Universum
Regisseur Stefan Ruzowitzky
Experimenteller ästhetischer Ansatz
Interview: Stefan Ruzowitzky zu "Hinterland"
Oskar-Preisträger Stefan Ruzowitzky zieht es nach seiner opulenten Hermann Hesse-Verfilmung "Narziss und Goldmund" mit dem Thriller "Hinterland" ins Wien des Jahres 1921. Kriminalkommissar Peter Perg (Murathan Muslu) kehrt nach mehreren Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft in ein Wien zurück, das ihm fremd geworden ist. Bald beschäftigen mehrere Morde in seiner Umgebung die Polizei, die seine Dienste erneut benötigt. Dort freundet er sich mit der Ärztin Theresa Körner (Liv Lisa Fries) an. Der spannende Film feiert seine Premiere auf dem Festival von Locarno und wird dort sehr positiv aufgenommen.
erschienen am 29. Oktober 2021
SquareOne Entertainment
Hinterland (2021)
Publikumspreis in Locarno
Ricore Text: Was bedeutet Ihnen der Publikumspreis von Locarno?

Stefan Ruzowitzky: Ich sträube mich ein bisschen zu sagen, der Publikumspreis ist das Tollste, weil wir Filme für das Publikum machen. In diesem Fall hätte ich nicht darauf gewettet, da der Film mit seinem experimentellen ästhetischen Ansatz nicht in den Mainstream passt. Dass dieses künstlerische Konzept offenbar gefiel, hat uns besonders gefreut.

Ricore Text: Der Film entstand nach einer Idee von Hanno Pinter, Frontmann der Band 'Monroes'. Hat der Erfolg von "Babylon Berlin" dazu beigetragen, die Geschichte endlich zu verfilmen?

Stefan Ruzowitzky: Hanno arbeitete schon zehn, 15 Jahre an der Vorlage, bevor das Buch zu mir kam und lange vor "Babylon Berlin". Die Idee, einen Ermittler zur Auflösung eines brisanten Kriminalfalls in politisch spannende Zeiten zu schicken, hatten ja weder Volker Kutscher, dessen Romane die Vorlage für "Babylon Berlin" bilden, noch Pinter als erste. Zudem führen beide Werke in unterschiedliche Epochen. Die Nachkriegszeit meines Films wurde geprägt von Hungersnöten, Revolutionen, politischen Morden sowie einer großen Verunsicherung und Angst, aus der dieser Tanz auf dem Vulkan zum Ende der Goldenen Zwanziger Jahre in "Babylon Berlin" geboren wurde.

Ricore Text: Warum haben Sie entschieden, den Film vollkommen vor Blue- und Greenscreens zu drehen?

Stefan Ruzowitzky: Ich hatte den Ehrgeiz zu beweisen, dass eines historischer Film innerhalb eines wirtschaftlich sinnvollen Budgets zu realisieren ist. Wir hatten nur 24 Drehtage, an denen wir im Studio unabhängig vom Wetter, Location und Tageszeit drehen konnten. Zudem waren wir unabhängig vom Vorhandensein historischer Orte. In Wien oder Berlin gibt es jeweils nur drei oder vier Straßenzüge, die jeder schon kennt und die für solche Filme halbwegs geeignet sind. Panoramen oder Flüge über die gesamte Stadt sind kaum machbar. Der Bau eines Modells, wie ihn Roland Emmerich zum Beispiel bei "Anonymus" für solche Einstellungen nutzte, ist auch teuer. Daher bot sich die Kombination von Studio und Computer an.

Ricore Text: Womit Sie überhaupt erst diese expressionistische Welt gestalten konnten.

Stefan Ruzowitzky: Diese Idee stammt nicht von mir, ich habe mich aber sofort schwer in sie verliebt. Wobei mir nie vorschwebte, mich mit dem Expressionismus auseinanderzusetzen, wie einige vermuten. Die Bilder haben eine erzählerische Funktion. Kunstrichtung und mein Film haben die gleichen inhaltlichen Wurzeln und sind aus der gleichen Geisteshaltung heraus entstanden. Unser Held nimmt ebenso wie die damaligen Künstler die Welt als etwas Feindliches, Verzerrtes, aus dem Lot geratenes wahr. Diese Innenperspektive kehren Expressionismus und mein Film nach außen.
Freibeuter Film, Amour Fou, SquareOne
Hinterland (2021)
Härtetest für das Special-Effekt-Team
Ricore Text: Wollten Sie sich auf bekannte Bilder beziehen?

Stefan Ruzowitzky: Es gibt ein paar kleine, versteckte Zitate und Hinweise. Aber grundsätzlich wollte ich etwas Neues schaffen und kein kleines Ratespiel, erkenne deinen Lieblingsexpressionisten.

Ricore Text: Welche Auswirkungen hatte dieser konzeptionelle Ansatz auf den Dreh?

Stefan Ruzowitzky: Es ist heute Standard, dass zunächst die Hintergründe aufgenommen werden und der Regisseur sie bereits im Studio mit den Bildern von der Bluescreen auf dem Monitor kombiniert. Diese Arbeitsweise funktionierte bei uns nicht. Durch die Verzerrungen konnten sich die Schauspieler nicht bewegen. Ein Schritt nach links, dann sahen sie aus wie Riesen. Ein Schritt nach rechts und sie wurden zum Zwerg. Daher haben wir erst gedreht und ich konnte ihnen alle Freiheiten lassen zu spielen.

Ricore Text: Und das ging auf?

Stefan Ruzowitzky: Für die Special-Effekt-Experten wurde der Film zum Härtetest. Sie sind gewohnt, möglichst naturalistisch und realistisch zu arbeiten. Und wir sagten ihnen, traut euch was.

Ricore Text: Inwieweit entspricht es der Realität, dass Österreicher erst drei Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs nach Hause heimkehrten?

Stefan Ruzowitzky: Hanno stützt sich auf die Biografien von Kriegsheimkehrern, die doppelt bestraft wurden. Sie kehrten zu einer Zeit heim, als die meisten Österreicher nichts mehr vom Krieg wissen wollten und sich die Welt schon grundlegend gewandelt hatte. Sie waren im Bürgerkrieg und der Invasion nach der Oktoberrevolution vergessen worden. Damit der Film keinen falschen Unterton erhält, haben wir nur eingefügt, dass nicht nur die Russen feindliche Kriegsgefangene schlecht behandelten.

Ricore Text: Warum sticht die einzige Frau in dieser Männerwelt mit ihrer weißen Kleidung aus dem Grau der Umgebung heraus?

Stefan Ruzowitzky: Sie ist schon ein Lichtgestalt, ein optischer Lichtpunkt inmitten dieser düsteren Welt. Ihr Aussehen hat etwas Metaphorisches. Sie ist Ärztin, daher das Weiß, ein Fremdkörper in dieser Welt, in der Männer ihre toxische Männlichkeit ausleben. Die ihre Sinnkrisen bewältigen müssen, weil sie den Krieg und ihre Familien verloren haben. Deren Integrität völlig in Frage gestellt ist, womit sie fertig werden müssen. Ihre Verunsicherung richten sie aggressiv gegen sich und andere. Und dagegen gibt es diese Frauengestalt, eine Vermittlerin, die Perg begreiflich macht, dass diese Veränderung nicht nur ein Verlust, sondern auch eine Chance ist.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 29. Oktober 2021
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Hinterland (Kinofilm)
Peter Perg (Murathan Muslu) kehrt aus dem Krieg ins graue Wien zurück. Dort harrt eine Mordserie der Aufklärung. Perg wird von seinem früheren Kollegen Renner zu den Ermittlungen hinzugezogen. Stefan Ruzowitzky hat auf den ersten Blick einen klassischen Film Noir mit einer bis zur letzten Minute spannenden Krimihandlung abgeliefert.
2021