Tobis Film
Florian Zeller ("The Father", 2020)
Filmreporter.de vom Filmfest Zürich
Interview: Florian Zeller zu "The Father"
Florian Zeller (Jahrgang 1979) studiert am Institut d'études politiques de Paris. Dort ist er inzwischen Professor für Literatur. Weltweit macht er sich seit 2010 einen Namen auf vielen Theaterbühnen. 2012 schreibt er das Stück "Der Vater", das unter anderem in Hamburg aufgeführt wird. 2019 gibt Zeller mit der Filmadaption sein Debüt auf der Leinwand. Mit Olivia Colman und Anthony Hopkins, der für den Film den Oscar gewinnt, kann Zeller seine Traumbesetzung für das Drama um den an Demenz leidenden Anthony gewinnen, der zunehmend in seiner eigenen Welt lebt. Seine Tochter Anne kümmert sich regelmäßig um ihn, steht jetzt aber vor der Entscheidung, ihr eigenes Privatleben stärker in den Fokus ihres Lebens zu rücken. Zeller wird gemeinsam mit seinem Koautor Christopher Hampton mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch geehrt. Keine schlechte Bilanz für ein Debütfilm! Wir sprechen mit Florian Zeller auf dem Filmfest Zürich.
erschienen am 18. Oktober 2021
Tobis Film
Anthony Hopkins & Olivia Colman in "The Father" (2020)
Perspektivwechsel durch Sorge ums eigene Kind
Ricore Text: Sie schrieben mehrere Stücke über das Verhältnis von Kindern und Eltern. Seit wenigen Monaten sind Sie selbst Vater. Hat diese Erfahrung das thematische Spektrum erweitert?

Florian Zeller: Ich glaube schon. Die Sorge um ein eigenes Kind ist ein Perspektivwechsel. Ich bin nicht nur Sohn, ich bin jetzt auch Vater. Und die wunderbare Erfahrung wirkt sich auf meine Stücke aus, die Spiegel meiner Gefühle sind und an die hoffentlich jeder Zuschauer weltweit anknüpfen kann.

Ricore Text: Flossen auch persönliche Erlebnisse in die Geschichte von "The Father" ein?

Florian Zeller: Meine Großmutter litt unter Demenz, was ich hautnah miterlebte. Lange dachte ich, sie wäre ein Einzelfall. Bis mir bewusst wurde, dass es eines der traurigsten Themen unserer Zeit ist. Die Menschen werden älter und damit steigt die Zahl der Erkrankten, die ihre Erinnerungen und Bindungen verlieren. Dies zu erleben, löst nicht nur in den Angehörigen Ängste aus. Das spürte ich hautnah bei den Diskussionen nach den Theateraufführungen. Viele Zuschauer hatten das Bedürfnis, ihre Erfahrung zu teilen. Die positive Reaktion gab mir die Kraft, den Film zu drehen.

Ricore Text: Gab es weitere Gründe für den Sprung von der Bühne auf die Leinwand?

Florian Zeller: Ich wollte immer zum Film. Der Wunsch ist nie erloschen, obwohl ich mich jahrelang auf den Bühnen sehr wohl fühlte. Ich wartete nur auf den Stoff, der mir wirklich unter den Nägeln brennt. Die Dramaturgie des Stückes ist ja bereits als filmisches Kammerspiel angelegt. Die Wohnung des Vaters spielt die dritte Hauptrolle. Außerdem hatte ich beim Schreiben Anthony Hopkins und Olivia Coleman im Hinterkopf.

Ricore Text: Wie wurde aus dem Traum Wirklichkeit?

Florian Zeller: Für einen kleinen französischen Regisseur wie mich war es lange unmöglich, bei ihnen anzuklopfen. Wenn sich eine Tür öffnete, schlug sie schnell wieder zu. Ein erster Lichtblick war, dass sich Olivia mit mir für die britische Theaterversion treffen wollte.
Tobis Film
Anthony Hopkins in "The Father" (2020)
Magische Ausstrahlung: Olivia Coleman
Ricore Text: Warum war Olivia Coleman die Richtige?

Florian Zeller: Sie hat eine magische Ausstrahlung. Jeder Zuschauer muss sie einfach lieben, weil sie ihre Gefühle nie hinter einer Maske versteckt. Außerdem war es für diesen Film unabdingbar, eine Schauspielerin zu besetzen, die sofort Empathie weckt. Was im Übrigen Olivias Persönlichkeit entspricht. Sie ist nett, großzügig und nimmt alles wichtiger als sich selbst. Ich war sofort von ihr beeindruckt und sie gab beim Dreh alles, was sie konnte.

Ricore Text: Ist ihre Anne nicht wie viele Menschen zerrissen zwischen der Sorge um die Eltern und dem Wunsch nach einer eigenen Familie?

Florian Zeller: Anne geht in der Rolle der Pflegenden auf und hat natürlich Wünsche für ihr eigenes Leben, die sie nicht länger zurückstecken will. Sie steht vor der schwierigen Entscheidung, die Betreuung eines geliebten Menschen einem Heim zu überlassen. Wir können hoffentlich die Tragweite dieser Entscheidung nachvollziehen. Nicht nur der Betroffene leidet darunter. Sondern alle, die sich um ihn sorgen. Wir lassen unsere Liebsten ungern in den Händen von Krankenschwestern und Pflegern, auch wenn sie einen herausragenden Job machen.

Ricore Text: Warum tauchen Sie so tief in den Kopf eines an Demenz Erkrankten ab, wie es noch nie ein Film wagte?

Florian Zeller: In den meisten Filmen sehen wir Menschen zu, die sich selbst verlieren und bleiben außen vor. Sie versuchen, uns die Krankheit rational zu erklären. Aber wirklich verstehen können wir sie nur mit dem Herzen. Daher wollte ich tief in die Welt der Erkrankten eintauchen. Wir sehen die Welt, wie Anthony sie sieht. Wir suchen mit ihm nach Orientierung. Plötzlich fehlt die Gewissheit, die wir tief in uns verankert haben, unseren Sinnen trauen zu können. Ich glaube auch an die intellektuellen Fähigkeiten und die Lust des Publikums, Teil der Handlung zu werde.

Ricore Text: Wie arbeiteten Sie mit Anthony Hopkins, um diese Performance aus ihm rauszukitzeln?

Florian Zeller: Die Rolle war für ihn eine Herausforderung. Sein Anthony weiß ja selbst nie, wo er ist und wem er begegnet. Er ist ständig beunruhigt und verunsichert, gefangen in einer irrationalen Welt ohne jede Logik. Diese latente Gefahr und Gefährdung eines Mannes, der die Kontrolle verliert, spielt Anthony Hopkins mit Würde und Unverständnis für das, was mit ihm passiert. Das war für ihn neues Territorium. Ich bin froh, dass er so neugierig war, mir und meiner Vision zu folgen und sich auf die Rolle in einem Maße eingelassen hat, wie ich es nie zu träumen gewagt hätte.

Ricore Text: Insgesamt schieben wir das Thema lieber weg. Hat Sie der Publikumspreis beim Festival in San Sebastian überrascht?

Florian Zeller: Die weltweit positive Resonanz auf das Stück war schon eine Überraschung. Sie beweist die Kraft der Kunst. Wenn wir mit anderen Menschen solche Erfahrung teilen, liegen Gefühle in der Luft, die wir alleine nie zulassen hätten. Das führt zur Katharsis. Wer Probleme im Leben hat, denkt ja oft, er wäre der einzige Betroffene weltweit. Kunst erinnert uns, dass wir mit unserem Leiden nicht alleine sind. Ich glaube fest an diese Kraft, sonst könnte ich solche Stücke nicht schreiben.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 18. Oktober 2021
Zum Thema
Florian Zeller ist Jahrgang 1979. Er studiert am Filmadaption sein Debüt auf der Leinwand. Mit Olivia Colman und Anthony Hopkins, der für den Film den Christopher Hampton mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch geehrt. Keine schlechte Bilanz für ein Debütfilm!
The Father (Kinofilm)
Mit dem Demenz-Drama gibt der französische Autor Florian Zeller nach seinem eigenen Theaterstück "Le père" sein Regiedebüt. Die Vorlage wird bereits 2015 mit Jean Rochefort und Sandrine Kiberlain erstmals verfilmt. In Hamburg kommt es 2017 auf die Bühne. Die Drehbuchbearbeitung schreibt er gemeinsam mit Christopher Hampton ("Eine dunkle Begierde").
2021