Leonine Distribution
Vielseitiger Milan Peschel mal als "Beckenrand Sheriff" (2021)
"Beckenrand Sheriff" & "Je suis Karl"
Interview: Milan Peschel im Gespräch
Milan Peschel, 53, wird seit seinem Leinwanddebüt in "Netto" zu einem der gefragtesten deutschen Schauspieler. Auch sein Engagement auf der Bühne vernachlässigt er nie. Für "Je Suis Karl" ist er für den Deutschen Filmpreis nominiert. Eine Woche zuvor kommt "Beckenrand Sheriff" ins Kino. Peschel spielt in der mitreißenden Komödie einen pedantischen Schwimmmeister, dessen Arbeitsplatz hochpreisigen Appartementhäusern weichen soll. Bei der Verteidigung des bedrohten Bades entdeckt er die Liebe und findet Unterstützer, mit denen er nie rechnete.
erschienen am 26. Oktober 2021
Pandora Film, Sammy Hart
Milan Peschel in "Je Suis Karl" (2021)
Kein Wahnsinnsschwimmer
Ricore Text: Sie spielen einen Bademeister, warum mussten Sie Ihre Schwimmkenntnisse niemals beweisen?

Milan Peschel: Meinen Schwimmkünsten ist dies nicht geschuldet. Ich bin kein Wahnsinnsschwimmer, kann mich aber in drei Lagen gut über Wasser halten. Das Drehbuch sah es nicht vor. Aus praktischen Erwägungen war ich darüber ganz froh. An kalten Tagen wäre es schnell ungemütlich geworden, wenn ich immer wieder ins Wasser hätte springen müssen. (lacht)

Ricore Text: Neben Corona schränken Schwimmbadschließungen in den vergangenen Monaten die Möglichkeiten ein, Schwimmen zu lernen. Sehen Sie diese Entwicklung als Gefahr?

Milan Peschel: Nicht nur Schwimmbäder, auch viele Freizeiteinrichtungen schließen, weil sie nicht wirtschaftlich sind. Doch sie können niemals wirtschaftlich sein, sie müssen aus Steuergeldern unterhalten werden. Nicht nur, weil in den leeren Räumen die rechten 'Rattenfänger' fischen.

Ricore Text: Wer sich ihre Filmauswahl anschaut, kriegt den Eindruck, Sie mögen Komödien wie diese, die einen tragischen Kern haben?

Milan Peschel: Eine gute Komödie hat immer einen tragischen Kern. Humor ist auch ein hervorragendes Transportmittel, um Zuschauern relevante Themen nahe zu bringen. Marcus H. Rosenmüller beherrscht diese Kunst. Ich bewundere seit seinem Debüt "Wer früher stirbt, ist länger tot", mit welchem Herz er Geschichten vom Menschsein, Solidarität und Heimat erzählt. Deshalb wollte ich gerne mit ihm arbeiten, was ich ihm vor längerer Zeit schon gestand. Jetzt sagte ich zu, ohne das Drehbuch zu kennen.

Ricore Text: Wobei Sie seit ihrem fulminanten Debüt "Netto" auch das Glück hatten, solche Angebote zu bekommen.

Milan Peschel: Ich bin dankbar, dass aufgegangen ist, was ich selbst los getreten habe und wobei mich Menschen wie "Netto"-Regisseur Robert Thalheim und viele andere unterstützt haben. Deshalb versuche ich heute, tollen Kollegen zu helfen. An den Theatern arbeiten viele gute Schauspieler, die ich für Filme vorschlage. Oder ich bringe sie als Gäste zu meinen Inszenierungen mit.

Ricore Text: Wie sehr haben Sie das Theater in den vergangenen Monaten vermisst?

Milan Peschel: Sehr, wenn es ums Publikum geht. Für mich persönlich jedoch gar nicht, ich konnte ja inszenieren. Meine Stücke, bei denen ich Regie führe, feiern in den kommenden Monaten Premiere. Zunächst kommt in diesem Monat in Dessau meine Inszenierung von "Die Räuber". Ich fand es sehr interessant, in diesem Haus und in dieser Stadt mit einer nicht ganz einfachen Geschichte zu arbeiten. Dessau war lange Spielball der Mächte. Die Nazis wollten aus ihr eine Riesenindustriestadt machen. Die DDR veranstaltete in dem Theater furchtbare Schauprozesse. Es ging nie um die Bewohner, sondern immer nur um eine Show, um ein Bild herzustellen.
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Beckenrand Sheriff (2021)
Gräben auszuheben, statt Brücken zu bauen
Ricore Text: Was können die Zuschauer noch erwarten?

Milan Peschel: Im Oktober folgt in Dortmund "Früchte des Zorns", im Februar schließt sich in Heidelberg " Kitschgarten" frei nach Anton Tschechow an. Weitere Inszenierungen in Schwerin und Dortmund sind bereits vereinbart. Außerdem werde ich an der Berliner Volksbühne wieder bei René Pollesch auf der Bühne stehen.

Ricore Text: Inwieweit beeinflussen Debatten um korrekte Sprache und Diversität die Inszenierungen?

Milan Peschel: Keiner kann sie ausblenden. Deswegen habe ich angefangen, meine Stücke mit den Schauspielern gemeinsam zu erarbeiten, und aufgehört, mich an bereits geschriebenen Stücken abzuarbeiten. Wir wollen gemeinsam den Raum gestalten, um solche Diskussionen abzubilden.

Ricore Text: Fühlen Sie sich dabei eingeschränkt?

Milan Peschel: Manchmal schon. Mich stört, dass einige Bemühungen um Diversität und Sprache dahin gehen, neue Gräben auszuheben, statt Brücken zu bauen. Und sie stoßen oft Menschen ab, die den Diskurs nicht nachvollziehen können. Ich bin da eher bei Wolfgang Thierse, den Leuten mehr Zeit zu geben. Vor allem dürfen wir die eine Diskriminierung nicht durch eine andere Art des Ausschlusses ersetzen und müssen vorsichtig bei Symbolpolitik sein. Zuletzt konnten wir das bei den werbenden Firmen bei der Fußball-EM beobachten. Wie schnell sie auf die Regenbogenfarben umgestiegen sind, hat mich nicht verwundert. Der Kapitalismus frisst alles, um sein Produkt zu verkaufen. Das war schon so mit dem Punk und allen Gegenkulturen.

Ricore Text: Sie sehen kritisch, was in den Medien gelobt wurde?

Milan Peschel: Dieses Surfen auf einer Welle finde ich oft scheinheilig. Plötzlich interessieren sich alle für die Rechte der LBGT-Gemeinde oder engagieren sich für den Umweltschutz. Im Kern geht es ums Verkaufen. Die Zerstörung der Umwelt geht trotzdem weiter und an den Verhältnissen ändert sich nichts.
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Milan Peschel ist der "Beckenrand Sheriff" (2021)
Nicht von Machtfragen ablenken
Ricore Text: Diskriminierung verschwindet nicht durch Symbolpolitik?

Milan Peschel: Der Streit, ob schwarze Literatur nur von Schwarzen übersetzt werden darf, lenkt doch davon ab, dass es um Machtfragen geht. Wir werden Diskriminierung nur überwinden, wenn wir Gerechtigkeit für alle schaffen. Wer Frieden will, muss Gerechtigkeit schaffen.

Ricore Text: Sie haben oft mit Armin Petras gearbeitet, dem am Düsseldorfer Schauspielhaus Rassismus vorgeworfen wurde. Wie sollten wir mit solchen Vorwürfen umgehen?

Milan Peschel: Ich kenne Armin und weiß, dass er keinen diskriminiert. Er versucht, die Schauspieler zu guten Leistungen anzutreiben. Das macht er auf seine Art, die vielleicht nicht immer gerecht und auch hart ist. Als Schauspieler muss man lernen, damit umzugehen.

Ricore Text: Wie stark steht die Institution Theater in solchen Situationen unter Druck?

Milan Peschel: Es reicht ja, dass die Politik finanziellen Druck ausübt. Muss sie jetzt auch noch inhaltlichen Druck ausüben? Mit manch diverser Besetzung werden die Geschichte oder Werke der Weltliteratur auch umgeschrieben, was nicht Sinn der Sache sein kann. Ich glaube auch nicht, dass es die richtige Lösung ist, in "Pippi Langstrumpf" das N-Wort kommentarlos zu streichen. Ich fände es wichtiger, es mit einem Kommentar zu versehen.

Ricore Text: Fehlt hier nicht auch das Vertrauen in die Urteilskraft des Einzelnen?

Milan Peschel: Absolut. Diese Zensur ist manchmal besorgniserregend. Alles wird eingeebnet, geglättet und vereinfacht. Da müssen wir aufpassen. Sonst kommen wir bei einer Form von Überwachung an, wo wir uns alle gegenseitig überwachen.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 26. Oktober 2021
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Je Suis Karl (Kinofilm)
Mit wackliger Handykamera halten Axel (Milan Peschel) und seine Frau Inèz (Mélanie Fouché) fest, wie sie einen jungen Mann aus Syrien aus Griechenland nach Deutschland schmuggeln. Zwei Jahre später nimmt Axel ein Paket für die Nachbarin an. Wenig später erschüttert eine Explosion das Haus.
Hinter dieser charmanten Tragikomödie steht der urbayerische Regisseur Marcus H. Rosenmüller, und das ist ihr in jeder Minute anzumerken. Rosenmüller bleibt seinem Stil treu, mit leisem Humor und mit viel Liebe und Verständnis für seine Figuren eine Geschichte aus der Provinz zu erzählen.
2021