Piffl Medien
Nowhere Special (2020)
Komplizierte Beziehung zum Vater?
Interview: Uberto Pasolini zu "Nowhere Special"
Uberto Pasolini Dall'Onda, geboren 1957 in Rom, geht früh nach Wales zur Schule und Hochschule. Der Neffe von Regisseur Luchino Visconti arbeitet anschließend als Investmentbanker, bevor er sich seit den 1980er Jahren im Film hocharbeitet. 1997 produziert den Hit "Ganz oder gar nicht". Mit "Spiel der Träume - Die wahre Geschichte eines falschen Teams" legt er 2008 seine erste eigene Regiearbeit vor. Sein inzwischen dritter Film "Nowhere Special" begleitet einfühlsam die Suche des schwer erkrankten John (James Norton) nach einer neuen Familie für seinen vierjährigen Sohn Michael (Daniel Lamont).
erschienen am 27. Oktober 2021
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Regisseur Uberto Pasolini am Set mit seinem kleinen Hauptdarsteller Daniel Lamont
Ihr Schicksal berührte mich
Ricore Text: Sie wurden mit "The Full Monty" bekannt, jetzt inszenieren Sie erneut einen Film über eine Vater-Sohn-Beziehung. Was interessiert Sie an dieser Konstellation?

Uberto Pasolini: Diese Vorliebe ist wohl in meinem Unterbewusstsein angelegt. Ich hatte eine komplizierte Beziehung zu meinem Vater. Vieles blieb zwischen uns unausgesprochen, was hätte gesagt werden müssen. Ich könnte nicht beschwören, dass mich diese wahre Geschichte so gepackt hätte, wenn es um eine Mutter-Kind-Beziehung gegangen wäre.

Ricore Text: Wie sind Sie auf diese Schicksal gestoßen?

Uberto Pasolini: Ich stolperte über sie in einem Zeitungsartikel. Ihr Schicksal berührte mich. Die Mutter verließ die beiden zwei Monate nach der Geburt des Kindes und der Vater ordnete sein Leben völlig neu. Als Vater von drei erwachsenen Töchtern wusste ich genau, was dies für die eigene Lebensplanung bedeutet.

Ricore Text: Warum zeigen Sie neben den beiden auch das Engagement der Behörde und die Adoptiveltern?

Uberto Pasolini: Mich interessierte, warum Menschen Kinder adoptieren und wie das abläuft. Die Behörden haben eine bei dem Prozess eine Schlüsselrolle - sie müssen die Bedürfnisse beider Seiten berücksichtigen. Ich sprach daher mit vielen Menschen, die Kinder adoptiert hatten, und mit etlichen Sozialarbeitern.

Ricore Text: Wie haben Sie mit dem Jungen gearbeitet?

Uberto Pasolini: Der größte Alptraum der Produzenten und von mir war, dass wir den Dreh nach zwei Wochen abbrechen müssen, weil der Junge die Lust verloren hat. Alle ahnten, dass sie ihr Geld eventuell nie wiedersehen. Um das Risiko zu minimieren, sah ich mir das Making-Of von "Ponette" an, in dem ein Mädchen dieses Alters überzeugend vor der Kamera agierte. Keiner quälte sie, Sätze zu lernen. Sie wurden ihr während des Drehs jeder Szene vorgesagt. Für die Mitarbeiter vom Ton ist dies natürlich ein Alptraum. Der eigentliche Film entstand dann erst in der Postproduktion.
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Nowhere Special (2020)
Draht zu James Norton
Ricore Text: Trotzdem entsteht solch enge emotionale Bindung zwischen Vater und Sohn?

Uberto Pasolini: Der Junge verstand instinktiv den Unterschied zwischen sich und seiner Filmfigur. Vor allem hatte er von der ersten Minute an einen Draht zu James Norton, der mir mit seinem Engagement ein wunderbares Geschenk machte. Die beiden wurden unzertrennlich. In jeder Pause tollten sie gemeinsam herum. Und wenn die Kamera lief, wurden beide ernst. So konnten wir diese wahrhaftigen Momente einfangen ohne irgendjemand zu manipulieren. Die Szenen zwischen den beiden entstanden am Set, nicht im Schneideraum.

Ricore Text: Zugleich steht die Geschichte in der Tradition der Working-Class-Hero-Filme Großbritanniens?

Uberto Pasolini: Nach 45 Jahren in England bin ich mit ihr natürlich sehr vertraut. Vor 24 Jahren überlegte ich sogar, Ken Loach die Regie bei "Full Monthy" anzubieten. Sein Film "Riff-Raff" war ja eine Inspiration für den Film. Ich zögerte, weil Loach gerade "Raining Stones" vorgelegt hatte und mir eine andere Art von Humor vorschwebte. Bei diesem Film ist die Herkunft den Tatsachen geschuldet. Die Familie hatte wenig Geld. Die Nachbarn halfen, damit der Vater die Schulgrundausstattung kaufen konnte. Andererseits wäre ich vielleicht nicht so fasziniert gewesen von seiner Geschichte, wenn er aus meiner Schicht gekommen wäre. Ich bin eher an Schicksalen interessiert, die nichts mit meinem privilegierten Leben zu tun haben. Sie helfen mir, ein wenig mehr vom Leben zu verstehen, und machen mir bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann.

Ricore Text: Fühlen Sie sich heute als Brite oder Italiener?

Uberto Pasolini: Ich bin hundertprozentiger Italiener. Umso älter ich werde, desto bewusster wird mir dies. Ulkigerweise verschlechtert sich auch mein Englisch, mein Akzent wird stärker. Vielleicht liegt dies auch daran, dass ich zu oft in Italien bin. Nur meine drei Töchter halten mich in Großbritannien.

Ricore Text: Haben Sie Italien verlassen, um dem Vergleich mit Ihrem Onkel zu entkommen?

Uberto Pasolini: Er war ein Gigant der italienischen Kultur. Ich bewundere seine Arbeit als Film, Opern- und Theaterregisseur, aber ich liebte eher Federico Fellini und Vittorio de Sica. Mein Onkel inszenierte im Stil eines kultivierten, mitteleuropäischen Intellektuellen. Er war Traditionalist, er liebte das italienische Melodram. Dieses Genre liegt mir im Blut, aber intellektuell ist es mir fremd. Ich wüsste nicht, wie ich es umsetzen sollte.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 27. Oktober 2021
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John (James Norton) und sein dreijähriger Sohn Michael (Daniel Lamont) sind ein eingespieltes Team. Seinen gesamten Alltag hat der Fensterputzer auf die Bedürfnisse des Filius ausgerichtet. Als er unheilbar erkrankt, sucht er nach Adoptiveltern.
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