text: In "Die Sch'tis in Paris" ist das Thema Schein und Sein von großer Bedeutung, was auch in Ihrer Branche eine große Rolle spielt. Wie sehr gelingt es Ihnen im Filmgeschäft und in der Öffentlichkeit sich selbst treu zu bleiben? Wie sehr müssen Sie sich selbst verleugnen?

Dany Boon: Man sollte sich niemals in irgendeiner Form zurücknehmen oder Kompromisse machen. Das ist genau das, was einen Künstler ausmachen muss und auch mich ausmacht. Das Kino ist natürlich eine sehr elitäre Branche, ein sehr geschlossener Kreis und es ist unglaublich schwer dort hineinzukommen. Selbst wenn du auf der Bühne stehst und alleine oder mit anderen große Erfolge feierst, kann einem der Schritt ins Kino sehr schwer gemacht werden. Man fängt meistens mit kleinen Rollen an und mit viel Glück, schafft man dann im Kino den Durchbruch. Es gibt aber auch sehr viele Theaterstars, die hohes Ansehen genießen, die im Kinobusiness jedoch nie Fuß fassen konnten. Das liegt zum Teil daran, dass manche Menschen auf der Bühne anders wirken, als vor der Kamera. Die Bühne zeigt einen in etwas weicherem Licht, eine Filmkamera nimmt hingegen wirklich alles auf und so wirkt eventuell jemand, der eigentlich ganz weich ist, vor der Kamera ganz anders und kommt härter beim Publikum an, was dann aber nicht die Erwartungshaltung des Publikums erfüllt. Kino ist daher etwas, dass sehr hart sein kann. Wichtig ist in dieser Branche vor allem, dass man das Kino mit der größtmöglichen Ernsthaftigkeit angeht, dabei aber nicht die Emotionen vergisst.

Ricore Text: Wie gut gelingt es Ihnen Herr Richard in der Öffentlichkeit und im Filmgeschäft Sie selbst zu bleiben?


Pierre Richard: Ich habe mich für das, was ich bisher beruflich gemacht habe, noch nie geschämt. Auch für meine frühen Erfolge nicht. Ich wurde schon oft gefragt, ob mir dieser oder jene Film nicht peinlich sei - vor allem in frühen Jahren. Ich habe dies aber stets verneint, weil es immer genau der Film war, auf den ich in dem jeweiligen Moment Lust hatte. Man kann sich nur für Dinge schämen, die man nicht aus Lust gemacht hat, sondern weil man zum Beispiel Geldsorgen hatte. In dieser Situation war ich aber nie und deshalb kann ich mich nicht für das schämen, was ich gemacht habe. Ich habe bis heute nur das gemacht, wozu ich Lust hatte und habe auch diverse Rollen abgelehnt, die durchaus lukrativ schienen. Zum Beispiel habe ich Rollen in den Filmen von Louis de Funès abgelehnt, weil ich merkte, dass diese nicht zu mir passten. Anders ist es bei "Die Sch'tis in Paris". Ich kann genau wie der Vater im Film ein richtig grantiger Kerl werden und finde mich daher gut in der Figur wieder.

Ricore Text: Ihr Beruf bringt Ihnen viel Anerkennung ein, zum Beispiel hat François Hollande, als er noch Präsident war, mit Ihnen zu Abend gegessen. Besteht der Kontakt noch?


Pierre Richard: Das war damals ein Zufall. Hollande war auf Dienstreise in Berlin, um sich mit Frau Merkel zu treffen. Er hatte zwischendurch noch etwas Zeit und irgendwie erfahren, dass ich auch in Berlin bin, um einen Film zu bewerben. Daraufhin haben wir uns zum Essen getroffen, seitdem dann aber nie mehr gesehen.

Dany Boon: Es kommt immer mal wieder vor, dass man als Filmschaffender Politiker trifft. Zum Beispiel wollten Emmanuel Macron und seine Frau "Die Sch'tis in Paris" sehen, zumal Macron ebenfalls aus dem Norden kommt. Daraufhin wurde der Kontakt hergestellt und wir sahen uns den Film gemeinsam an.

Ricore Text: Vielen Dank für das Interview.
Von  Heiko Thiele, Filmreporter.de,  21.03.2018

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