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Interview

Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)
MFA+ FilmDistribution e.K., 4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film

Wir diskutieren jedes Detail des Buches

Stellan Skarsgård zu "Pferde stehlen"
Stellan John Skarsgård, geboren 1951 in Göteborg, beginnt seine schauspielerische Laufbahn am Königlichen Theater in Stockholm. Später erobert er die europäischen Leinwände mit Rollen in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" und "Breaking The Waves", was ihm auch den Weg nach Hollywood ebnet. In der "Fluch der Karibik"-Filmreihe spielt er William 'Stiefelriemen-Bill' Turner. Jetzt glänzt Skarsgård in "Pferde stehlen" von Hans Petter Moland nach dem Roman von Per Petterson. Der Film wurde bereits als beste Literaturadaption auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet und gewinnt den Silbernen Löwen der Berlinale. Im Zentrum des Films steht der Witwer Trond Sander, der im Norden Norwegens Entspannung sucht. Die zufällige Begegnung mit einem Nachbar weckt in ihm verdrängte Erinnerungen an den ersten Aufenthalt in dieser Gegend. Der unbeschwerte Sommer des 15-jähigen wurde durch den Weggang des Vaters jäh beendet.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  1. Januar 2020
Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)
MFA+ FilmDistribution e.K., 4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film
Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)

Bevorzuge die Karibik über den Nordpol



Ricore Text: Lieben Sie Drehs bei eisigen Temperaturen?


Stellan Skarsgård: Wenn ich zwischen zwei Büchern wählen kann, bevorzuge ich die Karibik und nicht den Nordpol. Aber so funktioniert das leider nicht.

Ricore Text: Erinnern Sie sich gerne an die Spiele Ihrer Kindheit?


Stellan Skarsgård: Natürlich. Wir hatten ein geheimes Spiel. Wir jagten Hasen, die vom Schnee geblendet worden waren und versuchten, sich zu verstecken.

Ricore Text: Jagen Sie heute noch?


Stellan Skarsgård: Nein. Aber ich esse gerne Wild.

Ricore Text: Hatten Sie eine glückliche Kindheit?


Stellan Skarsgård: Ich denke schon. Die Erinnerung an meine Eltern weckt in mir angenehme Gefühle. Ich wurde nie zurückgewiesen wie Trond in diesem Film. Kinder sind in dieser Situation völlig hilflos. Sie lieben ihre Eltern, auch wenn die Arschlöcher sind. Eltern werden wohl sehr viel öfter zum Problem für ihre Kinder als umgekehrt.

Ricore Text: Was heißt für Sie, ein guter Vater zu sein?


Stellan Skarsgård: Keine Ahnung. Vor der Geburt des ersten Kindes hatten meine Frau und ich ungeheure Ambitionen. Wir wollten diese pädagogischen Leitlinien umsetzen, damit es zu einer tollen Persönlichkeit heranwächst. Das erledigte sich schnell und spätestens beim zweiten Kind waren alle guten Vorsätze vergessen. Meine Faulheit siegte. Letztlich habe ich nur einen Ratschlag geben. Vergesst die Ratgeber! Es reicht, seine Kinder zu lieben, ihnen zuzuhören und sie zu respektieren. Lüge sie nicht an. Nicht mal über den Weihnachtsmann. Wenn sie die Wahrheit entdecken, trauen sie dir nie wieder. Und zudem werden sie dich nachahmen.

Ricore Text: Haben Sie den Moment gefürchtet, als die ersten Kinder ausgezogen sind?


Stellan Skarsgård: Warum sollte ich? Ich habe sie ermutigt, ihren Weg zu gehen. Und wenn er sich bei den Kleinen das Gefühl einstellt, es sei für sie zu früh, lasse ich sie das wissen.


Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)
MFA+ FilmDistribution e.K., 4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film
Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)

Kocht zuhause für die Kinder

Ricore Text: Sehen Sie sich überhaupt regelmäßig?

Stellan Skarsgård: Ich drehe vielleicht vier Monate im Jahr, den Rest des Jahres hocke ich zuhause und koche für die Kids. Auch meine bereits erwachsenen Kinder leben in meiner Nähe in Stockholm. Wir kochen viel zusammen.

Ricore Text: Wollen Sie Ihre Rezepte mit den Fans teilen?


Stellan Skarsgård: Nein, die Verbraucher können wohl auf ein weiteres Buch irgendeiner Berühmtheit verzichten.

Ricore Text: Ziehen Sie regelmäßig Bilanz in Ihrem Leben?


Stellan Skarsgård: Eine der wenigen guten Seiten am Älter werden ist, dass man erkennt, was im Leben wichtig ist. Wobei ich mein Leben nie für unwichtige Dinge wie Karriere oder Ruhm verschwendete. Meine Eltern ermutigten mich früh, mich niemals der Meinung anderer zu beugen und meinen eigenen Weg zu gehen.

Ricore Text: Was hat Ihnen dabei geholfen?


Stellan Skarsgård: Schon als Kind kannte ich den Unterschied zwischen dem Bild, das meine Umgebung von mir hatte, und dass ich von mir selbst hatte. Bis zu einem gewissen Grad konnte ich mich von der Meinung anderer unabhängig machen und selbst entscheiden, wie viel Schmerz ich nach den Verletzungen an mich heran lasse. Soll ich drei Tage weinen oder es beiseite schieben? An Anlässen fehlte es nicht. Ich war das schwächste Kind in meiner Klasse und wurde gemobbt. Aber wie mein Vater sagte, du solltest die Kinder bedauern, die dich mobben. Sie haben größere Probleme im Leben als du. Sie taten mir leid.

Ricore Text: Ist das nicht schwer für ein Kind?


Stellan Skarsgård: Es wurde einfacher. Aber wenn ich mich nicht gewehrt hätte, hätte ich mir die Meinung anderer angeeignet, ich sei nichts wert. Es war ein guter Weg, selbst innerlich stärker zu werden.

Ricore Text: Können Sie verstehen, wenn Menschen die Einsamkeit suchen?


Stellan Skarsgård: Ich habe kein Problem allein zu sein, aber damit, nicht alleine gelassen zu werden. Wir können das Badezimmer nicht abschließen. Sie können sich vorstellen, wie das ist, wenn man auf der Toilette sitzt und drei Kinder genau in diesem Moment rein möchten.


Maria Alm Norell & Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)
MFA+ FilmDistribution e.K., 4 1/2 Fiksjon As, Zentropa Entertainments5, Zentropa Sweden, Nordisk Film, Helgeland Film
Maria Alm Norell & Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)

kaum Berührungspunkte zu meinem Leben

Ricore Text: Dann ist Ihnen die Figur dieses Films sehr fremd?

Stellan Skarsgård: Ja, es gibt kaum Berührungspunkte zu meinem Leben.

Ricore Text: Was mögen Sie an Hans Petter Moland, mit dem Sie seit 25 Jahren regelmäßig drehen?


Stellan Skarsgård: Wir diskutieren jedes Detail des Buches. Ich habe keine Scheu, meine Meinung zu sagen, und er nimmt sich aus meinen Anmerkungen, was er für richtig hält. Er treibt mich an, ich ihn. Wir fühlen uns gemeinsam sicher.

Ricore Text: Mochten Sie, dass der Film beinahe ohne Dialoge auskommt?


Stellan Skarsgård: Seit der Nouvelle Vogue ist das Kino dem Fernsehen immer ähnlicher geworden. Die Leinwand wird zugequatscht und jede Wendung tausende Male erklärt. Das ist für Schauspieler wie Zuschauer langweilig. Daher mochte ich, dass in der ersten Hälfte des Films kein Wort über meine Lippen kommt. Ich fühle mich sehr wohl damit.

Ricore Text: Dafür hört man Sie im Voice Over. Ist das nicht eine Mogelpackung?


Stellan Skarsgård: Wenn das Voice Over eingesetzt wird, um schlechtes visuelles Erzählen zu kaschieren, kann ich nur zustimmen. Ich fühle mich deprimiert, wenn ich eine Erklärung brauche, was ich gesehen habe. Aber in diesem Film bringt das Voice Over die leicht absurde Tonalität des Romans ein. Es gibt der Geschichte eine sehr eigenwillige Perspektive.

Ricore Text: Bleibt für Sie nach all den Jahren noch eine Traumrolle?


Stellan Skarsgård: Ich hatte nie Traumrollen. Wenn ich unbedingt King Lear spielen will, kann ich den Text lernen und mich an die Straßenecke stellen. Bei einem Filmprojekt hängt meine Entscheidung aber nicht nur von der Rolle ab, sondern auch von meinen Kollegen und dem Regisseur.

Ricore Text: Was erwartet den Zuschauer in Denis Villeneuves "Dune"?


Stellan Skarsgård: Ich habe mehr Dialogzeilen als in diesem Film. Es war ein ungeheurer Spaß, die Körperlichkeit, die Stimme und die Bewegungen dieses Monsters zu spielen. Ich brauche keine Back-Story, die sein Verhalten erklärt. Es ist einfach nur böse.

Ricore Text: Werden Sie weiter zwischen Blockbustern und Arthouse-Fimen wechseln?


Stellan Skarsgård: Ich liebe die Abwechslung, die mir ermöglicht, Grenzen auszureizen. Zugleich weiß ich, dass viele Filme ohne meinen Namen kaum Chancen hätten, je gedreht zu werden. Die Investoren checken, wie viel Geld spielten meine Filme in den vergangenen Jahren ein. Drei Milliarden! Sie merken nicht mal, dass viele der Filme ihr Geld auch ohne mich gemacht hätten. So wurde ich kreditwürdig.

Ricore Text: Danke für das Gespräch
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  1. Januar 2020

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