The Walt Disney Company (Germany)
Sam Raimi beim Fotocall in Berlin ("Doctor Strange in the Multiverse of Madness" 2022)
Zur Endlichkeit des Marvel-Universums
Interview: Sam Raimi zu "Doctor Strange in the Multiverse of Madness"
Sam Raimi macht sich einen Namen mit Horrorfilmen, unter denen "Tanz der Teufel" herausragt. 2002 legt der 1959 geborene US-Regisseur den ersten Film seiner "Spider-Man"-Trilogie vor. Im 2022 in den Kinos gestarteten "Doctor Strange in the Multiverse of Madness" spielt Benedict Cumberbatch erneut den eigenwilligen Titel gebenden Superhelden.
erschienen am 23. Mai 2022
The Walt Disney Company (Germany)
Benedict Cumberbatch ist "Doctor Strange in the Multiverse of Madness" (2022)
Mein Liebling unter den Superhelden
Ricore Text: Sind Sie ein großer Fan des Marvel-Universums?

Sam Raimi: Als Kind und Teenager verschlang ich die Abenteuer von "Spider-Man", der stets mein Liebling unter den Superhelden war, "Captain America" und ihrer Mitstreiter. Diese Faszination ließ mich bis heute nicht los.

Ricore Text: Haben Sie sich vor mehr als 20 Jahren selbst ins Gespräch gebracht, um "Spider-Man" neues Leinwandleben einzuhauchen?

Sam Raimi: Mit der Verpflichtung ging ein Traum in Erfüllung, dessen Erfüllung ich mit Stan Lee vorangetrieben hatte. Nachdem ich 1990 "Darkman" abgedreht hatte, versuchten wir vergeblich, den Studios das Marvel Universum schmackhaft zu machen. Die Verantwortlichen zweifelten, dass die Filme ihre Kosten einspielen.

Ricore Text: War es nicht auch eine Frage der Technik?

Sam Raimi: Sicher eröffnete der damalige Sprung der Technik bessere Möglichkeit, die phantastische Welt von Stan Lee glaubhaft auf die Leinwand zu bringen. Doch es fehlte auch der Wille. Die Studiobosse kannten die Comics und ihre Charaktere nicht, ihnen fehlte eine Vision von ihrer Adaption. Das änderte sich erst, als eine neue Generation Verantwortung übernahm, die wie ich mit den Comics aufgewachsen war und Sony die Rechte an "Spider-Man" kaufte.

Ricore Text: Hat der Erfolg von "Spider-Man" den Hype ausgelöst?

Sam Raimi: Der weltweite Siegeszug der Trilogie hätte nicht ausgereicht und ist auch "Blade" und den "X-Men" zu verdanken, Sie bewiesen, dass es einen Markt für diese Filme gibt.

Ricore Text: Was reizte Sie jetzt an eine Rückkehr mit "Doctor Strange"?

Sam Raimi: Der Unterschied zur "Spider-Man"-Saga. Peter Parker wird erwachsen. Er lernt, mit seinen Fähigkeiten umzugehen und sein Doppelleben als Superheld mit Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Doctor Strange ist dagegen ein erwachsener, selbstbewusster Mann. Er denkt lange, dass er der einzige Superheld ist, der die Welt und das Universum retten kann. Dieses Ego lässt ihn in diesem Film einige falsche Entscheidungen treffen.
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Sam Raimi auf der L.A.-Premiere ("Doctor Strange in the Multiverse of Madness" 2022)
Alle Figuren haben ihre Probleme
Ricore Text: Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden?

Sam Raimi: Alle Figuren des Universums haben ihre spezifischen Probleme und sind alles andere als perfekt. Trotzdem haben sie diese unglaublichen Kräfte. Dieser Kontrast macht es interessant, ihnen zuzuschauen.

Ricore Text: Haben Sie die Witze über Spider-Man ins Drehbuch eingebaut?

Sam Raimi: Sie waren mir eine Herzensangelegenheit nach der engen Verbindung, die ich zu "Spider-Man" über Jahre hatte. Mein Freund, Autor Michael Waldron, hat sie auf meine Bitte eingebaut.

Ricore Text: Glauben Sie an die Möglichkeit von Reisen ins Multiversum?

Sam Raimi: Wissenschaftler behaupten, es gäbe andere Universen und Realitäten. Wer wäre ich, dies anzuzweifeln? Aber ich habe keine Lust, dorthin zu reisen. Der Weg über die Straße reicht mir, ich habe genug mit der Meisterung der Realität in einer Welt zu tun.

Ricore Text: Vermissen Sie beim Dreh der Adaptionen nicht die künstlerische Kreativität, die sie sonst haben?

Sam Raimi: Meine Vision der Geschichte zählt nicht. Das muss dem Regisseur klar sein, bevor er sich auf die 29. von 50 Episoden einlässt. Das Franchise und die Fans folgen der Entwicklung der Figuren. Sie haben Erwartungen, mit denen sie ihnen in ihr nächstes Abenteuer folgen. Mein Job ist, die Figuren innerhalb der Saga abzuholen und sie zum nächsten logischen Platz im Universum zu bringen. Das Geschehen muss ja zum Schluss einen Sinn ergeben.
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Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen und Regisseur Sam Raimi beim Fotocall in Berlin
Krieg ist schockierend
Ricore Text: Die Comics dienten auch zur Mobilisierung der Amerikaner im 2. Weltkrieg. Was sagen Sie über den heutigen Krieg in Europa?

Sam Raimi: Ich verstehe den Vergleich, wenn jetzt ein Mann mit kriegerischen Mitteln die Welt beherrschen will und sich Menschen ihm entgegenstellen. Aber ich ziehe ihn ungern. Der Krieg in der Ukraine ist schockierend, die russische Aggression ist nicht zu rechtfertigen. Der Westen muss zusammenstehen, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. Damit wären wir wieder ein wenig bei den Comics und Filmen.

Ricore Text: Hat der große chinesische Markt Einfluss auf den Inhalt und das Aussehen der Figuren?

Sam Raimi: Wenn Sie auf die Ethnie bestimmter Figuren anspielen, kann ich das klar verneinen. Die Vielfalt stammt aus der Feder von Stan Lee. Mir sind auch keine Zensurversuche oder versuchte Einflussnahmen Chinas bekannt. Meine Low-Budget-Horrorfilme wurden dort nie gezeigt. "Spider-Man" sollte auf den Märkten funktionieren, wo die Comics bekannt waren. Der asiatische Markt war für uns zweitrangig. Ich glaube, es gibt dort auch keine Einwände gegen "Doctor Strange".

Ricore Text: Sie sprachen von 20 weiteren Filmen. Befürchten Sie nicht, dass das Publikum irgendwann fernbleibt?

Sam Raimi: Die Premiere von "Spider-Man: No Way Home" vor zwei Monaten war einer der größten Erfolge der Kinogeschichte. Die Zuschauer werden sich von dem Franchise abwenden, wenn wir ihnen immer wieder den gleichen Film anbieten und sie merken, dass wir nur noch Geld scheffeln wollen. Dieser Macht sind sich die Zuschauer heute bewusst. Deshalb achtet Marvel genau auf die Marke. So lange sich die Figuren wie wir Menschen weiterentwickeln, wenn sie scheitern, zweifeln und ihre Dramen erleben, werden sie populär bleiben.

Ricore Text: Sie gründeten vor einigen Jahren mit Florian Henckel von Donnersmarck die Firma Allegory. Warum haben Sie nie ein Projekt realisiert?

Sam Raimi: Wir wollten Regisseure ermutigen, ihre Filme innerhalb eines bestimmten Budgets mit uns zu realisieren. Die Idee entsprang unseren eigenen schlechten Erfahrungen mit solchen Projekten, die den Studios zu risikoreich sind. Aber es gelang uns leider nie, das Geld für einen Film zusammen zu bekommen und die Firma damit zum Leben zu erwecken.

Ricore Text: Danke für das Gespräch
erschienen am 23. Mai 2022
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Schon im Kindesalter spielt Sam Raimi seine Lieblingsfilme und TV-Serien nach, und nimmt sie mit einer 8mm Kamera auf. Seine Studienzeit verbringt er an der Michigan State University. 1981 finanzierte er seinen ersten Low-Budget Film, den Horror Klassiker "Tanz der Teufel". Später gründete er mit seinem alten Freund und Partner Robert G. Tapert die Produktions-Firma Stan Lees "Spider-Man". Immer wieder sieht man Rami in Gastauftritten (Cameos) sowohl bei eigenen Produktionen, als auch in den..
Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist nicht bester Laune. Seine große Liebe Christine (Rachel McAdams) gibt einem anderen das Ja-Wort. Zeit zum Grübeln bleibt ihm nicht, denn er muss schon wieder die Welt retten. Ein riesiges, tintenfischartiges Wesen verfolgt die junge America Chavez (Xochitl Gomez) durch die Straßenschluchten von New York.
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