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Interview

Daniel Brühl auf der Deutschlandpremiere von "My Zoe" (2018)
Warner Bros. Pictures Germany

Horrorgedanken und christliche Werte

Daniel Brühl zu "My Zoe"
Mit "Das weiße Rauschen" und "Good Bye, Lenin!" spielt sich Daniel Brühl Anfang des 2. Jahrtausends über Nacht in die Herzen des Publikums und der Kritiker. Seitdem ist der 1978 in Barcelona geborene Sohn einer Spanierin und eines Deutschen auch international gefragt. Er spielt in Filmen mit Geraldine Chaplin, Dame Judi Dench, Dame Maggie Smith, Emma Watson und Emma Thompson. Er beeindruckt als Niki Lauda in "Rush - Alles für den Sieg" und als Zemo in "The First Avenger: Civil War". Jetzt ist er in Julie Delpys "My Zoe" als Reproduktionsmediziner zu sehen, der älteren Moskauerinnen zur Schwangerschaft verhilft. Eines Tages steht eine verzweifelte Mutter mit einer DNA-Probe ihrer verstorbenen Tochter vor seiner Tür. Sie bittet ihn, daraus ein Kind zu klonen. Brühl ist Mitproduzent des Films. Er steigt in das Projekt ein, als die Finanzierung im Dezember 2017 zu scheitern droht.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  30. Dezember 2019
Daniel Brühl & Gemma Arterton in "My Zoe" (2018)
Warner Bros. Pictures Germany
Daniel Brühl & Gemma Arterton in "My Zoe" (2018)

Künstlerisch durchdenken

Ricore Text: Möchten Sie nach Ihrem Tod geklont werden?

Daniel Brühl: Um Gottes Willen nein! Welch Horrorgedanke! Trotzdem ist es interessant, den Gedanken künstlerisch durchzuspielen. Wissenschaftler können bereits heute künstliche Organe für die Transplatationsmedizin bereitstellen, da ist es nicht weit bis zur Reproduktion eines Menschen. Die Gesellschaft muss entscheiden, ob sie das möchte.

Ricore Text: Was spricht gegen das Klonen?


Daniel Brühl: Die christlichen Werte, die meine Moral prägen, machen das Klonen tabu. Aber moralische Werte sind nicht statisch. Wer weiß denn, wie sie sich in den kommenden Jahrzehnten verändern? Die Wissenschaft ist den Diskussionen um ethische Normen voraus, die Hemmschwelle könnte bald fallen. Daher hat mich gereizt, eine Frankenstein-Figur zu spielen. Einen Arzt, der von wissenschaftlicher Neugier und Ambition getrieben wird, aber auch hadert und Bedenken gegen das Klonen hat.

Ricore Text: In China wurde bereits das erste Kind geboren, das auf Grund gentechnischer Veränderungen immun gegen bestimmte Krankheiten ist. Sind wir nicht schon so weit?


Daniel Brühl: Julie hat einige Artikel über beängstigende Projekte in Russland oder China gefunden. Das Klonen könnte wahrscheinlich bald möglich werden. Daher gefiel mir der realistische Ansatz des Buches. Wenn sich das Klonen aus einem Scheidungsdrama inklusive Sorgerechtstreit entwickelt, geht es jedem Zuschauer nahe. Er kann es nicht wie in einem Science-Fiction-Film als Vision beiseite schieben.

Ricore Text: Was sprach denn für Moskau, wo auch Edward Snowden im Exil lebt?


Daniel Brühl: Moskau war und ist immer Exil für viele Menschen gewesen. Auf der anderen Seite passieren in Russland ganz schön finstere Sachen - angefangen von den biologischen Experimenten der 1930er Jahre bis zum Doping. Aber letztlich hätten wir auch nach England oder die USA gehen können. Überall wägen Forscher die Grenze zwischen dem wissenschaftlich Machbaren und dem gesellschaftlich Nützlichen ab.

Ricore Text: Julie Delpy brach die Finanzierung des Films im Dezember 2017 zusammen. Warum haben Sie sich als Produzent engagiert und den Film gerettet?


Daniel Brühl: Das klingt so dramatisch, andererseits macht es mich ein bisschen stolz. Ich bin ein großer Fan von Julies Arbeit. Wir sind befreundet, ich war von diesem sehr persönlichen Stoff begeistert. Ich konnte nicht fassen, dass irgendwelche Idioten kurz vor Drehstart abgesprungen sind. Daher habe ich gerne die Chance ergriffen, "My Zoe" zum ersten Film meiner Firma Amusement Park zu machen. Ich rede ja seit Jahren davon, eigene Filme zu produzieren und bin froh, dass es jetzt endlich los ging.


Julie Delpy & Daniel Brühl auf der Deutschlandpremiere von "My Zoe" (2019)
Warner Bros. Pictures Germany
Julie Delpy & Daniel Brühl auf der Deutschlandpremiere von "My Zoe" (2019)

Julie hat die Hosen an!



Ricore Text: Dann waren Sie der Chef am Set?


Daniel Brühl: Julie hat die Hosen an, sie ist die Chefin. Ich habe mich zurückgehalten und diese Arbeit meinem Partner Malte Grunert überlassen. Mich hat beeindruckt, wie Julie das durchgezogen hat. Paranoid und neurotisch, obsessiv und durchgeknallt. So ist sie halt.

Ricore Text: Wie lange wussten Sie von der Story?


Daniel Brühl: Julie saß seit 1995 am Buch, hat mir aber nie davon erzählt. Im Gegensatz zu allen anderen Projekten. Ich war total überrascht, als sie mir ein einem Café in LA das Buch einfach so in die Hand drückte. Beim Lesen fing ich plötzlich an zu heulen, was mir sonst nie passiert. Ich bin ja nicht so nahe am Wasser gebaut. Damals warteten meine Frau und ich auf unseren ersten Sohn. Der Gedanke hat mich umgehauen, was ich tun würde, wenn mein Kind stirbt.

Ricore Text: Mick Jagger wurde mit über 70 Jahren Vater, Frauen verbaut die Biologie diese Chance. Ist das nicht ungerecht?


Daniel Brühl: Diese biologische Ungerechtigkeit hat Julie aus ihrer Perspektive beschrieben. Viele Argumente kann ich als Mann nachvollziehen. Manchmal denkt Mann gar nicht drüber nach, dass Mann viele Vorteile hat. Auch das Ende des Films wird vielen Männern sicher nicht gefallen, die Aufteilung des Sorgerechts für die Kinder nach Scheidungen wird ja im Moment heftig diskutiert. In den Diskussionen vermisse ich oft, dass letztlich das Wohl der Kinder im Zentrum stehen sollte.

Ricore Text: Sie werden im kommenden Jahr bei der schwarzen Komödie "Nebenan" erstmals Regie führen. Verraten Sie mehr?


Daniel Brühl: Es ist ein persönlicher Stoff, der mich seit Jahren beschäftigt. Ich habe mich an einem Drehbuch versucht, war aber von meiner Schreibkunst nicht so begeistert. Um endlich weiter zu kommen, habe ich meinen Mut zusammengenommen und Daniel Kehlmann angesprochen. Nach drei Wochen lieferte er die erste Fassung. Sie war so gut, dass ich wusste, wir ziehen das jetzt durch. Besonders froh bin ich, dass Peter Kurth neben mir die Hauptrolle übernimmt. Daniel Kehlmann und ich hatten ihn bei der Entwicklung im Hinterkopf.

Ricore Text: Was ist noch von Ihrer Firma zu erwarten?


Daniel Brühl: Wir planen eine Serienadaption der "Blechtrommel" und mit Ed Berger das Remake eines französischen Films, in dem ich auch spielen möchte. Die Partnerschaft mit Warner Bros. gibt uns die Möglichkeit, breiter zu denken und mehr Sachen anzupacken.

Ricore Text: Danke für das Gespräch
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  30. Dezember 2019

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