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Interview

Tom Schilling ("Lara", 2018)
StudioCanal Germany, Frederic Batier

Elternhaus früh hinter sich gelassen

Tom Schilling "Lara"
Tom Schilling wird als 12-jähriger für das Fernsehen der DDR entdeckt, Thomas Heise holt ihn 1988 zum Berliner Ensemble. Richtig Fahrt nimmt seine Karriere mit Filmrollen in "Crazy", "Verschwende deine Jugend" und "Napola - Elite für den Führer". Nach der Hauptrolle in "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" überrascht er 2012 die Kritiker mit seiner Rolle in Jan Ole Gersters "Oh Boy". Beide legen jetzt "Lara" vor, die von Corinna Harfouch gespielt wird. Sie feiert ihren 60. Geburtstag am Tag des ersten Konzerts mit eigenen Kompositionen ihres Sohnes Viktor. Lara ist nicht eingeladen, obwohl sie Viktor zum Klaviervirtuosen ausbildete.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  20. April 2020
Tom Schilling ("Lara", 2018)
StudioCanal Germany, Joachim Gern
Tom Schilling ("Lara", 2018)

Berührungspunkte zur ernsten Musik?

Ricore Text: Welche Berührungspunkte hatten Sie als Kind mit klassischer Musik?

Tom Schilling: Mein Vater dachte, klassische Musik mache ihn aggressiv, daher blieb sie mir in meiner Kindheit weitgehend fremd. Ich entdeckte sie erst spät über die Filme von Lars von Trier, Lukas Moodyssons "Raus aus Åmål" oder "Zum Beispiel Balthasar" von Robert Bresson. Über diesen Film lernte ich Schubert schätzen, an dessen Kompositionen das eigene Werk von Victor angelehnt ist.

Ricore Text: Wie gut sind Sie auf dem Klavier?


Tom Schilling: Ich habe spät gelernt zu spielen, aber ein bisschen Bach habe ich drauf. Für den Dreh reichte mir das nicht. Ich nahm nochmals etliche Klavierstunden, damit sich das Gefühl einstellt, dass ich Viktor bin. Ich kann mich nicht ans Klavier setzen und so tun als ob. Ich musste die von ihm interpretierten Stücke verstehen und sie selbst, wenn auch schlecht oder langsamer, beherrschen. Nur durch diese akribische Vorbereitung, die etwas Manisches hat, konnte ich die innere Sicherheit aufbauen, die ich brauche, um mir selbst zu glauben.

Ricore Text: Hätten Sie alle Figuren gespielt, in denen Jan-Ole Gerster sie sieht?


Tom Schilling: Besetzung ist alles beim Film, die Rolle muss passen. Ich sage nicht zu, weil wir befreundet sind. Viktor fühlte ich mich sofort nahe, in seine Gefühlswelt konnte ich mich gut hinein versetzen. Es fiel mir leicht, die Figur zu meiner eigenen zu machen. "Lara" ist vielleicht mein persönlichster Film.

Ricore Text: Kennen Sie die Abnabelungsschwierigkeiten von den Eltern?


Tom Schilling: Ich habe mein Elternhaus früh hinter mir gelassen. Ich teile eher die Zweifel Viktors an unserem künstlerischen Können, ich kenne sein Streben nach Perfektion, und die Angst, die Anerkennung für die musikalische Leistung mit mütterlicher Liebe zu verwechseln. Er hat lange versucht, die Liebe und Anerkennung seine Mutter durch die Kunst zu erreichen. Nun hat er erkannt, dass er damit den Mangel nicht ausgleichen kann. Das erfüllt ihn mit Traurigkeit.

Ricore Text: Sind Sie der Gefahr aufgesessen, sich über den Applaus zu definieren?


Tom Schilling: Ich habe gemerkt, Applaus bringt mir extrem wenig und Komplimente sind mir eher unangenehm. Wenn das Publikum begeistert klatscht, empfinde ich kaum Freude. Um nicht missverstanden zu werden, natürlich ist es schön, wenn meine Leistung belohnt wird. Aber wichtiger als Auszeichnungen oder Beifall ist mir das Glücksgefühl nach dem Dreh einer Szene, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen annähernd gerecht geworden bin.

Ricore Text: Hilft Ihnen konstruktive Kritik?


Tom Schilling: Sie verursacht eher Depressionen. Ich muss für mich einen gesunden Weg finden, den Anspruch an mich selbst mit der Wahrnehmung von außen abzugleichen. Für Schauspieler ist das besonders schwer, wir werden ja ständig von außen beurteilt. Die Zuschauer meinen sogar, mich zu kennen, weil sie die Rolle mit dem Menschen verwechseln. Dieser Eindruck trügt, auch wenn wir oft Persönliches in unser Spiel einbringen.


Jan Ole Gerster ("Lara", 2018)
StudioCanal Germany, Joachim Gern
Jan Ole Gerster ("Lara", 2018)

Vertrauen zum Regisseur

Ricore Text: Inwieweit beeinflussen Ihre Selbstzweifel das Vertrauen zum Regisseur?

Tom Schilling: Ich habe mir einen guten Kompass erarbeitet und weiß, ob eine Szene stimmig war. Wenn der Regisseur meines Erachtens ungenau arbeitet, versuche ich, umso besser auf mich selbst zu achten. Solche Konstellationen versuche ich natürlich zu vermeiden, weil ich lieber gemeinsam nach dem Kern einer Szene suche.

Ricore Text: Nach welchen Kriterien suchen Sie sich Ihre Rollen aus?


Tom Schilling: Ich verlasse mich auf meine Vorstellung vom fertigen Film und mein Bauchgefühl, meine Filme spiegeln ausschließlich meinen Geschmack wider. Daher freue ich mich sehr über das Kompliment, wenn Zuschauer sagen, dass die Filme, in denen ich spiele, meist gut sind.

Ricore Text: Wollten Sie immer, ein breites Spektrum an Genres bedienen?


Tom Schilling: Genre-mäßig bin ich total offen, ich hätte auch Lust auf einen Horrorfilm wie "Midsommar". Für "Who am I" habe ich zum Beispiel etliche Angebote abgesagt, die in die Richtung von "Oh Boy" gingen. Ich wollte mich nicht wiederholen und andererseits diesen Thriller drehen, der extrem smart ist und eine gewisse Tiefe hat.

Ricore Text: Ist es einfacher einen fiktiven Pianisten in "Lara" zu spielen oder einen Maler in "Werk ohne Autor", dessen Biografie an das Leben Gerhard Richters angelehnt ist?


Tom Schilling: Die Suche nach Ähnlichkeiten in der Maske oder den ständigen Vergleich mit Fakten lenken mich bei vielen Biopics ab. Daher kam mir entgegen, dass "Werk ohne Autor" niemals versucht, Richters Aussehen oder seine Gestik und seinen Habitus nachzustellen und sich einzig auf seine Gefühlswelt bezieht. Trotzdem hat mich das Wissen um die Bezüge zu Richter eingeengt, die Rolle persönlich aufzuladen.

Ricore Text: Ist das auch eine Lehre aus Ihrer Rolle als Hitler in "Mein Kampf"?


Tom Schilling: Die Vorlage von George Tabori funktionierte als leichtes Bühnenstück sehr gut, die filmische Umsetzung litt unter der Bedeutungsschwere, mit der sie aufgeladen wurde. Dagegen konnten Götz George und ich kaum anspielen.

Ricore Text: Liebäugeln Sie mit der Regie?


Tom Schilling: Sie wird mich künftig sicher bewegen. Es wird wahrscheinlich eine persönliche Geschichte sein, deren Bilderwelt sich mir aufdrängt. Aber das braucht noch eine Weile, bis ich mein Thema finde.

Ricore Text: Danke für das Gespräch
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  20. April 2020

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