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Interview
Michael Venus ("Schlaf", 2020)
Edition Salzgeber

Warum ein Horrorfilm?

Michael Venus zu "Schlaf"

Michael Venus, 1976 in Jena geboren, studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Uni in Weimar und nach einem Intermezzo beim Kinderfernsehsender Kika in Erfurt Regie an der Hamburg Media School. Nach einigen Kurzfilmen und Drehbuchaufträgen gibt er mit "Schlaf" sein Regiedebüt. Der Film mit Sandra Hüller feierte sein Debüt auf der Berlinale. Hüller spielt eine Stewardess, die von Alpträumen um den Schlaf gebracht wird. Zufällig findet sie die Bilder in ihrem Kopf auf den Fotos eines Gebäudekomplexes in der Werbung wieder. Wenige Stunden nach dem Eintreffen in dem leer stehenden Haus mitten im Wald, fällt sie in eine Bewegungsstarre. Ihre Tochter versucht, ihr beizustehen und dem Geheimnis des Hauses und der Vergangenheit ihrer Mutter auf den Grund zu gehen. Dabei trifft sie auf eine verschworene Gemeinschaft.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  16. November 2020
Schlaf (2020)
Edition Salzgeber
Schlaf (2020)

Albträume begleiten mich seit meiner Kindheit

Ricore Text: Warum ausgerechnet ein Horrorfilm?

Michael Venus: Die Liebe kriegt man in Deutschland wohl mit den Grimm'schen Märchen die Wiege gelegt. Die grausamsten Geschichten ihrer Sammlung werden meist überblättert, aber auch in den populären Geschichten sind Elemente des Horrorgenres zu finden. Die Märchen verstecken ihn nur hinter einem moralischen Anspruch, der für uns heute sehr fragwürdig ist. Die Neugierde von Kindern wird oft drakonisch bestraft, Außenseiter diskriminiert oder zu Dämonen stilisiert.

Ricore Text: Können Sie sich noch erinnern, wann Sie sich das erste Mal bei einem Film gegruselt haben?

Michael Venus: Das war bei den "Toten Augen des Doktor Dracula" im DDR-Fernsehen. Mein Gehirn sagte, du musst fliehen und gleichzeitig, du darfst nichts verpassen. Ich musste das sehen, obwohl ich mich fürchtete. Ich kann mich aber auch an einige psychedelische Varianten von sowjetischen Märchenadaptionen erinnern.

Ricore Text: Hat der Thüringer vielleicht auch eine besonders innige Beziehung zum Wald?

Michael Venus: Ich war ein Stadtkind. Wir hatten Haus und Garten in einer Kleinstadt, aber ich konnte dem Landleben damals nichts abgewinnen. Das ist jetzt anders.

Ricore Text: Warum haben Sie im Harz gedreht?

Michael Venus: Im Harz schlägt für mich das Herz Deutschlands, er hat so viele verschiedene Seiten. Wir brauchten ein Jahr, um dieses verlassene Sanatorium in Clausthal-Zellerfeld zu entdecken. Die Location Scouts schossen 20.000 Fotos. Wir haben daraus ein Spiel gemacht, was ist Ost, was ist West. Witzigerweise lagen wir meist daneben.

Ricore Text: Es ist doch klar zu sehen, dass das Spukhotel im Westen liegt, denn im Osten wurde kaum gebaut?

Michael Venus: Der Harz hat eine ganz besondere traditionelle Architektur, unabhängig von der Himmelsrichtung. Das Sanatorium wurde in den 1960er Jahren erbaut und bis zu seiner Schließung in den 2000er durch weitere Komplexe erweitert. Heute steht es leer, wird aber am Verfall gehindert. Wir konnten dort 42 Drehorte unterbringen, wie in einem Studio, das war unglaublich praktisch. Die Schwierigkeiten sind dann eher, den TÜV für einen stillgelegten Fahrstuhl zu bekommen. Das hat aber rechtzeitig geklappt.


Schlaf (2020)
Edition Salzgeber
Schlaf (2020)

Archaische Männerwelt

Ricore Text: Zugleich ist es auf der metaphorischen Ebene auch ein Film über das Zusammenwachsen von Ost und West.

Michael Venus: Das hatten wir nicht im Sinn und es gibt auch keine bewussten Andeutungen dazu in unserer Erzählung. Wenn man das Thema aufgreifen möchte bei uns, dann findet man es in der Zusammensetzung unseres Ensembles und der Crew, bei denen völlig egal war, wer wo geboren wurde. Ich bin der DDR aufgewachsen und ursprünglich war "Schlaf" eine Beschreibung westdeutscher Wendeverlierer und für das ehemalige Zonenrandgebiet in Bayern konzipiert, wo unser Autor Thomas Friedrich aufgewachsen ist. Wirtschaftlich geriet das Gebiet ebenso wie der Westharz nach der Grenzöffnung durch das Wegfallen von Subventionen und Transittourismus ins wirtschaftliche Abseits. Hotelkomplexe wie in unserer Erzählung, waren plötzlich überdimensioniert, mussten schließen und stehen jetzt, als 'lost places', vergessen in der Landschaft. Ich möchte aber betonen, dass unser Spielort ein fiktiver, meinetwegen märchenhafter Ort ist und wir nicht versucht haben, den Harz darzustellen. In Clausthal-Zellerfeld und Umgebung haben wir bei unseren Dreharbeiten die Unterstützung dutzender großartiger Menschen erhalten. Das werde ich nicht vergessen.

Ricore Text: Warum wählen Sie als Symbol von Männlichkeit und Spiesigkeit Jagdgesellschaften?

Michael Venus: Deutsche Jagdgesellschaften sind häufig geprägt von alten Ritualen und repräsentieren oft eine archaische Männerwelt. Wenn man dazugehören will, hilft es, seinen Horizont und sein Verhalten an dieses System anpassen. In unserer Erzählung streifen wir das aber nur am Rande. Grundsätzlich habe ich dazu einen differenzierteren Blick. Mein Schwager ist Jäger und unsere Dramaturgin Carly Borgström, die in der kanadischen Provinz aufgewachsen ist, weiß auch ganz genau wie man das macht.

Ricore Text: Und jeder Ausbruch aus dem System muss selbst mit Fesseln ans Ehebett verhindert werden?

Michael Venus: Es gibt unterschiedliche Fesseln in unserer Erzählung. Die Fesseln am Ehebett sind lebensnotwendig. Aber eigentlich sind sämtliche Figuren in unserer Erzählung eingeschnürt. Von Erwartungen, Prägungen, Erziehung, Pflichtgefühl, Status, Größenwahn, Schuld, Angst, Wut und nicht zuletzt auch von Liebe.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  16. November 2020

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