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Interview

Michel Gondry

Prokino Filmverleih

Ich bin kein Psycho

Regievisionär Michel Gondry über verquere Träume

Rein optisch betrachtet könnte Michel Gondry auch ein 25-jähriger Grünschnabel sein. In Wirklichkeit ist der schmächtige Franzose über 40 und in Sachen Musikvideos einer der Pioniere unserer Zeit. Björk bewundert ihn, die Rolling Stones möchten seine Arbeit nicht missen, Schwergewichte wie Radiohead, Chemical Brothers und White Stripes zählen zur Liste seiner Kunden.

Regisseur Michel Gondry mit Hauptdarsteller Gael García Bernal

Prokino Filmverleih

Für seinen Spielfilm "Science of Sleep" blickt der Regisseur zurück in seine Vergangenheit und erzählt von einem schüchternen Maler, der nicht zwischen Realität und Traum unterscheiden kann. Gleich nach den Dreharbeiten versammelte er für das Konzertvideo "Dave Chappelle's Block Party" verschiedene Hip Hop-Größen zu einem spontanen Konzert auf den Straßen Brooklyns in New York. Wir sprachen mit Michel Gondry über exzessives Arbeiten und seine Vorstellung vom wahren Leben.


Dave Chappelle's Block Party
Ricore: Mr. Gondry, wann hat Sie die Kunst in ihren Bann gezogen?

Michel Gondry: Bereits in jungen Jahren. Kunst war meine Art, mich auszudrücken. Sie war stärker als alles, was ich hätte mich Worten sagen können. Anfangs begann ich mit Malerei und fand so Zugang zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten.

Ricore: Sie sind also eher Beobachter als Redenschwinger?

Gondry: Ich finde es abscheulich, wenn Menschen immer nur von sich sprechen. Auch wenn es gestellt oder künstlich wirkt, schweige ich manchmal bewusst für fünf Minuten, wenn ich lange geredet habe. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass das einfach sein muss. Ich erinnere mich in meiner Jugend an den Vater eines guten Freundes, der sich immer ins Rampenlicht stellte und uns mit Witzen unterhielt, wenn ich zu Besuch war. Das hat meinen Kumpel schwer verletzt, weil er vor seinem Vater nie er selbst sein konnte. Ich konnte das nachvollziehen, denn ich war auch immer sehr schüchtern. Erst mein Regieberuf half mir, stärker aus mir herauszugehen.

Ricore: Durften Sie als Musikregisseur ihre eigene Vision erfüllen oder gab es meistens konkrete Vorgaben der Stars?

Gondry: Am Anfang musste ich natürlich Kompromisse eingehen. Aber als meine Zusammenarbeit mit Björk begann, gab sie mir einen Ratschlag, durch den ich eine gute Portion Selbstbewusstsein gewann und der meine spätere Kreativität beeinflussen sollte: (spricht mit hoher Fistelstimme) "Vertraue deinem Instinkt". (lacht) Sie hat die Begabung, das Talent anderer zu erkennen, lange bevor man es selbst bemerkt. Sie half mir, ich selbst zu sein.

Ricore: Seitdem zieht sich durch Ihre Arbeit ein ganz typischer Inszenierungsstil...

Gondry: Das ist schön zu hören, aber bewusst wurde mir das erst, als ich für eine DVD-Reihe meine gesammelten Musikvideos und Kurzfilme zusammenstellte. Da sah ich, dass alles miteinander verwoben ist, und dass der durchgehende Faden ich war. Diese Entdeckung war ein gutes Gefühl.


Michel Gondry mit Gael García Bernal am Set von "Science Of Sleep"

Prokino Filmverleih

Ricore: Auch Ihr neuer Spielfilm "Science of Sleep", eine visuelle Achterbahnfahrt durch die Welt der Träume, wirkt wie ein großes Musikvideo. Werden Sie also auch bei Kinofilmen von Ihrem Background als Musikvideoregisseur inspiriert?

Gondry: Ich habe meinen typischen Stil eigentlich entwickelt, lange bevor ich mit Musikvideos begann, Damals habe ich mit meiner 16mm-Kamera kleine Kurzfilme gedreht und diese visuellen Experimente mit der Musik meiner Band Oui Oui unterlegt. Wegen Geldmangels habe ich damals meine eigene Art und Weise entwickelt, ohne teure Computereffekte visuell beeindrucken zu können. Die Art zu Inszenieren habe ich mir bis heute beibehalten. Es mag zeitweise naiv wirken, aber das bin ich.

Ricore: Wie fallen Ihnen Geschichten ein? Was inspiriert Sie?

Gondry: Bei "Science of Sleep" begann alles mit der Idee, dass die Personen, die man in seinen Träumen trifft, gerade irgendwo anders denselben Traum träumen und man somit gleichzeitig Teil ihres Traums ist. Diesen Grundgedanken verband ich mit einigen persönlichen Erlebnissen aus unterschiedlichen Beziehungen und formte so die Grundgeschichte des Films. So funktioniert das bei mir meistens: Eine einfach Idee führt mich zur nächsten.

Ricore: Bereits in Ihrem letzten Film "Vergiss mein nicht!" beschäftigten Sie sich mit der feinen Linie zwischen Realität und Imagination. Was fasziniert Sie am Metaphysischen?

Gondry: Ich will seit Beginn meiner Arbeit wissen, was im Kopf der Menschen vorgeht. Für die Black Crows habe ich vor über zehn Jahren bereits ein Musikvideo gedreht, das im Nachhinein zu einem Kurzfilm ausgedehnt wurde. Da entwickelte ich die Theorie, dass die Welt mit zunehmender Zeit schrumpft und dass kleine Männchen aus der Zukunft sich irgendwann im Gehirn eines Typen einnisten und man sie durch seine Augen beobachten kann. Ich bin hoch interessiert an solchem Zeug,

Ricore: Die absurden Traumgebilde in "Science of Sleep" formten Sie nach Lektüre zahlreicher Fachbücher?

Gondry: Ich habe viele Traumbücher gelesen und das meiste wieder vergessen. Deswegen kann ich auch keine Erklärungen geben, aber es macht mir Spaß, davon zu erzählen. Mein Ansatz ist keinesfalls ein wissenschaftlicher. Als ich klein war, hatte ich immer aufwühlende und beunruhigende Träume. Dieser Film ist vielleicht am ehesten so etwas wie die künstlerische Verarbeitung dieser persönlichen Erlebnisse.


Science Of Sleep - Anleitung zum Träumen

Prokino Filmverleih

Ricore: Der Hauptdarsteller sind eigentlich Sie?

Gondry: Das könnte man so sagen. Die Geschichte ist sehr persönlich.

Ricore: Nun sieht Ihnen Gaël García Bernal aber gar nicht ähnlich. Wie kamen Sie auf ihn?

Gondry: Wir trafen uns etwa ein Jahr vor den Dreharbeiten und hatten von dem Film dieselben Vorstellungen. Er half mir sehr bei der Ausarbeitung der Story. Es ist mir wichtig, meine Schauspieler vor dem eigentlichen Dreh kennen zu lernen. Ich will die Rollen gemeinsam ausarbeiten und eine Grundlage finden, wie man einen Charakter zu spielen hat.

Ricore: Was mussten Sie ihm beibringen?

Gondry: Er ist im Umgang mit Frauen ganz und gar nicht zurückhaltend. Bei mir musste er lernen, was Schüchternheit heißt. (lacht) Er kann in unserem Film ja nicht einfach einen Macho spielen!

Ricore: Ihre Soundtracks sind immer die reinste Freude. Treffen Sie die Auswahl selbst?

Gondry: Ja, das lasse ich mir nicht nehmen, ich will einen anständigen Soundtrack haben und meine Filme nicht mit Popmusik überladen. Als ehemaliger Musikvideoregisseur habe ich ja auch einen schweren Stand: Die Branche hört bei meinen Spielfilmen einfach genauer hin.


Szene aus Dave Chappelle's Block Party

Kinowelt Filmverleih

Ricore: Mit "Block Party" kehren Sie zurück zum Königsgenre der Konzertvideos. Gemeinsam mit dem afroamerikanischen Komiker Dave Chapelle organisierten Sie ein gewaltiges Konzert an einer Straßenkreuzung in Brooklyn, überzeugten dafür sogar Hip Hop-Größen wie Kanye West oder Mos Def...

Gondry: Ich hoffe, damit neuen Wind in das Genre der Konzertvideos zu bringen. Meine Arbeit zeichnet aus, dass ich Menschen immer unprätentiös ins Licht setze. Die Art und Weise, wie Hip Hop in der Vergangenheit dargestellt wurde, war alles andere als bescheiden. Per Definition ist diese Musikrichtung eine Ausdrucksform für eine Minorität, die sich damit ausdrücken und an vorderster Front für ihre Rechte kämpfen kann. Eigentlich ist das genau das Gegenteil von dem, wie ich meine Arbeit angehe. Gerade deshalb fand ich die Kombination interessant. Wenn diese neue Form der Bescheidenheit in diesem Konzertvideo funktioniert, weiß ich, dass ich zu einem großen Teil für den Erfolg mitverantwortlich bin.

Ricore: Wie bekamen Sie die Genehmigung, mitten auf Brooklyns Straßen ein Konzert zu veranstalten?

Gondry: Wir mussten uns an strenge Sicherheitsvorkehrungen halten. Ich hatte Angst, dass es zu Gewaltausschreitungen und Schießereien kommen würde, also hielten wir es bis kurz vorher geheim, um große Menschenmengen zu vermeiden. Letztendlich kamen doch spontan 6 000 Menschen zusammen, die Polizei war sehr besorgt.

Ricore: Die Fugees traten bei dem Konzert zum ersten Mal seit Ihrer Trennung gemeinsam auf. Wie kam das zustande?

Gondry: Wir wollten eigentlich Lauryn Hill, die Fugees hatten ja seit sechs Jahren nicht mehr gemeinsam gespielt. Dass es bei uns passierte, war ein glücklicher Zufall. Ihnen gefiel offenbar unser Konzept.

Ricore: Die anderen Künstler waren auch leicht zu überzeugen?

Gondry: David LaChapelle ist in Amerika sehr populär und konnte einige Bands überreden. Viele andere wollte auch seit langer Zeit mit mir arbeiten und nutzen diese Chance. Sie wussten, unter meiner Regie kommt nichts Gewöhnliches heraus.


Szene aus Dave Chappelle's Block Party

Kinowelt Filmverleih

Ricore: Hören Sie eigentlich Musik, wenn Sie Schreiben?

Gondry: Manchmal, ja. Dann beeinflusst Musik meine Stimmung und es klickt. Dann brauche ich einen Zettel, um das passende schnell aufzuschreiben.

Ricore: Was können Sie uns denn aktuell empfehlen?

Gondry: Die französische Band Phoenix. Romantisch und beruhigend. Oder Glen Gould. Seine Musik sorgt bei mir immer dafür, dass mein Gehirn auf Hochtouren läuft.

Ricore: Wie schwer fällt bei Ihrer blühenden Phantasie das normale Leben?

Gondry: Ich bin kein Psycho, falls sie das meinen. (lacht) Neben meiner Arbeit lebe ich ein sehr anständiges Leben und kümmere mich um meinen 14-jährigen Sohn, der mir sehr wichtig ist.. Ich weiß, dass ich für ihn verantwortlich bin und will ihm alle Möglichkeiten eröffnen. Eine Beziehung wie diese kann sehr erfüllend sein. Das ist das wahre Leben. Ich will nicht ständig in Hotels rumhängen und in Restaurants essen müssen.

Ricore: Sie sind nach New York gezogen. Warum?

Gondry: Um die Stadt für meinen Dreh von "Vergiss mein nicht!" besser kennen zu lernen. Mein Sohn brauchte damals Autorität, also nahm ich ihn von Paris mit nach Amerika. Weil ihm die Stadt so gut gefiel, sind wir nie zurückgezogen. Jetzt leben wir da gemeinsam und wollen nicht mehr weg.

Ricore: Was denkt er über Ihre Arbeit?

Gondry: Wenn ihm ein Film gefällt, ermutigt er mich immer, meine Vision zu verfolgen und nicht auf das zu hören, was andere sagen. Anders wenn er sauer auf mich ist oder wir uns streiten: Dann wirft er mir immer vor, dass meine Arbeit erbärmlich ist und ich Quentin Tarantino sowieso nie das Wasser reichen werde. (lacht)

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