Wild Bunch Germany, Film at Lincoln Center, Arin Sang-urai
Andreas Prochaska ("Welcome Home Baby", 2025)
Das Publikum zu langweilen? Eine grauenhafte Vorstellung!
Andreas Prochaska zu "Welcome Home Baby"
Andreas Prochaska wird am Silvesterabend des Jahres 1964 in Wien geboren und gehört zu Österreichs bekanntesten Filmemachern. In den vergangenen Jahren macht er sich einen Namen als herausragender Regisseur von Krimis – auch fürs Kino. 2014 inszeniert er den Austro-Western "Das finstere Tal". Zur Berlinale 2025 feiert sein Psychothriller "Welcome Home Baby" Premiere, der auf den Spuren von Roman Polanskis "Rosemaries Baby" wandelt. Eine junge Frau erbt ein Haus in einem abgelegenen, von Wäldern umgebenen und von einer Autobahn überspannten Dorf, wo sie und ihren Freund eine merkwürdige Dorfgemeinschaft erwartet.
erschienen am 23. 12. 2025
Wild Bunch Germany, Lotus Filmproduktion, Senator Film Produktion, Petro Domenigg
Julia Franz Richter ("Welcome Home Baby", 2025)
Identität, Trauma und Selbstermächtigung
Ricore Text: Mögen Sie Roman Polanski?

Andreas Prochaska: Ich schätze seine Filme sehr. Als Persönlichkeit ist er durchaus problematisch. Aber ich versuche das Werk vom Künstler zu trennen. Natürlich hat "Rosemarys Baby" seine Spuren in diesem Film hinterlassen. Vor zwei, drei Jahren habe ich Polanskis Film nochmals gesehen und mir fiel auf, wie passiv die Hauptfigur ist und wie eindeutig ihr Mann von Anfang an negativ und manipulativ gezeichnet wird. Ich wollte andere Charaktere erzählen. Der Zuschauer soll niemals ahnen, was als nächstes passiert. Er wird mit Julia durch den Strudel der Ereignisse gezogen.

Ricore Text: Warum kehren Sie das Geschlechterverhältnis in der Beziehung im Vergleich zu Polankski radikal um?

Andreas Prochaska: Julia bohrt in der Beziehung die Dübel in die Wand und hängt die Regale auf. Er ist eher der verträumte Welpe, der sie emotional unterstützt. Julia ist privat und beruflich selbständig. Sie steht mit beiden Beinen im Leben. Plötzlich wird ihr sukzessive der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie verliert die Kontrolle, geht durch die Hölle, und wird mit Themen wie Identität, Trauma und Selbstermächtigung konfrontiert. Dabei entdeckt sie die Kräfte in sich, um sich selbst aus der Misere zu befreien.

Ricore Text: Ist der Horrorfilm ein perfektes Genre, um solche Themen anzusprechen?

Andreas Prochaska: "Welcome Home Baby" war ursprünglich als Horrorfilm, konzipiert hat sich aber nach und nach zu einem Psychothriller entwickelt, der auch für ein weibliches Publikum zugänglich ist, das sich normalerweise keine Horrorfilme anschauen würde. Genrefilme eignen sich aber perfekt, um an der Oberfläche spannende Unterhaltung zu bieten und auf einer anderen Ebene relevante Themen dem Publikum 'unterzujubeln'. Mit allen Mitteln des Kinos und des Genres den Film machen es eher zu einem Trip, kreieren ein fast körperliches Erlebnis, an das man sich hoffentlich am nächsten Tag noch erinnert. Denn der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen zu können ist für mich der größte Horror, und das Publikum zu langweilen wäre auch eine grauenhafte Vorstellung.

Ricore Text: Warum geben Sie den Frauen im Dorf kein Motiv für ihre Ablehnung von Männern?

Andreas Prochaska: Ist das so? Aber ich werde den Teufel tun den Film zu interpretieren, damit würde ich ihm den Zauber nehmen, das müssen die Zuschauer*innen schon selbst herausfinden. Der Film verhandelt viele Themen auf einer assoziativen, sinnlichen Ebene und wir haben im Prozess bemerkt je stärker man ein Thema herausarbeitet, desto banaler wird es. Und ich habe auch immer wieder bemerkt, wie stark oft der Druck ist, den Frauen auf Frauen ausüben. Eine Inspiration waren auf jeden Fall die netten Frauen, die in den Mafiafilmen im Hintergrund Spaghetti für die Gangster kochen, damit das System stützen und auf ihre Weise Macht ausüben. Ich wollte die mal in den Vordergrund stellen.
Wild Bunch Germany, Lotus Filmproduktion, Senator Film Produktion, Petro Domenigg
Julia Franz Richter ("Welcome Home Baby", 2025)
Gegenwart und Vergangenheit vereint
Ricore Text: Existiert dieses Dorf, das von einer Brücke überspannt wird?

Andreas Prochaska: Es liegt am Fuß des Semmerings in Niederösterreich. Ich hatte dort bereits "Spuren des Bösen" gedreht, und es gibt kaum einen Ort, der in einem Bild Gegenwart und Vergangenheit so vereint. Unten im Dorf ist die Zeit stehen geblieben und oben zieht das Leben vorbei. Zufällig haben wir dort auch unser Hauptmotiv gefunden, es war früher das Haus des Dorfarztes, mit Warteraum, Behandlungszimmer und Hausapotheke. Es gab sogar eine Dunkelkammer. Als dann noch die im Drehbuch beschriebene Radierung von Ivo Saliger in der Ordination hing, ist mir der Atem gestockt, weil sich plötzlich Realität und Fiktion auf bizarre Weise überlagert haben. Durch diesen Drehort konnten wir den Film über weite Strecken chronologisch drehen.

Ricore Text: Kennen Sie auch die Sehnsucht nach der Rückkehr aus der Stadt zu den Wurzeln aufs Land?

Andreas Prochaska: Ich lebe in der Nähe von Wien aber den Ort, in dem man aufgewachsen ist, schleppt man immer mit sich. Und manchmal entsteht auch eine Sehnsucht nach Rückkehr. Aber es ist durchaus ambivalent, auf der einen Seite sind wir ja als Menschen soziale Wesen und brauchen Gemeinschaft, aber je kleiner diese Gemeinschaft ist, desto erdrückender kann sie sein. Es ist dasselbe mit Traditionen, die gleichermaßen sinnstiftend oder grauenhaft sein können. Mit all diesen Elementen spielt der Film.

Ricore Text: Sie haben viele gute Fernsehfilme gedreht. Stand für Sie immer fest, dass dieser Stoff ins Kino muss?

Andreas Prochaska: Ich habe nach "Das finstere Tal" lange nach einem Stoff gesucht, der die Leinwand braucht. Das Konzept war getragen von dem Wunsch, alle Mittel, die das Kino bietet, bestmöglich einzusetzen, das ist ein Film, den man so nur im Kino wirklich erleben kann. Vor der Haustür fand ich quasi gratis diese spannende Landschaft, diese Wälder und dieses Dorf, die zu Kinobildern einladen. Wenn du ins Kino gehst, willst du in eine andere Welt abtauchen, und die Welt von "Welcome Home Baby" scheint vertraut, ist aber auch geheimnisvoll und furchteinflößend. Dazu kam, dass der Film dank des österreichischen Förderungsmodells genau die finanziellen Mittel hatte, die er brauchte. Zu oft bin ich mit einem Film in den Dreh gegangen und stand bereits mit dem Rücken zur Wand, weil das Geld knapp war.

Ricore Text: Gehen Sie zurück zum Fernsehen?

Andreas Prochaska: Nach vier Jahren Pause habe ich heuer eine neue Folge von "Spuren des Bösen" abgedreht, dann folgte ein weiterer Landkrimi. Jetzt drehe ich einen Thriller mit Adele Neuhauser. Außerdem arbeite ich an einer Miniserie und treibe ein weiteres Kinoprojekt voran. Das Kino ist meine Leidenschaft, aber ich arbeite auch sehr gerne für den kleineren Bildschirm, der für viele Geschichten besser geeignet ist. Das heißt aber nicht, dass ich bei einer Fernsehproduktion mit angezogener Handbremse oder halber Energie arbeite, ich versuche immer in dem Zeitfenster, das mir zur Verfügung steht, das Beste herauszuholen.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 23. Dezember 2025
Zum Thema
Spätestens bei dieser Nachricht ist auch für nicht eingefleischte Fans des Horrorgenres klar, bei wem Österreichs Thriller- und Krimispezialist Andreas Prochaska ("Das finstere Tal") abgekupfert hat.
2026