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Interview

Diane Kruger ist "Die Agentin" ("The Operative", 2019)

Weltkino Filmverleih, Kolja Brandt

Thriller mit eigenwilliger Perspektive

Yuval Adler zu "Die Agentin"

Frei nach dem Roman "The English Teacher" von Yiftach Reicher Atir inszeniert der in New York lebende israelische Regisseur Yuval Adler in Leipzig, NRW, Bulgarien und in seiner Heimat den Thriller "Die Agentin" mit Diane Kruger und Martin Freeman in den Hauptrollen. Zuvor hatte Adler 2013 mit seinem Regiedebüt "Bethlehem - Wenn der Feind dein bester Freund ist" auf sich aufmerksam gemacht. Der Film feierte bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere. "Die Agentin" lief im Wettbewerb der Berlinale 2019 außer Konkurrenz. Im Zentrum steht Anne, die sich dem Mossad anschließt. In geheimer Mission geht sie als Englischlehrerin Rachel getarnt in den Iran.

Diane Kruger ist "Die Agentin" ("The Operative", 2019)

Weltkino Filmverleih, Kolja Brandt

Das Innenleben eines Geheimdienstes

Ricore Text: Warum haben Sie den Roman ausgewählt?

Yuval Adler: Mich faszinierte die eigenwillige Perspektive des Buches. Yiftach Reicher Atir, ein intimer Kenner des Mossad, wählt für seinen Blick auf das Innenleben der Geheimdienste einen Ansatz, der wenig mit den beliebten Abenteuern eines James Bond oder der Beschreibung des MI6 durch John Le Carré gemeinsam hat. Er beschreibt stattdessen sehr nüchtern den Alltag einer Agentin und die psychischen Belastungen ihres Doppellebens. Rachel ist einsam, ihr Alltag hat nichts mit dem glamourösen Jetset-Leben von Bond gemein. Sie wird zermürbt und ändert sich charakterlich ohne dass es ihr zunächst bewusst wird.

Ricore Text: Ist Anne am Anfang nicht auch sehr naiv?

Yuval Adler: Sonst würde sie nicht so unbedarft in diese Welt der Geheimdienst hineinschlittern und später dabei bleiben. Sie fühlt sich erstmals in ihrem Leben nützlich und verstrickt sich in den Lügen ihres Doppellebens. Bis sie die ständige Geheimniskrämerei extrem belastet.

Ricore Text: Warum schicken Sie sie in den Iran?

Yuval Adler: Im Roman geht sie in ein fiktives arabisches Land. Yiftach Reicher Atir hatte wohl Syrien im Hinterkopf, was nicht mehr funktioniert hätte. Wir haben über den Libanon oder Libyen nachgedacht. In arabischen Ländern hätten wir auch leichter drehen können, Sprache und Kultur ähneln sich. Der Iran ist kulturell völlig anders geprägt, Persisch eine andere Sprache. Die Wahl hat den Dreh enorm verkompliziert.

Ricore Text: Und Sie konnten dort sicher nicht drehen?

Yuval Adler: Eine einheimische Crew hat dort unter großer Geheimhaltung auf den Straßen und Basaren gedreht. Die Männer wussten nicht, dass sie für Israelis arbeiten, wir haben sie über mehrere Subunternehmen angeheuert. Mit dieser Verschleierung wollen wir sie vor Verfolgung schützen.


Ohad Knoller ist "Die Agentin" ("The Operative", 2019)

Weltkino Filmverleih, Kolja Brandt

Der Hass ist vielen unverständlich

Ricore Text: Auf Grund des damals schwelenden und heute wieder aktuellen Konfliktes lag die Wahl auf der Hand?

Yuval Adler: Der Hass zwischen den beiden Ländern ist vielen Iranern und Israelis unverständlich. Wir haben keine gemeinsame Grenze und in den siebziger Jahren waren beide Länder die engsten Verbündeten. Beides sind alte, semitische, stolze Völker, die ihr Erbe verteidigen. Meine einzige Erklärung ist, dass sich Iraner und Israelis ähneln und sich hassen, wie es nur verfeindete Brüder können. Man hasst keinen, den man nur oberflächlich kennt. Nur so ist für mich auch zu erklären, warum die deutschen Christen nach 1933 die Juden ausgrenzten, obwohl sich alle als Deutsche fühlten.

Ricore Text: Iran und Israel reagieren wie ein Ehepaar nach der Scheidung?

Yuval Adler: Genau. Der Hass auf den Iran ist irrational. Meine Freunde in New York denken, das läge am ungelösten Palästina-Konflikt. Als ob sich der Iran um die Palästinenser scheren würde. Das hätten sie jahrzehntelang gut verborgen. Womit ich aber nicht verteidigen will, was die Hisbollah im Libanon anrichtet.

Ricore Text: Ein großer Teil der Handlung führt nach Deutschland. Haben Sie gerne hier gedreht?

Yuval Adler: Ich gehöre zu den Israelis, die von Deutschland, der Sprache, der Kultur und den Frauen fasziniert sind. Ich studierte Philosophie und habe lange vergeblich versucht, die Sprache zu lernen. Ich lese Kafka im Original, aber ich kann nicht mit einem Taxifahrer sprechen. Ich könnte hier nicht leben, aber ich wollte unbedingt in Deutschland drehen und habe das Drehbuch in diese Richtung gelenkt. Dabei entdeckte ich auch neue Seiten wie die tolle Stadt Leipzig, wovon ich viele Mitarbeiter erst überzeugen musste. Ihre Verwunderung steckt hinter der Frage im Film, warum will sie sich ausgerechnet in Leipzig treffen?

Ricore Text: Hat Sie überrascht, dass der Mossad so viele Fehler macht?

Yuval Adler: Menschen sind unorganisiert und machen Fehler. Daher hat mich nicht überrascht, dass der Mythos des eiskalten Dienstes, der weltweit erfolgreich Aktionen durchführt, nicht korrekt ist.

Ricore Text: Die Legende begann mit der Entführung von Adolf Eichmann. Danach nahm sich der Mossad weiter das Recht, Menschen umzubringen?

Yuval Adler: Ich teile die moralischen Bedenken zu diesen Geheimdienstoperationen. Als Filmemacher denke ich nicht in solchen Kategorien, die zu einer zentralen Frage des künstlerischen Schaffens führt. Ist es Aufgabe des Filmemachers, die Welt zu beschreiben oder zu ändern, wie es Linke und Liberale fordern? Dies ist nicht unsere Aufgabe. Wir können die Welt nur beschreiben wie sie ist und aufdecken, wie die Strukturen funktionieren. Dabei bin ich weder links noch rechts, noch sehe ich mich als Aufklärer oder Weltveränderer. Wenn ich zum Beispiel einen Film über sexuellen Missbrauch sehe, fühle ich natürlich mit den Opfern. Gleichzeitig erschrickt mich, welch Bestie in jedem Mensch steckt und welcher Verbrechen er fähig ist.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.

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