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Interview

Regisseur Roman Polański am Set von "Nach einer wahren Geschichte" (2017)
StudioCanal Germany/Carole Bethuel

Komischer Beigeschmack

Roman Polański zu "Nach einer wahren Geschichte"
Roman Polański gehört zu den wichtigsten und umstrittensten Regisseuren des internationalen Films. Er hat Anfang der 1960er Jahre unvergessliche Meisterwerke wie "Ekel" (1965) und "Das Messer im Wasser" (1962) in seiner polnischen Heimat inszeniert, in Hollywood fasste er Ende der 1960er mit "Tanz der Vampire" (1967), "Rosemaries Baby" (1968) und "Chinatown" (1974) schnell Fuß. Nach dem Vorwurf der Vergewaltigung einer Minderjährigen, verließ er die USA und ließ sich in Frankreich nieder. In Europa drehte er unter anderem "Tess" (1979), "Der Pianist" (2002) und "Der Gott des Gemetzels" (2011). Nach der Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes stellte er im September vergangenen Jahres seinen neuen Film "Nach einer wahren Geschichte" in Zürich vor. Er porträtiert darin eine Schriftstellerin, gespielt von Polańskis Frau Emmanuelle Seigner, die mit Elle, einer Stalkerin, konfrontiert wird, die bald ihr Leben bestimmt.
Roman Polański: A Film Memoir
Eclipse Film GmbH
Roman Polański: A Film Memoir
Ricore Text: Sie wurden 2009 bei der Einreise nach Zürich auf Grund des Haftbefehls der USA verhaftet. Hatten Sie bei Ihrer Rückkehr ein flaues Gefühl im Magen?

Roman Polański: Ich war glücklich, dass ich am Flughafen nicht von den falschen Leuten erwartet wurde. Wobei es schon einen komischen Beigeschmack hatte, dass ich mit den Worten eingeladen wurde, sie werden einen unvergesslichen Aufenthalt haben.

Ricore Text: Jeder Film müsse Sie neu herausfordern, haben Sie selbst formuliert. Worin lag die Herausforderung bei dieser Romanverfilmung?

Roman Polański: Zwei Frauen standen noch nie im Zentrum meiner Filme, daher war ich sofort interessiert, als mich Emmanuelle auf den Roman von Delphine de Vigan aufmerksam machte. Er beseitigte schlagartig die Angst vor der leeren weißen Seite, die mich stets in den Monaten zwischen zwei Filmen packt.

Ricore Text: Kann diese Angst in richtige Pein ausarten?

Roman Polański: Ich erinnere mich ungern an "Der Tod und das Mädchen". Nachdem ich keinen Zugriff zur Filmadaption dieses Bühnenstückes gefunden hatte, überließ ich das Schreiben einem Autor, mit dem ich nicht zusammen arbeiten wollte. Ich fühlte instinktiv, ich möchte etwas anderes mit dem Film erreichen als er.

Ricore Text: Ist es ein Zufall, dass Sie nach "Der Ghostwriter" und "Die neun Pforten" wieder Bücher und eine Schriftstellerin ins Zentrum stellen?

Roman Polański: Ich liebe Bücher, ich lese gerade "As Nature made him. A boy who was raised as a girl" von John Colapinto. Mir sind Essays und Sachbücher lieber als Romane. Manchmal denke ich, wenn ich vor 200 Jahren gelebt hätte, wäre ich wohl Schriftsteller geworden.

Ricore Text: In Ihrem neuen Film wird der Schriftsteller Amos Oz erwähnt. Gehört er zu Ihren Lieblingsautoren?

Roman Polański: Das habe ich gerne aus dem Roman übernommen. Viele junge Talente wollen schreiben wie er.


Roman Polański und Emmanuelle Seigner am SET von "Nach einer wahren Geschichte"
StudioCanal Germany/Carole Bethuel
Roman Polański und Emmanuelle Seigner am SET von "Nach einer wahren Geschichte"

Roman Polański: Der Titel ist das Paradox

Ricore Text: Sie schaffen ein wunderbares Vexierspiel der Abhängigkeiten, bei dem man sich oft fragt, ob Elle real ist oder nur in der Phantasie der Autorin existiert?

Roman Polański: Als ich in den Dreh ging, wusste ich dies selbst nicht genau. Daher habe ich Eva Green als Elle besetzt. Sie ist sehr schön, geheimnisvoll und kann dem Zuschauer wie die böse Königin in Schneewittchen das Blut in den Adern gefrieren lassen. Ich habe gewartet, was sie mir anbietet und sie nur manchmal ein bisschen zurück gepfiffen. Sie hat ihre Figur wunderbar in diesem Schwebezustand gehalten.

Ricore Text: Als Schriftstellerin haben Sie wieder Ihre Frau besetzt. Können Sie sich noch gegenseitig überraschen?

Roman Polański: Es ist einfacher, ohne Überraschungen zu arbeiten. Emmanuelle lässt sich am Set völlig fallen und hört auf, die Frau zu sein, die viel zu selten für mich kocht und an meiner Seite lebt. Wir lassen die Recherchen und unser Privatleben in der Garderobe und leben im Augenblick. Das fällt ihr leichter als mir. Wir sind mittlerweile so aufeinander eingespielt, dass ich Angst hatte, dass Eva mit ihr um die Deutung der Geschichte kämpft. Zum Glück fanden die beiden Frauen schnell einen guten Draht zueinander. Ich habe meine Schauspieler noch nie so wenig inszeniert.

Ricore Text: Was macht Emmanuelle zur perfekten Partnerin für Sie?

Roman Polański: Ihre Geduld Am Set haben wir die einzigen Momente, in denen wir nicht kämpfen.

Ricore Text: Einmal mehr widmen Sie sich auch dem Thema Wahrheit, das nun in aller Munde ist.

Roman Polański: Der Titel ist das Paradox, lustig und doppeldeutig Jeder Roman oder fiktionale Film erzählt eine Lüge. Doch jeder zweite Film behauptet heute, er beruhe auf einer wahren Geschichte. Vor solch eine Behauptung habe ich mich gedrückt, wo es ging. Selbst bei der Ankündigung von "Der Pianist", der auf den Erinnerungen des Gettho-Überlebenden Wladyslaw Szpilman beruht, die er wenige Monate nach der Befreiung Polens geschrieben hatte, hätte ich dieses Etikett gerne vermieden.

Ricore Text: "Tanz der Vampire" wird 50 Jahre nach der Premiere der Filmversion weltweit als Musical aufgeführt. Haben Sie der Bühnenversion gerne zugestimmt?

Roman Polański: Als mein Freund und früherer Partner Andrew Braunsberg vorschlug, mit dem Stoff als Musical nach Wien zu gehen, hielt ich ihn für verrückt. Er ließ nicht locker und hat mich mit seinem Enthusiasmus angesteckt. Ich habe unter der Bedingung eingewilligt, dass wir eine herausragenden Komponisten finden, den wir mit Michael Kunze auch gewinnen konnten. Und die künstlerische Kontrolle behalten. Das Wiener Raimundtheater hat für uns einen Roten Teppich ausgebreitet. Ohne deren Intendanz wäre das Projekt gescheitert. Sie haben mich unterstützt, wo sie konnten. Ich hatte zuvor Opern inszeniert, aber das ist nicht dasselbe.

Ricore Text: Mehrere Ihrer Filme feierten in Cannes Premiere, Sie waren dort mehrmals in der Jury. Was halten Sie von der Verlegung der Pressevorstellung parallel zu den Gala-Premieren?

Roman Polański: Als ich Vorsitzender der Jury war, bat ich den Künstlerischen Direktor Gilles Jacob, uns Popcorn zu spendieren und in die Vorstellungen für das Publikum zu schicken. Das gleiche gilt für die Presse, die Kritiker sollten die Filme gemeinsam mit den Rezipienten gucken.

Ricore Text: Danke für das Gespräch

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