Majestic Filmverleih, Mathias Bothor
Florian Gallenberger ("Es ist nur eine Phase, Hase", 2021)
Willkommen bei der Komödie
Interview: Florian Gallenberger zu "Es ist nur eine Phase Hase"
Florian Gallenberger, 49, gewinnt den Studentenoscar und später den Deutschen Filmpreis für "John Rabe". Außerdem inszeniert er "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" und den Fernsehzweiteiler "Der Überläufer", alles schwere Stoffe. In seiner ersten Komödie "Es ist nur eine Phase, Hase" lässt er Schriftsteller Paul, gespielt von Christoph Maria Herbst, an Alterspubertät leiden. Früher heißt das noch Midlife-Crisis. Seine Ehe mit einer Ärztin (Christiane Paul) und das Zusammensein mit den drei Kindern leiden unter seiner Verunsicherung. Die Komödie feiert im Rahmen des 17. Zürich Film Festival Premiere.
erschienen am 30. Oktober 2021
Majestic Filmverleih, Bernd Spauke
Christoph Maria Herbst & Christiane Paul in "Es ist nur eine Phase, Hase" (2021)
Königsdisziplin Komödie
Ricore Text: Brauchten Sie den Anlauf mit vielen Dramen, um sich jetzt der Königsdisziplin Komödie zu widmen?

Florian Gallenberger: An meinem Beruf liebe ich, dass ich ständig Neues ausprobieren kann. Die Komödie folgt anderen Konventionen als das Drama, ich hatte viel Spaß bei der Umsetzung. Ich weiß andererseits nicht, ob es wirklich die Königsdisziplin ist. In allen Genres scheitern Filmemacher grandios oder werden gefeiert. Bei Komödien lässt sich dies vielleicht schlechter im Voraus abschätzen. Bei diesem Film konnte der Verleih wegen der Corona-Pandemie keine Test-Screenigs im Kino durchführen. Daher fiebere ich der Premiere heute Abend in Zürich mit besonderer Spannung entgegen.

Ricore Text: Was zog Sie nach der Premiere von "Colonia Dignidad" erneut an den Zürichsee?

Florian Gallenberger: An dieses wahnsinnig tolle Festival habe ich gute Erinnerungen. Der Film passt ins Profil. Bei anderen Festivals hätten wir uns wahrscheinlich nicht beworben. Komödien haben ja leider einen schweren Stand in der Festivalszene. Obwohl gute Komödien Tragisches und Komisches verbinden und meist einen ernsthaften Background haben. Und das gemeinsame Lachen im Kino ist doch was Wunderbares.

Ricore Text: Dieses Phänomen zeigt sich leider auch bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise. Warum haben Komödien dort keine Chance?

Florian Gallenberger: Über diese Entwicklung machen wir uns als Filmemacher in der Akademie natürlich Gedanken. Aber am Ende kann das keiner sagen. Der letzte große Abräumer war "Alles auf Zucker!", ein wunderbarer Film, der alles andere als inhaltlich flach war. Heute wäre es wahrscheinlich schwierig für ihn, es überhaupt in die Vorauswahl zu schaffen. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Blick gewandelt. Das führt zur Frage, was will Kino. In Deutschland sind wir dann schnell bei der Unterscheidung zwischen E und U. Diese Trennung hat mich immer gestört.

Ricore Text: Wie sind Sie auf das Thema Alterspubertät gestoßen?

Florian Gallenberger: Ich bin jetzt 49 und merke, ich war auch schon mal jünger. Ich bin so zwischen drin, nicht mehr jung und noch nicht alt. Ich komme an einen Punkt im Leben, wo jeder guckt, wo stehe ich und was kommt noch. Wo hinterfragt wird und oft auf lächerliche oder komische Weise versucht wird zurückzuholen, was längst verloren ist. Oder wir ziehen Bilanz in unseren Beziehungen. Diese Midlife-Crisis ist oft genug beschrieben worden. Alterspubertät trifft es für mich besser, denn wir durchleben erneut eine Phase der hormonellen Veränderungen, die Einfluss auf unsere Entscheidungen und Verhalten hat. Die komische Dimension an dieser ernsten Lebenssituation hat uns interessiert. Der Film hat aber kein Sendungsbewusstsein. Er ist mehr eine Einladung.

Ricore Text: Werden wir Deutschen nicht auch im Schnitt älter und wollen zugleich immer jung sein?

Florian Gallenberger: Oft wird zum Beispiel die Erwartung geweckt, der Sex müsse bis zum Ende feurig sein wie am Anfang. Sich daran zu messen, macht nicht gerade glücklich. Solche Wünsche setzen Menschen unter Druck, ebenso wie die die Verheißung, alles sei noch später nachzuholen.
Majestic Filmverleih
Es ist nur eine Phase, Hase (2021)
Die Empörungskultur ist nicht hilfreich
Ricore Text: Ihre Komödie lebt von der Sprache. Fühlen Sie sich durch die gegenwärtigen Debatten eingeschränkt?

Florian Gallenberger: Grundsätzlich guckte ich jetzt anders auf Wörter, manchen Satz hätte ich vielleicht früher noch geschrieben. Ich habe auch kein Problem, beide Geschlechterformen zu verwenden. Statt Studierende bevorzuge ich lieber Studentinnen und Studenten sagen. Humor spielt andererseits immer mit Grenzen. Wenn sie nicht mehr überschritten werden dürfen, nehmen wir ihm die Spitzen und die Würze. Es muss doch darauf ankommen, die Grenze nicht in verletzender, entwürdigender oder verachtender Weise zu überschreiten. Insbesondere wenn es um Rollenbilder geht.

Ricore Text: Ist überhaupt noch zu vermeiden, dass sich irgendwer angegriffen fühlt?

Florian Gallenberger: Das Anliegen, respektvoll miteinander umzugehen und die gleichen Möglichkeiten für alle zu schaffen, ist extrem wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn aber ein kleiner Teil über das Ziel hinausschießt, beschädigt dieses vermeintliche Engagement letztlich das Gesamtanliegen. Die Empörungskultur, die mittlerweile um sich gegriffen hat, ist alles andere als hilfreich. Das gilt nicht nur für Genderdebatten, sondern auch für Corona. Woher kommt diese Wut? Empörung als Grundzustand ist ungesund und ein extrem schlechter Ratgeber.

Ricore Text: Ein Bastakanzler und eine Kanzlerin, die alles aussaß, haben vielleicht dazu beigetragen?

Florian Gallenberger: Ich bin kein Soziologe, aber habe das Gefühl, dass es vielen um den Wunsch nach Bedeutsamkeit geht. Wenn sich jemand missachtet fühlt, versucht er oder sie, sich Gehör zu verschaffen. Zur Not auch mit Geschrei. Aber dabei geht der Diskurs kaputt. In den nächsten Jahren wird es darauf ankommen, Social Media so zu regeln, dass der Diskurs wieder zielführend wird. Jeder kann seine Meinung vertreten, doch das ist etwas anderes, als jemanden zu beschimpfen.

Ricore Text: Spüren Sie den Druck der Diskriminierungsdiskussion auch bei der Besetzung der Rollen?

Florian Gallenberger: Die Besetzung führt immer zu Diskussionen, ich bin da offen für alle Vorschläge. Der oder die Geeignetste soll die Rolle bekommen. Aber wenn gefordert wird, Homosexuelle sollen nur noch von Homosexuellen gespielt werden, ist es für mich das Gegenteil von Schauspiel. Rolle und Person dürfen niemals gleichgesetzt werden. Die Durchsetzung dieser Vorstellung heißt ja letztlich auch, dass Schauspieler und Schauspielerinnen gezwungen werden, ihre sexuelle Orientierung offenzulegen. Das geht nach hinten los. Mit solchen Ideen erweisen wir den Forderungen nach Diversität und Gleichberechtigung einen Bärendienst.

Ricore Text: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 30. Oktober 2021
Zum Thema
Früher war es die Midlife-Crisis, die vor allem Männer befiel. Seit der Gleichberechtigung nennt man das Alltagspubertät. Hinter dem Begriff verbergen sich angegraute, bequeme und langsam ihre Haare verlierende Wesen. Sie lieben die Ruhe, das Wandern, das Wort 'früher' und bestuhlte Pop-Konzerte.
2021